mini|Motty Eitingon als junger Mann Matwey Isakowitsch „Motty“ Eitingon (* 1885 in Orscha; † 28. Juli 1956 in New York) war ein bedeutender Pelzgroßhändler. Er kam aus Russland über Leipzig nach New York. Den Großhandel mit Fellen hatte sein Onkel Chaim Eitingon (1860–1934) begonnen, der von Schklou in Russland nach Moskau übergesiedelt war und dort die Rauchwarenhandelsfirma Ch. Eitingon begründete, in die später seine Neffen Max Eitingon und auch Motty Eitingon als Gesellschafter eintraten. Chaim kehrte nach Moskau zurück und Motty ging nach New York.
In den 1920er bis in die 1930er Jahre war Eitingon Schild & Co., Inc. New York eine der weltgrößten Firmen des Pelzgroßhandels und die größte der Vereinigten Staaten. Ende 1925 kauften durch Importe des Unternehmens amerikanische Frauen „mehr sibirische Pelze als der Rest der Welt zusammen“. Motty Eitingon wurde als der Mann beschrieben, der Millionen machte und Millionen verlor.Archiv der New York Times: Motty Eitingon, Dealerin Furs; Head of Wholesale Concern Here, Leader in Promoting Russian Broadtail, Dies Once Insured for $3,000,000. New York Times, 1. August 1956, S. 23 (englisch). Zuletzt abgerufen am 16. April 2018.
Biografie, Firmengeschichte Die amerikanische Dependance firmierte von 1912 bis 1946, nacheinander als W. Eitingon & Co., Eitingon Schild Inc., Eitingon & Gregory (Georg Gregory, eigentlich Gregory Josefowitz, Litauen) und Gregory & Jaglon. Weitere mit dem Unternehmen assoziierte Firmen waren: In London (Moscow Fur Trading Company, um 1920) und in Paris (Société Anonyme de Moscou, um 1920). Alle diese Schwester-Unternehmen arbeiteten eng zusammen.
Matwey Isakowitsch Eitingon, der sich weniger russisch klingend „Motty“ nannte, war der Sohn von Itsak Leib Eitingon und der Enkel von Mordecai Eitingon. Er war der jüngste von vier Brüdern (Max, Boris († 1932) und dem Zwillingsbruder von Boris, Naum († 1964)). Außerdem hatte er vier Schwestern. Motty Eitingon, Neffe des Firmengründers Chaim, wurde nach der Heirat seiner Cousine Fanny Eitingon auch Chaims Schwiegersohn. Mit Fanny hatte er zwei Töchter. Die Tochter Lee arbeitete zeitweilig in Paris als Time-Life-Korrespondentin.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story. S. 319. Seine zweite Frau war Bess (geb. Tepfer, verh. Rockmore)Howard Pollack: Marc Blitzstein: His Life, His Work, His World. Oxford University Press, 5. September 2012, S. 156. Abgerufen am 26. April 2018. , die beiden hatten einen Sohn, Tommy.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story. S. XII.
Europa Im Jahr 1902 ging Motty Eitingon nach Leipzig. Obwohl er als russischer Jude Wohnrecht in Leipzig besaß, verbrachte er die Jahre des Ersten Weltkrieges bis Oktober 1918 wohl in Russland.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story. S. 56. Zusammen mit seinem Bruder Boris und mit seinem späteren Partner Monya war er 1918, „weil er ein Kapitalist war“, sechs Wochen in Moskau im Butyrka-Gefängnis in Haft, aus der er sich mit 85.000 US-Dollar freigekauft haben soll.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story. S. 28 (Aussage von Norvin Lindheim. Vizepräsident von Eitingon Schild), 57.
In Leipzig begründeten Motty und Chaim die Israelitische Krankenhaus-Eitingon-Stiftung, die ab 1928 das Eitingonkrankenhaus im Waldstraßenviertel betrieb. Motty bezahlte das Inventar: „Eine medizinische Inneneinrichtung von höchstem Niveau“.Monika Gibas: "Arisierung" in Leipzig: Annäherung an ein lange verdrängtes Kapitel der Stadtgeschichte der Jahre 1933 bis 1945. Leipziger Universitätsverlag, 2007. Zuletzt abgerufen am 16. April 2018.
