Nigrum Pullum (deutsch als Schwarze Erde oder auch als Schwarzes HähnchenDer Name Schwarzes Hähnchen könnte auf die dort anzutreffenden Wasserhühner verweisen. übersetzbar) war der Name eines römischen Auxiliarkastells nebst Hafenanlage und Zivilsiedlung (Vicus) am Niedergermanischen Limes, der 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde. Die Relikte der ehemaligen Garnison liegen auf dem Gebiet von Zwammerdam, einem Dorf der Gemeinde Alphen aan den Rijn in der niederländischen Provinz Südholland. Außer durch das Kastell ist die Ortschaft in der Provinzialrömischen Archäologie vor allem durch die römischen Schiffsfunde von Zwammerdam bekannt geworden.

Lage, Quellen und Forschungsgeschichte mini|links|Geologisch-topographische Situation im Mündungsgebiet des Rheines im 2. Jh.mini|Nigrum Pullum im Verlauf des Niedergermanischen Limes In antiker Zeit kontrollierte das Kastell die Mündung des Flüsschens De Meije in den Oude Rijn. Die De Meije war insofern von militärischer Bedeutung, als sie einen Wasserweg durch das nördliche Moor darstellte. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich der Lagerplatz (wie auch der des westlich benachbarten Kastells Albaniana) entgegen römischen Gepflogenheiten unmittelbar gegenüber der Flussmündung befand und nicht auf dem nur wenig weiter entfernt gelegenen, höheren Terrain. Dies wirft umso mehr Fragen auf, als sich beide Militärlager in einem Gebiet befanden, in dem sich der durch die Nordsee verursachte Tidenhub des Rheines schon deutlich bemerkbar gemacht haben muss. Der antike Name Nigrum Pullum ist durch die Tabula Peutingeriana überliefert. In der heutigen Siedlungstopographie befindet sich das Bodendenkmal am südlichen Rande eines Neubaugebietes, rund einen Kilometer westlich des Ortszentrums von Zwammerdam. Das mit nur 1,0 Hektar (in der ersten Holz-Erde-Bauphasen) bzw. 1,2 Hektar (in der zweiten Holz-Erde-Bauphase und in der Steinbauphase) Grundfläche zu den kleinsten Auxiliarkastellen des Niedergermanischen Limes gehörende Lager wurde in den Jahren 1968 bis 1972 durch das Instituut voor Prae- en Protohistorie (I.P.P.) der Universiteit van Amsterdam unter der Leitung von Willem Glasbergen weitestgehend erforscht. Durch die mit der Freilegung des ersten Schiffsfundes im Dezember 1971 beginnende Entdeckung der sechs römischen Schiffe von Zwammerdam verlängerten sich die Arbeiten schließlich noch bis zum Jahr 1974.Wilfried A.M. Hessing: Das niederländische Küstengebiet. In: Tilmann Bechert und Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 91.

