Das Institut für Meereskunde in Kiel bestand vom 15. Juni 1937 bis zum 1. Januar 2004. Es war ein wesentlicher Baustein für die Geschichte der Meeresforschung in Kiel und in Deutschland, die mit Samuel Reyher 1697 begann und heute mit dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel fortgesetzt wird.
Vorgeschichte Die physikalisch-chemische Ozeanografie stand am Anfang der Kieler Meeresforschung, als Samuel Reyher, Professor der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), seine Ergebnisse zu Salzgehaltsänderungen in der vereisten Kieler Förde 1697 veröffentlichte. Andere meereskundliche Arbeiten von Kieler Wissenschaftlern folgten im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts. Der Philosophie-Professor Johann Nikolaus Tetens (1736–1807) befasste sich 1788 mit den Gezeiten der Nordsee, der Chemie-Professor Christoph Heinrich Pfaff (1773–1852) 1822 mit den hydrographischen und chemischen Bedingungen in der westlichen Ostsee und der Medizin-Professor Gustav Adolf Michaelis (1798–1848) mit optischen Effekten im Meer.
Systematische Meeresforschung begann aber erst später im 19. Jahrhundert mit meeresbiologischen Arbeiten vor allem des Zoologen Karl August Möbius (1825–1908), des Physiologen Victor Hensen (1835–1924), des Produktionsbiologen Karl Brandt (1854–1931) und des Zoologen Wilhelm Friedrich Georg Behn (1808–1878), der an der dänischen Galathea (Schiff, 1831)-Expedition (1845–1847) teilnahm. Expeditionen aus Kiel in die Ost- und Nordsee erfolgten mit dem S.M.Avisodampfer Pommerania (1871, 1872). und später mit dem Frachtdampfer Holsatia (1887, 1901/02). Die Gazelle des Hydrographischen Amts der Marine startete von Kiel zu einer Expedition (1874–1876) rund um die Welt. In Montevideo gab es ein Zusammentreffen mit der gleichzeitig (1872–1876) laufenden britischen Challenger-Expedition. Der Kieler Ozeanograph Gustav Karsten veröffentlichte 1888 die physikalischen Ergebnisse der Gazelle-Expedition. Die Plankton-Expedition in den Atlantik mit der „National“ 1889 startete ebenfalls von Kiel und war der Beginn deutscher Tiefsee-Expeditionen mit Kieler Wissenschaftlern.
Auch systematische physikalisch-chemische Meeresforschung begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kiel. Zwei Persönlichkeiten sind besonders zu nennen. Der Hamburger Kaufmann und Industrielle Heinrich Adolph Meyer (1822–1889) brachte eine Gruppe der an Meeresforschung Interessierten zusammen. Dazu gehörte auch der Kieler Physiker Gustav Karsten (1820–1900), mit dem sich eine lange Zusammenarbeit entwickelte. Ab 1859 führte Meyer erste hydrographische Beobachtungen in der Kieler Förde durch und begann ab 1862 mit systematischen Messungen zur Untersuchung des Jahresgangs in der Ostsee. 1866 wurde er mit dem Ehrendoktor der Universität Kiel ausgezeichnet.
1870 wurde die Preußische Kommission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen Meere in Kiel gegründet. Meyer war Gründungsmitglied und Vorsitzender bis 1880, gefolgt von Karsten bis 1896. Auch Möbius und Hensen waren Mitglieder. Ziel war zunächst die Verbesserung der Fischerei. Aber man erkannte schnell, dass verbesserte Kenntnisse zur Hydrographie und neue Ansätze und Methoden dazu erforderlich waren. In der Folge spielte die Kieler Kommission eine wichtige Rolle in der Entwicklung der deutschen Meeresforschung. 1902 richtete die Kommission ein Laboratorium für die internationale Meeresforschung ein. Außerdem wurde der Geograph Otto Krümmel 1883 Professor an der CAU. Er trug wesentlich zu hydrographischen Beobachtungen bei und schrieb das erste Lehrbuch der Ozeanographie in deutscher Sprache. In der Universität Kiel wurde das Institut und Museum für Zoologie, von 1924 bis 1934 geleitet von Adolf Remane (1898–1976), zum Zentrum der meeresbiologischen Forschung. Daneben gab es in Kiel bahnbrechende Arbeiten zur Meeresakustik im Rahmen der Marine und der Industrie, insbesondere durch Alexander Behm (1880–1952), Hugo Lichte (1891–1963) und Karl Heinrich Hecht (1880–1961).
