mini|Touristen an der Riva degli Schiavoni, Venedig Übertourismus (englisch: overtourism) wird von der Welttourismusorganisation UNTWO als „die Auswirkung des Tourismus auf ein Reiseziel oder Teile davon, die die wahrgenommene Lebensqualität der Bürger und/oder die Qualität der Besuchererfahrungen übermäßig beeinflusst, und zwar in einem Ausmaß, dass sie das tägliche Leben der Einwohner und/oder die Fähigkeit der Besucher, das Reiseziel zu genießen, stört“. Aus Sicht der Einheimischen kann ein großer Anteil an Touristen zu einem Störfaktor werden, der das Leben der Einheimischen belastet. Auch Besucher selbst können die hohe Zahl der sie umgebenden Touristen als störend empfinden. „Übertourismus“ wird auch als Steigerung des Massentourismus bezeichnet. Eine im Deutschen verbreitete Bezeichnung für Partytourismus ist der Ballermann-Tourismus.
Im Oxford Dictionary war das Wort „Overtourism“ auf der Liste der zehn Top-Kandidaten für das Wort des Jahres 2018.
Problemstellung Wachsender Tourismus führt angesichts begrenzten Raumes zu zunehmenden Konflikten, sie treten vor allem an viel besuchten Destinationen, auch „Hotspots“ genannt, weltweit auf. Das Problem des wachsenden Tourismus ist bisher vor allem unter dem Gesichtspunkt der ökologischen und sozio-kulturellen Tragfähigkeit betrachtet worden. In den 1980er Jahren empfahl Mohamed A. Tangi vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen Regeln für ein verträgliches Neben- und Miteinander von Gästen und Einheimischen, beispielsweise ein Maximum von 600 Gästen pro Hektar Strand.Ferner, Müller, Zolles: Marketingpraxis im Fremdenverkehr, ORAC Verlag, 1989 und spätere Ausgaben, ISBN 3-7015-0182-3. In „Freizeit und Tourismus“ (Hoffmann, 1981) Unter dem Begriff des Overtourism fällt darüber hinaus die psychologische und politische Dimension des Problems.Ferner, Müller, Zolles: Marketingpraxis im Fremdenverkehr, ORAC Verlag, 1989 und spätere Ausgaben, ISBN 3-7015-0182-3. In „Freizeit und Tourismus“ (Hoffmann, 1981)
Das Beratungsunternehmen McKinsey veröffentlichte im Dezember 2017 im Auftrag des World Travel & Tourism Council eine Studie zum Thema Overcrowding. Sie enthält unter anderem eine Bewertungsmatrix, die eine Einschätzung darüber erlauben soll, wo und in welchem Ausmaß die Touristenmassen zu einem Problem geworden sind. Eines der Kriterien ist die Zahl der Besucherdichte: Ab 930.000 Menschen pro Quadratkilometer und Jahr bestehe nach der Studie größter Handlungsbedarf, das Gedränge für Anwohner und Besucher werde dann unzumutbar, und auch Infrastruktur, Sehenswürdigkeiten und Natur würden über die Maße strapaziert.
Treibende Elemente Der Tourismus wächst global stärker als die Gesamtwirtschaft. Das Problem des Overtourism hat sich in den letzten Jahren durch folgende Entwicklungen zusätzlich verschärft, wobei wichtig festzuhalten ist, dass jedes Tourismusziel einen unterschiedlichen Mix aus Gründen für das Auftreten des Phänomens hat: Airbnb: Durch das kommerzielle Wohnungsvermietungsportal werden Kapazitäten, die ursprünglich dem heimischen Wohnungsmarkt dienten, für touristische Übernachtungen zweckentfremdet. Die Folge ist in der Regel ein Anstieg der Wohnungsmieten durch die gesteigerte Nachfrage und den teilweisen Leerstand sowie eine Veränderung des sozialen Gefüges.Joshua Kocher, Daniel Laufer: Nicht mal die Stadt weiß, wie viele Airbnb-Wohnungen es in Freiburg gibt. In: Badische Zeitung. 