mini|Wassertürme am Roten Tor, Teil der historischen Wasserwirtschaft Augsburgs Augsburgs historische Wasserwirtschaft gilt als herausragendes Zeugnis der Geschichte der Wassernutzung und der Wasserwirtschaft. Eine Auswahl 22 historischer baulicher Anlagen zur Fließgewässernutzung und zur Trinkwasserversorgung Augsburgs vom 15. bis ins frühe 20. Jahrhundert wurde am 6. Juli 2019 unter der Bezeichnung „Das Augsburger Wassermanagement-System“ zum UNESCO-Welterbe erklärt.

Dieser Artikel gibt einen größeren Überblick über das Gesamtthema und die historischen Zusammenhänge als die bloße Welterbestätte mit ihren ausgewählten Einzelobjekten.

Anfänge des Augsburger Wasserbaus in der Römerzeit mini|Das römische Bad in Königsbrunn. Am oberen Rand des Hangs verlief die offene Fernwasserleitung nordwärts nach Augusta Vindelicum.

Ein römisches Militärlager am Zusammenfluss von Wertach und Lech bildete den Ausgang für die Römerstadt Augusta Vindelicum. Sie stieg zur Hauptstadt der römischen Provinz Raetia auf und aus ihr entwickelte sich die Stadt Augsburg. Zum Schutz vor den häufigen starken Hochwassern wurde die Militärsiedlung auf einer Hochterrasse zwischen den beiden Flüssen erbaut.Der älteste römische Militärplatz bestand zwischen 8 v. Chr. und 9 n. Chr. an der Wertach im heutigen Stadtteil Oberhausen. Nachdem Hochwasser dieses Lager zerstört hatte, wurde die Militärsiedlung zwischen 10 und 15 n. Chr. auf der Spitze der Hochterrasse zwischen Lech und Wertach neu gegründet. Quelle: Augsburger Stadtlexikon, Seite 30 Die Augsburger Hochterrasse befindet sich etwa 10 bis 15 Meter über den Flusstälern. Durch diese erhöhte Lage mangelte es der Siedlung an natürlich fließendem Wasser, so dass die Wasserwirtschaft für Trinkwasser, Brauchwasser und Abwasser eine elementare Bedeutung bekam.

Zur Trinkwasserversorgung der Römerstadt dienten vermutlich vor allem tiefe Grundwasserbrunnen.Aufgrund der Lage auf der Hochterrasse waren diese elf bis zwölf Meter tief. Quelle: Stefanie Schoene: Wie Baumeister in Augsburg vor 2000 Jahren die Schwerkraft ausgetrickst haben, Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 19. Mai 2016 Für ihren Bedarf an Brauchwasser legten die Römer eine Fernwasserleitung an. Aufgrund der Topografie und archäologischer Befunde wird angenommen, dass diese Fernwasserleitung als offener Kanal einen Wasserstrom aus der Gegend von Igling, Schwabmühlhausen und/oder Hurlach über rund 35 km in die Stadt leitete. Dieser speiste sich mutmaßlich hauptsächlich aus Wasser, das dort von der Singold abgezweigt wurde. Der Kanal nutzte das natürliche Gefälle der Hochterrasse von rund 3 Promille und führte von Hurlach über die heutigen Orte Graben, Kleinaitingen, Königsbrunn, Haunstetten und Göggingen nach Augusta Vindelicum. Er folgte dabei zunächst der Ostkante der Hochterrasse; zwischen Haunstetten und Göggingen wechselte er hinüber zu ihrer Westkante und führte am Westtor, das sich im heutigen Bereich Augsburg Hauptbahnhof/Diakonissenhaus befand, in die Römerstadt hinein.Walter Groos: Beiträge zur Frühgeschichte Augsburgs, Seite 14, in: 28. Bericht der naturforschenden Gesellschaft Augsburg (PDF) Sein geschätzter Volumenstrom betrug etwa 1,2 m³/s.

Der römische Kanal soll ab etwa 20 nach Christus für 300Stefanie Schoene: Wie Baumeister in Augsburg vor 2000 Jahren die Schwerkraft ausgetrickst haben, Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 19. Mai 2016 oder 400 JahreArtikel Singold im Augsburg-Wiki, abgerufen am 1. Juni 2018 in Benutzung gewesen sein. Er lieferte Wasser und Wasserkraft für handwerkliche Betriebe, auch bereits im Vorfeld der Stadt. Mit seinem Wasser konnten die Latrinen gespült werden. Ob die städtischen Thermen mit diesem Wasser gespeist wurden, ist noch durch keine Befunde belegt.Die römische Brauchwasserleitung von Augsburg. Untersuchungen in Göggingen von 1966 bis 1970. Bayerische Vorgeschichtsblätter 79, 2014, 87–193, abgerufen am 1. Juni 2018 Mit der Entdeckung des römischen Bades in Königsbrunn gibt es ein Beispiel für die Nutzung der Wasserleitung in einem öffentlichen Bad außerhalb Augsburgs.

