mini|DWDS-Diagramm für „Stilmöbel“ Der Begriff Stilmöbel bezeichnet ein Möbel, bei dem zum Zeitpunkt der Herstellung ein früherer Möbelstil nachgebildet wurde. Entsprechend lautet die Definition für das Stilmöbel im Duden: „als Imitation eines früheren Stils hergestelltes Möbelstück“. Die Worterklärung aus dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) fügt die zeitliche Dimension hinzu: „Möbel aus dem 19. oder 20. Jahrhundert, das in einem früheren Kunststil hergestellt worden ist“.
Stilperioden erhalten gewöhnlich erst in ihrer letzten Phase oder nach dem Ende eine Bezeichnung, die in der Folge Bestand hat. So wurde der Begriff „Stilmöbel“ erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt und wird seitdem zur Abgrenzung von anderen Möbeltypen benutzt. Das Diagramm des DWDS über die Worthäufigkeit zeigt, dass das Wort „Stilmöbel“ erst nach 1900 – etwa zur Zeit des Ersten Weltkrieges – aufkam und sich danach verbreitete, bis es um 1980 seinen Höhepunkt erreicht hatte und danach seltener wurde.
Stilmöbel in der ersten Hauptperiode 1830/40 bis 1910/20 mini|Wangenstuhl Neogotik, 1870 mini|hochkant|Büfett Gründerzeit, 1890 Für den Beginn des 19. Jahrhunderts gilt das Biedermeier, das in der Endphase des Klassizismus zum Inbegriff für bürgerliche Wohnkultur wurde, als der vorletzte eigenständige Möbelstil. Im Gegensatz dazu griff der nachfolgende Historismus in Architektur und Innenraumgestaltung auf ältere historische Stilrichtungen zurück. Das Stilmöbel nahm seinen Lauf.
In Rainer Haaffs Historismus-Lexikon Prachtvolle Stilmöbel/Historismus in Deutschland und Mitteleuropa heißt es darüber: „Der ‚Historismus‘ ist ein kunststilistischer Überbegriff für mehrere kurzfristig auf einander folgende bzw. gleichzeitig erfolgende Neostile in der Zeit von 1830/40 bis 1910/20“. In dieser Periode wurde das bevorzugte Mobiliar in einem der historistischen Stile hergestellt: Neogotik, Zweites Rokoko, Louis-Philippe, Neorenaissance, Drittes Rokoko, Drittes Barock oder im Gründerzeitstil, der „von 1880 bis 1915 eine deutsche Stilabwandlung der Neorenaissance“Rainer Haaff: Gründerzeit und Jugendstil/Möbel und Wohnkulturen im Deutschen Kaiserreich. Kunst-Verlag-Haaff, Leopoldshafen 2014, ISBN 978-3-938701-06-5, S. 36, Zeile 3–4. darstellt.
Die traditionell handwerklich arbeitenden Tischlerwerkstätten hielten sich gewissenhaft an die Vorbilder der jeweiligen Stilperiode. Die Kunsthandwerker bewährten sich bei der getreuen Nachbildung oft als große Meister. Bei Rainer Haaff heißt es weiter: „Viele Stilmöbel des Historismus sind von kopistischer Art und somit dem jeweiligen Stilvorbild streng verpflichtet. Andere hingegen beinhalten zwar eine entsprechende Stilorientierung, lassen aber gleichsam zeitgemäße Zweckdienlichkeit, ökonomische Reduktion und kunsthandwerkliche Kreativität zum Ausdruck kommen.“Rainer Haaff: Prachtvolle Stilmöbel/Historismus in Deutschland und Mitteleuropa. Kunst-Verlag-Haaff, Leopoldshafen 2012, ISBN 978-3-938701-05-8, S. 23, Zeile 16–21.
Neben den Stilmöbeln des Historismus entstanden auch einfache Möbel ohne Zierrat. Als Zweckmöbel, etwa für Arbeitsräume oder Quartiere von Arbeitern, wurden sie nur gering geschätzt – vor allem auch, weil sie als billige „Industriemöbel“ von den Werkstätten produziert wurden, die in Folge der industriellen Revolution ihre Betriebe auf Serienfertigung umstellten.Christoph Laue: Gustav Kopka – Der Pionier der Möbel-Serienfertigung aus Herford, In Willi Kulke / LWL-Industriemuseum (Hrsg.): In Serie/150 Jahre Möbelindustrie in Westfalen. 1. Auflage, April 2015 Klartext-Verlag, Essen 2015. ISBN 978-3-8375-1412-4, S. 61–70. In der oberen Rangfolge dagegen machte in den Jahren um 1890 bis 1910 der Jugendstil auf sich aufmerksam. Die kreativen Erzeugnisse mit dekorativ geschwungenen Linien und floralen Ornamenten erreichten jedoch keineswegs die breite Zustimmung der Konsumenten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – noch im Kaiserreich – waren die Entwicklungen im Möbelbereich weiterhin den Vorstellungen des reichen Bürgertums verhaftet: Renaissance, auch Rokoko und Gotik blieben weiterhin in Mode. Die verschwenderische Anwendung von dekorativen Formen dokumentierte den pomphaften Zeitgeschmack. In diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war überwiegend die Kategorie „Stilmöbel“ präsent.
