mini|Fragment einer Seite des polnischen Reisepasses von 1941 mit dem Siegel des Konsulats der polnischen Gesandtschaft in Bern mini|Residenz des polnischen Botschafters in Bern, Aufnahme 2014. Während des Weltkrieges Sitz der polnischen Botschaft Die Ładoś-Gruppe (franz. Groupe Ładoś, poln. grupa Ładosia), genannt auch Berner Gruppe oder Berner Sechs, war eine Gruppe von in der Schweiz akkreditierten, polnischen Diplomaten und Mitgliedern jüdischer Organisationen. Während des Zweiten Weltkriegs stellten sie illegal Reisepässe lateinamerikanischer Länder zur Rettung der europäischen Juden vor dem Holocaust her.
Zusammensetzung Die Gruppe bestand aus vier Diplomaten der polnischen Gesandtschaft in Bern, einem Vertreter des vom Jüdischen Weltkongress geschaffenen RELICO-Komitees (Hilfsorganisation für die jüdischen Kriegsopfer) und einem Vertreter von Agudat Israel. Fünf von sechs Mitgliedern waren polnische Staatsbürger und die Hälfte von ihnen jüdisch.Polen halfen beim Freikauf von JudenSzwajcaria – Karczewski: oddajemy cześć tym, którzy tworzyli łańcuch dobrych sercJędrzej Uszyński: Ambasador Ładoś i jego dyplomaci – niezwykła akcja ratowania Żydów z Holocaustu. Ambasada RP w Bernie, 2017
Mitglieder Aleksander Ładoś (1891–1963), polnischer Gesandter in Bern in den Jahren 1940–1945 Abraham Silberschein (1882–1951), Rechtsanwalt, zionistischer Aktivist, vor dem Krieg Abgeordneter des polnischen Sejm und Gründer des Rettungskomitees RELICO Konstanty Rokicki (1899–1958), polnischer Konsul in Bern in den Jahren 1939–1945 Chaim Yisroel Eiss (1876–1943), in Ustrzyki geborener Kaufmann, Mitglied von Agudat Israel in Zürich Stefan Ryniewicz (1903–1988), Botschaftsrat in der polnischen Gesandtschaft in Bern in den Jahren 1938–1945, Stellvertreter des Gesandten Ładoś Juliusz Kühl (1913–1985), Attaché in der polnischen Gesandtschaft in Bern, zuständig für Kontakte zu jüdischen Organisationen
Die „Ładoś-Gruppe“ war ein informeller Kreis. Die Verbindungen unter ihren Mitgliedern waren asymmetrisch. Bei der Herstellung von Reisepässen arbeitete Konstanty Rokicki unmittelbar mit Abraham Silberschein und Chaim Eiss zusammen. Rokicki fertigte die Reisepässe selbst aus oder kaufte diese auf dem Schwarzmarkt. Silberschein und Eiss schmuggelten die Pässe, Passbilder und Personaldaten zwischen Bern und den Ländern im besetzten Europa. Sie beschafften auch zu einem Großteil die Geldmittel für die Operation. Die Rolle von Aleksander Ładoś und Stefan Ryniewicz in Bern war, die Unterstützung des diplomatischen Korps zu gewinnen sowie die Gruppe vor der schweizerischen Polizei zu schützen. 1943 intervenierten die beiden Diplomaten in dieser Sache bei dem schweizerischen Außenminister Marcel Pilet-Golaz und dem Polizeichef Heinrich Rothmund. Bei Ausbruch des Krieges war Juliusz Kühl 26-jähriger Absolvent der Doktorstudien an der Universität Bern. Er war Vermittler zwischen den jüdischen Organisationen und der polnischen Gesandtschaft. Später wurde er zum stellvertretenden Leiter der konsularischen Abteilung in der Gesandtschaft. Wahrscheinlich war er auch am illegalen Transport von Passformularen beteiligt.Michał Potocki, Zbigniew Parafianowicz: Polak na polecenie rządu ratował Żydów od Holokaustu. Świat się o tym nie dowiedział. Gazeta Prawna, 2017
