Asemwald ist ein Stadtteil von Stuttgart im Stadtbezirk Plieningen auf der Filderebene im Süden der Landeshauptstadt. Die dortige Großwohnanlage ist auch unter dem Spitznamen Hannibal bekannt.

Seit 1. Januar 2001 bilden die Stadtteile Hohenheim, Chausseefeld, Plieningen und Steckfeld mit Asemwald den Stadtbezirk Plieningen. Asemwald besteht vorwiegend aus drei großen Wohnhochhäusern im Birkacher Feld und Wald. Die Wohnkomplexe bildeten gemäß Bauentwurf, Baugenehmigungsunterlagen und entsprechenden Bauausführungen Ende der 1960er Jahre das Neubauprojekt Wohnstadt Asemwald zur Reduzierung der damals herrschenden Wohnraumnot. Die Fertigstellung der Wohnstadt Asemwald erfolgte im Jahr 1972. So ein Wohngebäude besitzt neben zwei Untergeschossen und dem Erdgeschoss darüber 22 Wohnetagen bis zum Penthouse, aber auch zu jeder Wohneinheit notwendigen Parkhausraum, da solcher für über 1100 Wohneinheiten mit geschaffen werden musste. Zu Infrastrukturmaßnahmen für die Errichtung der Wohnstadt Asemwald gehörte selbstredend die verkehrstechnische Erschließung inklusive nötiger Versorgungsmedien, aber auch ein Ladenzentrum und Dienstleistungsgewerbe, Restaurants, Spiel- und Sportplätze und sogar ein öffentliches Schwimmbad oben in einem der Wohnkomplexe.

mini|Der Asemwald-Komplex aus der Ferne

Entstehung der Wohnstadt Asemwald mini|Der Asemwald in der Bauphase Die Wohnstadt Asemwald gehört zu den großen Projekten zur Schaffung von Wohnraum in der Nachkriegszeit. Das ursprüngliche Konzept der Architekten Otto Jäger und Werner Müller sah Ende der 1950er Jahre für die geplante Anzahl von Wohnungen für fast 4.000 Menschen ein einzelnes durchgängiges Gebäude mit 650 Meter Länge und 50 Meter Höhe vor, das eines der größten Wohngebäude Europas geworden wäre. Die Stadt Stuttgart war bereits in dieser Zeit ein wirtschaftlich aufstrebendes Zentrum, und bezahlbarer Wohnraum für Arbeiter und Angestellte war eine elementare Voraussetzung für einen nachhaltigen Aufschwung, zumal Stuttgart im Zweiten Weltkrieg weit über 70 Prozent seines Wohnraumes durch Bombenangriffe verloren hatte. Das Projekt Asemwald wurde auf politischer Ebene maßgeblich vom damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett vorangetrieben. Auch sein Baubürgermeister Walter Hoss förderte das Vorhaben und konnte während des 10-jährigen Planungsprozesses und mehrerer Planungsvarianten mit dazu beitragen, dass der ausnehmend langgestreckte Einzelbau zunächst abgeknickt und dann zweigeteilt wurde, bis er schließlich seine heutige Dreiteilung erhielt. Neben siedlungsrelevanten Überlegungen wurden zur Beurteilung der Baubarkeit der Varianten auch eingehende Windkanaltests durchgeführt.

Nach der Absage mehrerer Bausparkassen konnten die Architekten Otto Jäger und Werner Müller Anfang der 1960er Jahre die Neue Heimat Baden-Württemberg als Bauherr für das städtebauliche Experiment gewinnen.