Stilmöbel in der zweiten Hauptperiode 1910/20 bis 1980/90 mini|Büfett Spätviktorianischer Stil, 1930 mini|Herrenzimmerschrank Italienisch Renaissance, 1930 Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich mit Gründung des Bauhauses die Bewegung fort, die endgültig weltweit grundlegenden Einfluss auf allen Gebieten der angewandten Kunst ausgeübt hat. Das von jungen Architekten, Künstlern und Kunsthandwerkern propagierte neue Design mit der konsequenten Ausrichtung auf Zweckmäßigkeit und Abkehr von allem unnötigen Zierrat wurde von der Allgemeinheit bei der Gestaltung des persönlichen Wohnbereiches noch weiterhin als puritanische Nüchternheit abgelehnt. Der innovative Stil des Art déco in Anschluss an den Jugendstil blieb ebenfalls nur eine Randerscheinung.
Bei der generellen Geschmacksunsicherheit bei Herstellern und Verbrauchern führte die Suche nach ansprechenden Formen immer wieder zur Besinnung auf die Tradition. Die Käufer bevorzugten gewohntes Mobiliar, das die begehrte behagliche Wohnatmosphäre versprach. So behielt das Stilmöbel weiterhin die Oberhand – und noch lange über den Zweiten Weltkrieg hinaus.
Zur Zeit der Währungsreform nach dem Kriegseinschnitt knüpfte die Möbelwirtschaft in Westdeutschland an die Entwicklung in der Vorkriegszeit an. Der Nachholbedarf in allen Bereichen der Einrichtungsindustrie verursachte eine starke Erweiterung der Betriebskapazitäten in wenigen Jahren. Das Verhältnis „Stil“ zu „Modern“ hatte sich zunächst nicht geändert. Dirk Fischer schreibt in seiner Magisterarbeit Die ostwestfälisch-lippische Möbelindustrie zwischen 1945–1975: „Möbel in barock anmutenden Formen wurden auf den ersten Kölner Möbelmessen in der hohen und mittleren Preislage […] angeboten […] Möbel in ausgesprochen modernen und schlichten Formen hingegen wurden in den ersten Jahren in Köln kaum ausgestellt, da von der Verbraucherseite für sie kaum ein Interesse bestanden hatte.“
Eine im Juli 1954 vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführte Meinungserforschung bei Vorlage von Bildern verschiedener Einrichtungsstile zeigt als Ergebnis, dass von den westdeutschen Befragten 60 % die bürgerliche Linie [mit geschweiften Formen] der dreißiger Jahre und nur fast ein Drittel die gemäßigt-moderne Zimmereinrichtung bevorzugten. mini|Kredenzschrank Louis XV, 1938Die Veröffentlichung: 10 Jahre Möbel im Bundesgebiet des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung im Jahre 1957 stellt den Möbelabsatz wie folgt dar: „Die Möbelmesse 1956 zeigte deutlich, daß der Geschmack des westdeutschen Möbelkonsumenten sich inzwischen insofern gefestigt zu haben scheint, als heute entweder Möbel der gemäßigten modernen Linie oder reine Stilmöbel bevorzugt werden. Die sogenannte ,moderne Linie‘ wird nur von bestimmten Schichten gekauft und von der Mehrzahl der breiten Masse noch abgelehnt.“Roland Schroeder, Sosthenes Prokoph: 10 Jahre Möbel im Bundesgebiet. In: Schriftenreihe des IFO-Instituts für Wirtschaftsforschung Nr. 29. Duncker & Humblot, Berlin / München 1957, S. 65.
Für Ende der 1960er Jahre wird in dem Artikel Neue Möbel in altem Stil der Zeitschrift Zuhause vom September 1967 der Stilmöbel-Anteil in der Bundesrepublik Deutschland noch mit rund 40 % angegeben. Die Verbreitung von Stilmöbeln schwächte sich von dem Höhepunkt im Anschluss an die Periode des Historismus nur langsam über die Jahrzehnte bis 1980/90 ab.
