mini|Inge Viett, zweite von rechts, neben Ulla Jelpke bei einer Demonstration 2011 Inge Viett (* 12. Januar 1944 in Stemwarde; † 9. Mai 2022 in Falkensee) war eine deutsche linksextremistische Terroristin. Als Mitglied der Bewegung 2. Juni schloss sie sich 1980 der Rote Armee Fraktion (RAF) an und tauchte 1982 in der DDR unter. Wegen versuchten Mordes wurde sie 1992 zu dreizehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach ihrer vorzeitigen Entlassung 1997 war sie als linke Aktivistin und Autorin tätig.RAF-Rentnerin Inge Viett muss wieder vor Gericht. In: Welt Online, 5. Juni 2011; Berliner Staatsanwaltschaft klagt Inge Viett an. In: Berliner Morgenpost, 5. Juni 2011.
Leben Kindheit und Jugend Nachdem das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen hatte, lebte Inge Viett ab 1946 zunächst in einem Kinderheim in Schleswig-Holstein. Im März 1950 kam sie zu einer Pflegefamilie in ein Dorf bei Eckernförde. Viett schilderte die Zeit und insbesondere die Erziehung durch ihre Pflegemutter als sehr belastend.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 18 ff. Sie wurde in der Zeit von einem Bauern aus der Nachbarschaft vergewaltigt.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 45 f. Sie besuchte die Volksschule des Dorfes. Nach neun Jahren floh sie aus der Pflegefamilie. Mit Unterstützung des örtlichen Pfarrers erhielt sie für ein Jahr einen Platz beim Jugendaufbauwerk in Arnis, wo sie in Hauswirtschaft und Kinderpflege unterrichtet wurde.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 53 Das Jugendamt schickte Viett dann auf die Kinderpflegerinnen-Schule nach Schleswig. Sie selbst wollte Sportlehrerin werden und beschrieb die Ausbildung zur Kinderpflegerin später als „gräßlich“.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 55. Die Situation führte bis zu einem Selbstmordversuch.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 56 Die Ausbildung setzte sie jedoch fort und ging zur Absolvierung eines Anerkennungsjahres als Kindermädchen zu einer wohlhabenden Familie nach Hamburg. Hier litt Viett unter dem als autoritär empfundenen Familienvater.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 56 ff. In diesem Zeitraum hatte sie ein Verhältnis mit einer etwa 20 Jahre älteren Erzieherin in Schleswig, die auch ihre Vormundschaft übernahm und ihr den Besuch der Sportschule ermöglichte.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 58 ff. Es schloss sich eine Beziehung zu einem US-Soldaten an.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 60 1963 nahm sie ein Sport- und Gymnastikstudium an der Universität Kiel auf, das sie nach sechs Semestern, kurz vor dem Abschluss, abbrach.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 61 Viett ging dann nach Hamburg und strippte zwei Monate auf St. Pauli. Mit einer Lebenspartnerin zog sie nach Wiesbaden und arbeitete dort als graphische Hilfskraft.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 68 ff. Nach der Trennung schlug sie sich mit verschiedenen Aushilfsarbeiten durch. Sie war unter anderem als Reiseleiterin, Filmeditorin, Hausmädchen und Bardame tätig.
APO 1968 zog Viett nach West-Berlin und lebte in einer Frauenwohngemeinschaft in der Eisenbahnstraße 22 in Kreuzberg. Sie beteiligte sich an Versammlungen, Demonstrationen und Aktionen der APO. Als wesentliches Element ihrer Politisierung beschrieb sie eine mehrmonatige Reise nach Nordafrika und die Erfahrung der dortigen Armut im Kontrast zum Reichtum einiger und des westlichen Überflusses.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 80 ff. Bei einer Demonstration wurde Viett von einem Zivilbeamten festgenommen, nachdem sie mit einem Pflasterstein zum Wurf ausgeholt hatte. Sie blieb über Nacht im Polizeigewahrsam. Diese kurze Hafterfahrung schildert sie später als tiefen Bruch.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 83 f. Beruflich hatte sie ein Praktikum in einer Filmkopierfabrik aufgenommen, um später eine Ausbildung beginnen zu können, provozierte jedoch dort ihre Kündigung.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 85 Es folgte die Beteiligung an militanten Aktionen. Ein Brandanschlag auf den Fuhrpark des Axel-Springer-Verlags scheiterte an technischen Schwierigkeiten. Viett erlernte den Bau und die Anwendung von Molotowcocktails.
