mini|Ruinen des Hauses in der ulica Dzielna 27. In den Jahren 1943–1944 wurden hier Tausende von Pawiak-Häftlingen ermordet. Die Massenhinrichtungen in den Ruinen des Warschauer Ghettos 1943–1944 waren die Massenexekutionen von polnischen politischen Gefangenen und Personen jüdischer Herkunft, die von den deutschen Besatzern in den Ruinen des Warschauer Ghettos heimlich durchgeführt wurden.
Schon im Sommer 1942 erschossen die Deutschen auf dem Gebiet „des jüdischen Wohnbezirks in Warschau“ die Gefangenen von außerhalb. Diese Morde entwickelten sich aber zu Massenhinrichtungen erst ab Mitte Mai 1943, d. h. nach der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto und nach dem Beginn systematischer Zerstörung des jüdischen Viertels. Seitdem dauerte die Vernichtungsaktion in den Ruinen des Ghettos ununterbrochen bis zum Ausbruch des Warschauer Aufstandes im August 1944 an. Insgesamt erschossen die SS-Männer und die deutschen Polizisten mehrere tausend Menschen: darunter die polnischen Geiseln (vor allem Pawiak-Gefangene und während der Straßenrazzien [polnisch: łapanka] verhaftete Stadtbewohner) und auf der „arischen Seite“ verhaftete Juden.
Geschichte Warschau wurde im NS-Staat als Zentrum des polnischen Widerstandes gegen die nationalsozialistische „Neuordnung“ betrachtet. Obwohl die ehemalige polnische Hauptstadt im Generalgouvernement zu einer provinziellen Stadt herabgestuft wurde, blieb sie das Zentrum des politischen, intellektuellen und kulturellen Lebens in Polen. Warschau war auch der Sitz des Polnischen Untergrundstaats (Polskie Państwo Podziemne) und der Wirkungsort besonders starker und gut organisierter Strukturen der Widerstandsbewegung. Der Generalgouverneur Hans Frank schrieb am 14. Dezember 1943 in seinem Tagebuch: „Gäbe es Warschau im Generalgouvernement nicht, hätten wir 4/5 Probleme weniger. Warschau ist und wird das Zentrum der Verwirrung bleiben: ein Verbreitungspunkt der Unruhe in diesem Land“.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci 1939–1944. Warszawa: Interpress, 1970, S. 442.
Von den ersten Tagen der Besatzung Polens setzten die Deutschen brutale Terrormethoden gegen die Warschauer Bürger ein, vor allem gegen die Vertreter der polnischen politischen und intellektuellen Elite, die Juden und alle, die in irgendeiner Weise mit der Widerstandsbewegung verbunden waren. Die Warschauer Gefängnisse, nämlich das Pawiak-Gefängnis, das Untersuchungsgefängnis an der Ulica Daniłowiczowska, das Gefängnis Mokotów (Więzienie Nokotowskie), die Keller vom Sitz der Sicherheitspolizei (Sipo) in der Aleja Szucha, waren voll belegt von Verhafteten. Straßenrazzien, Deportationen in die Konzentrationslager und Massenmorde wurden zum Alltag. Hinrichtungen von politischen Gefangenen aus Warschau führten die Deutschen gewöhnlich geheim durch, an den Orten, die für normale Menschen unzugänglich waren. Dazu gehörten u. a.: die Gärten von Sejm in der Ulica Wiejska, der Kabaty-Wald (Las Kabacki), die sogenannten „Schwedischen Berge“ (Szwedzkie Góry; Erhebungen mit Dünen) im Warschauer Stadtteil Bemowo, der Sękocin-Wald (Las Sękociński) in der Nähe von Magdalenka (Ortschaft in Masowien), Chojnowski-Wald (Lasy Chojnowskie) in der Nähe von Stefanów (Ortschaft in Masowien, in der Nähe von Garwolin), die Ortschaft Laski, die Erhebung Wydmy Łuże und die Ortschaft Wólka Węglowa ausgangs vom Nationalpark Kampinos und, vor allem, der Ort der späteren Gedenkstätte in Palmiry.
Aus der Sicht der Täter verursachten die Hinrichtungen in den Wäldern in der Nähe von Warschau verschiedene logistische Probleme und brachten ein Risiko mit sich. Der unauffällige Transport der Gefangenen aus den Warschauer Gefängnissen in die Hinrichtungsstätten, mehrere Kilometer von Warschau, stellte eine große und zeitaufwendige Herausforderung dar. Auch die Absicherung der Richtstätte vor Zeugen und eventuelle Flucht der Gefangenen war problematisch. Letztendlich konnten die Deutschen nicht sicher sein, ob die hiesige Bevölkerung zufällig oder absichtlich die Massengräber findet.