Entgegen früheren Vermutungen war die römische Fernwasserleitung offenbar nicht in Stein ausgebaut, sondern durch wasserundurchlässigen Lehmboden abgedichtet und an den Rändern mit Ruten oder Holzbrettern befestigt. Bei einer archäologischen Ausgrabung in Göggingen (Bayerstraße 43–45) von 1966 bis 1970 zeigte sich, dass es sich an dieser Stelle nicht um einen einzelnen Kanal, sondern vielmehr um eine komplexe Anlage mit mehreren Hauptgräben handelte, innerhalb derer mindestens 12 einzelne, aufeinander folgende Kanäle unterschieden werden konnten. Diese waren zwischen 1 und 2 Meter breit und ungefähr 0,5 Meter tief.Die römische Brauchwasserleitung von Augsburg. Untersuchungen in Göggingen von 1966 bis 1970. Bayerische Vorgeschichtsblätter 79, 2014, 87–193, abgerufen am 1. Juni 2018 Eine neuere Ausgrabung im Jahr 2011 auf dem Gelände von Erdgas Schwaben in Göggingen erlaubte erstmals die Untersuchung der Wasserleitung in einem waagerechten Anschnitt.Ines Lehmann: Römische Wasserleitung in Göggingen entdeckt, Bericht der Augsburger Allgemeinen über die Ausgrabung in Göggingen 2011, abgerufen am 1. Juni 2018

Mit dem Ende der Römerzeit verfiel diese Wasserleitung. Der Ortsname von Graben, im Jahr 1063 urkundlich als „ecclesia Grabon“ erwähnt, verweist mutmaßlich auf eine grabenartige Rinne im Gelände, die hier im Mittelalter noch den Verlauf des früheren Kanals markierte. Heute ist diese Rinne nur noch in einem Waldstück in der Nähe von Hurlach mit bloßem Auge erkennbar, mittels Luftbildarchäologie noch an weiteren Stellen.

Kanäle ab dem Mittelalter mini|hochkant|Der Kanal Mittlerer Lech in der Altstadt

Spätestens im Mittelalter wurden Kanäle gegraben, die Wasser des Lechs von Süden her in die tiefer gelegenen Areale der inzwischen angewachsenen Stadt und im Norden wieder aus der Stadt heraus leiteten. Diese verliefen nicht wie die römische Fernwasserleitung oben auf der Hochterrasse, sondern etliche Meter tiefer am Westrand des Lechtals. Vier Lechkanäle sind im Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 namentlich bezeichnet. Die Lechkanäle wurden immer wieder erweitert und verändert. Durch diesen Wasserbau entstand das heute vorliegende Netzwerk offener, oberirdischer Kanäle, die beträchtliche Volumenströme Fließwasser führen.

Bedeutung und Umfang des mittelalterlichen Kanalsystems mini|Der Hochablass

Die Kraft des fließenden Wassers war früher der Energieträger schlechthin. Das Kanalsystem diente jahrhundertelang zur Nutzung der Wasserkraft durch Mühlen und Handwerksbetriebe, als Brauchwasser etwa für die Färberei und Gerberei und zum Warentransport per Flößerei. Es trug damit maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufblühen der Freien Stadt Augsburg bei. Außerdem erfüllten die Kanäle eine wichtige Rolle für die Stadthygiene, da sie, bevor es eine moderne Abfallbeseitigung oder Schwemmkanalisation gab, auch zur Abfall- und Abwasserbeseitigung genutzt wurden.

In Augsburg wird das Flusswasser an Wehren abgezweigt, pumpenlos in Kanälen unter Ausnutzung des natürlichen Geländegefälles durch verschiedene Stadtviertel geleitet, aus der Stadt hinaus und wieder ins Flussbett zurückgeführt. Alle Kanäle münden am Ende wieder in denselben Fluss, aus dem ihr Wasser stammt. Durch Wehre und Schütze können die Volumenströme in den Kanälen weitgehend unabhängig von den Wasserschwankungen des Flusses kontrolliert und konstant gehalten werden. Da die Kanäle im Normalfall ständig durchströmt sind, erfordern Veränderungen und Wartungsarbeiten an ihnen gut abgestimmte Regulierungen der Durchflussmengen im gesamten Netz.

