Gebhard Sigl, als Ordensmann Paul Maria Sigl (* 22. Oktober 1949 in Natters, Tirol) ist ein österreichischer römisch-katholischer Priester. Er ist Mitbegründer der internationalen katholischen Gemeinschaft Pro Deo et fratribus – Familie Mariens, die er 1990 gemeinsam mit Paul Hnilica, Titularbischof von Rusadus, ins Leben rief und über drei Jahrzehnte leitete. Die Vereinigung wurde 1995 vom Päpstlichen Rat für die Laien als private Vereinigung von Gläubigen päpstlichen Rechts anerkannt; ihre Statuten wurden 2004 endgültig genehmigt.

Nach einer apostolischen Visitation der Gemeinschaft im Jahr 2021 wurde Sigl 2022 aus deren Leitung entfernt. Im September 2024 verurteilte ihn das Dikasterium für die Glaubenslehre wegen Amtsmissbrauchs im Zusammenhang mit geistlichem und psychischem Missbrauch; das Urteil untersagt ihm für zehn Jahre die Ausübung wesentlicher priesterlicher Dienste. Sexueller Missbrauch war nicht Gegenstand der Feststellungen. Papst Franziskus bestätigte das Urteil im Oktober 2024 in forma specifica; es ist damit rechtskräftig und nicht anfechtbar.

Leben Herkunft und Anfänge Gebhard Sigl wurde 1949 in Natters in Tirol geboren. In der Zeit des geistlichen Aufbruchs nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil engagierte er sich in marianischen Erneuerungsbewegungen. 1972 gründete er zusammen mit dem österreichischen Priester Joseph Seidnitzer (1920–1993) das Werk des Heiligen Geistes mit. Seidnitzer, der von Bischof Johann Weber von Graz-Seckau a divinis suspendiert worden war, galt seinen Anhängern nach Berichten ehemaliger Mitglieder als Träger unsichtbarer Stigmata und Empfänger von Privatoffenbarungen; er verlieh ihnen Namen von Aposteln, wobei Sigl den Namen Paulus erhielt, den er als Ordensnamen beibehielt.

Nach Recherchen der Nachrichtenagenturen cath.ch und Adista empfing Sigl von Seidnitzer eine als „mystisch-sakramental“ bezeichnete Weihe, für die sich Seidnitzer auf ein eigenes „göttliches Mandat“ berief, und feierte zwischen 1978 und 1982 gemeinsam mit Seidnitzer Messen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht zum Priester geweiht war. Das Werk des Heiligen Geistes wurde 1990 kirchlich aufgelöst.

Priesterweihe und Gründung der Familie Mariens 1990 gründete Sigl auf den personellen Strukturen des aufgelösten Werkes die Familie Mariens, gemeinsam mit dem slowakischen Titularbischof Paul Hnilica. Hnilica war 1951 unter den Bedingungen der kommunistischen Kirchenverfolgung heimlich zum Bischof geweiht worden; Papst Paul VI. bestätigte die Gültigkeit dieser Weihe 1964 mit der Ernennung Hnilicas zum Titularbischof von Rusadus. Die Familie Mariens schloss sich dem von Hnilica 1968 gegründeten Werk Pro Deo et fratribus an, das der materiellen und geistlichen Unterstützung der verfolgten Kirche in den Staaten des Ostblocks diente, darunter der Gewerkschaft Solidarność in Polen. Der priesterliche Zweig wurde später als Werk Jesu des Hohepriesters konsolidiert.

Die neue Gemeinschaft trennte sich administrativ von Seidnitzer, dem Sigl bis zu dessen Tod 1993 persönlich verbunden blieb. 1992 weihte Hnilica in Fátima fünf Mitglieder der Gemeinschaft, unter ihnen Sigl, zu Priestern.

Wirken Kirchenrechtliche Anerkennung Am 25. März 1995 erkannte der Päpstliche Rat für die Laien Pro Deo et fratribus – Familie Mariens als private Vereinigung von Gläubigen päpstlichen Rechts an. Am 25. März 2004 wurden die Statuten endgültig genehmigt; dabei entfiel der Namenszusatz „der Miterlöserin“.

Apostolische Tätigkeit und Ausbreitung Unter Sigls Leitung wuchs die Gemeinschaft entgegen dem allgemeinen Rückgang geistlicher Berufungen in Europa. Nach eigenen Angaben der Gemeinschaft zählte sie 2023 mehr als 60 Priester, rund 30 Seminaristen und Laienbrüder sowie etwa 200 geweihte Laien und war in elf Ländern präsent: Italien, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden, der Slowakei, Tschechien, Russland, Kasachstan und Uruguay.

