mini|Titelblatt der Pariser Handschrift von ʿAwārif al-maʿārif, Ms. Paris, Bibliothèque Nationale, Arabe Nr. 1332, mit verschiedenen Besitzvermerken. Die Handschrift stammt in ihrem ersten Teil wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert. ʿAwārif al-maʿārif () ist ein umfassendes Handbuch zur Sufik und zugleich das bedeutendste Werk des schafiitischen Rechtsgelehrten und Sufis Schihāb ad-Dīn Abū Hafs ʿUmar as-Suhrawardī (1145–1234), der die Unterstützung des abbasidischen Kalifen an-Nāsir li-Dīn Allāh (reg. 1180–1225) genoss. As-Suhrawardī hat das Werk vor 1206 verfasst und ab dieser Zeit als Lehrbuch in seinem Schülerkreis verwendet. Obwohl der Autor sehr stark auf frühere sufische Texte zurückgreift, ist ʿAwārif al-maʿārif ein originelles Werk, das seinen Gegenstand in einer noch nie dagewesenen Art definiert und systematisiert.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 287. Nach Richard Gramlich, der das Werk ins Deutsche übersetzt hat, ist es „der Endpunkt und zugleich Höhepunkt der klassischen orthodoxen sufischen Handbuchliteratur“.Gramlich: Die Gaben der Erkenntnisse. 1978, S. 1.
Das Buch, das aus einer kurzen Vorrede und 63 Kapiteln besteht, behandelt zunächst das Wesen des Sufitums an sich und seine Beziehung zu anderen islamischen Frömmigkeitskulturen wie der Malāmatīya und Qalandarīya. Sodann befasst es sich mit verschiedenen sufischen Institutionen wie dem Scheichtum, dem Flickenrock (Chirqa) und dem Ribāt, in dem zu seiner Zeit die meisten Sufis lebten, sowie mit der vierzigtägigen Einkehr. Behandelt werden außerdem verschiedene Themen, die bei den Sufis umstritten waren, wie die Frage von Heirat und Ehelosigkeit sowie die Zulässigkeit des Musikhörens. Schließlich geht es in dem Werk um sufische Charaktereigenschaften und Verhaltensregeln, die mystische Psychologie und die Maqām genannten Stationen auf dem mystischen Weg.
Über Schüler wurde ʿAwārif al-maʿarif nach Indien und Persien vermittelt und dort mehrfach kommentiert und ins Persische übersetzt. In den sufischen Orden der Suhrawardīya und der Tschischtīya blieb es bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts das wichtigste sufische Lehrbuch. Mehrfach wurde das Werk auch ins Osmanisch-Türkische übersetzt. Bis heute erfreut es sich weltweit in sufischen Kreisen großer Popularität und gilt als das Standardhandbuch für alle Fragen, die die sufischen Verhaltensregeln und Pflichten von Scheichen und ihren Schülern betreffen.Chittick: "ʿAwāref al-Maʿāref". 1987, S. 114.
Textzeugen Handschriften Handschriften des Textes werden in Berlin, Wien, Paris, London, Manchester, Algier, Fes, Tunis, Kairo, Istanbul, Bursa, Peschawar, Patna, Rampur und AligarhBrockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Bd. I, S. 569, Supplement-Band I, S. 789. und an vielen anderen Orten aufbewahrt. Allein in Istanbuler Bibliotheken befinden sich 37 Handschriften des Werks aus der Zeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert,Ritter: "Philologika IX: Die vier Suhrawardī (Fortsetzung und Schluß)". 1938, S. 37–41. was die außerordentliche Popularität des Werkes belegt. Sechs von diesen Handschriften stammen aus dem 13. Jahrhundert.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 288. Besonders bedeutend sind die drei folgenden Handschriften: Ms. Istanbul, Lala Ismail 180 mit 233 Blatt. Diese Handschrift wurde laut Hörervermerk erstellt, als das Original des Werks im Jahr 605 d. H. (= 1208/09 n. Chr.) zusammen mit zwei anderen Werken as-Suhrawardīs im Ribāt al-Marzubānīya in Bagdad verlesen wurde. In einer Notiz von as-Suhrawardīs eigener Hand auf dem Hörervermerk wird diese Angabe bestätigt. E. Ohlander stufte sie 2008 als die älteste Handschrift des Werks ein.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 291, 293. MS Belgrad O.1115 mit 264 Blatt. Nach neueren Untersuchungen von A. Kars ist sie auf den 4. Dschumādā I 603 (= 14. Dezember 1206) datiert und somit die älteste Handschrift des Werks. Sie wurde von dem hanafitischen Traditionsgelehrten Abū Tāhir ʿAbd as-Salām ibn Abī ar-Rabīʿ asch-Schīrāzī (gest. 1263) erstellt.Aydogan Kars: “An Earlier Copy of al-Suhrawardī’s ʿAwārif al-Maʿārif and Its Scribe, Abū Ṭāhir al-Ḥanafī” in Religions 11 (2020) 613. DOI Ms. Paris, Bibliothèque Nationale, Arabe Nr. 1332 mit 197 Blatt (Digitalisat). Der ältere Hauptteil des Kodex ist nicht datiert, stammt aber wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert. Der zweite Teil, der mit Blatt 162 beginnt, wurde 1381 von Muhammad ibn Ismāʿīl ibn Mahmūd al-Hawāfī erstellt. Im älteren Teil finden sich viele Varianten und Anmerkungen am Rand.Gramlich: Die Gaben der Erkenntnisse. 1978, S. 15.
