mini|hochkant=1.3|St. Gereon von Nordwesten Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Gereon im rheinhessischen Nackenheim (Landkreis Mainz-Bingen) ist ein zum Bistum Mainz gehörendes Kirchengebäude. Durch seine Lage und seinen Kirchturm ist der barocke Saalbau von eindrucksvoller Wirkung im Orts- und Landschaftsbild und seine Ausstattung von großer Bedeutung für die regionale Kunstgeschichte.Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz: Kreis Mainz-Bingen. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 18.2 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland). Bearb. von Dieter Krienke. Hrsg. im Auftrag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms, S. 140. Das Kirchengebäude ist als Baudenkmal in die Liste der Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz eingetragen.

Lage mini|hochkant=1.3|Nackenheim mit Kirche St. Gereon Die Kirche befindet sich auf , weithin sichtbar auf dem Sporn eines lößbedeckten Kalkplateaus, rund 30 Meter oberhalb des Rheintals.

Geschichte Fränkische Spuren Das Dorf Nackenheim entstand in seiner heutigen Form in der Frankenzeit. Die vom Mittel- und Niederrhein her vordringenden Franken beendeten in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts die römische Periode, für die vier römische Landgüter (villae rusticae) in der Nackenheimer Gemarkung nachgewiesen werden konnten. Hatten die Römer noch die Anhöhen über dem Tal bevorzugt, so legten die heidnischen Einwanderer ihre Siedlung im Tal an und bestatteten ihre Toten an der oberen Ausgangsstraße des Dorfes (Funde von Erdbestattungen in der Gemarkung An der Heidenpforte in Richtung Lörzweiler).

Die während dieser fränkischen Landnahmezeit entstandene Siedlung war anfangs sehr klein. Nackenheim dürfte im 6. Jahrhundert nur aus zwei bis drei Höfen bestanden haben, mit vielleicht höchstens 20 Einwohnern. Diese Höfe bildeten jedoch den Ausgangspunkt einer kontinuierlichen siedlungsräumlichen Entwicklung im Eichelsbachtal und den Beginn einer nahezu als Straßendorf anzusehenden bäuerlichen Siedlungsstruktur entlang der Obergasse. Lagemäßig befindet sich diese frühmittelalterliche bäuerliche Gruppensiedlung in einer hochwasserfreien Lage, außerhalb der Talaue. Der Einfluss naturräumlicher Faktoren wie Boden, Klima, Vegetation, Hydrologie und Relief ist bei bäuerlich-agraren Gesellschaften generell nicht zu unterschätzen.

Die heutige Nackenheimer Pfarrkirche steht, wie es für fränkische Kirchengründungen im frühen Mittelalter typisch ist, auf einer Erhöhung oberhalb eines Baches, in diesem Fall dem Eichelsbach. Am Ufer des Eichelsbachs stand im Tal, unterhalb der fränkischen Kapelle, der zugehörige alte Herrenhof (Gelände des heutigen Stephanshofes), denn als fränkische Eigenkirche stand die Kapelle im Familienbesitz, wobei sie zugleich als Grablege und Zufluchtsstätte in kriegerischen Auseinandersetzungen für die zum Christentum übergetretene Bevölkerung diente.

Nackenheim unter Kölner Herrschaft Um das Jahr 650 n. Chr. wurde der Nackenheimer Herrenhof (Fronhof) mit all seinen Besitzungen und damit auch seiner Kapelle von König Sigibert III. an den Kölner Bischof Kunibert verschenkt. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts gelangte diese Schenkung in den Besitz des Kölner St. Gereonstiftes als eine Gabe des Kölner Ortsbischofs zur Neugründung des Kölner Stiftes.Hellmuth Gensicke: Der Besitz des Stiftes St. Gereon zu Köln in Nackenheim. In: Nackenheimer Heimatkundliche Schriften. Band 8. Nackenheim 1956, S. 15. Als Ortsherr von Nackenheim machte sich das Kölner Gereonsstift an einen romanischen Kirchenneubau und übertrug das Patrozinium des heiligen Gereon auf die Nackenheimer Kirche.pfarrei-st-gereon-nackenheim.homepage.t-online.de Dieser romanischen Kirche ist der 1987 gefundene und im Vorraum aufgestellte Sarkophag zuzuordnen, in dem zwei Bestattete lagen. Kirchenrechtlich unterstand die Pfarrei dem Archidiakonat von St. Viktor in Mainz sowie dem untergeordneten Presbyterat (Dekanat) von Nierstein.Werner Lang: Überblick über die Geschichte der Pfarrei St. Gereon in Nackenheim. In: Materialien zur Geschichte der Pfarrei St. Gereon Nackenheim (= Nackenheimer Heimatkundliche Schriften, Heft 3). Nackenheim 1952, S. 3. So kam es, dass auch die Priester aus Mainz bestellt wurden, die als Unterhalt ein Drittel des Frucht- und Weinzehnten erhielten. Zwei Drittel gingen dagegen an das Stift in Köln (Quelle von 1234).