19. Juni 2020.Badische-zeitung.de 4. August 2018, Johanna Renoth (dpa): Berlin, München, Paris & Co. sagen Airbnb den Kampf an (19. Juni 2020) Außerdem erweist sich die Regulierung von Vermietungen über Plattformen wie Airbnb als besonders schwierig, was u. a. an der Mischung des Angebots von rein kommerziellen Ferienwohnungen mit der Vermietung der selbst bewohnten Wohnung als Nebenverdienst liegt. Billigfluggesellschaften: Durch die günstigen Tarife der Billigfluggesellschaften spielt die Reiseentfernung als Kostenfaktor bei der Reiseplanung nur noch eine nachrangige Rolle. Zudem führen die Billigfluggesellschaften zu steigenden Passagierzahlen. Medien: Medien wird insgesamt die Rolle von Katalysatoren im Overtourism-Kontext zugeschrieben. Klassische Medien: Massenmedien wie das Fernsehen haben schon immer die Bekanntheit und Wahrnehmung von Touristendestinationen beeinflusst. Zudem soll die Sensationslust dazu beigetragen haben, dass sich nicht nur die tatsächlichen Tourismusströme verändert haben, sondern auch deren Wahrnehmung, sodass es zudem zu mehr Konflikten mit den Einwohnern kommt, weil diese in Nachrichtensendungen dem Problem allgemein und negativen Einzelfällen stärker ausgesetzt sind. Filmtourismus: Markante Gebäude, Dörfer, Städte oder Landschaften können plötzlich zu einem Touristen-Hotspot werden, wenn sie als Drehort für einen Film oder eine Fernsehserie genutzt wurden. Social Media: Die Sozialen Medien haben durch ihre Wahrnehmung als unvoreingenommene und authentische Informationsquelle inzwischen eine besondere Rolle in der Destinationswahl und beeinflussen auch das Verhalten vor Ort (z. B. das Essen in einem bestimmten Restaurant). Es bildet sich durch elektronische Mundpropaganda ein Konsens über die besten Tourismusdestinationen. Auch das Nacheifern von anderen und das Teilen mit dem eigenen Netzwerk werden als Gründe für das Besuchen bestimmter Destinationen genannt. Auch für die Plattformen selber wird dem Reisecontent eine besondere Bedeutung in ihrer Entwicklung zu geschrieben. Kreuzfahrten: Der Kreuzfahrttourismus wächst stark. Schiffsgrößen mit 2000 und mehr Passagieren sind weit verbreitet. Häufig liegen gleichzeitig mehrere große Schiffe in einem Zielhafen und bieten den Gästen Landausflüge an. Angesichts der großen Zahl an plötzlich auftretenden Touristen sind diese Orte oft überfordert.
Insgesamt führt eine übermäßig große Zahl von Touristen gleichzeitig auch zu einer Abhängigkeit: Durch die Verdrängung von Einwohnern und anderen Wirtschaftszweigen bleibt den betroffenen Gebieten oftmals nur noch der Tourismus als Einnahmequelle, sodass Maßnahmen gegen übermäßige Besucherzahlen häufig nur gegen große Widerstände möglich sind, je weiter die ausschließliche Ausrichtung auf Tourismus bereits fortgeschritten ist. Auch Proteste gegen den Tourismus sind insbesondere in Städten mit einem relativ hohen Anteil an gebildeten Einwohnern, von denen viele nicht am Tourismus beteiligt sind oder zumindest nicht direkt davon profitieren, am ausgeprägtesten.
Beispiele mini|hochkant=1.5|Ein Drittel aller Touristen reist ans MittelmeerQuelle: Meeresatlas 2017Meeresatlas 2017 – Daten und Fakten über unseren Umgang mit dem Ozean (PDF; 23 MB), dort S. 38 mini|hochkant=1.25|Touristen auf der Insel Santorin (Griechenland) Amsterdam 2017 haben Amsterdam 18 Mio. Touristen besucht – bei rund 800 000 Einwohnern. Bei den Wahlen zum Stadtrat im März 2018 war Übertourismus ein Wahlkampfthema. Ein besonderes Ärgernis sind „Partytouristen“, die Lärm verursachen und Müll hinterlassen. Der neu gewählte Stadtrat plante verschiedene Maßnahmen. So sollte unter anderem die ursprünglich geplante Erweiterung des Hafens für Kreuzfahrtschiffe noch einmal überdacht werden.
Nachdem Mitte Juni 2020 für eine städtische Volksinitiative rund 25.000 Unterschriften gesammelt wurden, musste sich das Stadtparlament mit entsprechenden Forderungen befassen: wie z. B., dass die Zahl touristischer Übernachtungen begrenzt sowie das Vermieten von Wohnungen via beispielsweise Airbnb verboten werden sollte. Im Juni 2021 hat der Stadtrat daraufhin einen Katalog von Maßnahmen beschlossen, die u. a. den Bau von neuen Hotels einschränkt.