Erste Hinrichtungen in den Ghettoruinen mini|Ruinen des Warschauer Ghettos Ab Juni 1942 kam es vereinzelt vor, dass kleine Gruppen von mehreren Polen im Warschauer Ghetto (das derzeit völlig von der Stadt abgesondert war) von den Deutschen ermordet wurden. Die Leichen der Ermordeten blieben meistens auf den Straßen des jüdischen Viertels liegen und wurden von den jüdischen Arbeitskräften, die verpflichtet waren, die Leichen gestorbener oder ermordeter Ghettobewohner von den Straßen zu entfernen, gesäubert. Üblicherweise wurden die gefundenen Leichen auf dem jüdischen Friedhof oder auf dem Spielfeld des Sportvereins „Skra“ begraben. Die Hinrichtungen dieser Art fanden vor allem während der Großaktion („die Vertreibung der Juden“) im Ghetto im Sommer 1942 statt, denn aufgrund des allgemeinen Chaos hatten die Deutschen gute Voraussetzungen, Menschen heimlich zu ermorden und die Leichen der Opfer unbemerkt zu entfernen.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 194 i 196.Regina Domańska: Pawiak – więzienie Gestapo. Kronika lat 1939–1944. Warszawa: Książka i Wiedza, 1978, S. 236, 244, 246. mini|„Pawiak pomścimy“ (deutsch: „Pawiak werden wir rächen“). Die Inschrift wurde von der Pfadfinder-Organisation „Wawer“ auf dem Anschlagbrett am Zaun des Bank-Gospodarstwa-Krajowego-Gartens in der Ulica Bracka aufgehängt. Im Frühling 1943 schlugen die Deutschen den von der jüdischen Widerstandsbewegung ausgebrachten Aufstand im Warschauer Ghetto nieder und lösten das Ghetto endgültig auf. Das Gelände des ehemaligen „jüdischen Wohnbezirks“ veränderten sie in eine „Stein-Ziegel-Wüste“. Die Gestapoverwaltung in Warschau entschloss sich die Ghettoruinen als Ort für heimliche Hinrichtungen zu nutzen – in diesem Falle Massenhinrichtungen. Der damalige SS- und Polizeiführer für Warschau Jürgen Stroop als SS-Gruppenführer behauptete, dass diese Idee von dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS in Warschau Dr. Ludwig Hahn stammt. Als Stroop für seinen Prozess im Mokotów-Gefängnis wartete, erzählte er dann seinem Mitgefangenen aus der Zelle, Kazimierz Moczarski, was Dr. Hahn sagte.
„Doktor Hahn hat ungefähr so gesagt: ‚Nutzen wir die Großaktion auch für die Erledigung der Polen. Viele Juden kamen im Ghetto ums Leben und sie werden hier weiterhin sterben. Überall liegen Leichen und wenn noch ein Tausend Polen dazu kommen, wird niemand etwas überprüfen können‘“, so berichtete Jürgen Stroop.Kazimierz Moczarski: Rozmowy z katem. Warszawa: Państwowy Instytut Wydawniczy, 1978, S. 294.
Aus der Perspektive des Besatzers sprach viel dafür, die Ruinen als Ort der Massenhinrichtungen zu verwenden. Das jüdische Viertel grenzte an das Pawiak-Gefängnis, wo die meisten polnischen politischen Gefangenen inhaftiert waren. Die Ghettomauer und zahlreiche Polizeidienststellen isolierten ganz die „Stein-Ziegel-Wüste“ vom Rest der Stadt.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 256. Die Polizeipatrouillen waren ständig auf Jagd nach Juden, die sich in den Ruinen versteckten, was die von hinter der Mauer kommenden Schüsse erklärte. In den Ghettoruinen war es leicht, Leichen zu vergraben oder zu verbrennen. Ab Sommer 1943 bestand auf dem Gebiet des ehemaligen Ghettos (in der Nähe von der Ulica Gęsia) das deutsche Konzentrationslager, das sogenannte Konzentrationslager Warschau. Seine Existenz und sein Personal konnten bei der Durchführung der Hinrichtungen gebraucht werden und die Anlagen (Krematorien) und die Gefangenen, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen.
