mini|hochkant|Rahmat Khan (1843–1910) spielt sursingar. Sursingar, auch sursringar, surshringar, suṛśrṅgār, ist eine seltene Langhalslaute, die hauptsächlich im 19. Jahrhundert in der nordindischen klassischen Musik gespielt wurde. Die Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführte sursingar mit sechs Melodiesaiten aus Metall und einer Holzdecke ist eine Weiterentwicklung der in der höfischen Musik der Mogulzeit verwendeten dhrupad rabāb, die eine Hautdecke und fünf Darmsaiten besaß. Die verbesserten musikalischen Möglichkeiten machten sie besonders für den Dhrupad-Stil geeignet. Die bautechnischen Neuerungen, zu denen auch ein Griffbrett aus Metall gehört, ließen die sursingar zum Vorbild für die sarod werden, die in den 1860er Jahren aus der Kabuli rubāb entwickelt wurde. Nachdem die sursingar in der Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch verschwunden war, wird sie heute wieder von einigen Musikern vor allem in Kolkata gespielt.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Zweisaitige gezupfte rubāb auf einer bemalten Keramikschale aus der Zeit der Abbasiden, 10. Jahrhundert. mini|hochkant|Miniaturmalerei aus der Schule von Bundi, um 1780. Die Musikerin stimmt ein Streichinstrument mit einem kreisrunden Korpus, dessen Form der Zupflaute dhrupad rabāb und der heutigen Streichlaute kamaica in Rajasthan ähnelt. Langhalslauten, die Abbildungen auf Siegeln zufolge vermutlich bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien bekannt waren,Harvey Turnbull: The Origin of the Long-Necked Lute. In: The Galpin Society Journal, Band 25, Juli 1972, S. 58–66 sind in Indien auf den Reliefs buddhistischer Stupas aus dem 2./1. Jahrhundert v. Chr. mit einem birnenförmigen Korpus und drei bis fünf Saiten abgebildet und gehören in der altindischen Sanskrit-Literatur zu den vina genannten Saiteninstrumenten. Ein anderer Lautentyp mit einem kürzeren Hals und zwei bis drei Saiten ist von Reliefs der Region Gandhara aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. bekannt. Neben Abbildungen von Lauten mit einem gerundeten Korpus finden sich auch solche mit einem seitlich eingekerbten oder taillierten Korpus, wie er heute etwa bei der Kabuli rubāb, der sarangi und der dilruba vorkommt.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 36
Das Wort rabāb wird, Henry George Farmer (1930) zufolge, erstmals in arabischen Quellen des 10. Jahrhunderts für ein Streichinstrument in Persien und in der zentralasiatischen Region Chorasan erwähnt.Henry George Farmer: The Origin of the Arabian Lute and Rebec. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 4, Oktober 1930, S. 767–783, hier S. 775 Zu jener Zeit war die rabāb in den arabischen Gebieten Syrien und Mesopotamien offenbar bereits bekannt. Bis heute wird mit dem Wortumfeld rabāb vom Maghreb bis nach Indonesien überwiegend eine mit dem Bogen gestrichene Spießgeige bezeichnet. Rabāb gehört zur Wurzel rbb, die nach einer in der mittelalterlichen Literatur nicht durchgängig einheitlichen Unterscheidung mit a vokalisiert arabische Streichinstrumente und mit u vokalisiert persische Zupflauten bezeichnet.Alastair Dick: Rabāb. 1. Terminology and distribution. In: Grove Music Online, 2001 Eine ins 9. Jahrhundert in die Zeit der Abbasiden datierte bemalte Keramikschale aus Mesopotamien zeigt einen sitzenden, wohl aus Zentralasien stammenden Musiker, der eine zweisaitige gezupfte Langhalslaute rubāb mit einem birnenförmigen Korpus quer vor dem Oberkörper hält. Den S-förmigen Schalllöchern dieser Zupflaute mutmaßlich persischen Ursprungs nach zu urteilen, dürfte die Decke aus Holz bestanden haben. Am Übergang vom Korpus zum Hals ist der Korpus auf beiden Seiten zu dreieckigen Spitzen aufgebogen.Henry George Farmer: Islam. Musikgeschichte in Bildern. Band 3: Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1966, S. 38 Diese besondere Form ist in der englischsprachigen Literatur als barbed lute („Laute mit Widerhaken [am Hals]“) bekannt und kommt bei einigen asiatischen Lauten, darunter auch bei der sursingar vor.