Befunde, Funde, Interpretationen und Geschichte mini|Grundriss des Kastells Nigrum Pullum in der Periode III mit den Positionen der vorgelagerten Schiffswracks Die bei den archäologischen Ausgrabungen festgestellte, sehr kleine Grundfläche lässt als belegende Truppengattung maximal eine Kohorte Infanteristen zu. Nun ist zwar inschriftlich die Cohors XV voluntariorum civium Romanorum (15. Kohorte freiwilliger römischer Bürger) nachgewiesenJulianus Egidius Bogaers in: Akten des XI. Internationalen Limes-Kongresses, 1978, S. 602, andererseits sprechen die Inschriften von mindestens drei verschiedenen TurmaeT(urmae) Veracis Pupi , T(urmae) Veri Hahuci und T(urmae) Mansueti Pupi ., den mit rund 30 bis 33 Reitern kleinsten Einheiten der römischen Kavallerie. Zudem ist bei dieser Kohorte, die nach der Clades Variana ausgehoben worden war und die Zeit ihres Bestehens in Niedergermanien operierte, inschriftlich auch in Praetorium Agrippinae (Valkenburg), Matilo (Leiden) und in Laurium (Woerden) erscheint. Es ist nicht geklärt, ob sie zwischen diesen Standorten wechselte, Vexillationen auf die einzelnen Standorte verteilte oder eventuell sogar nur ihre Ziegel zu anderen Standorten transportierte und welches ihr eigener oder zumindest Hauptstandort war.Jan Kees Haalebos und Willem J. H. Willems: Leiden-Roomburg und die cohors XV Voluntariorum. In: Dies.: Der niedergermanische Limes in den Niederlanden, 1995–1997. In: N. Gudea (Hrsg.): Roman Frontier Studies. Proceedings of the 17th International Congress of Roman Frontier Studies. (1999), S. 78f., (Digitalisat). Dieses inschriftliche Nebeneinander in Verbindung mit der geringen Lagerfläche legt die Vermutung nahe, es könne sich bei der Besatzung des Zwammerdammer Lagers möglicherweise um eine gemischte Vexillatio verschiedener Truppenteile gehandelt haben, deren Stärke unterhalb der einer Kohorte gelegen haben könnte, womit die geringe Lagerfläche erklärt wäre. In diesem Zusammenhang könnte auch der dritte Inschriftentyp aus Nigrum Pullum stehen. Bei diesem handelt es sich um ein Ritz-Graffito auf einer Terra-sigillata-Scherbe, das auf die in Vetera (und mit einer Vexillatio in Ulpia Noviomagus Batavorum) stationierte Legio XXX Ulpia Victrix verweistMarianne Reuter: Legio XXX Ulpia Victrix. 1978, S. 108.. Wenn man nicht unterstellen will, dass eine Abordnung dieser Legion als reiner Bautrupp nach Zwammerdam geschickt worden war oder als Besatzung einer nur wenige hundert Meter östlich des Lagers befindlichen Benefiziarierstation dienteJan Kees Haalebos: Zwammerdam – Nigrum Pullum. Ein Auxiliarkastell am Niedergermanischen Limes. Universiteit van Amsterdam, Subfaculteit der Pre- en Protohistorie, Amsterdam 1977., bleibt ebenfalls nur die Möglichkeit, dass sie die in Nigrum Pullum stationierte Vexillatio verstärkte. Alternativ wurde noch die Vermutung geäußert, dass es sich lediglich in der ersten Bauphase um ein gemischtes Vexillationskastell gehandelt habe und dass in den beiden folgenden Phasen Teile einer Cohors quingenaria equitata (teilberittene Infanteriekohorte) in Nigrum Pullum stationiert gewesen seien.Julianus Egidius Bogaers: Alphen aan den Rijn-Zwammerdam – Nigrum Pullum. In: Julianus Egidius Bogaers und Christoph B. Rüger: Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Rheinland-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 49.

Periode I (47 bis 69) Insgesamt konnten vier verschiedene Bauphasen festgestellt werden. Das Kastell wurde als reines Holz-Erde-Lager vermutlich unter der Statthalterschaft des Gnaeus Domitius Corbulo im Jahre 47 oder kurz danach zur Verstärkung der Rheinfront angelegt. Über die Struktur dieses ersten Lagers ist nur wenig bekannt. Zum Fundmaterial dieser Periode gehören Waffen, militärische Bronzen, doppelkonische Schleudersteine und ein Ziegelstempel mit der Inschrift TRA. Dieses Lager bestand über zwanzig Jahre, ehe es während des Bataveraufstandes 69/70 verwüstet und durch Feuer vernichtet wurde. Im Anschluss blieb der Platz für ein Jahrzehnt lang militärisch ungenutzt.

Periode II (um 80 bis um 175) Um das Jahr 80 wurde ein neuerliches Holz-Erde-Kastell errichtet. Dieses Lager besaß eine rechteckige Form mit breiter Prätorialfront (rund 140 m mal 83 m). Es war von einem 3,5 Meter breiten Holz-Erde-Wall geschützt, vor dem sich ein doppeltes Grabensystem befand. Im inneren Graben konnten Spuren von Lilia nachgewiesen werden. Das Kastell der Periode II besaß nur drei Zugänge, die Porta decumana (rückwärtiges Kastelltor) fehlte. Vor der Porta principalis dextra (rechtes Seitentor) und der Porta principalis sinistra (linkes Seitentor) erstreckte sich der zivile Vicus. Um das Jahr 150 wurde das Kastell erneuert und teilweise umgebaut.

