mini|Mahnmal im Prinsenpark (2010)

Het Apeldoornsche Bosch war von 1909 bis 1943 eine psychiatrische Klinik für jüdische Patienten im niederländischen Apeldoorn.

Während der deutschen Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg wurden im Januar 1943 über 1200 Menschen – Patienten und Pflegekräfte – von hier in das Konzentrationslager Auschwitz oder andere nationalsozialistische Lager deportiert, wo sie fast alle im Zuge des Holocausts in den Niederlanden ermordet wurden.

Geschichte Von den Anfängen bis 1943

mini|Dose zur Sammlung von Spenden für die Klinik, ausgestellt im Jüdischen Museum Amsterdam in Amsterdam mini|Informationstafel zu Achisomog auf dem heutigen Gelände (2018)

Die psychiatrische Klinik Het Apeldoornsche Bosch ging am 24. Mai 1909 in Betrieb. Ihr hebräischer Name lautete Mesjiev Nefesj.Het Sinai Centrum en de Stichting Nationaal Monument Kamp Amersfoort. Nauw verbonden buren. (PDF; 240 kB) In: kampamersfoort.nl, abgerufen am 14. Juni 2016. Auf demselben Gelände wurde 1925 das Paedagogium Achisomog (Achisomog = „meinem Bruder zur Unterstützung“) für verhaltensauffällige und geistig behinderte jüdische Kinder eröffnet. Beide Einrichtungen gehörten zum Centraal Israëlitische Krankzinnigengesticht („Zentrale Israelitische Irrenanstalt“), das 1898 gegründet worden war. Ziel war, jüdische Menschen mit seelischen und geistigen Erkrankungen in einer jüdischen Umgebung zu betreuen. Die Anlage bestand aus einem Hauptgebäude und Pavillons und wurde nach und nach mit weiteren Pavillons erweitert. Das weiträumige 36 Hektar große Gelände lag in einer bewaldeten (bosch) Umgebung östlich außerhalb des Zentrums von Apeldoorn. Von den Apeldoornern wurde sie Jodenbosch genannt.Jan Heerze: Gevaarlijk geheim. WPG Kindermedia, 2017, ISBN 978-90-258-7243-4 ().

Die Einrichtung entwickelte sich zur größten ihrer Art in den Niederlanden und galt als modern und wegweisend. Das zentrale Konzept war rust, orde en overzicht („Ruhe, Ordnung und Übersicht“). Im Gegensatz zu anderen ähnlichen niederländischen Einrichtungen konnten die Patienten, die dazu in der Lage waren, in verschiedenen Werkstätten oder in der Küche arbeiten. Kunst, Musik und Sport waren ebenfalls Teile des Programms, und es gab Gärten zur Selbstversorgung., vom 21. Januar 2013. Durch die Größe des Geländes hatten die Patienten die Möglichkeit, sich relativ frei zu bewegen. Darüber hinaus konnten sie auch die Erlaubnis zum Verlassen des Klinikgeländes erhalten.Tijenk/Mulder, De ontruiming van Het Apeldoornsche Bosch, S. 7. In der Einrichtung wurde wissenschaftlich geforscht und von 1930 bis 1940 die eigene Zeitschrift de Boschblaadjes herausgegeben. Es gab eine Synagoge und einen Rabbiner. In Apeldoorn selbst formierte sich die Gruppe Bigdee Jesja, die Patienten betreute und mit Kleidung und Lebensmitteln versorgte. Auch für die Kinder von Achisomog gab es eine Gruppe von Unterstützern.

Bei der Eröffnung gab es 235 Patienten, 67 Mitarbeiter und zwei Ärzte. 1921 war die Zahl der Patienten auf 542 angewachsen und die der Mitarbeiter auf 144. Ab den 1930er Jahren kam eine wachsende Zahl von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland in die Klinik, viele von ihnen ohne psychische Erkrankungen. 1939 hatte die Einrichtung offiziell 762 Patienten, tatsächlich waren es über 900.

Nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 tauchten zahlreiche jüdische Menschen in Het Apeldoornsche Bosch unter, da sie hofften, dort sicher vor Verfolgung zu sein. Im Oktober 1941 waren 1549 Menschen in der Anstalt registriert, insgesamt 250 Menschen mehr als vom Platz her vorgesehen.Tijenk/Mulder, De ontruiming van Het Apeldoornsche Bosch, S. 17. Da die Klinik etwas abgelegen lag, scheinbar fern von den politischen Entwicklungen unter deutscher Besatzung und den Anfängen der Judenverfolgung in den Niederlanden, ermöglichte sie den Bewohnern ein zunächst ungestörtes Leben. Diese glaubten sich daher, wie sie selbst sagten, im Jodenhemel (Judenhimmel).Tijenk/Mulder, De ontruiming van Het Apeldoornsche Bosch, S. 18.Het Apeldoornsche Bosch. In: mijngelderlandmedia.azureedge.net (PDF).

Zum April 1942 mussten auf Anordnung der deutschen Behörden alle nichtjüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, rund ein Drittel des Personals, die Einrichtung verlassen, wodurch sich die Arbeitsbelastung für das zurückgebliebene Personal erhöhte. Zum Ausgleich wurden auf die Schnelle junge jüdische Mädchen aus Amsterdam ohne Ausbildung eingestellt.Tijenk/Mulder, De ontruiming van Het Apeldoornsche Bosch, S. 12.

Räumung und Massenmord mini|Gebäude A (2018) mini|Haus Hannah (2018) mini|Gedenkort am Pavillon G (2018)

Ab November 1942 wurde der Leiter der Klinik, Jacques Lobstein (1883–1945),Erika Arlt: Die jüdischen Gedenkstätten Tröbitz, Wildgrube, Langennaundorf und Schilda im Landkreis Elbe-Elster. Hrsg.: Landkreis Elbe-Elster, Herzberg 1999, S. 69. mehrfach von Arie Audier, einem Arzt aus Assen und Mitglied der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB), gewarnt, dass Het Apeldoornsche Bosch geräumt werden solle, um die Gebäude zu anderen Zwecken, etwa für die Wehrmacht, zu nutzen. Audier, der die staatliche Aufsicht über die psychiatrischen Anstalten hatte, erhielt diese Information unter größter Geheimhaltung von seinem Vorgesetzten, Obermedizinalrat Gero Reuter. Lobstein glaubte Audier nicht und traf keinerlei Vorkehrungen, aber sein Kollege Nico Speijer nahm die Warnung ernst und alarmierte die Mitarbeiter, so dass viele leicht Erkrankte und mehrere Mitarbeiter die Klinik verließen.Presser, Ondergang, S. 323. Im Dezember 1942 drängte der Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti per Telex den Reichskommissar für die Niederlande Arthur Seyß-Inquart, „dieses Apeldoorn“, das bisher mit Juden belegt sei, „freizumachen“, damit es als Lazarett für deutsche Soldaten genutzt werden könne. Kopien des Fernschreibens gingen an den SS- und Polizeiführer „Nordwest“ Hanns Albin Rauter, Wilhelm Harster, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in den Niederlanden, und Friedrich Wimmer, Generalkommissar für Verwaltung und Justiz.

Nach einer späteren Aussage von Wilhelm Harster habe der SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Adolf Eichmann über Wilhelm Zoepf, Judenreferent in Den Haag und ehemaliger Schulfreund von Harster,Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. C.H.Beck, 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 559 (). den Befehl zu der Aktion an ihn selbst weiter gegeben und er, Harster, habe ihn im Auftrag Rauters an Ferdinand aus der Fünten weitergeleitet.Presser, Ondergang, S. 320. Bei den Nederlandse Spoorwegen ließ man einen „Sonderzug“ zusammenstellen, der – angeblich auf Eichmanns persönliche Anweisung hin – die jüdischen Menschen nicht, wie sonst üblich, zunächst in das Durchgangslager Westerbork, sondern auf direktem Wege nach Auschwitz fahren sollte. Die Anzahl der Waggons divergiert je nach Quelle zwischen 20 und 40.

Am 11. Januar 1943 kam Ferdinand aus der Fünten von der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Zivil zu einer „Inspektion“ in den Apeldoornsche Bosch. (). Bei dieser Gelegenheit übergab ihm Lobstein einen Lageplan der Gebäude und führte ihn herum, um ihn zu überzeugen, dass die Patienten gut untergebracht seien. Diese Informationen erleichterten den Deutschen letztlich die spätere Räumung.Presser, Ondergang, S. 320.

