Ernst Gustav Zipperer (* 23. Februar 1888 in Ulm; † 26. Mai 1982 in Heilbronn) war ein deutscher Maler, Grafiker und Zeichenlehrer.Zipperer, Ernst. In: Nagel, Gert K.: Schwäbisches Künstlerlexikon: Vom Barock bis zur Gegenwart. München: Kunst & Antiquitäten 1986, S. 131.Zipperer, Ernst. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Bio-bibliographischer Index, Bd. 10. Hrsg. v. Günther Meißner. München, Leipzig: K. G. Saur 2000, S. 751.
Leben
Elternhaus, Ausbildung und Erster Weltkrieg mini|Ulm an der Donau, Kaltnadelradierung, 1925 Ernst Gustav Zipperer wurde 1888 in Ulm als Sohn des Sattlermeisters Ernst Hermann Zipperer und dessen Ehefrau Friederike geboren. Von der Seite seiner Mutter her war er Nachkomme des international bekannten Tiermalers, Kupferstechers, Radierers und Verlegers Johann Elias Ridinger (* 1698 in Ulm; † 1767 in Augsburg). Ernst Zipperer wuchs gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Max in unmittelbarer Nähe des Ulmer Münsters auf. Nach dem Besuch der Knabenmittelschule in Ulm (1894–1902) erlernte er auf Wunsch des Vaters den Beruf des Sattlers und Tapezierers im elterlichen Betrieb. Nach der Gesellenprüfung (1905) und kurzer Tätigkeit im erlernten Beruf folgte er seiner Neigung zur Kunst und besuchte die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Hannover (1907–1909). Anschließend wechselte er auf die private Wissenschaftliche Lehranstalt Paul Heinrichs in Hildburghausen (1909–1910) und legte die Einjährig-Freiwilligen-Prüfung ab. Von Oktober 1910 bis November 1911 absolvierte er den Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger in Neu-Ulm, was ihm die Offizierslaufbahn eröffnete. Darauf besuchte er die Kunstgewerbeschule in Kassel und schloss diese mit dem Erwerb der Lehrbefähigung als Zeichenlehrer an höheren Schulen und Lehrerbildungsanstalten ab (1911–1913). Dann hörte Zipperer ein Semester Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo er Schüler von Heinrich Wölfflin war.Der Maler auf der Tannenburg. In: Haller Tagblatt. Schwäbisch Hall. 226, 30. September 1961. Im März 1914 trat Zipperer am Realgymnasium Berlin-Lichterfelde als Lehramtskandidat seine erste Stelle an. Diese musste er allerdings schon im August 1914 wegen seiner Einberufung zum Kriegsdienst in Masuren/Ostpreußen unterbrechen.
Im Ersten Weltkrieg diente Zipperer als Offizier. 1915 wurde er bei Minsk in Russland durch Kopfschuss schwer verwundet und verlor sein linkes Auge, was einen einjährigen Aufenthalt in der Augenheilanstalt Stuttgart nach sich zog. Um ihn dort zu pflegen, brach seine Verlobte Elisabeth Nestler ihre Ausbildung zur Lehrerin ab. Zeitlebens blieben ihm als Folge der erlittenen Verletzungen schwere Kopfschmerzen und Schwindel sowie ein Nierenleiden.
Im Juni 1917 setzte er seinen Dienst als Lehramtskandidat am Realgymnasium Berlin-Lichterfelde fort und erlangte im September des Jahres die Zuerkennung der Anstellungsfähigkeit als Zeichenlehrer. Von Oktober 1917 bis September 1918 diente er in Rastenburg/Ostpreußen als Kreisoffizier. alternativtext=Ernst Zipperer 1918|mini|Ernst Zipperer 1918
Berlin Im September 1918 verheiratete sich Ernst Zipperer mit Elisabeth Nestler (* 3. November 1894 in Hildburghausen; † 5. Juni 1977 in Heilbronn). Dem Ehepaar wurden drei Kinder geboren: Ernst Wilhelm (1919–2005), Gisela (1921–1928) und Vera Charlotte (* 1931). Im Oktober 1918 trat er am Hermann-von-Helmholtz-Gymnasium in Berlin-Schönefeld eine Stelle als Zeichenlehrer an. 1920 wechselte er an das Humanistische Gymnasium Berlin-Friedenau (heute Friedrich-Bergius-Schule). Dort prägte er bis 1940 eine ganze Generation junger Menschen. Seiner Schülerschaft entstammten Persönlichkeiten wie der Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels, der Feuilletonist Friedrich Luft sowie die Politiker Egon Bahr und Peter Lorenz. Zipperer wurde von seinen Schülern verehrt; einige blieben mit ihm bis zu seinem Tod in persönlichem Kontakt. Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Helmut Ammann, der seinerseits ein bedeutender Maler, Bildhauer und Grafiker wurde.