Eine These zu den Quellen geht davon aus, dass das Dorf mit der Zeit für das Kölner Stift aber immer unrentabler wurde, so dass der Mainzer Erzbischof Siegfried III. dazu bewogen wurde, auch die Einkünfte der Pfarrei (nach der Versorgung des Pfarrers) dem Kölner Stift zuzusprechen. 1255 gab Probst Ludwig zu St. Victor schließlich die Erlaubnis, ebenso die Einnahmen aus der Pfarrstelle einzubehalten und die Stelle des Seelsorgers selbst zu besetzen (erste Erwähnung eines Nackenheimer Pfarrers: Walter, Scholaster von St. Viktor). Zur Einsetzung eines Kölner Priesters aber kam es letztlich nicht, da schon drei Jahre später das Kölner Stift seine Besitzungen in Nackenheim abtrat.

Nackenheim im Besitz des St. Stephanstiftes zu Mainz Am 26. November 1258 wurde der gesamte kölnische Besitz für 750 Kölner Denare an den Dekan des Stephansstifts zu Mainz verkauft.Hellmuth Gensicke: Der Besitz des Stiftes St. Gereon zu Köln in Nackenheim. In: Nackenheimer Heimatkundliche Schriften. Bd. 8. Nackenheim 1956, S. 14.Alois Gerlich: Nackenheim unter Kölner und Mainzer Herrschaft. In: Nackenheimer Heimatkundliche Schriftenreihe. Heft 4. Nackenheim 1952, S. 11. Um auch dem Stephansstift alle Einkünfte in Nackenheim zu sichern, inkorporierte 1262 der Mainzer Erzbischof Werner von Eppstein wiederum die Pfarrei mit ihren Einkünften und Vermögen in das Eigentum des Stephanstiftes.Werner Lang: Überblick über die Geschichte der Pfarrei St. Gereon in Nackenheim. Nackenheimer Heimatkundliche Schriften (Heft 3). 1952, S. 4.

Von nun an wurde die Pfarrstelle durch das Mainzer Stift bestellt, wodurch viele Vikare und ehemalige Pfarrer von St. Stephan diese Stelle besetzten.Pfr. A. Winkler: Die Geschichte der Pfarrkirche St. Gereon. In: Beiträge zur Ortskunde von Nackenheim. Heft 1. Nackenheim 1951, S. 28. Das Stift begann bald mit dem Bau einer gotischen Kirche (1341 fertiggestellt), die das Doppelpatronat St. Gereon und St. Stephan führte. Unterstützung erfuhr das Stift beim Kirchenneubau durch die Ritterfamilie von Nackenheim. So vermachte Alheid von Nackenheim all ihre Güter zum Bau der neuen Kirche (1307). Die errichtete Wehrkirche war mit einem zierlichen Dachreiter und Glocken versehen. Sie umgaben eine Ringmauer und ein doppelter Graben.Werner Lang: Nackenheim im 17. und 18. Jahrhundert. In: Nackenheimer heimatkundliche Schriften. Heft 1. Nackenheim 1951, S. 18. Eine Karte von Gottfried Mascop aus dem Jahre 1575 zeigt eine Kirche umgeben von hohen Bäumen mit einfachem Schiff und drei Fenstern, mittig ein zierlicher Dachreiter.Karl Johann Brilmeyer: Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart. Emil Roth, Gießen 1905. Noch für die Zeit um 1700 lässt sich der wehrhafte Charakter von Friedhof und Kirche nachweisen.Magda Dörr: Ein unbekanntes Nackenheimer Kirchenbuch (1387 bis 1708). In: Nackenheimer Heimatkundliche Schriften. Heft 11. Hrsg. vom Heimat- und Verkehrsverein. Nackenheim am Rhein 1958, S. 5.

Die Pfarrei selber hatte weit größere Ausmaße als die heutige. Zu ihr gehörten die später untergegangenen Weiler Sunsweiler und Aluisheim (ehemalige römische Landgüter), wie auch zwölf Rheinauen vom nördlichen Teil des Kornsandes bis zur Bleiaue vor Weisenau (durch die Rheinbegradigung heute teilweise nicht mehr existent). Bei einer neuen Einteilung der Erzdiozöse in Landkapitel im 16. Jahrhundert wurde die Pfarrei dem Olmer Landkapitel zugeteilt.Brilmeyer: Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart. 1905, S. 321. Mit den Kirchengemeinden in Lörzweiler, Nierstein und Bodenheim bestanden enge Verbindungen durch Gebetsgemeinschaften. Das Oppenheimer Nonnenkloster Mariacron besaß einen Marienaltar in der Kirche, für den ein Frühmesser (Kaplan) bezahlt wurde.Reinhold Ricker: Die Pfarrgemeinde St. Gereon. In: Festschrift. 100 Jahre MVG Frohsinn. Hrsg. v. Männergesangsverein Frohsinn 1904 e. V. Nackenheim 2004, S. 21.