Die Vielfalt an Stilmöbeln – stilreine oder modifizierte, hoch- oder minderwertige, teure oder billige – wurde von allen Gesellschaftsschichten begehrt, unabhängig von der Stellung, dem Wohlstand oder der Bildung der Möbelkonsumenten.Herlinde Koelbl, Manfred Sack: Das deutsche Wohnzimmer. Bildteil S. 21–133, Text Manfred Sack S. 7–19, Beitrag Alexander Mitscherling S. 135–143. Verlag C. J. Bucher, Luzern und Frankfurt/M. 1980, ISBN 3-7658-0351-0
Entwicklung der Stilmöbel-Merkmale in zweiter Periode mini|Eckanbaureihe mit Fernsehschrank Chippendale, 1955 Im 20. Jahrhundert wichen Stilmöbel in Entwurf und Ausführung von ihren Vorbildern stetig weiter ab, weil neue Faktoren den Entwurf von Stilmöbeln beeinflussten. mini|Wohnzimmerschrank Barock, 1960
Einflussfaktor 1 – Veränderte Raumverhältnisse, neuer Unterbringungsbedarf: Neue Möbeltypen In den Proportionen der Möbeltypen bahnte sich ein auffallender Wandel an: Die traditionellen Schrankmöbel zeigten wegen der herkömmlich hohen Räume eine Betonung der Senkrechten, nun gewann die Waagerechte an Bedeutung. Die neuen zeitgemäßen Wohnungen waren niedriger und kleiner, sie wurden auch zentral beheizt. Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit bestimmten den Trend, für die zeitgemäßen Einrichtungen – ob Stil oder modern – entstanden bequemere Sitzmöbel und Tische sowie vielfältigere Kastenmöbel, die sich zur Unterbringung des ständig wachsenden Hausrats, der Bücher und der neuen technischen Geräte eigneten.
Typisch für die 1950er Jahre sind die Anbaumöbel mit standardisierten Einteilungen zur freien Auswahl: offene Regale, Glastür- oder Füllungstürfächer, Schubkästen, Barfächer, Fernsehfächer usw. Die halbhohen Anbau-Grundtypen konnten je nach Bedarf – auch über Eck – aneinander gereiht werden. Die Weiterentwicklung führte zu den Schrankwänden, mit denen man ab Anfang der 1960er Jahre jeden Raum von Wand-zu-Wand und von Fußboden-bis-Decke maßgenau ausstatten konnte. Diese Programme – wie auch die Schlafraum-Hochschränke – ermöglichten die Anpassung an diffizile Raumsituationen und die Erfüllung von Sonderwünschen mit verhältnismäßig geringem Aufwand.
Im Stilbereich wurden die Details der jeweiligen Stilrichtung in den Front- und Körperteilen augenfällig nachgebildet. Jedoch die äußere Gestalt der neuen Stil-Schranktypen brachte eine grundlegend neuzeitliche Entwicklung zum Ausdruck – ohne jedes Vorbild in der Vergangenheit.
Einflussfaktor 2 – Vertrieb über Möbelhandel und Serienfertigung: Reduzierung der Vielfalt des Angebots, Typisierung und Vereinheitlichung der Möbel Traditionell hatte der Tischlermeister – im Einmannbetrieb oder in Möbelwerkstätten – im direkten Kontakt mit dem Kunden die Ausführung der Möbel festgelegt. Zur Verständigung dienten Musterstücke oder Zeichnungen. Das exklusive Einzelstück bis zum umfassenden Innenausbau nach Maß wurde von qualifizierten Handwerkern Schritt für Schritt nach den Wünschen der Kunden angefertigt.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das Möbelfachgeschäft überwiegend die Mittlerrolle zwischen Hersteller und Käufer übernommen. In größeren Städten entstanden Stil-Einrichtungshäuser, die oft mit Hilfe angestellter Zeichner und Innenarchitekten den anspruchsvollen Kunden eine individuelle Beratung boten. Grundsätzlich wurde im Handel Konfektionsware verkauft, die durch bebilderte Verkaufsunterlagen wie Kataloge mit Preislisten dargestellt wurde. Während vor 1900 die meisten Tischlereien gemeinhin alle Möbeltypen anfertigten, hatten sich jetzt die Möbelfabriken auf ihre Spezialität besonnen und lieferten ausschließlich Wohn- oder Schlafzimmermöbel, Küchen, Kastenmöbel oder Sitzmöbel. Diese Konzentration auf bestimmte Möbelarten führte gleichfalls im Stilbereich zur Standardisierung, die Möbelabmessungen ergaben sich aus der Modulbauweise. Alle zu einer Gruppe („Garnitur“) gehörenden Modelle wiesen dieselben Merkmale auf, wie Profile, Schweifungen oder Ornamente.
Mit der Typisierung der Stilmöbel war eine weitere Abweichung in Form und Ausführung von den Originalmöbeln der nachzubildenden Stilart vollzogen.
Einflussfaktor 3 – Neue Materialien und Technisierung der Produktion: Große formale Abweichungen vom historistischen Vorbild