Barcelona In Barcelona kamen auf 1,6 Mio. Einwohner im Jahr 2019 rund 24 Mio. Touristen, davon 10,5 Mio. Kreuzfahrtpassagiere. Im Sommer 2017 hatten Nachbarschaftsverbände am populären Stadtstrand „Barceloneta“ eine Demonstration gegen die „Touristifizierung“ organisiert und damit ein großes Medienecho bewirkt. Die Oberbürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, hatte die Parole ausgegeben: „Die Stadt den Bürgern zurückgeben.“ Dies bedeutete konkret: Mieten müssen erträglich sein, Touristenmassen dürfen nicht den Alltag einzelner Stadtviertel dominieren. Seit Oktober 2023 ist es Kreuzfahrtschiffen verboten, im stadtnahen nördlichen Teil des Hafens anzulegen. Im Juli 2024 gab es Protestzüge von rund 2800 Einheimischen, bei denen sogar Touristen mit Wasserpistolen belästigt wurden.
St. Magdalena (Südtirol) St. Magdalena ist ein Dorf im Villnößtal unterhalb der Geislergruppe. Im Tal leben rund 2.500 Einwohner. Der Anblick von St.Magdalena mit Kirche und alten Bauernhäusern sowie den Dolomitenbergen im Hintergrund ist ein beliebtes Fotomotiv. Durch die sozialen Medien ist das Bild weltweit bekannt geworden und hat einen Ansturm von Fototouristen erzeugt. Um die Besucherzahl zu bewältigen, gibt es u. a. mehrsprachige Hinweisschilder, markierte Fotopoints, öffentliche Toiletten, Einzäunungen. Zusätzlich erhebt man großstädtische Parkgebühren und kontingentiert die Zahl der täglichen Reisebusse. Die Bewohner leiden unter dem Ansturm der zahlreichen Besucher, die oftmals kein Verständnis für die Privatsphäre der Einwohner zeigen und sich respektlos verhalten.
Bibury Das Dorf Bibury in der englischen Grafschaft Gloucestershire erlangte nationale Bekanntheit, seitdem der Schriftsteller William Morris es als „schönsten Ort des Landes“ bezeichnete, und ist mit seiner idyllischen, typisch britischen Architektur und Landschaft heute zusehends eine Attraktion für Touristen, die vor allem mit Reisebussen anreisen. Zeitweise besuchen bis zu 50 Busse mit bis zu 20.000 Touristen am Tag das nur etwa 600 Einwohner zählende Dorf. Zur Bekämpfung des Overtourism hat sich eine Arbeitsgruppe gegründet, die strengere Beschränkungen für Reisebusse einführen und Halte- und Parkverbote durchsetzen will, um die Sicherheit und das Wohlergehen der Einwohner zu sichern.
Dubrovnik In Dubrovnik konzentriert sich der Besucherstrom auf die Altstadt, die 400 mal 300 Meter misst. 2016 gab es dort noch vier Lebensmittelläden, aber 107 Souvenirgeschäfte und 143 Restaurants. Nur noch rund 1000 Einheimische wohnten im Jahr 2018 in der Altstadt, teilweise wurden Häuser an wohlhabende Russen und Araber verkauft. Die Fernsehserie Game of Thrones, die teilweise in Dubrovnik gedreht wurde, ließ die Tourismuszahlen weiter steigen. Eine weitere Belastung sind Tagesgäste von bis zu sieben gleichzeitigen Kreuzfahrtschiffen. Das Einkommen aus dem Tourismus kommt nur zu einem kleinen Teil dem lokalen Gewerbe zugute. Bewohner übten politischen Druck aus mit dem Motto: „Wir müssen die Stadt ihren Einwohnern zurückgeben.“
Hallstatt Die kleine Marktgemeinde Hallstatt im Salzkammergut verzeichnete im Jahr 2018 bei 776 Einwohnern einen Ansturm von 19.344 Reisebussen, was rund einer Million Besuchern entspricht – an die 10.000 an manchen Tagen. Vor allem asiatische, insbesondere chinesische, Touristen besuchen den Ort zumeist als Tagestouristen im Rahmen von Europareisen. Die Bewohner beklagen, dass ihre Privatsphäre massiv gestört wird, so sei eine Nutzung der Terrassen nahezu unmöglich. Einzelne Touristen würden sogar Gärten oder Wohnzimmer betreten und selbst Trauerfeiern auf dem Friedhof könnten nicht in Ruhe durchgeführt werden. Es würde dabei fotografiert und es käme vor, dass Zuschauer nach dem Trauermarsch applaudieren. Die Einnahmen der Gemeinde aus den öffentlichen Toiletten übersteigen mit 150.000 Euro die Grundsteuern. Die Gemeinde sucht intensiv nach Lösungen, die das Leben für die Bewohner wieder erträglich machen sollen. Ab Herbst 2020 dürfen Stops von Reisebussen nur noch in vorher vom örtlichen Tourismusbüro gegen Gebühr zugeteilten Zeitfenstern durchgeführt werden. So wird der Ansturm zeitlich verteilt und insgesamt limitiert.
Island