Wichtig war den Architekten nicht nur ein gewisses Maß an Großzügigkeit bei den Grundrissen (ein Umgang vom Flur durch die Küche ins Wohnzimmer und wieder in den Flur ist möglich), sondern auch die Möglichkeit, Grundrisse flexibel zu halten: Die Konstruktion der Gebäude ist so angelegt, dass innerhalb einer Fläche von 88 Quadratmetern nur die Außenwände als tragende Wände ausgebildet sind. Dank einer großen Deckenspannweite kann die Wohnfläche variabel genutzt werden, in einem Extremfall sogar als nur ein Zimmer. Allein Schächte, Anschlüsse für Bad, WC und Küche sind unverrückbar. 1969 waren in der Planung 21 Grundrissvarianten vorgesehen „für 1143 Eigentumswohnungen von 41 bis 155 Quadratmetern Größe, die von einigen zusätzlichen Einrichtungen ergänzt werden: Kindergarten, Spiel-, Bolz- und Sportplätze, Supermarkt, und dann gibt es noch ein Dachschwimmbad und ein Dachterrassenrestaurant. Ungefähr 3600 Menschen werden hier wohnen“. Manfred Sack: Und die Kinder? Die Zeit, Nr. 41 vom 10. Oktober 1969, abgerufen am 13. März 2023.

Besondere Beachtung beim Projekt Asemwald fanden folgende Schwerpunkte:

Schaffung stadtnahen Wohnraumes zur Linderung der Wohnungsnot Verbesserung des Wohnstandards Entwicklung städtischer Strukturen mit vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten sowie Erholungs- und Freizeiteinrichtungen Wirtschaftliches und preiswertes Wohnungsangebot durch die rationalisierte Verwendung von möglichst vielen, exakt gleichen Betonfertigteilen Im Vergleich zu Einzelhäusern niedrige Grundstücks- und Erschließungskosten Eine gleichwertige Alternative zur zunehmenden Zersiedelung Schonung des vorhandenen Waldbestandes und Einbeziehung der Naturlandschaft Drei zweigeschossige Tiefgaragen unter den Außenanlagen Jeder Bewohner sollte im Aufzug direkt vor seine Wohnung fahren können

Das im November 1967 eingereichte Baugesuch umfasste:

Drei Hochhäuser, eines mit 21 und zwei mit 23 Geschossen Insgesamt 1.143 Wohnungen für rund 3.600 Bewohner Mindestens 70 Prozent Verkauf an in Stuttgart Ansässige oder hier Beschäftigte

Nach zehn Jahren Planung und Projektierung wurde die Wohnstadt nach vier Jahren Bauzeit 1972 mit insgesamt 90.906 Quadratmeter Wohnfläche fertiggestellt, realisiert auf einer überbauten Fläche von nur 10.829 Quadratmetern. Die drei Gebäude stehen in versetzter, verschattungsfreier Anordnung: zwei Gebäude mit Nord-Süd- und eines, 90 Grad gedreht, mit Ost-West-Ausrichtung. Magdalena Scholz schreibt in ihrer Arbeit „Die Kontroverse der Wohnstadt Stuttgart Asemwald“: „Letztlich konnten Jäger und Müller ihre jahrelang entwickelten Ideen der Stadt im Hochhaus bei Rationalisierung der Architektur (...) umsetzen. Zwar geschah dies nicht mit ihren ursprünglichen Entwürfen, trotzdem haben die Architekten eine Wohnstadt geschaffen, die die Idee der dörflichen Struktur in einem Gebäudekomplex umsetzt. Durch die enge Zusammenarbeit der Architekten mit der Politik und dem Bauträger kann man von einem Gemeinschaftsprojekt sprechen.“

