mini|Demonstration, Oktober 2011 Workfare ist ein in den 1990er Jahren in den USA entstandenes arbeitsmarktpolitisches Konzept, das staatliche Transferleistungen mit einer Verpflichtung zur Arbeitsaufnahme verknüpft. Die englische Bezeichnung workfare ist in Anlehnung an Work + Social Welfare = Workfare, also „Arbeit und Sozialhilfe“, letzteres in den USA auch als Wohlfahrt bezeichnet, entstanden.
Die Verknüpfung von (verpflichtender) Arbeitsleistung und einem Geldtransfer werden in den USA und Europa unterschiedlich ausgeführt. Das US-Modell zielt darauf ab, ohne zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen „möglichst viele Transferbezieher dazu zu bringen, eine unsubventionierte Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt anzunehmen“. Damit unterscheidet es sich von Konzepten in Europa, wie dem ursprünglichen Verständnis von Bürgerarbeit und Gemeinwohlarbeit, bei denen Tätigkeiten im öffentlichen Interesse, für die kein regulärer Arbeitsmarkt besteht, verrichtet werden sollen bzw. müssen und gegebenenfalls auch subventioniert werden.Christine Heinz u. a.: Modellversuch Bürgerarbeit. Zwischen Workfare und Sozialem Arbeitsmarkt. IAB-Forschungsbericht 14/2007, S. 4.
Idee Workfare sind Aktivierungsmaßnahmen, die vor allem darauf abzielen, die Arbeitssuche und -aufnahme durch verbindliche Absprachen und durch Androhungen von Sanktionen zu erhöhen. Folgende drei Merkmale sind bestimmend:Susanne Koch, Gesine Stephan, Ulrich Walwei (2005): Workfare: Möglichkeiten und Grenzen (PDF; 465 kB) Es besteht eine Verpflichtung zur Teilnahme am Workfare-Konzept mit Auswirkungen auf die Rechte der Betroffenen: Eine Verweigerung zieht das Risiko der Verminderung oder Streichung von Sozialleistungen nach sich. Dies beruht auf der Annahme, der Grund für Arbeitslosigkeit liege nicht primär in einem Fehlen an Arbeitsplätzen, sondern am Mangel an Motivation und Anstrengung bei den Betroffenen. Der Schwerpunkt von Workfare liegt auf der Aufnahme von Arbeit und weniger auf Ausbildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen oder sonstigen Formen der Aktivierung. Ob dabei als Ziel die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt oder der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit relevant ist, wird dabei zunächst offengelassen. Workfare ist entweder eine Bedingung zum Erhalt von Sozialleistungen, oder aber es stellt (z. B. durch eine Lohnzahlung) einen adäquaten Ersatz für diese bereit. Voraussetzung zur Teilnahme ist wie bei Sozialleistungen eine individuelle Bedürftigkeit der Betroffenen (vgl. Koch u. a., 2005).
Deutschland Eine Pflicht zur Arbeit besteht für Arbeitslose in Deutschland faktisch seit jeher.Vgl. Wolfgang Ayaß: Pflichtarbeit und Fürsorgearbeit. Zur Geschichte der „Hilfe zur Arbeit“ außerhalb von Anstalten, in: Frankfurter Arbeitslosenzentrum - FALZ (Hrsg.), Arbeitsdienst - wieder salonfähig? Zwang zur Arbeit in Geschichte und Sozialstaat, Frankfurt/M. 1998, S. 56–79. Dies war aber in der Vergangenheit an Zumutbarkeitskriterien in Form eines Berufsklassenschutzes, der über die Zeit der Arbeitslosigkeit abnahm, gebunden. Eine Heranziehung zu gemeinnütziger Arbeit ergab sich genaugenommen für Langzeitarbeitslose ebenfalls schon immer, aber erst im Verlauf der 1990er Jahre starteten einige Kommunen (Bielefeld, Köln, Krefeld, Leipzig, Nordhausen, Offenbach, Osnabrück, Paderborn, Pforzheim, Saarbrücken, Siegen und Stuttgart)http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-0A000F0A-BCDECA31/bst/besch.pdf Modellprojekte, die dem heutigen, sogenannten Ein-Euro-Job-Modell (Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung) unter Arbeitslosengeld II entsprechen. Viele weitere Kommunen kopierten diese Modelle im Verlauf der Jahre, bis es mit dem Hartz-Konzept zu einer bundesweit einheitlichen Grundlage kam. Allerdings sind bis heute immer nur ein Teil der Langzeitarbeitslosen in solchen Maßnahmen, während im reinen Workfare-Konzept die Arbeitsaufnahme obligatorisch, also für alle Arbeitslosen umgesetzt werden soll.