Die erste Hinrichtung der Gefangenen des Pawiak-Gefängnisses wurde am 7. Mai 1943 durchgeführt, also noch vor dem Ende des Aufstandes im Ghetto.Die Sprengung der Großen Synagoge in Warschau, die als offizielles Ende des Aufstandes im Ghetto gilt, fand erst am 16. Mai 1943 statt. Am Tor des Mietshauses in der Ulica Dzielna 21 wurden 94 Personen ermordet.Regina Domańska: Pawiak... op.cit., S. 319. Ab Ende Mai 1943 fanden fast jeden Tag Hinrichtungen auf dem ehemaligen Ghettogelände statt.Regina Domańska: Pawiak... op.cit., S. 27. Die Deutschen stoppten die Ermordung in den Wäldern in der Nähe von Warschau und verringerten die Deportationen von den Gefangenen vom Pawiak-Gefängnis und von anderen Warschauer Gefängnissen in Konzentrationslager. Stattdessen wurden die polnischen politischen Gefangenen rasch und massenhaft in den Ruinen des Ghettos ermordet, meistens nur nach einer mehrtägigen Ermittlung oder gar keiner Untersuchung.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 441.
Fast jeden Tag gab es auch Hinrichtungen von ungefähr einem Dutzend Juden, die von den Deutschen auf der „arischen Seite“ verhaftet wurden, als auch von Polen, die jüdische Menschen versteckten.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 269 i 363. Die Namen der Opfer blieben meistens unbekannt, weil die verhafteten Juden im Personenverzeichnis des Pawiak-Gefängnisses nicht eingetragen waren. Nach einigen Stunden oder meistens nach mehreren Tagen in den Todeszellen der VIII-Abteilung des Pawiak-Gefängnisses wurden sie auf dem Ghettogelände erschossen. Nicht selten kamen ganze Familien ums Leben, einschließlich Frauen und Kinder.Regina Domańska: Pawiak... op.cit., S. 13–14.
Hinrichtungen wurden an verschiedenen Punkten des ehemaligen Ghettos durchgeführt, aber am häufigsten auf dem Grundstück in der ulica Dzielna 25 und 27, im Hof des Hauses in der ulica Nowolipki 29 und im Hof des Hauses in der Ulica Zamenhofa 19.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 256.Regina Domańska: Pawiak... op.cit., S. 28. Die Gefangenen aus dem Pawiak-Gefängnis und die aus der Stadt eingelieferten Menschen wurden auf dem Gebiet von KL Warschau erschossen.Regina Domańska: Pawiak... op.cit., S. 333. Die Leichen der Ermordeten verbrannte man meistens auf dem Grundstück in der ulica Gęsia 45 und ulica Pawia 27 oder im KL Warschau (auf den aus den hölzernen Teilen der zerstörten Gebäude gebauten Scheiterhaufen oder im Krematorium).Am Anfang wurden die Leichen der Opfer einiger Hinrichtungen von den Deutschen wahrscheinlich in der Erde oder in den Kellern der abgerissenen Häuser begraben. Dies war die Aufgabe der Arbeitskommandos aus jüdischen Ghettohäftlingen.Bogusław Kopka: Konzentrationslager Warschau. op.cit, S. 62.
Die Informationen über deutsche Verbrechen waren von Mitglieder der konspirativen Tätigkeit der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) im Pawiak-Gefängnis „nach außen“ nur in Bruchstücken mitgeteilt, so dass es unmöglich ist, die genauen Daten und den Verlauf aller Morde in den Ghettoruinen im Frühling und Sommer 1943 zu bestimmen. Allerdings ist es bekannt, dass in der Regel bei den Hinrichtungen, die fast jeden Tag durchgeführt wurden, mehrere Menschen starben. Es kam aber vereinzelt vor, dass Dutzende oder sogar Hunderte von Polen und Juden in einzelnen Hinrichtungen ums Leben kamen. Unter anderem wurde am 29. Mai 1943 auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos ein großes Massaker unter den Gefangenen des Pawiaks angerichtet, bei dem ungefähr 530 Menschen ums Leben kamen.Regina Domańska: Pawiak. op.cit., S. 326. Diese Hinrichtung fand eine starke Resonanz im besetzten Warschau – zu dieser Zeit erschienen die Inschriften „Pawiak werden wir rächen“ („Pawiak pomścimy“) an mehreren Orten in der Stadt.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 268. Am 24. Juni 1943 wurden etwa 200 Menschen in einer nächsten großen Hinrichtung auf dem Ghettogebiet getötet.Władysław Bartoszewski: Warszawski pierścień śmierci... op.cit., S. 447. Am 15. Juli 1943 wurden dort 260 bis 300 der aufgrund sogenannter „Hotel-Polski-Affäre“ verhafteten Polen und Juden erschossen.Regina Domańska: Pawiak... op.cit., S. 337. Am nächsten Tag kamen weitere 132 Gefangene des Pawiaks auf dem Ghettogebiet in der ulica Gęsia ums Leben.
Unter Führung von Franz Kutschera