Als japanischer Schamanismus werden zusammenfassend mehrere ethnisch-religiöse Traditionen auf den japanischen Inseln bezeichnet: Unterschieden wird zwischen dem Schamanismus im Nordosten Japans, dem im Süden (Okinawa, Amami, Ryukyu) und dem Ainu-Schamanismus auf Hokkaido. Letzterer steht dem Schamanismus sibirischen Typs näher (dem Komplexschamanismus nach dem deutschen Ethnologen Klaus E. Müller); demgegenüber steht der Schamanismus in Zentraljapan und im Süden im buddhistisch-daoistischen Einflussbereich. Bei ihm handelt es sich nach Müllers Klassifikation um Besessenheitsschamanismus. In ganz Japan sind Schamanen überwiegend weiblich; oft ist die schamanische Person mit einem körperlichen Mangel behaftet (am häufigsten Blindheit). Zu den Wirkungsbereichen der japanischen Schamanen gehören vor allem die Heilung von Krankheiten, die Kommunikation mit Geistern und die Wahrsagerei. Die Art und Weise der Ausübung kann von Region zu Region Unterschiede aufweisen.

Schamanismus in der japanischen Mythologie Amenouzume Die Fruchtbarkeitsgöttin Amenouzume (ungefähr: „das abschreckende Weib des Himmels“) ist bekannt für ihren schamanischen Tanz vor einer Felsenhöhle, in der sich die Sonnengöttin Amaterasu versteckte. Bei ihrem Tanz, besessen durch einen Geist, entblößte sie ihre Brüste und ihr Geschlechtsorgan; das brachte die um die Höhle versammelten Götter zu lautem Lachen. Dies wiederum erregte die Neugierde von Amaterasu, die schließlich aus der Höhle herauskam und die Welt wieder mit ihrem Licht füllte. Der Tanz der Amenouzume gilt als erster Kagura-Tanz (Aufführung uralter Tänze und Musik im Shintō).William P. Fairchild: Shamanism in Japan. In: Folklore Studies 21:1–122, 1962, S. 48 ( auf nirc.nanzan-u.ac.jp).

Himiko Als erste bekannte Schamanin Japans gilt die in den Wei Zhi Chroniken (189 bis 280 n. Chr.) erwähnte halblegendäre Himiko, die Herrscherin über das Reich Yamatai gewesen sein soll. Über sie wird berichtet, dass sie zurückgezogen lebte, nie geheiratet hat und vermittelt über ihren Bruder das Land regierte. Sie soll mit Göttern und Geistern kommuniziert haben und ist ebenfalls in den Werken Kojiki und Nihonshoki erwähnt.William P. Fairchild: Shamanism in Japan. In: Folklore Studies 21:1–122, 1962, S. 49 ( auf nirc.nanzan-u.ac.jp).

Verhältnis zum Shintoismus In der Regel steht Schamanismus im Gegensatz zur institutionalisierten Religion und kommt meist in den Gesellschaften vor, wo die Institutionalisierung gering oder nicht vorhanden ist. Der Schamane ist oft Einzelkämpfer, der seinem eigenen Weg oder dem Weg seines Schutzgeistes folgt, was institutionalisierte Religionen selten tolerieren.

Shintoismus und Schamanismus basieren jedoch auf den gleichen Elementen: Familien- bzw. Klangötter, Ekstase, Trance und Besessenheit durch den Schutzgeist. Individuen, die Ekstase praktizierten, waren oft Familienmitglieder der Schreinvorsteher, ihre Frauen und Töchter. Es gab also ursprünglich keinen Konflikt zwischen Schamanen und Priestern oder zwischen Religion und Familie, da sowohl Religion als auch Staat in ihrem Kern familienbasiert waren. Die Ekstase – das Kernelement des Schamanismus – wurde auf allen Ebenen der Gesellschaft praktiziert, vom Kaiserhof bis hin zu den kleinsten Schreinen.Fairchild, William P. , Folklore Studies 21:1–122 (1962), S. 50. Als jedoch der Buddhismus 551 n. u. Z. nach Japan eingeführt wurde, begann der Wettkampf um Einfluss zwischen Buddhismus und einheimischen religiösen Traditionen, aus denen sich Shintoismus entwickelte. Im Unterschied zu diesen prä-shintoistischen Traditionen war Buddhismus nicht familienbasiert, und so tauchten in den Schreinen vermehrt auch Priester auf, die im Unterschied zu der Vergangenheit nicht der Familie angehörten, die den jeweiligen Schrein kontrollierte. Außerdem kam der Bedarf auf, die einheimische Religion zu stärken. 780 und 807 gab es Erlasse gegen die Ekstasepraxis außerhalb von Schreinen, wobei die Ekstase in den Schreinen für echt und die Ekstase außerhalb von Schreinen als unecht erklärt wurde. Jedoch wurde die Ekstase trotz dieser Verbote praktiziert, und der Kampf setzte sich fort bis 1873. 1873 (nach der Meiji-Restauration) wurde die Praxis der Ekstase nicht nur außerhalb von Schreinen, sondern selbst in den Schreinen verboten. So verschwand die Ekstase aus dem „offiziellen“ Shintoismus; die Ekstasepraxis außerhalb von Schreinen wurde in den Untergrund gedrängt.Fairchild, William P. , Folklore Studies 21:1–122 (1962), S. 53.