Gebäudeplanung mini|Aussicht aus einer Wohnung der Wohnstadt in Richtung Möhringen |222x222px Maßgeblich zum Erfolg der Wohnstadt Asemwald trug auch die intelligente Planung des Gebäudes bei. Die Fassaden der Längsseiten wurden bei der Planung mit zwei sehr unterschiedlichen Ausführungen entwickelt: Eine eher geschlossene Ausbildung findet sich auf den zu den Straßen hin orientierten Funktionsseiten mit außenliegenden Fluchttreppenhäusern, Aufzügen und den Arbeits- oder Schlafzimmern der Wohnungen, die sich über die gesamte Tiefe erstrecken. Hier ist eine durchgehend strukturierte Fassadengestaltung mit ausgeprägten Vor- und Rücksprüngen zu erkennen. Die durchgängigen Brüstungsbänder an jeder Etage bilden eine klare horizontale Rhythmisierung im menschlichen Maßstab. Somit sollte die Wucht der Gebäude gemindert werden. Dagegen sind die Fassaden der Wohnseiten sehr offen ausgebildet mit Aussicht nach Westen (Gebäude B und C) und Süden (Gebäude A). Die Offenheit der Fassaden lässt sich besonders nach einbrechender Dunkelheit ablesen, wenn durch die in den Wohnungen eingeschalteten Beleuchtungen ein heiteres Farbenspiel entsteht. Aufgrund ihrer Ausrichtung weg von den Straßen sind die Wohnseiten schwer von außen einsehbar und vermitteln den Bewohnenden ein ausgeprägtes privates Wohngefühl – trotz der außergewöhnlichen Größe der Wohnstadt Asemwald. Der direkte Blick aus dem Fenster auf den Wald in den unteren Etagen, über die Baumwipfel hinweg in den mittleren oder die Sicht in die Ferne in den oberen Bereichen vermittelt ein angenehmes Gefühl der Zurückgezogenheit, die durch den markanten, auskragenden Sichtschutz aus Betonfertigteilen noch verstärkt wird. Die einheitliche Farbgestaltung der textilen Sonnenschutzelemente in Orange bildet ein markantes Merkmal des Asemwaldes besonders in den sonnigen Jahreszeiten. Die Stirnseiten dagegen sind komplette Waschbetonfassaden – ein typischer Baustoff dieser Jahre, der an den Längsfassaden glücklicherweise sonst nur noch als schmales Band an den oberen Gebäudekanten eingesetzt wurde. Besonders hervorzuheben sind die beiden nach Süden ausgerichteten Stirnseiten (Gebäude B und C), bei der die Wohnqualität der dort angesiedelten Wohnungen mit großzügigen Loggien deutlich gesteigert wurde. mini|Der Asemwald bei Nacht, gut sichtbar die nahezu vollständig offen gestaltete Fassade Die komplette Eingangsfläche im Erdgeschoss ist ausschließlich für gemeinschaftlich genutzte Bereiche vorgesehen: Waschküchen mit Trockenräumen, Fahrrad- und Müllräume sowie die Erschließungszonen. Jeweils zwei Häuser teilen sich einen Eingang. mini|Brunnen im Zentrum der Wohnstadt Die Innenwände sind im originalen 70er-Jahre-Stil gestaltet, mit kräftigen Farblinien auf olivfarbenem Grund. Die Muster und Linienfarben variieren individuell in jedem Eingangsbereich. Die Betonflächen der Aufzugsschächte und Fluchttreppen sind in leuchtendem Orange bzw. Gelb gestrichen. In allen Eingängen gibt es einen möblierten, offenen Aufenthaltsbereich mit einem runden Tisch als Treffpunkt und Büchertauschplatz, der bis heute rege genutzt wird. Jedes Haus hat einen Doppelaufzug, der als „vertikale Dorfstraße“ dient und Gelegenheit für kurze Nachbarschaftsgespräche bietet, was das Gemeinschaftsgefühl stärkt. In jeder Etage befinden sich nur drei Wohnungseingänge. Der gemeinsame Bereich ist durch die von den Nachbarn gemeinsam gestaltete Wand- und Bodengestaltung individuell gestaltet. Diese Aufteilung in kleine Einheiten führt trotz der Größe der Anlage zu einem Gemeinschaftsgefühl ohne anonymes Wohnen, was sich von anderen Hochhausanlagen unterscheidet. Dies hängt mit der architektonisch anspruchsvollen Gestaltung zusammen, durch die es keine sozialen Brennpunkte gibt. Bei den Wohnungen gilt das Prinzip des Durchwohnens. Die größeren Wohnungen erstrecken sich über die gesamte Gebäudetiefe und bieten Ausblicke in zwei Himmelsrichtungen. Die kleineren Wohnungen in der Mitte haben nur einen Ausblick, da Aufzüge und Treppenhaus einer Erschließung auf beiden Fassadenseiten entgegenstehen.

Außenbereich der Wohnstadt Asemwald