Am Mittwoch, den 20. Januar, traf Albert Konrad Gemmeker, Kommandant des Lagers Westerbork, mit 100 Angehörigen des Ordediensts (OD) in der Klinik ein, einer Gruppe von niederländischen und deutschen Juden, die im Lager als Ordnungskräfte eingesetzt wurden (nicht zu verwechseln mit der Widerstandsgruppe Ordedienst). Dabei war der Lagerarzt Fritz Spanier. Lobstein wurde mitgeteilt, dass die Männer auf dem Weg nach Amsterdam seien und nur über Nacht bleiben würden.

Am Abend dieses Tages wurde Lobstein von dem zuständigen Bahnbeamten des Bahnhofs Apeldoorn, Harmannus Kalkema, darüber informiert, dass dort ein Zug mit 40 Waggons angekommen sei. Nach anderen Angaben soll der Zug aus 25 bis 29 Waggons bestanden haben, darunter sechs Personenwagen, der Rest Güterwagen. Lobstein musste erkennen, dass er bisher in „einer Illusion gelebt hatte“,Presser, Ondergang, S. 321. und informierte nun offiziell seine Mitarbeiter. Die Männer vom OD ließen es zu, dass in der Nacht weitere Mitarbeiter (ca. 175) und Patienten (ca. 80) die Anstalt verließen.Presser, Ondergang, S. 324. Der Bahnbeamte Kalkema selbst brachte noch zwei ihm bekannte Patienten aus der Klinik fort. Oberpfleger De Groot und seine Frau begingen Suizid.Tijenk/Mulder, De ontruiming van Het Apeldoornsche Bosch, S. 28.

In der Nacht zu Freitag, dem 22. Januar 1943, wurde Het Apeldoornsche Bosch von Angehörigen der Ordnungspolizei umstellt. Zuvor waren die letzten 80 noch in Apeldoorn lebenden Juden auf das Gelände gebracht worden. Aus der Fünten, in Begleitung von weiteren SS-Männern, leitete die Aktion mit den Worten ein: „Ich übernehme die Leitung der Anstalt.“Presser, Ondergang, S. 327. Neben Gemmeker und aus der Fünten waren weitere hohe NS-Funktionäre vor Ort, darunter auch Zoepf. Die Patienten, so aus der Fünten, würden in ein Krankenhaus nach Deutschland verlegt, die Mitarbeiter hingegen sollten in den Niederlanden bleiben. Auf den Einwand, dass nicht alle Menschen transportfähig seien, antwortete er: „Alle Patienten sind für uns transportfähig“.Tijenk/Mulder, De ontruiming van Het Apeldoornsche Bosch, S. 23. 20 Mitarbeiter meldeten sich freiwillig als Begleitung, 30 weitere wurden von aus der Fünten bestimmt. Ihnen wurde zugesagt, dass sie nach ihrer Rückkehr Stellen in Krankenhäusern bekommen sollten.

Aus der Fünten ließ sich von Leo de Wolff (1912–1945),Arlt, Die jüdischen Gedenkstätten Tröbitz, Wildgrube, Langennaundorf und Schilda im Landkreis Elbe-Elster, S. 80. Mitglied des Judenrats Amsterdam, das vor Ort vorhandene Bargeld der Klinik – 4821,18 ½ Gulden – aushändigen, wovon er 4610,83 Gulden an die Scheinbank Lippmann, Rosenthal & Co. Sarphatistraat weiterleitete, also 200 Gulden weniger. Kommentar des Historikers Jacques Presser: „Der Leser mag jetzt denken, was er will.“Presser, Ondergang, S. 326. Die Ärzte und das höhere Pflegepersonal wurden in den Speisesaal gesperrt, und das Telefon wurde abgeschaltet. Später bediente ein deutscher Soldat die Telefonzentrale. Als besorgte Menschen anriefen, um sich nach dem Verbleib ihrer Angehörigen zu erkundigen, soll er den Anrufern mitgeteilt haben: „Der ist im Himmel. Heute Morgen hochgeflogen.“ Währenddessen wurden die rund 1000 Menschen – darunter 869 erwachsene Patienten und 94 KinderZiegler; Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung, S. 139. – „schreiend, wie Vieh“ in bereitstehende Lastwagen gepfercht. Etliche Patienten befanden sich in Zwangsjacken, andere trugen nur ihre Schlafanzüge oder waren ganz nackt – es war Januar und es herrschten fünf Grad –, viele von ihnen verwirrt.Boterman, Duitse Daders, S. 134 f. So wurden Patienten mit ihren Matratzen in die schon vollen Wagen gequetscht oder andere Menschen über sie gestapelt und die Türen gewaltsam geschlossen.Ziegler; Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung, S. 358.