Das Institut für Meereskunde (IfM) Das Institut für Meereskunde (IfM) begann 1937 mit seinem Betrieb, nachdem die CAU beschlossen hatte, die Kieler Meeresforschung in einem Institut der Universität zusammenzufassen. Die Arbeiten der früheren Laboratorien der Kieler Kommission wurden in das neue Institut überführt. Das IfM war in eine biologische, eine hydrographisch-chemische und eine geologische Hauptabteilung gegliedert. Neben der fachbezogenen Arbeit wurde auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit angestrebt. Untersuchungen in der Ostsee sollten zunächst im Mittelpunkt stehen, aber nicht auf diese Region beschränkt bleiben. Ein Institutsgebäude wurde in Kitzeberg auf dem Ostufer der Kieler Förde bereitgestellt. Remane war von 1937 bis 1944 Direktor des IfM. Der Meereschemiker Hermann Wattenberg (1901–1944) wurde am 1. Mai 1944 sein Nachfolger. Er starb am 24. Juli 1944 mit acht Mitarbeitern bei einem Bombenangriff, der das Institutsgebäude zerstörte.
Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann 1946 wieder die Arbeit im IfM. Georg Wüst (1890–1977) wurde Professor für Ozeanographie und Meteorologie der CAU und Direktor des Instituts für Meereskunde der Universität Kiel. Er hatte im „Institut und Museum für Meereskunde (Berlin)“ wegweisende Arbeiten zur ozeanischen Zirkulation durchgeführt. Es gelang ihm, frühere Mitarbeiter zurückzuholen, ein Institutsgebäude in einer alten Villa auf dem Kieler Westufer und einen Forschungskutter zu erhalten, die Lehre zu beginnen und mit insgesamt 15 Mitarbeitern Forschungsarbeiten in der Ostsee zu starten. Nach Wüsts Emeritierung wurde Günter Dietrich (1911–1972) sein Nachfolger. Auch er hatte früher im Berliner Institut für Meereskunde gearbeitet. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs schnell, und die Erfahrungen und Forschungsinteressen von Wüst und Dietrich verstärkten die zunehmende wissenschaftliche Orientierung des IfM auf den tiefen Ozean, vor allem in der physikalisch-chemischen Forschung. Das IfM wurde in diesen Jahren zum führenden Meeresforschungsinstitut in der Bundesrepublik Deutschland und zum wissenschaftlichen Nachfolger des nicht mehr existierenden Berliner Instituts für Meereskunde in Forschung und Lehre. Der formale Nachfolger des Berliner Museums für Meereskunde heißt heute Deutsches Technikmuseum Berlin.
Ein Meilenstein in der Entwicklung des IfM war die Inbetriebnahme der neuen Meteor (Schiff, 1964), wissenschaftlich gesteuert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, bereedert durch das Deutsche Hydrographische Institut (siehe Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie) und genutzt von allen westdeutschen Meeresforschungsgruppen. Die erste große Expedition 1964/65 unter Führung und starker Beteiligung der Kieler Meeresforscher war Teil der International Indian Ocean Expedition im Roten Meer, im Indischen Ozean und im Persischen Golf.
Der Finanzbedarf des IfM wuchs mit den Aufgaben, und eine Finanzierung im Rahmen der CAU durch das Land Schleswig-Holstein wurde zunehmend schwieriger. Die Gesamtzahl der Mitarbeiter betrug inzwischen 124. Eine Mitfinanzierung durch die Bundesregierung wurde angestrebt. Am 3. Mai 1968 wurde aus dem Institut für Meereskunde der Universität das Institut für Meereskunde an der Universität als Mitglied der Bund-Länder-finanzierten Institute der Blauen Liste (später Leibniz-Gemeinschaft). Mit einer neuen Satzung wurde eine Kollegialverfassung eingeführt. Die Leitung des Gesamtinstituts erfolgte durch den geschäftsführenden Direktor und das Kollegium, welches aus den Leitern der zehn Abteilungen und zwei Vertretern der wissenschaftlichen Mitarbeitern bestand. Das Kollegium wählte aus dem Kreis der Abteilungsdirektoren jeweils für zwei Jahre einen geschäftsführenden Direktor des Instituts. Die Verbindung zur CAU blieb eng, alle Professoren wurden in gemeinsamen Kommissionen der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät und des IfM ausgewählt. Regelmäßige externe Begutachtungen der wissenschaftlichen Leistungen des Instituts stellten eine hohe wissenschaftliche Qualität sicher.
In den folgenden Jahren wurde das IfM zum Partner zahlreicher großer internationaler Forschungsprogramme. Viele Kieler Wissenschaftler arbeiteten zeitweise im Ausland, vor allem in den USA, und später war eine große Zahl ausländischer Forscher zu Gast im IfM. Die Zahl der Beschäftigten wuchs kontinuierlich weiter.
