mini|Rudolf Diels im November 1933 Rudolf Diels (* 16. Dezember 1900 in Berghausen, Unterlahnkreis; † 18. November 1957 in Katzenelnbogen) war ein deutscher Verwaltungsjurist und von April 1933 bis April 1934 der erste Chef der Gestapo.
Diels war ab 1930 im preußischen Innenministerium tätig und arbeitete schon vor dem Regierungsantritt Hitlers 1933 mit Hermann Göring zusammen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er Chef der preußischen politischen Polizei, aus der die Gestapo hervorging. Nachdem er im Zuge von Machtkämpfen zwischen Göring und Heinrich Himmler seinen Posten räumen musste, war er als Regierungspräsident in Köln und Hannover tätig. Nach dem Kriegsende trat Diels als Zeuge in den Nürnberger Prozessen auf, wo er unter anderem Hermann Göring schwer belastete. Da er für eine Funktion als höherer Beamter oder in der Politik im Nachkriegsdeutschland nicht mehr in Frage kam, trat er vor allem als publizistischer Provokateur auf, so mit seiner apologetischen Erinnerungsschrift „Lucifer ante Portas“, die auch per Vorabdruck als Spiegel-Serie erschien.
Leben Der Sohn eines Großbauern aus Berghausen erhielt am 24. September 1918 sein Abiturzeugnis am humanistischen Königlichen Gymnasium zu Wiesbaden mit guten Noten in den Fächern Religion, Deutsch, Latein und Singen sowie der gerade noch ausreichenden Note „genügend“ in Griechisch, Französisch, Geschichte, Erdkunde, Mathematik, Physik und Sport. Anschließend habe er sich eigenen Angaben zufolge freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und sei am Ende des Ersten Weltkriegs wenige Wochen bei einer Fernmeldeeinheit im elsässischen Hagenau stationiert gewesen. Diels’ Biograf Klaus Wallbaum weist aber darauf hin, dass diese Angaben Diels’ in den Akten nicht verifiziert werden können und er im August 1918 schon deswegen nicht Soldat gewesen sein konnte, weil er erst Ende September sein Reifezeugnis erhielt.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59818-4, S. 42f. Sein Studium der Staats- und Rechtswissenschaften begann er im Frühjahr 1919 an der Ludwigs-Universität Gießen und wechselte im Mai an die Philipps-Universität Marburg. Hier schloss er sich auch dem Corps Rhenania-Straßburg zu Marburg an. Nachdem er 1922 das erste juristische Staatsexamen bestanden hatte, war Diels als Regierungsreferendar in Kassel tätig. Das zweite Staatsexamen legte er 1924 ab, es folgten Anstellungen als Regierungsassessor in Neuruppin, Teltow und Peine.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes., S. 44–48
Preußisches Innenministerium Im April 1931 wechselte Diels ins preußische Innenministerium unter Minister Carl Severing. Dort sollte er sich zunächst im Rahmen einer dreimonatigen Abordnung um die Vertretung des Aufgabenbereichs von Ministerialrat Franz Janich um die Beobachtung der Nationalsozialisten und Kommunisten kümmern. Daraus wurde eine feste Stelle mit Ernennung zum Regierungsrat im Oktober 1931. Diels galt damals als Anhänger, zeitweise Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit guten Kontakten auch zu anderen demokratischen Parteien und war vom Staatssekretär des Innenministeriums Wilhelm Abegg empfohlen worden. Im Jahr zuvor hatte Diels seine erste Frau Hildegard Mannesmann, die Tochter des Industriellen Alfred Mannesmann, geheiratet. Durch diese Ehe, die bis 1936 hielt, wurde er für die Mächtigen auch wegen seiner Kontakte zu Wirtschaftskreisen interessant.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 28, S. 166f. Im Laufe des Jahres 1932 wandte er sich von seiner Parteipräferenz für die DDP ab. Im Zuge des Preußenschlags konnte Diels durch Zuträgerdienste seine Karriere erheblich vorantreiben. Der Gruppe um Franz von Papen und Kurt von Schleicher spielte Diels Informationen über eine Besprechung zwischen seinem Vorgesetzten Staatssekretär Wilhelm Abegg und den KPD-Politikern Wilhelm Kasper und Ernst Torgler zu. Diese Informationen – welche die tatsächliche Besprechung in verzerrter Form wiedergaben und auch in die Presse lanciert wurden – bildeten die Grundlage für die Behauptung, die preußische Regierung konspiriere mit den Kommunisten, und lieferten somit einen willkommenen Vorwand zur Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen (Abegg-Affäre) im Sommer 1932.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 53ff.
Im Juli 1932 wurde Diels zum Oberregierungsrat befördert – ein solcher Rang war in seinem damaligen Alter ungewöhnlich, wobei einige ältere Beamte übergangen wurden. Gleichzeitig übernahm Diels die Leitung der politischen Abteilung der preußischen Polizei und erhielt noch am Tag der Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 von Göring den Sonderauftrag, alle kommunistischen Funktionäre zu erfassen. Er bildete nun innerhalb des Polizeipräsidiums Berlin eine Sonderabteilung der Polizei zur „politischen Bekämpfung des Kommunismus“ und wurde von Göring am 17. Februar 1933 zum Leiter der politischen Abteilung im Polizeipräsidium Berlin ernannt.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 54, S. 61–73; Robert Becker: Die Kölner Regierungspräsidenten im Nationalsozialismus – zum Versagen von Vertretern einer Funktionselite. Wien – Köln – Weimar. Böhlau Verlag 2018, ISBN 978-3-412-50101-3, S. 125f.