Periode III (um 175 bis um 260/275) Um 175 schließlich wurde das Kastell geringfügig vergrößert (140,6 m mal 86 m) und in Stein ausgeführt, wobei durch die Umbauarbeiten an den beiden seitlichen Flanken der Vicus teilweise weichen musste. Diese Umbaumaßnahmen wurden mit einer Reorganisation der Grenze nach größeren Einfällen der Chauken (um 173) in Zusammenhang gebracht. Das Lager wurde mit drei statt bisher zwei Verteidigungsgräben umgeben. Der innere Graben war 5,00 m breit und besaß teilweise einen flachen Boden, der mittlere Graben war 3,35 m breit und in Form einer fossa Punica („Punischer Graben“) gestaltet. Bei der fossa Punica war die dem Feind zugewandte Böschung des Grabens deutlich steiler eingetieft als die zum Lager hin weisende. Bei dem äußeren Graben schließlich handelte es sich um einen einfachen Spitzgraben mit einer Breite von 2,50 m. Zu den bisherigen drei Lagertoren wurde der Neubau mit einem zusätzlichen vierten, rückwärtigen Zugang (der Porta decumana) versehen.

Von den Innenbauten der Periode III konnten nur die Principia festgestellt und untersucht werden. Es handelte sich bei diesen um ein im Verhältnis zur Grundfläche des Kastells mit 42 m mal 27 m (= 1134 m² = knapp 10 % der Gesamtfläche) recht groß geratenes Gebäude, das über einen weitläufigen Innenhof (Atrium) mit Säulengang, Appellhalle, Fahnenheiligtum und vier weitere Räumlichkeiten verfügte.

In den Jahren 260 bis 275 wurde das Kastell niedergebrannt und anschließend aufgelassen. Die letzte Fundmünze wurde unter Severus Alexander (222 bis 235) oder vielleicht von Tacitus (275 bis 276) geprägt, die Keramik der letzten Periode entspricht der von Niederbieber (190 bis 260)Nigrum Pullum auf perseus.tufts.edu, der offiziellen Webpräsenz der Princeton Encyclopedia of Classical Sites, (englisch), abgerufen am 30. April 2018..

Auxiliarvicus Nordwestlich und südöstlich des Lagers erstreckte sich der Vicus, die zivile Siedlung, die bei nahezu jedem länger bestehenden römischen Militärlager anzutreffen ist und in der sich Angehörige der Soldaten sowie Mitglieder des Trosses wie Handwerker, Händler, Gastwirte, Prostituierte und andere Dienstleister niederließen. Die beiden Teile des Vicus befanden sich an den befestigten Ausfallwegen, die von der Porta principalis dextra und der Porta principalis sinistra aus dem Kastell hinaus führten und dieses an die Römische Rheintalstraße anbanden.

Ein südlich, unmittelbar außerhalb des Lagers angetroffenes, auf einem Fundament aus Holzpfählen und Kies ruhendes Steingebäude wurde als Kastellthermen angesprochen, die sowohl den Militärs als auch den Bewohnern des Vicus zur Freizeitgestaltung zur Verfügung standen.

Truppen Neben den inschriftlich nachgewiesenen Truppen(teilen) der Cohors XV voluntarium civium Romanorum, der Legio XXX Ulpia Victrix und diverser Turmae, die kein einheitliches und abgeschlossenes Bild der Stationierungsgeschichte Nigrum Pullums erlauben, ist kaum etwas über die Besatzungen bekannt. Ausweislich von Funden wird vermutet, dass es sich bei einem Teil der Mannschaft der Periode III um Thraker gehandelt haben könnte.

Hafenanlagen und Schiffsfunde von Zwammerdam mini|„Zwammerdam 2“ während der Ausgrabungen im Jahr 1972