Schamanismus im Nordosten Japans Die in der Vergangenheit sowie in den wissenschaftlichen Quellen verwendete Bezeichnung für Schamaninnen (miko) bezieht sich im heutigen Sprachgebrauch auf Assistentinnen der Priester in den Schreinen, die keine Ekstase praktizieren.Fairchild, William P. , Folklore Studies 21:1–122 (1962), S. 61, 57ff. Bei den Schamaninnen im Nordosten Japans unterscheidet man zwischen blinden und sehenden.

Die blinden Schamaninnen werden allgemein ogamisama genannt. Die regionalen Bezeichnungen sind itako in der Präfektur Aomori, ogamisama in der Präfektur Miyagi, onakama in der Präfektur Yamagata und waka in der Präfektur Fukushima. Die sehenden Schamaninnen heißen kamisama. Der funktionale Hauptunterschied zwischen den blinden und den sehenden Schamaninnen besteht darin, dass nur blinde Schamaninnen, die ogamisama, mit den Totengeistern arbeiten können.Kawamura Kunimitsu. "A Female Shaman's Mind and Body, and Possession", Asian Folklore Studies 62.2:257–289 (2003), S. 262 ff.

Itako

Laut einer Überlieferung soll es im Nordosten Japans wegen des kalten Klimas und der schlechten Ernährung mehr blinde Menschen als im Durchschnitt gegeben haben. Alle fünf bis zehn Jahre seien diese versammelt und hingerichtet worden. Auf der Suche nach einer nützlicheren Verwendung für diese Menschen habe ein Beamter eine blinde Frau, die als itako ausgebildet war, in seinen Garten gerufen und sie angewiesen, ihm die Umgebung zu beschreiben. Richtigerweise antwortete sie, dass im Garten eine Kiefer war und unter der Kiefer eine Laterne. So habe die Gesellschaft begonnen, die Fähigkeiten der Blinden zu nutzen.Fairchild, William P. , Folklore Studies 21:1–122 (1962), S. 64.

Werdegang und Initiation bei ogamisama (blinden Schamaninnen) Die Karriere einer ogamisama beginnt meistens mit einer Krankheit: Es handelt sich dabei um Verlust des Sehvermögens in der Kindheit oder um eine Krankheit, die zur Blindheit führt (vorschamanische Zeit). Die erkrankte Person wird – oft von ihren Verwandten auf Anraten der Nachbarn – zu einer praktizierenden Schamanin mitgenommen und kann bei ihr die Ausbildung beginnen. Die Ausbildung, die meistens zwischen dem 10. und dem 20. Lebensjahr begonnen wird, dauert drei bis sieben Jahre; die angehende Schamanin (gyôja) bzw. ihre Familie muss die Kosten der Ausbildung tragen. Nach Abschluss der Ausbildung findet die Initiation (kamitsuke) statt. Während der Initiation muss der Besessenheitszustand eintreten und die Schamanin muss sagen, von welchem Geist sie besessen wurde; dieser wird dann zu ihrem Schutzgeist. Der Initiation geht eine Vorbereitungsphase vor, während der die angehende Schamanin fastet bzw. jeweils 7 Tage lang auf z. B. Salz, Feuer, Getreide verzichtet und dabei dreimal am Tag kalte Wasseraufgüsse machen muss. Die Vorbereitungsphase dauert meistens ca. 28 Tage und kann u. U. kürzer sein (z. B. wenn sie vor dem Einsetzen der Monatsblutungen stattfindet). Bei der Initiation trägt die Schamanin weiße Kleidung wie bei der Beerdigungszeremonie und sitzt bei ihrer Ausbilderin auf dem Schoss, die sie umarmt. Dies soll symbolisieren, dass die gyôja bei ihrer Initiation eine Wandlung von einer Toten zum Embryo durchläuft und anschließend wiedergeboren wird. Nach der Initiation leistet die gyôja ihrer Ausbilderin kostenlos Dienste und lernt zwei oder drei weitere Jahre. Dann beginnt die Schamanin meist ein unabhängiges Geschäft.Kawamura Kunimitsu. "A Female Shaman's Mind and Body, and Possession", Asian Folklore Studies 62.2:257–289 (2003), S. 263–264 ff.Kawamura Kunimitsu . „The Life of a Shamaness: Scenes from the Shamanism of Northeastern Japan“. In: Folk Beliefs of Modern Japan. Inoue Nobataka (Hrsg.). Tokyo: Institute for Japanese Culture and Classics Kokugakuin University, S. 92–124, (1999).