Bei der weltgrößten Selbstdarstellung der Pelzbranche im Sommer 1930, der Internationalen Pelzfach-Ausstellung (IPA) hatten die Amerikaner enttäuschend wenig Engagement gezeigt. Unter den sieben teilnehmenden Firmen stach nur Eitingon Schild & Co. mit einer eigenen Schau hervor. Jedoch war, bis auf das Londoner Unternehmen, das Interesse Motty Eitingons an den europäischen Dependancen schon seit Beginn der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren gesunken, noch einmal besonders in den Jahren 1930 bis 1932. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde das Leipziger Pelzhandelsunternehmen Eitingon aufgelöst, dessen Schulden in Höhe von 3 Millionen Mark wurden von New York gestrichen. Im Rahmen der späteren zwangsweisen Arisierung der jüdischen Betriebe wurden die Eitingons endgültig gezwungen, alle Aktivitäten in Deutschland einzustellen.
USA Nachdem 1919 Waldemar Eitingon, der Sohn des Firmengründers Chaim Eitingon, gestorben war, übernahm 1920 Motty Eitingon in New York dessen Posten. Bei seiner Einreise in die USA im Jahr 1919 gab er an, dass er aus seiner Heimat zuerst nach Kiew gegangen sei, wo er sechs Monate verbrachte, dann nach Polen, anschließend nach Deutschland und von dort nach Schweden. Sehr viel später sagte er gegenüber dem FBI, er wäre mit seinem Cousin Monya (Salomon) direkt nach Minsk gezogen, das sich damals in deutscher Hand befand, zusammen wären sie dann nach Stockholm gegangen. Man kann vermuten, dass ihr Weg sie über Leipzig führte. Die Familie folgte im September 1920.
Als Testamentsvollstrecker des Erbes von Waldemar setzte Motty für die Erbschaftsteilung den Wert der in Europa lagernden Pelze mit 922.246 Dollar an. Viereinhalb Jahre später strengte ein Vertreter der noch minderjährigen Tochter Waldemars („ad litem“) einen Prozess an, in dem er Waldemars tatsächlichen Anteil mit 2,4 Millionen Dollar annahm.
Motty Eitingon war in Leipzig und anschließend in seinem New Yorker Geschäft überaus erfolgreich, mit seiner Übersiedlung verlagerte sich das Zentrum des Familienimperiums nach New York. Die Londoner Filiale übernahm sein Cousin Monya. Mottys Erfolg beruhte wesentlich auf seinen Importen aus der Sowjetunion. 1922 hieß es, in der Überschrift mit einem Fragezeichen versehen, dass „sich der sibirische Pelzhandel nunmehr fast ausschließlich in den Händen amerikanischer Firmen befindet, die Zweigstellen oder Vertreter in Charbin, Tschita und Urga (Mongolei) haben“.Sibiriens Pelzhandel amerikanisches Monopol? In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 195, 10. September 2022, S. 2. Einige Jahre sah es so aus, als besäße Eitingon fast ein Monopol auf den Westhandel mit russischen Rauchwaren. Er verstand es, sich mit der sowjetischen Botschaft und deren Besuchern gut zu stellen. Die Eitingon Schild Holding verfügte über gute Kontakte zum Londoner Handelsunternehmen ARCOS-Exportagentur, dem Vermittler beim Handel mit Pelzen zwischen der Sowjetunion und den westlichen Staaten.
Gleich der erste vermittelte Kontrakt umfasste ein Volumen von 1.750.000 Dollar; dies war der erste Millionen-Dollar-Vertrag zwischen der Sowjetunion und einem Unternehmen der westlichen Welt. Entsprechend wurde die Transaktion als Signal für zu erwartende, wieder größere Handelsbeziehungen mit Russland gesehen. Als 1923 ein Abkommen zwischen Eitingon Schild und Co. und der ARCOS in Höhe von 3 Millionen Dollar über den Import von Rohfellen abgeschlossen wurde, betrachtete dies die Deutsche Bank in Leipzig, ein wesentlicher Finanzier der Pelzbranche, erneut als Sensation.Robrecht Declercq: World Market Transformation: Inside the German Fur Capital Leipzig 1870 and 1939. Routledge, Taylor & Francis Group, New York und London, 25. Mai. 2017. Zuletzt abgerufen am 20. April 2018.
