mini|Von der Ukraine im Mai 2023 präsentiertes Trümmerteil, das von einer Kinschal stammen sollCh-47M2 Kinschal (; Betonung: Kinschál, GRAU-Index: Х-47М2) ist eine Hyperschall-Luft-Boden-Rakete aus russischer Produktion. Der NATO-Codename für die Lenkwaffe lautet AS-24 Killjoy, die Reichweite wird in verschiedenen Quellen zwischen 500 und 2000 km angegeben.
Entwicklung Luftgestützte ballistische Raketen wurden von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bereits in den 1960er- bis 1970er-Jahren entwickelt. Mit der US-amerikanischen AGM-48 Skybolt und der sowjetischen Ch-45 Molnija () wurden bereits in den 1960er-Jahren Geschwindigkeiten von über Mach 12 und Reichweiten von über 1800 km erreicht.Airwar.ru: X-45 Молния
Wann die Entwicklung der Ch-47 begann, ist nicht bekannt. Erste Informationen über das Projekt gelangten im Jahr 2010 an die Öffentlichkeit. Nach einer Testserie wurde die Ch-47 im Dezember 2017 in die Bewaffnung der russischen Streitkräfte übernommen. Offiziell wurde die Ch-47 im März 2018 im Rahmen einer Rede Wladimir Putins vor der Föderalen Versammlung vorgestellt.
Westliche Analysten gehen davon aus, dass die Kinschal entwickelt wurde, um kritische Infrastruktureinrichtungen (z. B. Flugplätze, Lagerhäuser, Kommandozentralen usw., aber auch SeezieleIiss.org: Russia tests sea-denial systems with Soviet echoes) anzugreifen und US-Raketenabwehrsystemen wie dem THAAD entgegenzuwirken. Da die Kinschal flugzeuggestützt ist, kann die Waffe aus unvorhersehbaren Richtungen gestartet werden, was die Bekämpfung mit sektorgebundenen (nicht 360-Grad-fähigen) Radargeräten, wie sie beispielsweise bei dem Patriot-System eingesetzt werden, erschwert.
Technik Über die Ch-47 ist wenig bekannt und die veröffentlichten Leistungsparameter beruhen zum Teil auf Schätzungen. Die Rakete hat inklusive Gefechtskopf ein Gewicht von über 1000 kg, ist rund 7 m lang und hat einen Durchmesser von etwa 1,2 m. Am Heck der Rakete sind acht trapezförmige Stabilisierungs- und Steuerflächen angebracht. Sie kann mit einem Nukleargefechtskopf oder einem rund 500 kg wiegenden Splittergefechtskopf ausgerüstet werden. In: zvezdaweekly.ru. (russisch). Westliche Rüstungsexperten nehmen aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit an, dass der Entwurf der Ch-47 auf der 9M723-Iskander-Rakete beruht. Als Trägerflugzeuge wurden die MiG-31K sowie die Tu-22M3M vorgestellt. US-Quellen gehen zudem davon aus, dass auch die Suchoi Su-34 sowie die Suchoi Su-57 die Ch-47 tragen können.Congressional Research Service: Hypersonic Weapons: Background and Issues for Congress S. 14.
Nach dem Abwurf vom Flugzeug erfolgt zunächst eine kurze antriebslose Phase. Erst in sicherem Abstand zum Flugzeug zündet das Feststoffraketentriebwerk im Lenkwaffenheck. Danach steigt die Lenkwaffe auf einer semiballistischen Flugbahn auf eine Höhe von 18 bis 20 km. Dabei soll sie nach russischen Angaben eine Geschwindigkeit von rund Mach 10 erreichen und dennoch Ausweichmanöver durchführen können. Ukrainische Kräfte berichteten hingegen von deutlich geringeren Fluggeschwindigkeiten von Mach 3,6. Beim Flug durch die Erdatmosphäre mit Hyperschallgeschwindigkeit entsteht eine sehr hohe Kompressionshitze auf der Raketenoberfläche, die eine Hitzeschutzbeschichtung, insbesondere der Raketenspitze und der Tragflächen, notwendig macht. Die Steuerung erfolgt vermutlich mit einem inertialen Navigationssystem und dem Satelliten-Navigationssystem GLONASS. Über die tatsächliche Reichweite der Ch-47 wird spekuliert. Während russische Medien von einer Reichweite von über 2000 km berichten, gehen westliche Quellen von 500 bis 1000 km aus, da in die russischen Angaben vermutlich die Reichweite des Trägerflugzeuges eingerechnet sei.
Einsatz
Im März 2022 gab das russische Verteidigungsministerium die ersten erfolgreichen Einsätze des Kinschal-Raketensystems im Rahmen des russischen Überfalls auf die Ukraine bei Angriffen auf ein unterirdisches ukrainisches Munitionsdepot im Dorf Deljatyn im Gebiet Iwano-Frankiwsk sowie am darauffolgenden Tag auf ein Treibstoffdepot in Kostjantyniwka bekannt. Dabei soll es den USA gelungen sein, die Flugbahnen der Raketen in Echtzeit zu verfolgen. Im April 2022 will Russland mit einer Kinschal einen unterirdischen Kommandostand der ukrainischen Streitkräfte in der Oblast Donezk mit einer Ch-47M2-Rakete zerstört haben. Am 9. März 2023 führten die russischen Streitkräfte einen umfangreichen Raketenangriff auf Infrastrukturobjekte in der Ukraine durch. Dabei kamen vermutlich sechs Kinschal-Raketen zum Einsatz.