Die unter dem Namensumfeld rabāb/rubāb in Südasien auftauchenden Lauten wurden und werden alle gezupft; eine entfernte Verwandtschaft zwischen dem indischen Streichinstrument sarangi und gewissen arabischen gestrichenen Kurzhalslauten (rebāb in TunesienJürgen Elsner in: Paul Collaer, Jürgen Elsner: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 8: Nordafrika. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1983, S. 86, 88) ist möglich. Ab dem 11. Jahrhundert kommt in persischen Chroniken der Ghaznawiden im Punjab die Instrumentenbezeichnung rabāb vor. Häufiger erwähnt rabāb der zur Zeit des Sultanats von Delhi lebende Musikwissenschaftler und Dichter Amir Chosrau.
Der in Buchara lebende Musiktheoretiker Darvish Ali Changi (um 1550–1620), der seinem Namen nach Harfe (tschang) spielte, berichtet in der Abhandlung Risāle-i mūsīqī, ein rabāb-Typ mit fünf Saiten, davon vier aus Seide und eine aus Silber, sei während der Regierungszeit von Muhammad II. (1200–1220) von Balch nach Transoxanien gebracht worden. Die rabāb wurde demnach unter den Timuriden in Zentralasien in der religiösen Musik der Sufis gespielt. Zwischen Transoxanien, Chorasan, Persien und Nordindien wurden im Lauf der Zeit einige unterschiedliche Lautentypen rabāb genannt. Der Name rabāb wird nur einmal im Bāburnāma, der Autobiografie des ersten Mogulherrschers Babur (reg. 1526–1530) erwähnt, als es um die Beschreibung einer privaten Zusammenkunft beim Genuss von Wein geht, die 1519 in Kabul stattfand. Das Musikensemble bestand aus einem rabāb spielenden Amateurmusiker und einem wandernden Sufi-Sänger.Aygul Malkeyeva: Musical Instruments in the Text and Miniatures of the “Bāburnāma”. In: RIdIM/RCMI Newsletter, Band 22, Nr. 1, Frühjahr 1997, S. 12–22, hier S. 17f
Erstmals abgebildet sind rabāb in Indien auf den Miniaturmalereien der frühen Mogulzeit im 16. Jahrhundert. Auf den Miniaturen des Bāburnāma lassen sich drei Lautentypen unterscheiden. Die Abbildungen verweisen auf die Herkunft der rabāb aus dem persischen Kulturraum und sprechen gegen eine direkte Verbindung mit den altindischen, von Gandhara-Reliefs bekannten Lauten. Charakteristisch für die rabāb der Moghulzeit ist die dreieckige Kante („Widerhaken“) als Abschluss des Korpus. Der Wirbelkasten dieser „persischen“ rabāb ist langrechteckig und nach hinten gebogen.
mini|hochkant|links|Zupflaute mit „Widerhaken“ am Hals, deren breiter runder Korpus der seni rabāb und in der Volksmusik der kamaica entspricht. Golkonda, um 1660–1670 mini|hochkant|Textillustration mit drei verschiedenen rabāb im auf Urdu verfassten musikwissenschaftlichen Werk von Sadiq Ali Khan, Sarmāyah-i ʿIšrat yā Qānūn-i Mūsiqī, 1884. Die „persische“ rabāb besitzt eine ähnlich dreieckig nach außen gebogene Kante als Abschluss des runden oder breitovalen Korpus zum schmalen Hals wie das Instrument auf der Abbildung des 9. Jahrhunderts aus Mesopotamien. Dieser mit Fell bespannte, runde Korpustyp überlebt in der rajasthanischen Streichlaute kamaica. Der Korpus schließt blumenkelchartig zum Hals ab.Vgl. die Miniatur aus dem 17. Jahrhundert einer Musikgruppe mit rabāb in: Arthur Henry Fox Strangways: The Music of Hindostan. Clarendon Press, Oxford 1914, Tafel 1 nach S. 14 In späten Mogulmalereien ist ein etwas anderer rabāb-Typ mit einem kreisrunden, mit Fell bespannten Korpus und einem weit vorstehenden, geraden Korpusabschluss zu sehen, der in der höfischen Musik des 18. und 19. Jahrhunderts beliebt war.Allyn Miner, 1997, S. 61f Diese Laute ist als dhrupad rabāb oder seni rabāb bekannt. Sie wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts im klassischen Stil Dhrupad gespielt.David Courtney: Seni Rabab. chandrakantha.com In der üblichen Traditionslinie wird die dhrupad rabāb und die mit ihr gespielte Musik auf Tansen zurückgeführt, der im 16. Jahrhundert Hofmusiker des Mogulkaisers Akbar I. war. Malereien aus dem 17. Jahrhundert zeigen Tansen und Zeitgenossen von ihm mit dieser dhrupad rabāb. Tansen gilt als Begründer einer mündlich überlieferten musikalischen Tradition (rabābia-Linie), zu der rabāb-Spieler und später auch sitar-Spieler gehören. Nachfolger Tansens waren sein Sohn Bilās Khan, dessen Sohn Gulāb Khan und wiederum dessen Sohn Chhajju Khan (um 1740–1806), der spieltechnische Neuerungen einführte. Chhajju Khans Söhne waren die rabāb-Spieler Jaffar Khan, Pyar Khan und Basat Khan.Rabāb. In: Late Pandit Nikhil Ghosh (Hrsg.): The Oxford Encyclopaedia of the Music of India. Saṅgīt Mahābhāratī. Band 3 (P–Z) Oxford University Press, Neu-Delhi 2011, S. 840
Die engste personelle Verbindung der rabāb in Indien besteht zu Guru Nanak (1469–1539). Ein Schüler und vertrauter Begleiter des ersten Sikh-Gurus namens Mardana ist auf Malereien zusammen mit Nanak zu sehen, wie er eine Art rabāb spielt. Mardana soll arabische Vorfahren gehabt haben und war für sein Lautenspiel berühmt. Einen anderen Musikstil, dessen Ursprung ebenfalls bei Guru Nanak liegt, produzieren die Dhadis genannten Sänger religiöser Lieder, die sich auf der kleinen Trommel dhadd und der sarangi begleiten.
In der Ende des 16. Jahrhunderts von Abu 'l-Fazl verfassten Hofchronik Akbars, Ain-i Akbari, werden rabāb mit 12 und 18 Saiten erwähnt. Laut Abu 'l-Fazl spielten die rabāb Hofmusiker in der Kammermusik, Brahmanen zur Begleitung religiöser Lieder und niedrigkastige Musiker zur Unterhaltung.Alastair Dick: Rabāb. In: Grove Music Online, 2001 In der musikwissenschaftlichen Schrift Sangita Parijata (Saṅgītapārijāta), die von Ahobala im 17. Jahrhundert in Nordindien verfasst wurde, ist die rabāb eine Laute mit sieben Saiten aus Seide und einem mit Tierhaut bespannten Korpus. Ferner wird darin behauptet, das Wort rabāb stamme von Sanskrit rava („Klang“) ab.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust India, Neu-Delhi 1977, S. 94 Kaviratna Purushottama Mishra (um 1690–1750) bezeichnet in Sangitanarayana eine fünfsaitige rabāb als kacchapi (vgl. kacapi) und rupavati. Laut der 1875 von Sadiq Ali Khan verfassten Schrift Sarmāyah-i ʿIšrat yā Qānūn-i Mūsiqī besaß die rabāb einen Kalebassenkorpus mit Holzdecke und fünf Metallsaiten. Die Beschreibung passt eher auf die sursingar und lässt darauf schließen, dass diese dabei war, die rabāb zu ersetzen.Allyn Miner, 1997, S. 63
mini|hochkant|Kabuli rubāb Der britische Kolonialbeamte Baden Henry Baden-Powell (1872) führt in seinem Handbuch der materiellen Dinge des Punjab auch eine rabāb genannte Laute auf. Das sechssaitige Instrument wurde zu dieser Zeit demnach in der nordindischen Gangesebene und im Besonderen in Lucknow gespielt, kam im Punjab aber nicht vor. Die mit „Sarod or Rabáb“ unterschriebene Zeichnung in diesem Werk zeigt keine dhrupad rabāb, sondern recht genau die gänzlich andere Kabuli rubāb, die seit dem 18. Jahrhundert zur afghanischen Musik gehört und die in den 1860er Jahren in Lucknow zur sarod weiterentwickelt wurde.H. B. Baden-Powell: Handbook of the Manufactures and Arts of the Punjab, with a Combined Glossary and Index of Vernacular Trades and Technical Terms. Punjab Printing Company, Lahore, 1872, S. 274, Abbildung vor S. 277