Der berufliche Beginn in Berlin markierte auch den Anfang der ersten großen Schaffensphase des Malers und Grafikers Ernst Zipperer, die bis 1940 anhielt. Zahlreiche Kunstreisen führten ihn durch ganz Deutschland und in verschiedene europäische Länder. Durch seine Kaltnadelradierungen wurde er über Deutschland hinaus bekannt. mini|Ernst Hermann Zipperer (Vater), Pastellkreide 1913 In Berlin pflegte Zipperer Freundschaften mit Künstlern wie Heinrich Zille und Max Liebermann.‚Der Weg‘ - Vision und Auftrag, Ernst Zipperer zum 80. Geburtstag. In: Haller Tagblatt. Schwäbisch Hall. 23. Februar 1968, S. 9. Besonders verbunden war er mit Bildhauer August Gaul, in dessen Haus er 1917 fast ein Jahr lang wohnte. Gaul schätzte und förderte Ernst Zipperer. Über Gaul, der Mitglied des Vorstands der Berliner Secession war, kam Zipperer mit der Berliner Kunstwelt in Verbindung. mini|Tannenburg bei Bühlertann|alternativtext=Tannenburg bei Bühlertann|links 1931 erwarb Zipperer von Rittmeister Manfred von Gleich die Stauferburg Tannenburg mit Hofgut bei Bühlertann im Landkreis Schwäbisch Hall.Klein, Erwin/Staudacher, Bernhard: Die Geschichte der Tannenburg und ihrer Besitzer. Zusammenfassung des Vortrags vom Freitag, 13. November 2009 in der Bühlertalhalle Bühlertann. Bühlertann: Heimatverein 2010. Die Burg gestaltete er innen teilweise im Jugendstil künstlerisch aus. Er verpachtete die zugehörige Landwirtschaft und wirkte zunächst weiter als Zeichenlehrer und Künstler in Berlin.
Tannenburg und Bühlertann, Württemberg mini|Tannenburg, Kaltnadelradierung, 1940|alternativtext= Als Kriegsversehrter ließ sich Ernst Zipperer 1940 frühpensionieren und siedelte von Berlin auf die Tannenburg über. Dort betrieb er bis zur Rückkehr seines Sohnes Ernst Wilhelm aus Krieg und Gefangenschaft (1940–1948) unter schwierigsten Bedingungen die Landwirtschaft. 1951 übergab er Burg und Hof an seinen Sohn. 1963 zog er in das Haus seiner Tochter Vera in Bühlertann. Mit Verschlechterung seines verbliebenen Auges musste Zipperer 1972 sein künstlerisches Schaffen einstellen. Die letzten Lebensjahre verbrachte er bei seiner inzwischen nach Flein bei Heilbronn verzogenen Tochter. Ernst Gustav Zipperer verstarb am 26. Mai 1982 mit 94 Jahren. Er wurde in Bühlertann begraben.
Werk Das künstlerische Schaffen von Ernst Zipperer umfasst sein Frühwerk bis 1917, die Schaffensphase in Berlin (1918–1940) und sein Spätwerk (1950–1972). Nach derzeitigem Stand sind etwa 1.900 Werke dokumentiert (siehe Werkverzeichnis).
Frühwerk bis 1917 Bereits als Kind und in der Lehrzeit zeigte Ernst Zipperer eine besondere zeichnerische Begabung. In diesem Zeitraum entstanden zahlreiche Zeichnungen und Skizzen, die zum größten Teil verloren sind. Aus der Zeit seiner künstlerischen Ausbildung in Hannover, Kassel und München sind zahlreiche Studien zu Perspektive und Schattenwirkung sowie technische Zeichnungen erhalten.
Seit frühester Kindheit geprägt vom Ulmer Münster und unter dem Einfluss von Prof. HeubachKunstausstellung im Kunsthaus Göbel. In: Ulmer Tagblatt. Ulm. 87, 16. April 1931. in Hannover wandte sich Zipperer verstärkt dem Zeichnen von Architektur zu. Daneben entstanden Landschaften, Porträts, Akte, Ornamente und Stillleben, die er überwiegend als Bleistiftzeichnungen, selten als Aquarelle ausführte.
Selbst während des Kriegseinsatzes in Russland (1914–1915) kamen seine besonderen zeichnerischen Fähigkeiten zum Tragen: Mangels fotografischer Möglichkeiten skizzierte er Gefechtslagen, die bei militärischen Entscheidungen Verwendung fanden. Im Schützengraben zeichnete er Porträtskizzen für Kameraden oder Vorgesetzte als Gruß in die Heimat. Zwei kleine Zeichnungen sind aus dieser Zeit erhalten.
