mini|Verfallendes Gewächshaus südöstlich des Hauptgebäudes mini|Hauptgebäude der ehemaligen Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung (DVA), Dachau, Am Kräutergarten 4

Die Plantage, offiziell mit dem Euphemismus Kräutergarten Dachau benannt, war eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt in direkter Nachbarschaft des KZ Dachau. Basierend auf unterschiedlichen Ideologien, unter anderem nach Rudolf Steiners Prinzipien der Anthroposophie wollten die Nationalsozialisten hier Verfahren entwickeln, um kriegsbedingte oder ideologisch gewünschte landwirtschaftliche Produktionsziele zu erreichen. Bis zu 1.600 Häftlinge des benachbarten Konzentrationslagers wurden täglich zu teilweise härtester körperlicher Arbeit gezwungen, wovon bis zu 800 den Tod erlitten. Alleine von 1938 bis 1940 zählte der Häftlingsschreiber hier 429 Tote.Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 643.

Leitgedanke war der Wunsch nach Autarkie, also der Befähigung, unabhängig vom (nun feindlichen) Ausland den Bedarf an Gewürzen, Heilpflanzen und pharmazeutischen Ausgangsstoffen zu decken. Da die antisemitischen und antiintellektuellen Nationalsozialisten mit der jüdisch konnotierten universitären Wissenschaft und Schulmedizin fremdelten, sahen (manche) Vertreter des Regimes in den esoterischen Ideen Steiners die Möglichkeit, eine „deutsche Volksheilkunde“ zu etablieren, die auch den völkischen und naturkundlichen Vorstellungen der NS-Ideologie entspräche. Zunächst zeigte sich insbesondere Rudolf Heß empfänglich, später Heinrich Himmler, der dann unter anderen das Projekt „Kräutergarten“ verantwortete.

Organisation und Vorhaben Träger der Anstalt war die von SS-Obersturmbannführer Heinrich Vogel geleitete SS-eigene Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung (DVA). Besonderen Einfluss auf deren Entstehung und Entwicklung auf der Plantage hatten Ernst Günther Schenck, Rudolf Lucaß und Georg Gustav Wegener. Gemeinsam initiierten sie erstmalig den Großanbau und die Erforschung von Heil- und Gewürzkräutern auf dem KZ-Gelände. Lucaß und Schenck betreuten ab 1935 im Auftrag des Hauptamtes für Volksgesundheit die Heilpflanzenanbau unterschiedlicher Kräuteranbauinitiativen in der Umgebung von Heidelberg, in der Rheinebene und im Odenwald. Schenck, Lucaß und Wegener arbeiteten das Konzept für die Dachauer Plantage bis 1938 gemeinsam aus. Wichtiger Bestandteil des Konzepts war die Erläuterung, dass ein solches Projekt nur dann rentabel sei, wenn Arbeitskräfte ohne Anspruch auf Entlohnung zum Einsatz kommen. Die Planung der Anlage ließ die SS vom österreichischen KZ-Häftling und Botaniker Emmerich Zederbauer erstellen. Geplant war ein Großbetrieb mit drei maßgeblichen Bestandteilen: eine Gartenbauabteilung für Heil- und Gewürzpflanzen, ein Verarbeitungsbetrieb mit Mühle, Trocknungsanlagen und Vertriebsabteilung sowie ein Forschungsinstitut. Schwerpunkt der Ernährungsforschung sollte die vier Themengebiete Vitamin-C-Forschung, Deutscher Tee, Mineralwässer und Truppenverpflegung sein.

Im Frühjahr 1938, noch vor der Gründung der Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung, begannen die Bauarbeiten auf dem östlich an das Lager grenzenden Moorgelände. Die Urbarmachung des 7,5 ha großen ersten Abschnitts wurde von KZ-Häftlingen, vor allem Juden und Sinti ausgeführt. Anfang 1939 wurde die „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH“ gegründet. Ernst Günther Schenck übernahm die Leitung des Institutes, Rudolf Lucaß wurde Gartenmeister und Georg Gustav Wegener sollte die Entwicklung neuer Gewürze und die Erforschung von Pflanzennachbarschaften betreiben.

Nach der Gründung der DVA Anfang 1939 ging der Aufbau der Plantage schnell voran. Es wurden zwei Hauptgebäude mit einer Länge von 140 Metern und später insgesamt sieben Gewächshäuser errichtet. Bis Kriegsende wurde die Anbaufläche auf über 211 ha erweitert.

