mini|Ansicht der Villa von Nordosten: Deutlich sichtbar der symmetrische Aufbau mit drei der vier Turmrisaliten, dem Halberker und dem sehr flachen Zeltdach. Die Villa von Bülow (Assekuranznummer 3657Udo Gebauhr: Villa von Bülow. In: Gerd Biegel, Angela Klein (Hrsg.): Carl Theodor Ottmer 1800–1843. Braunschweigischer Hofbaumeister – Europäischer Architekt. S. 273.), auch als Villa Bülow, Bülow-Villa oder Bülow’sche Villa bezeichnet, ist eine 1839 von Carl Theodor Ottmer freistehend errichtete und denkmalgeschützte Villa in Braunschweig.

Geschichte mini|Südwestseite der Villa Der Braunschweiger Architekt und herzogliche Baurat Carl Theodor Ottmer hatte vom herzoglich braunschweigischen (Justiz-)Kammerpräsidenten Heinrich Georg Christian Friedrich von Bülow (* 25. März 1772; † 10. August 1840)Bernhard Kiekenap: Karl und Wilhelm. Die Söhne des Schwarzen Herzogs. Band II: Literaturübersicht, Quellen und Anmerkungen. Appelhans Verlag, Braunschweig 2000, ISBN 3-930292-40-8, S. 102. den Auftrag für den Bau einer repräsentativen Villa als „Sommerhaus“ in einem ca. 1,3 ha großen englischen Landschaftsgarten direkt am westlichen Umflutgraben der Oker erhalten. Von Bülow und Ottmer kannten sich persönlich, der Kammerpräsident förderte Ottmer beruflich. Das zu nutzende Gelände war im Zuge der Anfang des 19. Jahrhunderts durch den Architekten Peter Joseph Krahe eingeleiteten Schleifung der Wallanlagen, die Teil der Befestigungsanlagen der Stadt Braunschweig waren, frei geworden.

Baubeschreibung mini|Ausschnitt aus August Wehrts 1844 erschienenem Plan von Braunschweig und seiner nächsten Umgebung. Zu sehen der nordöstliche Teil des Okerumflutgrabens (Zentrum). Stadtauswärts an der Straße Petri Thor unmittelbar links davon die Villa Bülow mit dem Park des H.[auses] v.[on] Bülow und das Kreuzkloster. Die von Ottmer konzipierte Villa ist das größte von ihm in Braunschweig umgesetzte Wohnbauvorhaben und Teil einer Vielzahl klassizistischer Villenbauten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts an den großen Ausfallstraßen der Stadt entstanden.Simon Paulus, Ulrich Knufinke: Der Braunschweiger Wallring. Wegweiser zur Geschichte und Architektur eines kulturhistorischen Denkmals. S. 82. Das streng symmetrische, zweistöckige, kastellartig-quaderförmige Steingebäude mit Keller- und Mezzaningeschoss wurde 1839 nach den Plänen Ottmers im Stil der italienischen Renaissance und Einflüssen von Ottmers Lehrer Karl Friedrich SchinkelUlrich H. Mey, Christian Streibel: Braunschweig Architekturführer. Spalte 84. fertig gestellt. Dieser italienische „Castellumtypus“ war in der Renaissance unter anderem durch die 1530 bis 1538 erbaute Villa Trissino (Cricoli) bekannt geworden und fand seine architektonische Umsetzung bei Schinkels Entwurf des zwischen 1820 und 1824 errichteten Schlosses Tegel. Weitere Inspiration erfuhr Ottmers Villa Bülow durch die Villa Farnesina in Rom, die Ottmer bei einem Italienaufenthalt 1826/27 studiert hatte. An den vier Ecken ist das klar gegliederte, siebenachsige Bauwerk durch turmähnliche, überhöhte Risalite geprägt.Wolfgang Kimpflinger: Baudenkmale in Niedersachsen, Band 1.2.: Stadt Braunschweig, Teil 2, S. 169. Die unteren beiden Geschosse sind durch Rundbogenfenster charakterisiert. Auf der Südostseite befindet sich ein halbrunder Erker. Das Mezzanin verfügt über liegende Rechteck- und Rundfenster. Das Zeltdach ist sehr flach geneigt und von einem dezenten Zahnschnitt-Gesims umgeben.Wolfgang Kimpflinger: Baudenkmale in Niedersachsen, Band 1.2.: Stadt Braunschweig, Teil 2, S. 170. Wie auch bei anderen von Ottmer geschaffenen Bauwerken, ist auch bei der Villa von Bülow die Formensprache Ottmers klar erkennbar.Udo Gebauhr: Villa von Bülow. In: Gerd Biegel, Angela Klein (Hrsg.): Carl Theodor Ottmer 1800–1843. Braunschweigischer Hofbaumeister – Europäischer Architekt. S. 276.