Nach den Akten, unter anderem der Spruchkammer aus Diels’ Entnazifizierungsverfahren, stand er bereits seit Anfang der 1930er-Jahre mit von Papen und den Nationalsozialisten in Verbindung, seit Ende 1932 knüpfte er direkt Kontakt zu Göring, dem er wiederum Informationen über Kommunisten und Sozialdemokraten zutrug.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 26, S. 60–68, S. 90–93 (betreffs Göring), S. 293–295.
Chef der politischen Polizei mini|Diels im Dezember 1933 vor Häftlingen im KZ Esterwegen Unmittelbar nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, machte sich Göring an die Reorganisation der Polizei. Am 15. Februar 1933 wurde Magnus von Levetzow neuer Polizeipräsident in Berlin, Diels’ Kompetenzen als Leiter der politischen Abteilung wurden erweitert. Göring verfolgte den Plan, die politische Abteilung aus der preußischen Polizei zu lösen und direkt seinem Innenministerium zu unterstellen, und erreichte sein Ziel mit der Gründung des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) am 26. April 1933. Rudolf Diels wurde am gleichen Tag als Inspekteur dessen Leiter. Im Juli 1933 wurde er zum Ministerialrat befördert.
Obwohl Diels seine Tätigkeit in dieser frühen Phase der NS-Diktatur später als Widerstand darstellte, kooperierte er nachweislich willig mit den neuen Machthabern. Er übernahm SA-Führer in den Polizeidienst und förderte so die Verzahnung zwischen Gestapo und der paramilitärischen SA, bei der er seit März 1932 Förderndes Mitglied war. Bei Göring setzte er sich für die Beendigung der Ermittlungen im Fall Albrecht Höhler ein. Höhler – seit 1930 wegen Totschlags an Horst Wessel inhaftiert – war im September 1933 von der SA entführt und ermordet worden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg behaupteten Angehörige des betreffenden SA-Rollkommandos und der Gestapo-Beamte Pohlenz übereinstimmend, Diels sei bei dem Mord an Höhler persönlich anwesend gewesen und habe diese Tat sogar durch Ausstellung eines Überstellungsbefehls an die SA „juristisch legalisiert“. Es habe sich somit nicht wirklich um eine Entführung gehandelt.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 110–112.
Ebenso wirkte Diels beim Aufbau des Instruments der Schutzhaft und bei den Judenverfolgungen mit. Noch nach dem Krieg äußerte er sich positiv über den NS-Terror gegen die Kommunisten.
Konflikte, die Diels mit SA und SS austrug – beispielsweise um die frühen Konzentrationslager –, lassen sich nicht auf eine kritische Einstellung Diels gegenüber den Nationalsozialisten zurückführen, sondern primär auf Kompetenzstreitigkeiten.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 96.
Regierungspräsident und SS-Führer Ende 1933 geriet Diels in den Machtkampf zwischen Himmler und Göring. Er wurde von Göring als Leiter der Gestapo entlassen und sah sich zur Flucht in die Tschechoslowakei veranlasst. Seine Wohnung und seine Büroräume wurden von SS und SA durchsucht. Sein Amt übernahm kurzfristig auf Empfehlung des Kommissars z.b.V. Kurt Daluege der Polizeipräsident von Altona-Wandsbek Paul Hinkler. Erst auf Drängen Görings kehrte Diels nach Berlin zurück und wurde am 18. November 1933 zum Polizeivizepräsidenten von Berlin ernannt. Zugunsten einer Rückkehr von Diels hatte Adolf Hitler selbst Einfluss auf Göring genommen. Er zeigte sich unzufrieden mit Diels Ablösung. So notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch am 24. November 1933 nach einem Treffen mit Hitler: „Chef beklagt sich über Göring, dass er Diels gehen ließ und an seine Stelle Hinkler setzte.“Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 136. Am 29. November konnte er sein vorheriges Amt als Inspekteur der Gestapo wieder antreten. Nach dem Krieg stellte sich Diels als von der SS (insbesondere von Reinhard Heydrich) verfolgt dar, was schwerlich damit in Einklang zu bringen ist, dass er am 15. September 1933 von Himmler als Rangführer im Dienstrang eines SS-Obersturmbannführers in die SS aufgenommen wurde (SS-Nummer 187.116) und am 9. November 1933 ehrenhalber zum SS-Standartenführer befördert wurde. Trotzdem blieb Diels in den Augen von Himmler und Heydrich ein „Überläufer“, dessen frühere DDP-Mitgliedschaft und Vergangenheit als Mitarbeiter des preußischen Innenministers Severin (SPD) nicht vergessen und dem wegen seiner zahlreichen Kontakte mit Misstrauen zu begegnen war. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 124–128, S. 350.
Offenbar hatte Diels Robert Kempner bei der Emigration geholfen und wurde demzufolge am 21. April 1934 in den einstweiligen Ruhestand versetzt, sein Nachfolger als Gestapo-Chef wurde Himmler. Am 9. Mai 1934 erhielt Diels einen Posten als Regierungspräsident in Köln. Wie sehr Diels unter der Protektion Görings stand, zeigte sich darin, dass dieser ihn höchst persönlich am 27. Juni 1934 in sein neues Amt einführte. Normalerweise wurde ein neuer Regierungspräsident vom jeweiligen Oberpräsidenten bei seiner Amtseinführung begleitet. Dass im Falle Diels der preußische Ministerpräsident Göring selbst diese Handlung vornahm, war eine Besonderheit und wurde von den Kölner Zeitungen aufmerksam registriert.Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 175.
Die Säuberungsaktionen im Zuge der Röhm-Affäre im Sommer 1934 überstand Diels heil, da er sich (bis zum Ende des Dritten Reichs) der Protektion Görings sicher sein konnte.