Werdegang und Initiation bei kamisama (sehenden Schamaninnen) Bei den sehenden Schamaninnen, den kamisama, gibt es kein Initiationsritual als solches. Typischerweise entscheiden sie sich für den Weg als kamisama nach ihrem 30. Lebensjahr. Dieser Entscheidung geht in der Regel eine psychosomatische Krankheit oder Familienprobleme vor, die weder von den Ärzten noch von den Schamanen geheilt oder beseitigt werden können; dies führt dazu, dass die Person immer gläubiger wird und immer mehr Zeit ihrem Dienst an Buddha und an den Geistern widmet. Kamitsuke (Besessenheit durch einen Geist) tritt meist spontan ein. Da die Krankheit und psychisches Ungleichgewicht fortbestehen, geraten die angehenden kamisama meist in soziale Isolation. Anschließend nutzen sie eine Gelegenheit, um ihre Fähigkeiten zu beweisen, indem sie z. B. eine Krankheit heilen, verlorengegangenen Gegenstand wiederfinden oder eine zutreffende Prophezeiung machen. Dann spricht sich die Nachricht, dass die Person den Weg der Kamis geht, in der Umgebung herum, und die angehende Schamanin und ihr Geschäft werden nach einiger Zeit von der lokalen Gemeinschaft akzeptiert, bis sie schließlich als kamisama bezeichnet wird.Kawamura Kunimitsu. "A Female Shaman's Mind and Body, and Possession", Asian Folklore Studies 62.2:257–289 (2003), S. 266–271

Entstehungstheorie Eine Theorie zur Entstehung des japanischen Schamanismus bringt ihn mit dem Tiergeisterglauben in Verbindung: In der Vergangenheit wurde geglaubt, dass einige Familien von einem bestimmten Tiergeist besessen sind (z. B. Fuchs, Hund). Andere Familien fürchteten die Tiergeisterfamilien und mieden sie, auch wegen der Vorstellung, dass die Familie einer Person, die in eine solche Familie einheiratet, von dem gleichen Tiergeist besessen wird. Aus diesem Grunde heirateten die Mitglieder der Tiergeisterfamilien meistens nur untereinander; in ihren geschlossenen Kreisen wurde ebenfalls Schamanismus bzw. Ekstase praktiziert.Fairchild, William P. , Folklore Studies 21:1–122 (1962), S. 34–36.

Schamanismus im Süden Japans (Okinawa, Amami, Ryukyu) Die Schamanen auf Okinawa und Amami werden allgemein als yuta bezeichnet und sind meist weiblich. Männliche Schamanen werden als „frauenhafte Männer“ bezeichnet und haben immer einen körperlichen Mangel (fehlende Extremität; blind o. ä.). Die Bezeichnung yuta geht auf das Wort für „schütteln“ zurück: die Schamanin schüttelt während der Ausführung des Rituals.

Je nach Spezialisierung werden auch andere Begriffe wie shinma (Medium), yuudatsi (Person, die mit dem Toten vor Ablauf der 49 Tage nach dem Tod kommunizieren kann), kankakarya („vom Gott besessen“) verwendet.Baženova, Žanna. Šamanstvo na Okinave. [Schamanismus auf Okinawa] (letzter Zugriff: 4. November 2017, 21:22)

Die yuta praktizieren privat und werden für ihre Dienste bezahlt.McCornick, Crystal Michelle. Saadaka: An Aspect of Shamanism, Spiritual Power, and Pollution in Okinawa. Masterarbeit. Alabama: Auburn University, 2011, S. 27.

Funktionen Die Hauptaufgabe der yuta liegt darin, die Ursache eines Unglücks/Missstandes (z. B. Verlust der Seele, Rache einer Gottheit oder eines Tieres; Eifersucht, Neid) zu bestimmen und zu beseitigen.