Nordwestlich grenzte ein Wirtschaftshof mit eingeschossigen Nebengebäuden an die Villa. Nach vorn zur Chaussee hin (der heutigen Celler Straße) wurde ein öffentlich einsehbarer Vorgarten angelegt, während auf der südlichen Rückseite der Villa ein abgeschirmter Privatgarten entstand.

Die Villa von Bülow war die erste Villa, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts außerhalb der Wallanlagen Braunschweigs errichtet wurde. Ursprünglich bildete die Villa zusammen mit den von Peter Joseph Krahe entworfenen klassizistischen Torhäusern, den umgebenden Parkanlagen und den Gebäuden im Bereich des Petritores eine „architektonisch bemerkenswerte Stadteingangssituation“. Die Kraheschen Torhäuser an der Celler Straße wurden bereits im 19. Jahrhundert abgerissen, einige Gebäude in der unmittelbaren Umgebung wurden im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zerstört (so zum Beispiel nur wenige Meter schräg gegenüber das Kreuzkloster). Die Villa liegt über Straßenniveau erhöht, heute an der Ecke Celler Straße 3/Freisestraße (zur Zeit des Baus war es Celler Straße 1 und die Freisestraße hieß noch Pflegehausstraße) und gilt wegen ihrer gut proportionierten Fassadengestaltung als ein herausragendes Beispiel des Spätklassizismus in Braunschweig.N. N.: Georg-Eckert-Institut für intern. Schulbuchforschung – G.E.I. ehem. Villa von Bülow. S. 235.

Nutzung nach 1869 mini|Wappen der Familie Löbbecke über dem ursprünglichen Haupteingang auf der Nordostseite Von 1869 bis 1873 wurde die Villa von Major Friedrich Wilhelm von Rauch, Kommandeur des Braunschweigischen Husaren-Regiments Nr. 17 und General a. D. Gustav von Girsewald, von 1861 bis 1868 Kommandeur des Braunschweigischen Infanterie-Regiments Nr. 92 und Vertreter der von-Bülowschen-Erbengemeinschaft, bewohnt.Udo Gebauhr: Villa von Bülow. In: Gerd Biegel, Angela Klein (Hrsg.): Carl Theodor Ottmer 1800–1843. Braunschweigischer Hofbaumeister – Europäischer Architekt. S. 277.

Anschließender Eigentümer war dann der Kaufmann Ferdinand Ebeling, der Haus und Grundstück 1891 an Artur Löbbecke (1850–1932) aus der Braunschweiger Bankiersfamilie Löbbecke veräußerte. Aus dieser Zeit stammt auch das Löbbeckesche Familienwappen, das noch heute über dem ehemaligen Haupteingang der Villa zu sehen ist.

Nach Pingel sollen Haus und Grundstück 1891 aus dem Nachlass des Kaufmanns und Kunstsammlers August Vorhauer, der in der zweiten Etage der Villa eine bekannte Kunstsammlung hatte, an Artur Löbbecke veräußert worden sein.Pingel: Bülow-Villa. In: Braunschweiger Stadtlexikon, Ergänzungsband, S. 33.Braunschweigisches Adreßbuch für das Jahr 1889. 75. Ausgabe, Verlag von Joh. Heinr. Meyer, Braunschweig, S. 212.