mini|hochkant=1|Gotische Maßwerkfragmente, St. Gereon (Nackenheim) Im Jahre 1341 wird in einer Beschreibung der Kirche auf einen Lettner hingewiesen. Vor jenem Lettner wurde 1478 ein neuer Marienaltar errichtet. Heutige Überreste dieser gotischen Wehrkirche (Maßwerkstreben mit Farbresten) sind in der Kirchenvorhalle ausgestellt wie auch im Kirchturm eingelagert. Eine Christusfigur des ehemaligen gotischen Hauptaltares überlebte die Wirren der nachfolgenden Jahrhunderte und fand bis in die 1970er Jahre liturgische Verwendung zur Osterzeit und wird heute leider nicht mehr öffentlich gezeigt.

Nackenheim im Besitz des Erzbischofs von Mainz Im Jahre 1615 wurde der Erzbischof von Mainz Erbherr und Oberster Gerichtsherr des Dorfes. Immer wieder aufflammende Streitigkeiten mit pfälzischen Amtmännern aus Nierstein beunruhigten das Stephansstift und gaben Anlass für einen Wechsel der Gerichtsobrigkeit über das Dorf. Die Streitigkeiten hatten schon mit dem Aussterben des Rittergeschlechts zu Nackenheim (1498) begonnen, als die Vogteirechte über Nackenheim auf Nierstein übertragen wurden. Durch die Reformation wurde die Situation nur noch verstärkt,Walter Lang: Nackenheim im Mittelalter. 1951, S. 16. denn die Reformation selber zeigte in Nackenheim als südliche Außengrenze von Kurmainz keinerlei Auswirkung, Nierstein jedoch war kurpfälzisch und kam somit zum protestantischen Glauben.

Die Nackenheimer Pfarrei selber blieb trotz neuer Gerichtsbarkeit des Erzbischofs weiterhin dem Stephansstift unterstellt. Diese Verbindung fand auch Ausdruck in den geteilten Aufgabenbereichen für die Kirche: Das Dorf hatte sich um den Unterhalt des Langhauses und des Dachreiters zu kümmern, während der Chor mit dem Altar vom Stephansstift zu unterhalten war.Sigrid Schmitt: Ländliche Rechtsquellen aus den kurmainzischen Ämtern Olm und Algesheim (Geschichtliche Landeskunde, Band 44). Franz Steiner, Stuttgart 1996, S. 423. Der Stiftsdekan von St. Stephan, Sebastian Loth, verfasste für die Pfarrei im Jahre 1690 eine Kirchenordnung. Diese regelte das Gemeindeleben und die Verwaltung durch die Einsetzung von sechs Kirchenjuraten, die dem Pfarrer zur Seite standen. Meist waren es die gleichen Männer, die beim Ortsgericht auch die Schöffen stellten.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche im Dezember 1632 von den Schweden geplündert und verwüstet. Bauten und Höfe auf dem Oberfeld, unmittelbar hinter der Kirche, wurden zerstört. Bis heute befindet sich auf diesem Gelände keine Bebauung mehr.Walter Lang: Nackenheim im Mittelalter. In: Beiträge zur Ortskunde von Nackenheim. Nackenheim 1951, S. 16. Erst 1678 wurden die Altäre wieder neu konsekriert (bis dahin Nutzung von Tragaltären).

1689 fielen während des Pfälzischen Erbfolgekrieges französische Truppen in Nackenheim ein und brandschatzten es. Bis 1692 begab sich die Bevölkerung des Dorfes insgesamt vier Mal vor den französischen Truppen auf die Flucht. Das Dorf wurde gänzlich zerstört, die Kirche ausgeraubt und stark beschädigt. Jene Kriegszerstörungen waren wohl der Anlass zum 1716 begonnenen Neubau der Pfarrkirche in barocker Form.Wilhelm Christoph Heckelsmüller: Sankt Gereon. Katholische Pfarrkirche in Nackenheim. Renovierung 1978–88. Mainz 1990, S. 5. Auch die aufstrebende Bevölkerungszahl des Dorfes nach dem Ende der Kriegswirren löste eine rege Bautätigkeit aus. (Die ältesten Bauernhäuser Nackenheims stammen allesamt aus dieser Nachkriegszeit. Ältere Bausubstanz ist nicht mehr zu finden.Walter Lang: Nackenheim im 17. und 18. Jahrhundert. In: Beiträge zur Ortskunde von Nackenheim. Heft 1. 1951, S. 21.)