Der Chef der ukrainischen Luftwaffe gab im Mai 2023 an, dass eine auf Kiew abgefeuerte Kinschal durch ein Patriot PAC-3-System, das von westlichen Verbündeten geliefert worden war, abgefangen worden sei.Patriot-System fängt Kinschal ab – Ukraine will erstmals russische Super-Rakete abgeschossen haben. In: n-tv.de. 6. Mai 2023. Ein Sprecher des US-amerikanischen Pentagons bestätigte wenige Tage später den Abschuss. CNN berichtete unter Berufung auf nicht genannte US-Beamte, dass die Kinschal die durch ihr Radarsignal lokalisierte Patriot-Batterie als Ziel gehabt haben soll. Das Patriot-System habe jedoch die Kinschal im Anflug zerstören können.Russia tried to destroy US-made Patriot system in Ukraine, officials say. In: cnn.com. 12. Mai 2023 (englisch). Der Bürgermeister von Kiew Vitali Klitschko präsentierte Trümmerteile, die von der abgeschossenen Kinschal stammen sollen. Ukrainische Stellen meldeten den Abschuss weiterer sechs Kinschals im Raum Kiew mit einem Patriot-System in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 2023; der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu dementierte die ukrainischen Angaben mit dem Hinweis, es seien gar nicht so viele Kinschal-Raketen abgefeuert worden. Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, in derselben Nacht ein vom Westen geliefertes Patriot-Luftabwehrsystem mit fünf Patriot-Abschussrampen und einem zugehörigen Radar durch eine Kinschal-Rakete zerstört zu haben. US-Offizielle bestätigten, dass ein Patriot-System in der Nacht beschädigt wurde. Drei Tage später teilte das US-Verteidigungsministerium mit, dass das System repariert worden und wieder voll einsatzfähig sei.
In einem im Juni 2023 im Economist veröffentlichten Interview gab ein Mitglied der ukrainischen Bedienmannschaft des Patriot-Systems an, dass die Kinschal mit einer Geschwindigkeit von etwa 1240 m/s unterwegs gewesen sei, einem Drittel der russischen Angaben.
Aus der Ukraine wurde berichtet, dass am 13. Dezember 2023 zwei Wellen von Kinschals von MiG-31-Kampfflugzeugen aus dem russischen Luftraum heraus auf die Ukraine gefeuert wurden. Es gab Explosionen in der Nähe des Militärflughafens Starokostjantyniw im Gebiet Chmelnyzkyj.Russland beschießt Westukraine mit Hyperschallraketen orf.at, 14. Dezember 2023, abgerufen am 15. Dezember 2023. mini|Bergung des 500 kg schweren Raketengefechtskopf in der Oblast Schytomyr im März 2026 Russland beschoss Ziele in der Ukraine ab dem 29. Dezember 2023 in wenigen Tagen mit 500 Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen. Besonders intensiv war der Beschuss am 2. Januar 2024; er richtete sich ausschließlich gegen Kiew und die Großstadt Charkiw. Die Ukraine meldete, alle zehn in der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 2024 auf die Ukraine abgefeuerten Kinschal-Raketen seien abgefangen worden.nzz.ch vom 2. Januar 2024: «Weltweit grösster Raketenangriff mit Hyperschallwaffen»: Die Ukraine verteidigt sich gegen präzedenzlose russische Attacken
Einschätzung der Fähigkeiten mini|Start einer MiG-31K mit KinschalDer britische Militärnachrichtendienst urteilte, dass die Kinschal bei Einsätzen in der Ukraine deutlich weniger schlagkräftig sei als zuvor angenommen. Stand Oktober 2023 sei die Waffe weiterhin in der Erprobung und eher ein Papiertiger.
Ein exilchinesischer Militärexperte schrieb, China sei von der Kinschal wenig beeindruckt, da sie lediglich Technik aus der Zeit des Kalten Krieges darstelle und einen Großteil der gemachten Versprechungen nicht einhalte. Da die Kinschal auf das Glonass-System angewiesen sind, sei ihre Performance aufgrund von dessen Schwächen eingeschränkt.
2024 wurden mehrere leitende Entwickler der Kinschal zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Offiziell wird ihnen Hochverrat vorgeworfen. Alexander Schiplijuk, ehemaliger Direktor des Instituts für theoretische und angewandte Mechanik (Itam), wurde zu 15 Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt, da er 2017 auf einer wissenschaftlichen Konferenz in China „geheime Informationen“ weitergegeben haben soll. Schiplijuk widersprach dem, da diese Daten bereits öffentlich zugänglich gewesen seien. Sein Kollege Anatoli Maslow – bei der Urteilsverkündung 78 Jahre alt – argumentierte ähnlich. Er erhielt 14 Jahre Gefängnisstrafe. Seit 2018 wurden laut der BBC insgesamt elf Spezialisten für Überschalltechnologie in Russland verhaftet. Einige Journalisten und Kommentatoren interpretieren dies als eine Racheaktion der Kremlführung, da die Kinschal bisher die propagierten Leistungsdaten deutlich verfehlt.
Auch der Leiter des ukrainischen Forschungsinstituts für forensische Expertise, Andrij Kultschitskyji, hob nach umfassenden Untersuchungen die fehlende Präzision hervor. Die Streuung betrage entgegen den Angaben des russischen Militärs nicht wenige Meter, sondern teilweise 50 bis 100 Meter. Kultschitskyji führt diese Ungenauigkeiten auf Mängel in der russischen Rüstungsindustrie zurück.
Nutzerstaaten
– Laut geheimen Dokumenten bestellten die Luft- und Weltraumkräfte 44 Raketen im Jahr 2024 und 144 Raketen 2025.
Weblinks
(Tagesschau.de am 21. August 2022)
Einzelnachweise
Kategorie:Luft-Boden-Rakete Kategorie:Hyperschallrakete Kategorie:Seezielflugkörper Kategorie:Militärische Ausrüstung (Russland)