„Schule des Deutschen Handwerks“ Zu Beginn der 1930er Jahre ging die Villa in den Besitz der Stadt über. In der Frühphase der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Villa anlässlich des Reichshandwerkertages am 28. Oktober 1934Karl Traupe: Aus der Geschichte der Handwerkskammer Braunschweig. In: Martin Kintzinger (Hrsg.): Handwerk in Braunschweig. Entstehung und Entwicklung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Appelhans, Braunschweig 2000, ISBN 3-930292-38-6, S. 402. zur Schule des Deutschen Handwerks umgewandelt. Sie war die einzige ihrer Art im Deutschen Reich. Ziel der Institution war die Schulung „in der nationalsozialistischen Anschauung über Fragen des Handwerks“.zitiert nach: Valentin Chesi: Struktur und Funktionen der Handwerks-Organisation in Deutschland seit 1933. Duncker & Humblot 1966, S. 77. In der Schule wurden unter anderem für NSDAP-„Führer und Führernachwuchs“ zehntägige Schulungen in Rhetorik, Allgemeinwissen und Handwerkspolitik angeboten. Bis Ende 1937 hatten 2200 „Amtsträger des Handwerks“ an Kursen teilgenommen.Hans-Ulrich Ludewig: Handwerk und Politik vom Ersten Weltkrieg bis zur Bundesrepublik. In: Martin Kintzinger (Hrsg.): Handwerk in Braunschweig. Entstehung und Entwicklung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. S. 352. Der Betrieb der Schule wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eingestellt. Bis dahin hatten etwa 3600 Personen an Schulungsmaßnahmen teilgenommen. Schulleiter war Wilhelm Wernet (9. Januar 1901–21. April 1984).

Das Gebäude wurde anschließend als Wehrmachtsdienststelle genutzt und nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1952 als Wohnheim für Schwesternschülerinnen des in unmittelbarer Nähe befindlichen Krankenhauses Holwedestraße. Danach stand die Villa über 25 Jahre leer und verfiel mehr und mehr zur Ruine.

Jahrzehntelanger Leerstand, Verfall und Rettung Durch fast drei jahrzehntelange Vernachlässigung und Vandalismus war die alte Villa immer baufälliger geworden. Hausschwamm hatte sich ausgebreitet, das Innere war vorsätzlich beschädigt, zerstört oder geplündert worden. Natursteinarbeiten und die geschnitzte Eingangstür auf der Nordseite waren gestohlen worden.Udo Gebauhr: Villa von Bülow. In: Gerd Biegel, Angela Klein (Hrsg.): Carl Theodor Ottmer 1800–1843. Braunschweigischer Hofbaumeister – Europäischer Architekt. S. 278. Eine Vielzahl Nutzungsmöglichkeiten wurde über Jahre hinweg diskutiert, die Stadt Braunschweig selbst engagierte sich dabei jedoch wegen fehlender Finanzmittel nicht. Nachdem 1960, nach langer Kontroverse, das kriegsbeschädigte Braunschweiger Schloss abgerissen worden, erschien am 2. März 1961 in der Braunschweiger Zeitung ein Artikel mit der Überschrift „Geschichte unter der Spitzhacke“, in dem auf den desolaten Zustand der Villa aufmerksam gemacht wurde.Udo Gebauhr: Villa von Bülow. In: Gerd Biegel, Angela Klein (Hrsg.): Carl Theodor Ottmer 1800–1843. Braunschweigischer Hofbaumeister – Europäischer Architekt. S. 279. Bereits am Folgetag antwortete das „Städtische Hochbauamt“ der Stadt Braunschweig, die genannten Schäden seien alt und letztlich könne […] nur durch einen völligen Abbruch und Neubau in gleicher Form […] die Ottmer-Architektur erhalten werden. Am 28. Februar 1968 folgt wieder ein Zeitungsartikel mit Hinweis auf Zustand und eventuell Rettungsmöglichkeiten. Am 5. Dezember 1974 schließlich gefolgt vom Artikel „Durch die Bülow-Villa pfeift der Wind. Professor Herrenberger hat Pläne für den Umbau.“ Dieser Artikel wurde am 11. November 1974 von der renommierten Architekturzeitschrift Bauwelt aufgenommen und unter anderem darauf hingewiesen, dass die Stadt Braunschweig Vorschläge von privater Seite zur Rettung der Villa nicht aufgegriffen habe und fragte: Oder sollte der Beitrag dieser Stadt zum Europäischen Denkmalschutzjahr im Abriß eines weiteren Ottmer-Baus [nach dem Residenzschloss 1960] bestehen?.Udo Gebauhr: Villa von Bülow. In: Gerd Biegel, Angela Klein (Hrsg.): Carl Theodor Ottmer 1800–1843. Braunschweigischer Hofbaumeister – Europäischer Architekt. S. 280.

Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung mini|Ansicht von Norden mit heutigem Eingangsbereich zum GEI