mini|Iranische Botschaft in Baku Die Beziehungen zwischen der Republik Aserbaidschan und Iran sind widersprüchlich. Die beiden Staaten teilen eine lange Geschichte und religiöse Identität. Ethnische Aserbaidschaner leben beiderseits der Grenze und haben bedeutenden Einfluss auf die politischen und wirtschaftlichen Belange in Iran. Aufgrund politischer Spannungen ist jedoch das christliche Armenien, nicht das schiitische Aserbaidschan, der wichtigste Partner der Islamischen Republik Iran im Kaukasus. Der Gegensatz zwischen dem säkularen aserbaidschanischen und dem klerikalen iranischen Regierungssystem ist für beide Seiten schwierig zu überbrücken. Iran rivalisiert mit der Türkei um Einfluss auf Aserbaidschan. Im Markt für Rohstoffe (vor allem Erdöl und Erdgas) sind die zwei Staaten Konkurrenten. Im Herbst 2021 kam es zu vermehrten Spannungen im Verhältnis beider Nachbarn.

Geschichte Das Territorium des heutigen Iran stand bereits in vorislamischer Zeit unter persischem Einfluss. Die persische Sprache war die Lingua franca weit über den Raum des heutigen Iran und Aserbaidschan hinaus und blieb Verwaltungssprache auch in den von Turkvölkern besiedelten Gebieten des Kaukasus. Die Safawiden, die nach der Verwüstung der Region durch die Mongolen wieder einen Staat im heutigen Iran errichteten, stammten nach der safawidischen Genealogie von Safi ad-Din aus der nordwestiranischen Stadt Ardabil.R. Darley-Doran: Safawids. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Band 8. 1995, S. 765–793, hier S. 766 Sie machten den schiitischen Islam, der Iran und Aserbaidschan vom Rest der islamischen Welt abgrenzt, zur persischen Staatsreligion. Obwohl die aserbaidschanische Sprache zu den Turksprachen zählt, war und ist Aserbaidschan Teil des persischen Kulturraumes; die Stadt Gandscha war aktives Zentrum der persischen Kunst und Literatur.

Im 18. Jahrhundert kam der Kaukasus mehr und mehr unter russischen Einfluss. Den in Persien herrschenden Kadscharen gelang es nicht, europäische Verbündete gegen die Expansion Russlands im Kaukasus zu gewinnen. Im Vertrag von Golestan von 1813 wurde der russische Einfluss im Südkaukasus festgeschrieben, nach einem weiteren russisch-persischen Krieg musste Persien im Vertrag von Turkmantschai 1828 Georgien an Russland sowie Armenien an Russland und das Osmanische Reich abtreten, während das von Aserbaidschanern besiedelte Gebiet in einen russischen Teil um Baku und einen persischen um Täbris geteilt wurde. Die Konflikte zwischen Russland bzw. der Sowjetunion und Iran wurden 1921 in einem Freundschaftsvertrag beigelegt. Trotzdem unterstützte die Sowjetunion nach der Anglo-sowjetischen Besetzung Irans 1941 kurzzeitig die in Nordostiran ausgerufene, 1945–1946 existierende Autonome Republik Aserbaidschan. Im Jahre 1957 wurde ein weiterer Vertrag unterzeichnet, in dem der Bau einer Talsperre und eines Wasserkraftwerkes am Aras und die Öffnung eines Grenzüberganges in Astara vereinbart wurden. Im Jahre 1970 wurde der Bau der Iran Gas Trunkline vereinbart, die Aserbaidschan durchquerte und es der Sowjetunion erlaubte, iranisches Gas zu importieren und Gas nach Europa zu exportieren. An dieser Grenze entstand während des Kalten Krieges ein eiserner Vorhang, die Grenze galt als unpassierbar. Im Jahre 1989, noch vor Fall des Eisernen Vorhangs, rissen die Bürger Grenzbefestigungen ab und es begann ein inoffizieller Grenzverkehr. Seit dem Fall des Eisernen Vorhanges gibt es einen lebhaften Grenzverkehr: iranische Reisende genießen die relative Freiheit Bakus, während aserbaidschanische Reisende in Iran subventionierte Lebensmittel einkaufen.