In Deutschland wird das Workfare-Konzept in Form von Ein-Euro-Jobs und Kombilohn praktiziert. Alternative Ansätze zum Workfare, insbesondere Lohnbezuschussungen wie der Kombilohn oder die aktivierende Sozialhilfe, werden jedoch immer wieder diskutiert. Roland Koch gilt als einer der Vorreiter dieser Idee.
Im Zukunftsbericht 2009 des Landes Nordrhein-Westfalens unter Jürgen Rüttgers heißt es: „Der entstehende Anreiz, anstelle einer staatlicherseits angebotenen gemeinnützigen Ganztagstätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt auch solche Angebote anzunehmen, die gegenwärtig in rationaler Entscheidung zumeist kaum in Betracht gezogen werden, kann ein erhebliches Beschäftigungspotenzial bei einer gleichzeitigen massiven Haushaltsentlastung mobilisieren.“Zukunftskommission des Landes Nordrhein-Westfalen: Bericht der Arbeitsgruppe 2, Vom Hort der alten Industrien zum Magneten der Moderne? 2009, S. 89. Ebenso präsentierte Horst Seehofer im Juli 2009 den Abschlussbericht der Zukunftskommission des Landes Bayern, in dem eine „intensivere Einforderung von Gegenleistung“Abschlussbericht der Kommission „Zukunft Soziale Marktwirtschaft“, München, 14. Juli 2009, S. 68. für staatliche Transferzahlungen gefordert wird.Telepolis: Daumenschrauben bringen keine Jobs vom 2. August 2009
Infolge des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010 zum Arbeitslosengeld II1 BvL 1/09, 1 BvL 3/09, 1 BvL 4/09 = BVerfGE 125, 175. wurde in der Sozialrechtswissenschaft die Frage wieder intensiver erörtert, ob Workfare-Elemente im Zweiten Buch des Sozialgesetzbuches, z. B. Leistungskürzungen des Arbeitslosengeldes II nach Ablehnung einer Arbeitsgelegenheit, mit dem Menschenwürdekonzept des Art. 1 des Grundgesetzes vereinbar sind.Ausführlich: Spellbrink, Deutsches Verwaltungsblatt 2011, 661 ff.; Richers/Köpp, Die Öffentliche Verwaltung 2010, 997 ff.
Politische Konzepte und Umsetzung Diese Modelle wurden für Empfänger von finanziellen staatlichen Zuwendungen, wie Grundsicherungen, Grundversorgungen, Sozialhilfen, Arbeitslosgengeldern etc. und damit verbundener verpflichtender Arbeit entwickelt. Dabei sind meist finanzielle Sanktionsmöglichkeiten vorgesehen, falls die zugewiesenen Arbeiten nicht geleistet werden. Seit dem Jahr 2022 sind auch schwerpunktmäßig Konzepte und Programme für Asylbewerber sowie seit 2024 wieder verstärkt zur Arbeitsverpflichtung für Grundsicherungsgeld-Empfänger (vormals Bürgergeld-Empfänger) in Umsetzung, hier ein Überblick:
Bürgerarbeit Unter der Bezeichnung Bürgerarbeit gab es im Laufe der letzten Jahrzehnte mehrere Konzepte, bei einigen Vorschlägen handelt es sich um Workfare-Programme, welche darauf abzielen, die Bezieher von Leistungen zur Grundsicherung für Arbeitsuchende in Deutschland (vor 2005: Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe) zu aktivieren und in einer gemeinnützigen Arbeit auf kommunaler Ebene einzusetzen. Erste Pläne dazu gab es bereits 1996 im Rahmen eines Freiwilligenprogrammes.