Zu den Tätigkeiten der Gemeinschaft zählten die Betreuung Obdachloser in Rom, Missionsstationen in Osteuropa und Zentralasien sowie ein Medienapostolat, insbesondere die in mehreren Sprachen erscheinende Zeitschrift Triumph des Herzens.

Marianische Frömmigkeit Ein Schwerpunkt von Sigls Wirken lag in der Verbreitung marianischer Frömmigkeit. Er führte in der Familie Mariens die Verehrung der Frau aller Völker ein, die auf Visionen der Niederländerin Ida Peerdeman beruht, zu der er persönlichen Kontakt hielt; die entsprechenden Erscheinungen wurden 2020 vom Heiligen Stuhl nicht als übernatürlich anerkannt. Er brachte zudem die US-Amerikanerin Theresa Lopez, die in den 1990er Jahren Marienerscheinungen in Denver angab, mit der Gemeinschaft in Kontakt und unterstützte ihre Vortragsreisen.

Apostolische Visitation und kirchenrechtliches Verfahren Die Leitungsstruktur der Gemeinschaft beruhte auf einem asketischen Modell von Gehorsam und Selbstverleugnung. Ehemalige Mitglieder erhoben Kritik daran und beanstandeten insbesondere eine Vermischung von innerem und äußerem Forum, also von geistlicher Begleitung und administrativer Leitung; sie berichteten von einem Kult um den Gründer, von der Forderung absoluten Gehorsams und von mentaler Manipulation. Sigl, der von den Mitgliedern „Padre“ genannt wurde, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, seine Autorität mit dem Anspruch zu begründen, über die Gabe der Herzensschau (Kardiognosie) zu verfügen.

Aufgrund solcher Berichte ordnete das Dikasterium für den Klerus 2021 eine apostolische Visitation unter der Leitung des emeritierten Erzbischofs von Bari, Francesco Cacucci, an. Mit Dekret vom 5. Juni 2022, das Papst Franziskus in forma specifica billigte, wurde die Gemeinschaft apostolischen Kommissaren unterstellt und Sigl aus der Leitung entfernt.

Am 18. September 2024 sprach das Dikasterium für die Glaubenslehre ein Urteil gegen Sigl wegen Amtsmissbrauchs im Zusammenhang mit geistlichem und psychischem Missbrauch. Untersagt wurden ihm für zehn Jahre insbesondere das Hören von Beichten, die geistliche Begleitung, das Predigen und die Leitung von Exerzitien sowie der Aufenthalt bei Mitgliedern und jede Funktion in den Verwaltungsorganen der von ihm gegründeten Vereinigungen; er hat seinen Wohnsitz an einem von den Kommissaren bestimmten Ort zu nehmen. Feststellungen zu sexuellem Missbrauch enthält das Urteil nicht. Papst Franziskus bestätigte es am 11. Oktober 2024 in forma specifica, womit es rechtskräftig und nicht anfechtbar ist. Die Gemeinschaft gab das Urteil bekannt, äußerte sich in ihrer Mitteilung jedoch nicht zu den Straftatbeständen.

Von Betroffenenseite wurde das Urteil als zu milde kritisiert.

Auszeichnung 2016: Europäische Friedensrose Waldhausen, überreicht am 4. September 2016 durch Bischof Klaus Küng gemeinsam an Sigl, Karl Wallner, Elisabeth Rötzer und die Passionsspielgemeinschaft Dorfstetten

Veröffentlichung Die Frau aller Völker – Miterlöserin, Mittlerin, Fürsprecherin. Pro Deo et fratribus – Familie Mariens der Miterlöserin, Lütisburg-Station 1998, ISBN 978-3-9521553-0-1.

Literatur Birgit Abele: Wieder ich selbst. Mein Weg aus dem Gefängnis spirituellen Missbrauchs. Herder, Freiburg im Breisgau 2024, ISBN 978-3-451-39854-4 (Erfahrungsbericht einer ehemaligen Geweihten der Gemeinschaft). Joachim Bouflet: Faussaires de Dieu. Presses de la Renaissance, Paris 2000, ISBN 2-85616-697-0, S. 680–681.

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Einzelnachweise

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