Druckeditionen In gedruckter Form wurde das Werk erstmals 1872 von Muhammad ʿAbd al-Latīf al-Chatīb am Rande der Bulaq-Edition von al-Ghazālīs Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn herausgebracht. In dieser Form erschien es erneut 1877, 1879, 1886, 1888, 1895, 1908 und 1910. In den späteren Ausgaben, die ab 1939 in Kairo und Beirut erschienen, war das Werk nicht mehr am Rand des Iḥyāʾ abgedruckt, sondern in seinem Anhang als fünfter Band. Obwohl diese unkritische Textausgabe von al-Chatīb viele Fehler enthält und an vielen Stellen unzuverlässig ist, ist sie immer noch sehr stark in der arabischen Welt verbreitet.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 287. 1984 erschien eine von Maḥmūd Saʿīd Mamdūḥ neu formatierte Ausgabe bei Dār al-Maʿrifa in Beirut.
In den späten 1960er Jahren bemühten sich ʿAbd al-Halīm Mahmūd und Mahmūd ibn asch-Scharīf darum, eine kritische Edition des Textes herzustellen. Der erste Band dieser Edition mit 352 Seiten, der nur die Kapitel 1 bis 21 enthält, erschien 1971 in Kairo bei Dār al-kutub al-hadītha. Wie der Vorrede von ʿAbd al-Halīm Mahmūd zu entnehmen ist, stützt sich die Edition auf drei Handschriften aus der Ägyptischen Nationalbibliothek und der Bibliothek der Azhar: (1) eine Handschrift von al-Hāddsch Yūsuf ibn al-Husain ar-Rūmī von 832 d.H. (1428 n. Chr.), (2) eine von ʿIwaḍ Efendī von 1100 d.H. (= 1688 n. Chr.) und (3) eine von as-Saiyid Sulaimān al-ʿAzīzī asch-Schāfiʿī von 1112 d.H. (= 1700 n. Chr.). Ansonsten gibt Mahmūd über diese Handschriften keine weiteren Informationen.Georges Anawati: "Textes Arabes anciens edités en Ègypte au cours des annés 1969 à 1973" in Mélanges de l'Institut Dominicain d'Études Orientales du Caire 12 (1974) 91-186. Hier S. 153f. Der zweite Band der Edition, der die restlichen 41 Kapitel des Buches enthält, erschien erst im Jahre 2000.Er ist hier abrufbar. Er stützt sich auf eine erheblich ältere Handschrift, die angeblich auf das Jahr 613 d.H (= 1216 n. Chr.) datiert ist. ʿAbd al-Halīm Mahmūd hatte sie von Muhammad Yūsuf al-Banūrī erhalten. Auch über diese Handschrift liefert er leider keine weiteren Informationen.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 287.
Auch wenn mit der alten Būlāq-Ausgabe und der Edition von ʿAbd al-Halīm Mahmūd/Mahmūd ibn asch-Scharīf zwei verschiedene Ausgaben vorliegen, besteht bisher immer noch keine zuverlässige Textgrundlage, die alle Textvarianten berücksichtigt.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 288.
Abfassungszeit Es ist nicht genau bekannt, wann as-Suhrawardī das Werk abgefasst hat. Nach einer Anekdote, die ʿAfīf ad-Dīn al-Yāfiʿī (gestorben 1367) und Dschāmi (gestorben 1492) anführen, ist es in Mekka entstanden, wobei as-Suhrawardī mehrfach den Tawāf um die Kaaba vollzog, um Gottes Hilfe bei der Lösung von Problemen bei der Abfassung zu erhalten. Allerdings handelt es sich hierbei wahrscheinlich um eine Verwechslung mit as-Suhrawardīs Werk Aʿlām at-tuqā, bei dem der Autor in der Vorrede tatsächlich berichtet, dass er bei der Abfassung so vorgegangen ist.Ohlander: Sufism in an Age of Transition. 2008, S. 61.