Ende 2024 wurde in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin beschlossen, ein Konzept zur Arbeitsverpflichtung von Bürgergeld-Empfängern für gemeinnützige Tätigkeiten zu erstellen. Bürgergeld-Empfänger, die sich weigern die zugewiesene Arbeit aufzunehmen, würden somit Leistungskürzungen riskieren oder zu Strafzahlungen verpflichtet werden. Derzeit gibt es ein Modell auf freiwilliger Basis. Nach der Aussage von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann solle dieses Modell auf ganz Deutschland ausgedehnt werden.https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/vorstoss-in-schwerin-wer-buergergeld-bekommt-soll-arbeiten-110216314.htmlhttps://www.welt.de/politik/deutschland/article255037302/Sozialleistungen-Arbeitspflicht-fuer-Buergergeld-Empfaenger-FDP-mahnt-Respekt-fuer-Steuerzahler-an.htmlhttps://www.focus.de/politik/deutschland/nach-thueringer-vorbild-schwerin-verhaengt-arbeitspflicht-fuer-buergergeld-empfaenger_id_260607674.htmlhttps://www.schwerin.de/news/richtigstellung-zu-berichterstattung-arbeitsverpflichtung/
Nach seinem Amtsantritt im Januar 2026 verkündete der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Sven Schulze (CDU) den Plan zur Einführung einer Arbeitspflicht von langzeitarbeitslosen Grundsicherungsgeld-Empfängern (vormals Bürgergeld-Empfängern, wurde zum 1. Juli 2026 im Zuge der Neuen Grundsicherung von Bürgergeld in Grundsicherungsgeld umbenannt)https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/neue-grundsicherung-2399562 und Asylbewerbern in seinem Bundesland.https://www.focus.de/finanzen/news/arbeitspflicht-fuer-buergergeld-empfaenger-was-geht-und-was-nicht_4f92a0a0-68cc-467f-bf99-cb6dc84afa5a.html Der Modellversuch startete am 1. Juli 2026 unter der bereits bekannten Bezeichnung Bürgerarbeit im Landkreis Mansfeld-Südharz.https://www.hwk-magdeburg.de/artikel/initiative-buergerarbeit-in-sachsen-anhalt-handwerkskammern-begleiten-modellstart-16,0,8077.htmlhttps://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/news-schulze-landkreistag-beschluss,buergerarbeit-100.htmlhttps://www.sachsen-anhalt.de/startseite/news-detail/ministerpraesident-treibt-buergerarbeit-voranhttps://www.merkur.de/politik/buergergeld-empfaenger-sollen-arbeiten-schulze-will-buergerarbeit-bundesweit-einfuehren-94126352.htmlhttps://www.n-tv.de/politik/Ministerpraesident-Schulze-fordert-Arbeitspflicht-fuer-Buergergeldempfaenger-id30337704.html
Gemeinschaftsdienst Der arbeitsmarktpolitische Obmann der CSU forderte in einem Interview mit der Bild-Zeitung am 14. Juni 2006 die Einführung eines als Gemeinschaftsdienst bezeichneten Pflichtdienstes für alle „arbeitsfähigen“ Langzeitarbeitslosen, durch den Empfänger von Arbeitslosengeld II zu täglich achtstündiger unbezahlter Arbeit gezwungen werden sollen.
Arbeitspflicht für Geflüchtete Gemäß §5 des derzeit gültigen Asylbewerberleistungsgesetz können Asylwerber zu Arbeiten zur Aufrechterhaltung und Betreibung der Einrichtung sowie bei staatlichen, bei kommunalen und bei gemeinnützigen Trägern verpflichtet werden.https://www.gesetze-im-internet.de/asylblg/BJNR107410993.html Im Februar 2024 wurde bekannt gegeben, dass der Thüringer Landrat Christian Herrgott im Saale-Orla-Kreis eine Arbeitspflicht für Geflüchtete im Ausmaß von vier Stunden täglich einführen will.https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/cdu-landrat-in-thueringen-will-arbeitspflicht-fuer-asylbewerber-19549049.htmlhttps://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/cdu-landrat-gefluechtete-asylbewerber-arbeitspflicht-100.htmlhttps://www.tagesspiegel.de/politik/gefluchtete-sollen-fur-80-cent-pro-stunde-arbeiten-kritik-an-cdu-landrat-im-thuringer-saale-orla-landkreis-11278093.html Zur Arbeit verpflichtet werden sollen Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, in einer ersten Phase soll auf Freiwillige zurückgegriffen werden. Das Vorhaben wird vom Präsidenten des Deutschen Landkreistages Reinhard Sager (CDU) unterstützt, dieser forderte bereits im Oktober 2023 eine Ausweitung der erlaubten Arbeitsbereiche auf den gesamten regulären Arbeitsmarkt und den Einsatz von Asylwerbern auch in der Privatwirtschaft im Bereich der Gastronomie.https://www.spiegel.de/politik/deutschland/asyl-landkreistag-moechte-alle-gefluechteten-zur-arbeit-verpflichten-a-17d533e1-2484-47a2-8e63-a1c98465b802?sara_ref=re-so-app-sh Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD sprach sich ebenso dafür aus, Asylwerber zu gemeinnützigen Tätigkeiten einzusetzen, sieht dies allerdings nur als Möglichkeit die Wartezeit zu überbrücken, bis sie einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen können.https://kommunal.de/landrat-setzt-arbeitspflicht-fuer-asylbewerber-um-gesetz-grundlagehttps://www.n-tv.de/politik/Heil-Arbeitspflicht-fuer-Asylbewerber-nur-um-Zeit-zu-ueberbruecken-article24772327.htmlhttps://www.n-tv.de/politik/Esken-haelt-nichts-von-Arbeitspflicht-fuer-Asylbewerber-article24774203.htmlhttps://www.fluechtlingsrat-thr.de/sites/fluechtlingsrat/files/pdf/Antragshilfen/2025%2002%20Arbeitspflicht%20kleine%20Anfrage%20CDU.pdfhttps://www.zeit.de/2025/47/arbeitspflicht-asylbewerber-gemeinnuetzige-jobs-thueringen-gxe