Zusammen mit Verena Becker warf sie Schaufensterscheiben von Brautkleider- und Pornogeschäften ein und hinterließ dort Aufkleber mit der Aufschrift „Die schwarze Braut kommt“.
Im Herbst 1971 zog sie in die Kommune Liebenwalder Straße, (Berlin-Wedding) ein Zentrum der Schwarzen Hilfe, einer 1971 gegründeten anarchistischen Gruppe zur Unterstützung inhaftierter Aktivisten. Viett hatte in dieser Gruppe entscheidenden Einfluss.
Im Dezember 1971 gehörte sie zu den Besetzern des Georg-von-Rauch-Hauses. Während eines Polizeieinsatzes gegen die Besetzung hielten andere Bewohner sie davon ab, aus dem Dachgeschoss Molotowcocktails auf die vor dem Haus befindlichen Polizisten zu werfen.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 86 f.
Terrorismus Durch Michael Baumann wurde sie für die Terrororganisation Bewegung 2. Juni angeworben. Sie zog zurück in die Eisenbahnstraße, um der vermuteten Überwachung der Kommune durch staatliche Stellen zu entgehen, und gründete dort mit drei weiteren Mitgliedern eine Zelle, die dann auf sieben Mitglieder anwuchs.
In Reaktion auf den Blutsonntag im Januar 1972 im nordirischen Derry plante die Gruppe einen Bombenanschlag auf eine britische Einrichtung in Berlin. Da die militärischen Einrichtungen zu gut gesichert waren, deponierten sie in der Nacht des 2. Februar 1972 eine selbst gefertigte Bombe vor dem Clubhaus des britischen Yachtclubs in Berlin-Kladow. Der Sprengsatz explodierte jedoch nicht und wurde am nächsten Morgen von dem Bootsbauer und Hausmeister Erwin Beelitz gefunden. Er nahm den in einem Autofeuerlöscher eingebauten Sprengkörper mit in seine Werkstatt, in der es dann zur Explosion kam. Erwin Beelitz verstarb. Viett schilderte später, sie sei bestürzt gewesen, habe sich aber nicht verantwortlich gefühlt und es als tödlichen Unfall betrachtet.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 94 f.
Sie war an dem am 4. April 1972 auf die Disconto Bank in Berlin-Britz begangenen Überfall beteiligt, bei dem die Gruppe knapp 30.000 DM erbeutete.
Am 7. Mai 1972 wurde Viett mit drei weiteren Personen, darunter Ulrich Schmücker und Harald Sommerfeld, in Bad Neuenahr bei einer Routinekontrolle verhaftet; die Polizei hatte im Kofferraum des Wagens Sprengstoff gefunden. Schmücker und Sommerfeld gaben an, sie hätten aus Protest gegen die Hinrichtung türkischer Studenten einen Anschlag auf die türkische Botschaft in Bonn geplant. Viett war zunächst in der Justizvollzugsanstalt Koblenz inhaftiert, bevor sie nach vier Monaten nach Berlin in die Lehrter Straße 61 verlegt wurde. Ab Januar 1973 nahm sie über fünf Wochen an einem bundesweit organisierten Hungerstreik für bessere Haftbedingungen teil. Mittels einer von einer Mitgefangenen eingeschmuggelten Feile flüchtete sie am 20. Juni 1973 durch das vergitterte Fenster des Fernsehraums im ersten Stock, den sie mit anderen Gefangenen zwei Stunden in der Woche nutzen durfte.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 107 ff. Sie kam zunächst für einige Tage in einer Frauenwohngemeinschaft unter, nahm wieder Kontakt mit der Bewegung 2. Juni auf und widmete sich der Reorganisation der Gruppierung. Im Tegeler Forst und im Grunewald hatte sie auch Schießen gelernt. In einer ersten Aktion wurde ein Waffengeschäft überfallen, um so die Bewaffnung der Gruppe zu verbessern.Ex-RAF-Terroristin Inge Viett: Revolutionärin in der Warteschleife (taz.de vom 22. Juli 2008, abgerufen am 22. Oktober 2017)
Diese wollte einen prominenten Staatsvertreter entführen, um auf diesem Weg Gefangene freizupressen. Viett war an der Vorbereitung beteiligt. Nach dem Tod des in der Haft während eines Hungerstreiks verstorbenen Holger Meins entschloss man sich zur schnellen Reaktion und wählte den Präsidenten des Kammergerichts Günter von Drenkmann als Opfer aus. Bei dem gescheiterten Entführungsversuch am 10. November 1974 wurde von Drenkmann erschossen. Nächstes Ziel wurde der CDU-Spitzenkandidat zu den Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen Peter Lorenz. Viett war 1975 auch an der Vorbereitung und Durchführung der Lorenz-Entführung beteiligt. Tatsächlich konnte man die Freilassung von mehreren Mitgliedern der Bewegung 2. Juni erreichen.