Historischer Hintergrund Im September 1939 wurde Polen von Deutschland und der Sowjetunion angegriffen und in zwei Besatzungszonen aufgeteilt. Fast 36 Millionen Einwohner, darunter mehr als 3 Millionen Mitglieder der jüdischen Gemeinde, fielen unter die deutsche und sowjetische Herrschaft. Gleichzeitig weigerte sich die polnische Regierung, den Waffenstillstand zu unterzeichnen, und überquerte am 17. September 1939 die Grenze zu Rumänien, wo sie interniert wurde. Laut der Verfassung von 1935 ernannte der Staatspräsident Ignacy Mościcki Władysław Raczkiewicz zu seinem Nachfolger für die Zeit des Krieges und trat zurück. In Paris wurde eine polnische Exilregierung gebildet, die mit dem Wiederaufbau der Streitkräfte begann. Sie übernahm auch die Kontrolle über das gesamte Eigentum des polnischen Staates im Ausland, einschließlich des Netzwerkes der diplomatischen Vertretungen. Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich zog die Regierung mit Premierminister Władysław Sikorski nach London um, von wo aus sie weiter gegen die Deutschen kämpfte. Im kontinentalen Teil Westeuropas war die polnische Exilregierung durch die Botschaften der Republik Polen vertreten: in der Schweiz, Portugal, Spanien und Schweden. Andere Länder gerieten entweder unter deutsche Besatzung oder schlossen auf Druck der Deutschen die diplomatischen Vertretungen Polens.
Die polnische Gesandtschaft in Bern befand sich im Diplomatenviertel in der Elfenstraße. Zusätzlich wurde seit 1940 das Gebäude in der Thunstraße gemietet, in der sich die konsularische Abteilung der Gesandtschaft befand. Ab April 1940 war Aleksander Ładoś, ehemaliger Gesandter Polens in Lettland (1923–1926) und Generalkonsul in München (1927–1931), der Leiter der Institution. Ładoś verließ Polen im Jahr 1939 auf Befehl von Władysław Sikorski, und in den Jahren 1939–1940 war er kurzzeitig Mitglied seiner Exilregierung. Als er die Funktion in Bern antrat, arbeiteten dort schon drei weitere Diplomaten – die Mitglieder der Berner Vertretung –, Ryniewicz seit 1938 und Kühl und Rokicki seit 1939. Rokicki und Ryniewicz kannten sich von ihrem früheren Dienst in Riga (1934–1936) und waren wahrscheinlich enge Freunde. Sie trafen Kühl und Ładoś erst in Bern. Kurz vor dem Krieg kam Abraham Silberschein nach Genf. Er war Vertreter des Jüdischen Weltkongresses. Chaim Eiss war seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz und besaß ein Geschäft in Zürich. Silberschein und Eiss kannten sich vor dem Krieg nicht.Polen halfen beim Freikauf von Juden.
Ausstellung der lateinamerikanische Reisepässe Laut Juliusz Kühl entstand die Idee, falsche lateinamerikanische Reisepässe herzustellen, um die Wende des Jahres 1939. Die Idee war zuerst nicht mit dem Holocaust verbunden. Dutzende Paraguay-Dokumente sollten produziert werden, damit einflussreiche Juden aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten das Land nach Japan verlassen konnten. Die Gesandtschaft identifizierte den Honorarkonsul Paraguays, den Notar Bernhards Rudolf Hügli, der bereit war, Blanko-Reisepässe zu verkaufen. Es wurden zuerst etwa 30 solche Dokumente gekauft. Es ist nicht bekannt, wer sie ausfüllte und wie sie in die Sowjetunion gelangten. Ende 1939 / Anfang 1940 existierten zwischen der Schweiz und der sowjetischen Grenze immer noch einige neutrale Länder, und das Reisen über die Grenzen war formal möglich. Zunächst glaubte man, dass die Herstellung der Pässe eher einen einmaligen Charakter hatte. Das bekannteste Beispiel ist die Herstellung eines Reisepasses für Guta Eiszweig, die zukünftige Ehefrau von Eli Sternbuch, und ihre Mutter im November 1941. Die Familie Sternbuch erhielt das Dokument durch