Versuchsreihen

„Natürliches Vitamin C“ In diesem von Ernst Günther Schenck, dem späteren Ernährungsinspekteur der Waffen-SS,Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 325. verantworteten Projekt sollte durch Züchtung und verbesserte Extraktionsverfahren eine „natürliche“ Option erschlossen werden, reines Vitamin C (Ascorbinsäure) zur Truppenversorgung herzustellen. Trotz der Versuche mit innerhalb einer Saison 600.000 gepflanzten Gladiolen (600 kg Blumenzwiebeln) blieb die chemische Synthese jedoch mit tausendfach höherer Ausbeute bei vergleichbarem Aufwand überlegen. Ab 1940 wurde, neben der Forschung mit Gladiolen, auch mit der Produktion von „natürlichem Vitamin C“ für die ausschließliche Versorgung der Waffen-SS begonnen. Das Gladiolenpulver wurde mit Gewürzen und Kochsalz vermengt und als Bouillon den Truppen verabreicht. Insgesamt seien 2.600 g „Vitamingewürzpulver“ an die Truppen verteilt worden.

Biologisch-dynamische Landwirtschaft 1940 übermittelte Heinrich Himmler Dr. Karl Fahrenkamp „alle Aufsätze und Abhandlungen über die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise“ um „diese Dinge einmal zu studieren“. Noch im selben Jahr ordnete Himmler an, die Plantage auf diese Wirtschaftsweise umzustellen. Dabei „galt sein Interesse nicht dem anthroposophischen Hintergrund der Methode, vielmehr ergriff er aus der Plantage die Chance, verschiedene Dünger-Alternativen wissenschaftlich untersuchen zu lassen.“

Ab 1942 leiteten Franz Lippert und Martha Künzel jeweils Versuchsreihen mit Verfahren aus der biodynamischen Landwirtschaft. Künzel verfolgte dabei einen vollständig esoterischen Ansatz: vermeintliche Wirkstoffe wurden nach Prinzipien der Homöopathie hergestellt, Äther- und Astralenergie wurden entscheidende Bedeutung beigemessen, und in Seancen versuchte sie, die Natur einer von ihr gehaltenen Kröte zu erfassen. 1944 verließ sie die Einrichtung und wurde durch Albert Riesterer ersetzt, einen ihr zuvor unterstellten Funktionshäftling.

Franz Lippert führte derweil eher konservative Versuchsreihen zur Optimierung von Kompostierung durch. Auch hier konnte ein Funktionshäftling, Augustin Hessing, das Vertrauen gewinnen und mit der Leitung beauftragt werden. Hessings Intuition, durch Regenwürmer Bodenqualität und Humusbildung verbessern zu können, kann als substantiellstes Ergebnis von sieben Jahren biodynamischer KZ-Forschung gelten. Dem forschenden Benediktinermönch gelang es dadurch jedenfalls nicht nur, etwas Komfort, physische Sicherheit und letztendlich die Freiheit zu gewinnen: bis zu seinem Tod 1975 reüssierten Pater und Regenwürmer als Medienbotschafter des Komposts.

Deutscher Gewürz- und Kräuterersatz Die Anstalt investierte großen Aufwand, insbesondere in Form erzwungener körperlicher Arbeit, in die Massenproduktion von Ersatzprodukten für nicht-heimische Heil- und Würzpflanzen, darunter „Deutscher Pfeffer“, „Deutscher Tee“ und „Deutscher Kaffee“, aber auch „Deutsche Drogen“ zur Stärkung des Kampfwillens der Frontsoldaten. Bei den deutschen Ersatzprodukten handelte es sich meist um eine Kräutermischung, die den Geschmack des Originals nachahmen sollte. Der „Deutsche Pfeffer“ zum Beispiel war eine Gewürzmischung aus Gewürzpaprika, Basilikum, Majoran, Dost, Thymian, Polygonum und Bohnenkraut, von der 1943 121.000 kg verkauft wurde.

mini|Der „Kräutergarten“ befand sich östlich des KZ Dachau. Markierung 41 gibt den Bereich von „Freiland I“ an