Parallel zum IfM hatten sich an der CAU meeresgeologische und geophysikalische Forschungsgruppen entwickelt. Ein Teil dieser Aktivitäten wurde ab 1987 in einem neuen geowissenschaftlichen Institut Geomar zusammengefasst und fortgeführt. Ende 2001 hatte Geomar insgesamt 153 Mitarbeiter. Das IfM war bis zu diesem Zeitpunkt auf 252 Mitarbeiter angewachsen. Mit dem Ziel, die Meereswissenschaften in Kiel organisatorisch zusammenzuführen und eine noch engere Zusammenarbeit zu ermöglichen, erfolgte zum 1. Januar 2004 die Zusammenfassung von IfM und Geomar zu IFM-GEOMAR als Institut der Leibnizgemeinschaft. Das Gesamtinstitut hatte Ende 2004 insgesamt 389 Mitarbeiter. Aus finanzpolitischen Erwägungen folgte dann am 1. Januar 2012 der Übergang zu einem überwiegend vom Bund finanzierten Institut der Helmholtz-Gemeinschaft, dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
Geschäftsführende Direktoren des IfM
Dienstzeit Name Lebensdaten 1937–1944 Adolf Remane * 1898 † 1976 1944 Hermann Wattenberg * 1901 † 1944 1946–1959 Georg Wüst * 1890 † 1977 1959–1968 Günter Dietrich * 1911 † 1972 1968–1972 Friedrich Defant * 1914 † 1990 1972–1976 Gotthilf Hempel *1929 1976–1978 Gerold Siedler *1933 1979–1982 Bernt Zeitzschel *1937 1983–1988 Wolfgang Krauß * 1931 † 2009 1989–1990 Jan-C. Duinker *1934 1991–1994 Dieter Adelung *1935 † 2022 1995–1996 Friedrich A. Schott * 1939 † 2008 1997–1998 Bernt Zeitzschel *1937 1999–2000 Peter Lemke *1946 2001–2003 Jürgen Willebrand *1941
Struktur des Instituts nach der Satzung vom 3. Mai 1968
Abteilung Abteilungsdirektor/Leiter (Stand: 1968) Regionale Ozeanographie Günter Dietrich Theoretische Ozeanographie Wolfgang Krauss Meeresphysik Gerold Siedler Meereschemie Klaus Grasshoff Maritime Meteorologie Friedrich Defant Meeresbotanik Fritz Gessner Meereszoologie Carl Schlieper Fischereibiologie Gotthilf Hempel Marine Planktologie Johannes Krey Marine Mikrobiologie Gerhard Rheinheimer
Dekane
Aus dem Institut für Meereskunde waren folgende Mitarbeiter Dekane der Philosophischen bzw. Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der CAU:
Zeitraum Name 1950–1952 Georg Wüst 1965 Günter Dietrich 1970–1971 Wolfgang Krauss 1989–1991 Dieter Adelung 1991–1992 Gerold Siedler 1992–1994 Bernt Zeitzschel
Forschungsschiffe des IfM
Einsatzzeit Schiff 1946–1966 Forschungskutter Südfall (1958 umbenannt in Hermann Wattenberg) 1966–1990 Forschungsschiff Alkor 1966–1997 Forschungsbarkasse Sagitta 1975 – heute Forschungsschiff Littorina (Eigner CAU) 1976 – 2019 Forschungsschiff Poseidon 1990 – heute Forschungsschiff Alkor (Nachfolgeschiff) 1997 – heute Forschungsbarkasse Polarfuchs
Außerdem wurden von IfM-Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Schiffe aus dem Pool größerer deutscher Forschungsschiffe häufig genutzt: Meteor, Meteor, Planet, Sonne, Polarstern, Maria S. Merian. Siehe auch die Liste deutscher Forschungsschiffe.
Beteiligung des IfM an großen Forschungsprogrammen Durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft wurde die Finanzierung langfristig angelegter Sonderforschungsbereiche (SFBs) bereitgestellt. Das IfM war an mehreren SFBs, zum Teil federführend, beteiligt:
Laufzeit Nummer Name 1971–1985 SFB 95 Wechselwirkung Meer – Meeresboden 1980–1995 SFB 133 Warmwassersphäre des Atlantiks 1985–1998 SFB 313 Veränderungen der Umwelt: Der nördliche Nordatlantik 1996–2006 SFB 460 Dynamik thermohaliner Zirkulationsschwankungen
Die Beteiligung an internationalen Forschungsprogrammen hatte am IfM eine große Bedeutung. Dazu gehörten unter anderem:
ICES Overflow ’73
ICES International Overflow Expedition 1960
International Indian Ocean Expedition, IIOE