Kontaktaufnahme mit Juliusz Kühl. Es ist nicht bekannt, wer dieses Dokument ausgefüllt hat. Eine Studie von Yad Vashem von 1957 lieferte Hinweise, dass auch andere Pässe hergestellt wurden – insbesondere nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941. In einigen Fällen wurden die Passinhaber von der Pflicht befreit, in Ghettos zu wohnen und ein Armband mit dem Davidstern zu tragen. Zu dem Schema der Pass-Herstellung kehrte man 1942 nach der Wannseekonferenz zurück, als der Massenmord an europäischen Juden begann. Von diesem Zeitpunkt an schützten die lateinamerikanischen Pässe in der Regel vor der Deportation in die Vernichtungslager, und ihre Besitzer wurden in Internierungslager in Deutschland und Frankreich geschickt. Anfangs wurde die Operation chaotisch durchgeführt, was die Möglichkeit einer Aufdeckung erhöhte. Dies war wahrscheinlich der Grund, warum die polnische Gesandtschaft in Bern 1942 die Aktion von Abraham Silberschein in die Operation einbezog.Agnieszka Haska. „Proszę Pana Ministra o energiczną interwencję“. Aleksander Ładoś (1891–1963) i ratowanie Żydów przez Poselstwo RP w Bernie. „Zagłada Żydów. Studia i Materiały“. 11, s. 299–309, 2015, ISSN 1895-247XGutta Sternbuch, David Kranzler: Gutta: Memories of a Vanished World. A Bais Yaakov Teacher’s Poignant Account of the War Years with a Historical Overview. Jerusalem-New York: 2005. ISBN 978-1-58330-779-3 Im Gespräch mit der Polizei beschrieb Silberschein dies wie folgt.Archives fédérales suisses Berne, C 16/2032 – F. Hirsch und A. Silberschein, 1. September 1943, dossier Silberschein „Ich hatte ein Treffen in der polnischen Gesandtschaft in Bern mit dem ersten Sekretär Ryniewicz und Herrn Rokicki, der die konsularische Abteilung leitete. Beide Herren haben mich auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass gewisse Leute in der Schweiz damit beschäftigt sind, die Pässe an die Polen bereitzustellen, die in den von Deutschland besetzten Ländern leben. Die Pässe ermöglichen deren Inhabern, ihre Lage zu verbessern. Wir hatten mit einem echten Pass-Schwarzmarkt zu tun. Die Herren von der Gesandtschaft äußerten den Wunsch, dass ich die Verantwortung für die Sache übernehme, was ich auch im Namen von RELICO getan habe.“
Paraguayische Reisepässe Das Zentrum der Passoperation waren zunächst die RELICO-Organisation und die polnische Gesandtschaft. Silberschein sandte die Personenlisten an den Konsul Rokicki. Dieser registrierte sie und veranlasste die Herstellung der Pässe. Rokicki sandte dann an Silberschein die Pässe oder deren notariell beglaubigte Kopien zurück. Beigelegt wurde auch in jedem Fall ein Schreiben von dem Honorarkonsul Rudolf Hügli an den Pass-Inhaber, in dem er über die Ausstellung des Passes persönlich informiert wurde. Im Januar 1943 wurde Hügli von der Polizei verhört. Er sagte wie folgt ausArchives fédérales suisses Berne, B.23.22.Parag-OV – Notiz in Sachen Rudolf Hügli, geb. 13 Juni 1872, dossier Hügli 4.VIII.1943: „Mitte 1942 fing ich an, Pässe bereitzustellen. Kuhl hatte die Idee, die Pässe den Personen auszuhändigen, die keine Ausweisdokumente hatten und staatenlos waren. […] Die meisten Fälle wurden von der polnischen Gesandtschaft, d. h. von Herrn Kühl, […] bearbeitet. Er war derjenige, der mich bezahlt hat. Ich weiß nicht, ob der polnische Gesandte davon wusste. Auf jeden Fall wusste der erste Sekretär, S. Ryniewicz, alles, und er füllte die Pässe aus und schickte sie mir zur Unterschrift und zum Abstempeln.“