Die Anlage Ab Mai 1938 mussten KZ-Häftlinge östlich der Alten Römerstraße und der Würm Teile des Moorgebiets Dachauer Moos trockenlegen und eine große Gartenbauanlage einschließlich der dazugehörenden Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude errichten. Neben den Anbauflächen samt Gewächshäusern und Ziergarten umfasste sie Wirtschaftsgebäude, Wachturm, Wohnungen, Werkstätten, Lehrräume, Bibliothek, Labore, Dörrscheune, Gerätehaus, Gewürzmühle, Bienenhaus, Kompostieranlage sowie Heiz-, Trafo- und Pumpenhaus. An den Gebäuden wurde nicht gespart und ein damals hochmoderner industrieller Gartenbaubetrieb eingerichtet. In den Jahren 1939 bis 1940 wurden rund 1 Mio. Reichsmark aufgewandt. Das bewirtschaftete Gelände wurde stetig erweitert; im Endausbau 1942 waren es 148 ha Freifläche, unterteilt in „Freiland I“ und „Freiland II“. Auf dem Gebiet von „Freiland I“ befindet sich heute das Gewerbegebiet Dachau Ost.

Kern der Anlage waren zwei langgestreckte Satteldachbauten mit Hof und Torbau. Es wurden vier 6 m breite und 30 m lange sowie zwei 3 m breite und 50 m lange Gewächshäuser angelegt. Verantwortlich für die Bauausführung war das Unternehmen Mehlhorn aus Sachsen, nach dessen Patenten die Glashäuser konstruiert waren: Für die Tragkonstruktion der Verglasung wurde widerstandsfähiges und feuchteresistentes amerikanisches Redwood-Holz (Sequoia sempervirens) verwendet, um die Basistragkonstruktion aus Metall thermisch von der Glas- und Holz-Außenhaut zu entkoppeln und so mögliche Bauschäden infolge der Temperaturdifferenzen zwischen Innen- und Außenluft zu vermeiden. In den Glashäusern gab es Trennschleusen, um sie in unterschiedliche Temperaturzonen zu unterteilen. Zudem konnte der Betonboden ebenso temperiert werden wie das zur Versorgung der Pflanzen zugeführte Wasser. Es gab eine Wohnbaracke und einen Luftschutzkeller. Während des Krieges wurde die Bauten teilweise erweitert, aber Teile auch nicht fertiggestellt.

Die Zwangsarbeiter Die Arbeitsbedingungen waren mörderisch. Die Geländewahl war denkbar ungünstig: Für den Kräuteranbau war der nasse, schwere Moorboden ungeeignet. Er musste umgeschichtet, entwässert und entsäuert werden. Bei Regen versanken die Häftlinge im Schlamm, im Sommer standen sie in der prallen Sonne und arbeiteten sich an einem Boden ab, der hart war wie Beton.

Ursprünglich wurden hauptsächlich Juden, Sinti und Roma hier zur Arbeit gezwungen, welche die härteste Arbeit zu verrichten hatten. Ab 1942 wurden auf persönliche Weisung von Reichsführer SS Heinrich Himmler zudem und in großer Zahl Priester zur Arbeit auf der Plantage herangezogen. In der Anordnung Himmlers vom April 1942 wird deutlich, dass die Arbeit der vorwiegend katholischen Priester hier als eher leichteres Arbeitskommando akademisch vorgebildeter wissenschaftlicher Hilfskräfte galt. Es hieß darin wörtlich, dass „die polnischen und litauischen Pfaffen richtig arbeiten sollen, d.h. zu allen Arbeiten herangezogen werden dürfen.“ Demgegenüber sollen „die deutschen, holländischen, norwegischen Geistlichen [...] nur in den Heilkräutergärten beschäftigt werden.“Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 182–202 (Zitat, S. 199f.)

Ab 1940 waren rund 1.500 Häftlinge im Kräutergarten zwangsbeschäftigt, ca. 300 wurden gleichzeitig eingesetzt, über den gesamten Tag verteilt nimmt man bis zu 1.000 Arbeiter durchschnittlich an. Für den Sommer 1944 zählte die SS 1.600 Häftlinge, die zum Einsatz im Kräutergarten vorgesehen waren. Rund ein Drittel davon wurden in den Gebäuden beschäftigt, zwei Drittel im Außengelände. Die Zahlen schwankten allerdings erheblich, denn in den Wintermonaten wurden nur wenige Arbeiter benötigt, deutlich mehr im Frühjahr und vor allem im Sommer und Herbst wurden die Spitzenwerte erreicht. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 kamen zunehmend sowjetische Gefangene auf der Plantage zum Einsatz. Ungefähr 150 noch im Jahre 1941, während es 1943 ganze „Hundertschaften“ waren. Sie hatten die härteste Arbeit zu verrichten und standen in der sozialen Hierarchie wie Juden und Sinti und Roma ganz unten.Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 202ff.