Der Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 ließ an Irans Nordgrenze innerhalb weniger Monate neue Republiken entstehen, worauf die iranische Führung nicht vorbereitet war. Seitdem teilen sich Iran und Aserbaidschan eine 475 Kilometer lange Grenze, die von 40 Kilometern Grenze zwischen Iran und Armenien unterbrochen wird. Das aserbaidschanische Nachitschewan kann von Aserbaidschan aus nur über iranisches Territorium erreicht werden, solange die armenisch-aserbaidschanische Grenze geschlossen ist.

2026 kam es im Zuge des Irankrieges zu Raketenangriffe auf ein Flughafen und eine Schule in der Exklave Nachitschewan. Laut dem Aserbaidschanischen Präsident Alijew sollen diese Rakete vom Iran abgeschossen sein worden. Der Iran dementiert dies und beschuldigt Israel für die Angriffe. Alijew kündigte an, sich nicht an den Angriffen gegen den Iran zu beteiligen, jedoch seine territoriale Unabhängigkeit zu schützen. Dazu forderte er, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Frage der ethnischen Aserbaidschaner und Bergkarabachkonflikt Sowohl Teheran als auch Moskau wollten nach dem Zerfall der Sowjetunion vermeiden, dass sowohl aserbaidschanische als auch turkmenische Nationalisten von der Wiedervereinigung Deutschlands inspiriert werden und versuchen, aus Teilen Irans und früheren Sowjetrepubliken Nationalstaaten zu gründen. Die religiöse iranische Führung, die im Jahre 1979 durch die islamische Revolution an die Macht gekommen war und über ein nach dem Irak-Iran-Krieg stark zerstörtes Land herrschten, versuchte zunächst, über die kulturellen und religiösen Gemeinsamkeiten im Kaukasus Einfluss auszuüben. Dieser Ansatz war kaum erfolgreich, in Aserbaidschan war die Bevölkerung nach jahrzehntelanger sowjetischer Politik stark säkularisiert, außerdem orientierten sich die aserbaidschanischen Schiiten in Richtung Nadschaf statt in Richtung islamischer Republik. Die Missionierungsbemühungen der Islamischen Republik Iran führten im Gegenteil zu Widerstand bei der säkularen Staatsführung Aserbaidschans, die für die Vision des damaligen türkischen Präsidenten Turgut Özal, eine Heimat für alle Turkvölker von der Adria bis zur chinesischen Mauer schaffen zu wollen (Konzept des Panturanismus), offener war. Dies bedeutete, dass Iran in Aserbaidschan mit der Türkei, die mit den USA (Großer Satan in den Augen der politischen Führung Irans) verbündet ist, um Einfluss konkurrierte.

In Iran leben etwa doppelt so viele Aserbaidschaner wie in Aserbaidschan; die iranische Regierung spricht von 15 Millionen Aserbaidschanern in Iran, aserbaidschanische Nationalisten von 30 Millionen. Die iranische Führung vermied es, aus diesem Fakt Kapital zu schlagen, weil der Vielvölkerstaat Iran selbst zahlreiche ethnische Konflikte zu bewältigen hat. Der erste gewählte Präsident Aserbaidschans Abulfas Eltschibei forderte jedoch die Schaffung eines Groß-Aserbaidschans, das heißt die Abtrennung der von Aserbaidschanern besiedelten Gebiete von Iran und Vereinigung mit seiner Republik. Er behauptete, dass dies der Volkswille sei und unterstützte offen diverse Bewegungen, die sich die Schaffung eines solchen Staates zum Ziel gemacht hatten. Die aserbaidschanischen Nationalisten in Iran sind jedoch schwach organisiert und untereinander zerstritten, ihre wichtigste Figur ist Mahmudali Chehregani, ihre wichtigste Organisation die Südaserbaidschanische Nationale Befreiungsbewegung. Aserbaidschan tolerierte die Anwesenheit sezessionistischer iranischer Gruppen in Baku, so lange sie sich unauffällig verhielten; nach einem versuchten Mordanschlag auf den Vorsitzenden der Südaserbaidschanischen Nationalen Befreiungsbewegung Piruz Dilanchi fiel der Verdacht auf Iran. Die Versuche der Regierung Aserbaidschans, die Aserbaidschaner im Ausland für ihre Zwecke zu organisieren, führen immer wieder zu Spannungen mit Teheran. Hardliner in Teheran brachten andererseits wiederholt Vorschläge vor, dass sich die Aserbaidschaner auch unter iranischer Führung vereinigen könnten, d. h., dass Aserbaidschan der Islamischen Republik beitritt, womit die Frage der Aserbaidschaner gelöst wäre. Die Aserbaidschaner in Iran können sich durch Anpassung an die persische Mehrheit entfalten. Sie spielen in den iranischen Streitkräften eine wichtige Rolle, halten große Teile des Teheraner Basars in ihren Händen und stellen mit Ali Chamenei den Religionsführer. Die Einwohner der Republik Aserbaidschan empfinden sich als fortschrittlicher und weniger religiös und stehen deshalb den Aserbaidschanern in Iran mit Skepsis gegenüber. Teheran verweigerte Aserbaidschan bis 2004 die Eröffnung eines Konsulates im Täbris.