Erik Ohlander bestimmte als Terminus ad quem für die Entstehung des Werks das Jahr 605 d.H. (1208/09 n. Chr.), weil in diesem Jahr die Handschrift Lala Ismail 180 erstellt wurde.Ohlander: "A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus". 2008, S. 291. Da allerdings mittlerweile bekannt ist, dass mit MS Belgrad O.1115 eine noch ältere Handschrift des Werks vorliegte, die auf den Dezember 1206 datiert wird, ist dies als neuer Terminus ad quem zu betrachten.
Quellen As-Suhrawardī hat in sein Werk die gesamte ältere Sufi-Literatur eingearbeitet, darunter den Tafsīr von Sahl at-Tustarī (gest. 896), die Ḥaqāʾiq at-tafsīr und die Risālat al-Malāmatīya von Abū ʿAbd ar-Rahmān as-Sulamī (gest. 1021),Salamah-Qudsi: "The idea of tashabbuh in sufi communities". 2011, S. 183. und die sufischen Handbücher von Abu Nasr as-Sarradsch (gest. 988), Abū Tālib al-Makkī (gest. 996), al-Kalābādhī (gest. 990 od. später) und al-Quschairī (gest. 1074).Gramlich: Die Gaben der Erkenntnisse. 1978, S. 1. An vielen Stellen zitiert as-Suhrawardī darüber hinaus Aussagen seines Onkels und sufischen Lehrers Abū n-Nadschīb as-Suhrawardī.Ohlander: Sufism in an Age of Transition. 2008, S. 80.
Um bei Ideen, die er vorträgt, die Autorität seiner Worte zu unterstreichen, führt as-Suhrawardī an zahlreichen Stellen Koranverse und Hadithe an.Huda: The Remembrance of the Prophet. 2001, S. 134f. Auch mit dieser Methode folgt as-Suhrawardī dem Modell früherer sufischer Handbücher.Ohlander: Sufism in an Age of Transition. 2008, S. 52.
Der ägyptische Gelehrte Qāsim ibn Qutlubughā (gest. 1474) hat sich um die Identifizierung der in den ʿAwārif enthaltenen Hadithe bemüht und dazu ein Tachrīdsch-Werk abgefasst,Hāǧǧi Ḫalīfa: Kašf aẓ-ẓunūn. 1845, Bd. IV, 277. das aber nicht erhalten zu sein scheint. Zwei weitere Tachrīdsch-Werke erstellte der marokkanische Sufi-Gelehrte Ahmad ibn Siddīq al-Ghumārī (1901–1960).Ohlander: A New Terminus Ad Quem for 'Umar al-Suhrawardī's Magnum Opus. 2008, S. 290. Das eine hat den Titel ʿAwāṭif al-laṭāʾif min aḥādīṯ ʿAwārif al-maʿārif, das andere Ġunyat al-ʿAwārif. Sie wurden beide 2001 in Mekka ediert.Ohlander: Sufism in an Age of Transition. 2008, S. 143.
Aufbau und Inhalt mini|Kapitelübersicht in der Pariser Handschrift (Ms. Paris, Bibliothèque Nationale, Arabe Nr. 1332) der ʿAwārif al-maʿārif. Das arabische Wort باب bāb („Kapitel“) ist jeweils über die ganze Seite gezogen. Die ʿAwārif al-maʿārifDie Seitenangaben in der nachstehenden Inhaltsbeschreibung stützen sich auf die von Maḥmūd Saʿīd Mamdūḥ besorgte Textausgabe des Werks von 1984 und die deutsche Übersetzung von Richard Gramlich. bestehen aus einer kurzen Vorrede und 63 Kapiteln. Das Incipit lautet: al-Ḥamdu li-Llāhi l-ʿaẓīmi šaʾna-hū („Lob sei Gott, dessen Angelegenheit gewaltig ist“). Wie der Autor in der Vorrede erklärt, behandelt das Werk einige der Wissenschaften der Sufis, ihre „Zustände“ (aḥwāl) und Standplätze, ihre guten Sitten (ādāb), Charaktereigenschaften (aḫlāq) und ungewöhnlichen Gefühlserlebnisse, die Wirklichkeiten ihrer Erkenntnis (maʿrifa) und ihres Einheitsbekenntnisses, ihrer feinen Hinweise (išārāt) und subtilen Fachausdrücke (iṣṭilāḥāt). Die Wissenschaften der Sufis seien alle der Ausdruck eines Empfindens (wiǧdān) und der Rückbezug auf ein Erkennen (ʿirfān) und Schmecken (ḏauq), die sich mit der Wahrhaftigkeit des mystischen Zustands verwirkliche und deren Kern die klare Sprache nicht zu erfassen vermöge.ʿAwārif al-maʿārif. 1984, S. 44. – Übers. R. Gramlich S. 24.
Die sufischen Wissenschaften (Kapitel 1–3)