In den 1920er Jahren erschütterten Auseinandersetzungen zwischen Pelzarbeitern und -unternehmern die amerikanische Pelzbranche. Sie wurden mit ungeheurer Härte und Brutalität von beiden Seiten ausgetragen, einschließlich der Beteiligung krimineller Banden und mit etlichen Toten. Dem auch von Gewerkschaftsseite als liberal angesehenen Motty Eitingon gelang es, in die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft unter Führung des Kommunisten Ben Gold und den Arbeitgebern zweimal erfolgreich vermittelnd einzugreifen.Philip S. Foner: The Fur and Leather Workers Union. Nordan Press, Newark, 1950, S. 102, 198–203, 239, 255 (englisch).
Motty Eitingon war verwandt mit dem Russischen Geheimdienstoffizier Naum Isaakowitsch Eitingon. Motty erklärte, nie Kontakt mit ihm gehabt zu haben. Zu der Zeit als viele russische Juden, die für die russische Staatsmacht tätig waren, bis hin zur Ermordung bedroht waren, sollen Naum Isaakowitsch Eitingons Mutter und seine Schwester jedoch in den 1920er Jahren im Moskauer Hotel National versucht haben, diesen Kontakt mit Motty herzustellen.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story, S. 390.
Die American Federation of Labor erhob im Jahr 1926 Anklage, Motty Eitingon sei ein sowjetischer Agent mit 8.000.000 US-Dollar an sowjetischen Pelzverträgen. Allein fünf Mal wurde er vom FBI vernommen. Der Verdacht der gesetzwidrigen Zusammenarbeit mit den Sowjets kam immer wieder auf, schon bestärkt durch seine ungewöhnlichen Handelsabschlüsse mit der UdSSR. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhr dieses Misstrauen wohl seinen Höhepunkt, als man, während offenbar ständiger Überwachung, sogar einen Spion auf einem Geschäftsflug nach Miami mitfliegen ließ, um Motty belastende Informationen zu entlocken. Noch bis zwei Jahre nach Kriegsende wurde Motty wiederholt überwacht.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story, S. 318–320, 365.
In einem Vertrag, der 1927 noch bestand, verpflichtete sich die Eitingon-Schild Co. in Russland und Sibirien jährlich mindestens für 3 Millionen Dollar Ware zu kaufen. Sollte dies nicht gelingen, hatte sie eine Buße in Höhe eines bestimmten Prozentsatzes der fehlenden Menge zu entrichten. Dafür erhielt sie das Recht, direkt in den Produktionsgebieten einzukaufen und jede beliebige Menge zollfrei auszuführen.Max Malbin: Der internationale Rauchwarenhandel vor und nach dem Weltkriege unter besonderer Berücksichtigung Leipzigs. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, 1927, S. 27–28. Im Jahr 1929 schloss Eitingon Schild & Co. mit Russland einen Kontrakt über die Lieferung von Rauchwaren im Wert von 16 Millionen Dollar ab. Im Jahr darauf gab die Firma bekannt, dass sie sämtliche angebotenen russischen Zobelfelle übernehmen würde. Im Februar 1931 einigte man sich über den Kauf im Wert von 50 Millionen Dollar zum Verkauf in Amerika und Europa, den Hauptteil der russischen Rauchwarenernte, „wahrscheinlich der größte Kontrakt seiner Art, den im Handel jemand getätigt hatte“.Hermann Groß: Leipzigs Stellung zur russischen Exportpolitik in veredelten Rauchwaren (4. Folge). In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 69, Leipzig 1931.Mary-Kay Wilmers: The Eitingons - A Twentieth-Century-Story, S. 202–203.