Im bewaffneten Bergkarabachkonflikt forderten religiöse Kräfte in Iran eine Unterstützung der aserbaidschanischen Glaubensbrüder im Kampf gegen die armenischen Christen. Die Außenpolitiker in der Islamischen Republik bevorzugten jedoch eine Schwächung der Republik Aserbaidschan, um der Drohung der Vereinigung aller Aserbaidschaner zu entgegnen. Letztere konnten sich durchsetzen und die Islamische Republik unterstützte Armenien, so lange es in der iranischen Öffentlichkeit keinen zu großen Widerstand gab. Iran wurde zum wichtigsten Lieferanten von Elektrischer Energie und Gütern des täglichen Bedarfs, außerdem wurde die Enklave Bergkarabach über iranisches Gebiet versorgt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Armenien Waffenlieferungen empfangen hat, die über iranisches Gebiet ins Land gelangt sind. Somit machte Iran den Expansionismus der Republik Armenien erst möglich, gleichzeitig verurteilte Iran die armenische Aggression. Mehrmals drohte der Krieg jedoch auf iranisches Gebiet überzugreifen, somit stellte er eine unmittelbare Gefahr und ein Risiko für die Stabilität Irans dar. Im Jahre 1991 vermittelte Iran erfolglos, im Jahre 1992 handelte er wiederholt einen Waffenstillstand zwischen den Parteien aus, er wurde jedoch von Armenien auf Betreiben Russlands sofort gebrochen. Er bleibt bis heute eine Quelle von Misstrauen zwischen den beiden Nachbarn. Der Krieg führte zu einem Strom von aserbaidschanischen Flüchtlingen auf iranisches Territorium, der seinerseits eine reale Gefahr der Destabilisierung Irans darstellte. Die iranische Armee, Revolutionsgarden und der Rote Halbmond bauten deshalb beiderseits der Grenze Flüchtlingslager. Iran fürchtete eine Art Verbrüderung aserbaidschanischer Flüchtlinge aus dem Bergkarabachkonflikt mit den iranischen Aserbaidschanern, außerdem Iran nach dem Irak-Iran-Krieg zerstört und musste gleichzeitig große Zahlen an Flüchtlingen aus Afghanistan aufnehmen. Die iranische Armee marschierte kurzzeitig auch ein aserbaidschanisches Territorium ein, um einen Staudamm am Aras zu schützen und um eine armenische Invasion nach Nachitschewan zu vermeiden. Auf diese Weise etablierte sich eine virtuelle Achse Washington-Ankara-Tiflis-Baku-Taschkent, auf die Iran, Russland und Armenien mit einer Achse Moskau-Jerewan-Teheran antworteten. Seitdem US-amerikanische Truppen im Irak und Afghanistan stationiert sind, ist Iran auf russische Unterstützung angewiesen und kann daher im Kaukasus kaum eine Politik verfolgen, die mit Interessen Russlands kollidiert.

Konfliktfelder Die guten Beziehungen Aserbaidschans zu den USA stellen einen erschwerenden Faktor für die aserbaidschanisch-iranischen Beziehungen dar. Gegen die Wünsche seiner Nachbarn Iran und Russland erlaubte Aserbaidschan unter Heydər Əliyev im Jahre 1994 westlichen Firmen, im von Aserbaidschan beanspruchten Teil des Kaspischen Meeres nach Öl zu suchen und unterzeichnete mit ihnen den sogenannten Jahrhundert-Vertrag. Ebenfalls unter Umgehung von Russland und Iran vereinbarten Aserbaidschan, Georgien und die Türkei im Dezember 1998 den Bau der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline. Sie ging im Jahre 2006 in Betrieb.