Auf seine schwere Kriegsverletzung folgte eine einjährige Rehabilitation in der Augenheilanstalt Stuttgart. Nach Wiedererlangung der Sehfähigkeit des verbliebenen Auges erlebte er noch in der Klinik eine intensive künstlerische Phase, in der er sich in zahlreichen Skizzen und Zeichnungen mit Menschen beschäftigte, die an den Folgen des Krieges sichtlich schwer trugen. Einige Bilder jener Zeit lassen deutlich den Einfluss Heinrich ZillesRieber, A.: Heute führen die Wege ins Unendliche. In: Heilbronner Stimme. Heilbronn. 3. März 1973, S. 21. erkennen.
Berlin (1918–1940) mini|Magdalen Tower, Oxford, Kaltnadelradierung, 1925 1919 entdeckte Ernst Zipperer für sich die Kaltnadelradierung, manchmal auch in Verbindung mit Ätzverfahren. Er zeichnete und radierte Schlösser, Städteansichten, Kirchen, Landschaften, Porträts, Blumen und Tiere – meist in kleinen bis mittleren Formaten. Der Themenschwerpunkt lag in dieser Phase auf der Architektur. Mehr als 40 Motive fand er allein in seiner Heimatstadt Ulm. Auf seinen zahlreichen Reisen fertigte er Bleistiftzeichnungen als Vorstudien für die späteren Radierungen an. mini|Schwäbische Alb mit Hohenrechberg und Hohenstaufen, Kaltnadelradierung, 1925 Es entstanden insgesamt über 400 Kaltnadelradierungen, die sich durch eine ausgeprägte Hinwendung zum Detail und hohes formales Gestaltungsvermögen auszeichnen. Dazu kommt die perspektivische Wirkung seiner Bilder, die ihm trotz Einäugigkeit überzeugend gelang. Eine Steigerung der Räumlichkeit und des Ausdrucks erreichte Zipperer, indem er Impulse aus Rembrandts Hell-Dunkel-Malerei (Chiaroscuro)Zur Ausstellung von Radierungen Ernst Zipperers. In: Ipf- und Jagst-zeitung / Ellwanger Tagblatt. Ellwangen. 115 (1933) 237, 28. Oktober 1933, S. 5. aufnahm. Hier griff er auf die Mezzotinto-Technik zurück, die sämtliche Tonwerte von ganz hell bis ganz dunkel für eine kontrastreiche Licht-Schatten-Wirkung ermöglicht. Kennzeichnend für Zipperer war auch die in vielen Radierungen anzutreffende Staffage, die das Auge des Betrachters dezent führt. mini|Bahnhofshalle Berlin, Kaltnadelradierung, 1923 „Die vielen bewegten Striche, die mitunter eine fast flimmernde Wirkung erzielten – zu strengem Formenaufbau verbunden – das war typisch Zipperer“.Ausstellung im Kunsthaus Frey in Ulm zum 90. Geburtstag. In: Ulmer Zeitung. Ulm. 11. Februar 1978. Dabei ging es ihm aber nicht nur um die Wiedergabe der Wirklichkeit. Er wollte malerische Graphik schaffen. „Zipperer stellte nicht tote Objekte dar, sondern Dinge, die ein Schicksal und daher Leben haben“.Ohne Titel. In: Vaterstädtische Blätter. Lübeck. (1927/28) 3, 30. Oktober 1927, S. 3f. Er suchte vielmehr die schöpferische Übersetzung seiner Wahrnehmung ins Künstlerische. „Er wusste auszudrücken, was um das Sichtbare an seelischer Stimmung webt“.Kunstverlag Carl Büchle. Berlin-Tempelhof 1925 (Verlagskatalog).
Dass Zipperer auch „ein Bildnisradierer von Rang und Tiefe“Bilder aus Heimat und Welt. In: Sonntagsbeiträge der Weser-Zeitung. Bremen. 27. November 1927. war, zeigen seine Porträts, die er als Bleistiftzeichnungen und Radierungen ausführte. Während der Ausbildung in Kassel hatte er eine Auszeichnung für Bildnis-Zeichnen erhalten.
Ende der 1920er-Jahre kolorierte Zipperer in der Grundfarbe Schwarz gedruckte Radierungen vereinzelt nachträglich mit Farbstift oder Aquarellfarbe. Als gegen Ende des Jahrzehnts zunehmend farbige Radierungen verlangt wurden, ließ er viele seiner Motive auch in farbiger Version drucken. Hier wurde die Platte in der Kupferdruckerei vor jedem einzelnen Druck in reduzierter Farbigkeit eingefärbt. Dabei war eine vollständig einheitliche Farbregulierung nicht möglich, sodass sich die einzelnen Farbdrucke geringfügig unterschieden.
Zahlreiche Radierungen waren Auftragsarbeiten von Städten, Firmen, Kunsthändlern oder Privatpersonen. Ein großer Teil der Radierungen wurde von verschiedenen Verlagen auch als Kunstkarten herausgegeben und über den Kunst- und Schreibwarenhandel vertrieben.