Im Anschluss an die Aktion flog Viett mit einem weiteren Mitglied der Bewegung 2. Juni nach Beirut, um mit den Freigepressten und nach Südjemen Ausgeflogenen Kontakt aufzunehmen. Sie sprach mit Abu Hassan und Abu Iyad, ohne jedoch konkrete Ergebnisse zu erzielen. Nach einigen Wochen kehrte sie nach Europa zurück. Es folgte eine weitere Reise in den Libanon. Viett erhielt dort eine militärische Ausbildung und kehrte nach Berlin zurück.
In Berlin verübte die Bewegung 2. Juni dann zwei Banküberfälle, die durch die Verteilung von Schokoküssen an die Bankkunden für Aufsehen sorgten.
Am 9. September 1975 wurde Inge Viett erneut verhaftet, gemeinsam mit Ralf Reinders und Juliane Plambeck. Im Zuge diverser weiterer Aktionen gelang es der Polizei, in kürzester Zeit auch fast sämtliche andere Mitglieder der Bewegung 2. Juni festzunehmen. Viett kam wieder in ihre ehemalige Zelle im Frauengefängnis in der Berliner Lehrter Straße.
Ein erster Fluchtversuch am 24. Dezember 1975 scheiterte. Am 7. Juli 1976 gelang es Viett, Gabriele Rollnik, Monika Berberich und Juliane Plambeck, unter Verwendung eines angefertigten Nachschlüssels und durch Überwältigung zweier Justizvollzugsbeamtinnen zu fliehen.
Viett ging gemeinsam mit Rollnik und Plambeck – Berberich war wieder gefasst worden – nach Bagdad. Hier traf sie auf einige der 1975 Freigepressten. Sie reiste weiter in den Südjemen, wo sie sich für drei Monate in einem palästinensischen Ausbildungslager aufhielt. Ihr Deckname lautete dort Intissar.
Zurückgekehrt nach Europa, ging Viett mit weiteren Terroristen der Bewegung 2. Juni zunächst nach Wien. Dort wurde am 9. November 1977 unter Mitwirkung von drei österreichischen Studenten der 74-jährige österreichische Unternehmer Walter Michael Palmers entführt. Palmers wurde nach Zahlung eines Lösegeldes von 30,5 Millionen österreichischen Schilling vier Tage später unverletzt wieder freigelassen. Die Entführung hatte keinen politischen Hintergrund, sondern diente der bloßen Beschaffung von Geld zur Finanzierung des Terrorismus. Viett setzte sich danach nach Italien ab.
Mit dem Ziel, eine Befreiungsaktion in West-Berlin durchzuführen, reiste Viett über Prag und den Ost-Berliner Flughafen Berlin-Schönefeld nach West-Berlin. Sie wurde dabei in Schönefeld von Stasi-Major Harry Dahl, Leiter der Hauptabteilung XXII für Terrorabwehr, angesprochen, der – für Viett überraschend – Kenntnis über ihre wahre Identität hatte.RAF in der DDR: „Die wichtigsten Jahre in meinem Leben“ (spiegel.de vom 2. Juni 2015, abgerufen am 22. Oktober 2017) Es ergab sich ein zweistündiges Gespräch. Dabei sicherten ihr die DDR-Behörden zu, dass man nicht mit der Polizei der Bundesrepublik Deutschland zusammenarbeiten werde, sodass eine unbeeinträchtigte Einreise in die DDR möglich sei.Inge Viett: Nie war ich furchtloser (1999); S. 191 f.
Am 27. Mai 1978 befreite ein Kommando der Bewegung 2. Juni, zu dem auch Viett gehörte, Till Meyer aus der JVA Moabit; die ebenfalls beabsichtigte Befreiung von Andreas Vogel scheiterte. Viett reiste mit Meyer und dem Kommando über die Friedrichstraße nach Ost-Berlin aus. Da bei Leibesvisitationen gefundene Waffen Probleme bereiteten, berief sich Viett auf ihr Treffen mit dem Mitarbeiter der Staatssicherheit, was tatsächlich zur Aushändigung der Waffen und unbeeinträchtigten Einreise in die DDR führte.