Das ab 1346 urkundlich belegte Hochablass-Stauwehr im Lech sorgt für eine ganzjährige konstante Speisung der Lechkanäle. Um dieses Wehr und die mit ihm verbundene Nutzung des Lechwassers gab es einige Male Streit zwischen Augsburg und dem angrenzenden herzoglichen Bayern. Kaiser Friedrich III. gewährte im Jahr 1462 Augsburg das verbriefte Recht, dem Lech so viel Wasser zu entnehmen, wie die Stadt wollte. Der Hochablass wurde in den Jahren 1552 und 1911/12 versetzt und stark umgebaut. Er erfüllt heute noch seine wichtige Funktion, Augsburg mit Lechwasser zu versorgen. Die am Hochablass entnommene Wassermenge beträgt etwa 45 m³/s. Hinzu kommen weitere etwa 3 m³/s, die dem Lech ungefähr 14 km weiter lechaufwärts an einem anderen Wehr entnommen werden und die der Lochbach in das Augsburger Kanalnetz einspeist („Lochbachanstich“ an der heutigen Lechstaustufe 22 – Unterbergen). Ein technisches Denkmal ist das (rekonstruierte) Pansterrad am Schwallech, einem der Lechkanäle.Alexander Kierdorf: Augsburgs Wasserwirtschaft auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe. In: Industriekultur, Jg. 22 (2016), Heft 1, S. 4–5, hier S. 4.

Getrennt von den Lechkanälen wurde westlich der Stadt ein eigenes System von Kanälen gegraben, um die Wasserkraft der Singold und seit dem späten 16. Jahrhundert zusätzlich der Wertach zu nutzen. Es umfasst den heutigen Fabrikkanal, Wertachkanal, Holzbach und Senkelbach (etwa 28,5 m³/s im Fabrikkanal), den Mühlbach und Hettenbach (etwa 2 m³/s) sowie einige kleinere Kanäle.

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts gab es 148 unterschlächtige Wasserräder im Stadtgebiet.

Die Lechkanäle haben heute eine insgesamte Länge von 77,7 km, die Wertachkanäle von 11,6 km.

Weitere Nutzungen Eine einfallsreiche Nutzung der Kanäle in Augsburg zeigt die Augsburger Stadtmetzg, der bis dahin modernste Bau der Fleischerzunft. Der Augsburger Stadtbaumeister Elias Holl erbaute sie von 1606 bis 1609 über einem Lechkanal, was dem Haus von außen nicht anzusehen ist, da der Kanal vor und nach dem Gebäude abgedeckt ist. Der ständige Durchfluss frischen Wassers hielt die Fleischwaren dort kühl und die Schlachtabfälle konnten dem Wasser übergeben werden. Das Gebäude ist erhalten, wurde aber vollständig entkernt und dient heute als Verwaltungsbau.

Aus dem Augsburger Kanalnetz konnten auch die breiten Gräben der Augsburger Stadtbefestigung an der Außenseite der Stadtmauern und Bastionen zur Verteidigung geflutet werden. Als die Stadtbefestigung im 19. Jahrhundert nicht mehr von Nutzen war, wurde sie großteils abgebrochen und teilweise überbaut. Der Äußere Stadtgraben, der die Jakobervorstadt begrenzt, ist jedoch heute noch erhalten. Seine Wasserfläche wird wegen ihres idyllisch ruhigen und baumumstandenen Spiegels von den Augsburgern geschätzt und an der Augsburger Kahnfahrt mit Booten befahren.

Industrialisierung durch Wasserkraft mini|Die Maschinenbau- und Röhrenfabrik Haag (1902)

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden die Kanäle in Augsburg ausschlaggebend für die Industrialisierung der Stadt. Sie brachten der Stadt, die mit dem Verlust ihrer Reichsfreiheit und dem Fall an Bayern 1806 viel von ihrer einstigen Größe eingebüßt hatte, wieder neuen wirtschaftlichen Aufschwung.

Auf Freiflächen am Stadtrand siedelten sich große Betriebe an. Für sie wurden dort neue Kanäle zur industriellen Nutzung der Wasserkraft gegraben. Die größte Branche war die Textilindustrie. So entstand das Augsburger Textilviertel, und Vororte wie Haunstetten, Göggingen und Pfersee, die heute eingemeindet sind, profitierten von den neuen großen Arbeitgebern. Weitere große Unternehmenszweige, die die Wasserkraft des Augsburger Kanalsystems nutzten, waren Maschinenhersteller wie die Sander’sche Maschinenfabrik, die mehrfach umfirmierte und schließlich zum Maschinenbaukonzern MAN und zum Druckmaschinenhersteller MAN Roland wurde, sowie der zeitweise größte Papierhersteller Deutschlands, Haindl Papier. Ohne die Kanäle in Augsburg wäre die deutsche Industriegeschichte anders verlaufen.