mini|hochkant|Zweisprachige Ausgabe von 1996 Die schreckliche deutsche Sprache (englischer Originaltitel: The Awful German Language) oder auch Die Schrecken der deutschen SpracheMark Twain’s ausgewählte Humoristische Schriften. VI. Band: Reisebilder und verschiedene Skizzen. Verlag von Robert Lutz, Stuttgart 1892, Übersetzer unbekannt, S. 74–86. ist ein kurzer humoristisch-satirischer Essay des US-amerikanischen Schriftstellers Mark Twain aus dem Jahre 1880. Das englische Original wurde zuerst in der Anthologie A Tramp Abroad als Annex D veröffentlicht. Twain, der sich zu jener Zeit auf einer mehrmonatigen Reise durch Europa befand, schildert darin die – wie er es empfand – Skurrilitäten, Absurditäten, Widersprüchlichkeiten und generellen Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache als Fremdsprache.

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1891 in Band 6 Bummel durch Europa der Twain-Werkausgabe Reisebilder und verschiedene Skizzen. Der Essay wurde in Deutschland in zahlreichen Ausgaben auch separat veröffentlicht und gilt als bekannter als das Buch, in dem er erschienen ist.Holger Kersten: Mark Twain, „der treueste Freund der deutschen Sprache“. 2010, S. 48.

Inhalt mini|Blick auf das Heidelberger Schloss, Heidelberg und das Neckar-Tal (fast mittig die Heiliggeistkirche, rechts die Alte Brücke) Der humoristisch-satirische Charakter des Essays zeigt sich bereits an dem Zitat, das Twain seinem Text voranstellte: A little learning makes the whole world kin, wobei er als dessen Quelle Proverbs xxxii, 7 angab. In deutschen Texten wird dies mit Ein bisschen Bildung macht die ganze Welt verwandt oder Ein wenig von einander lernen macht die ganze Welt stammverwandt übersetzt. Als Quelle wird Sprüche Salomonis XXXII, 7 angegeben. Das vermeintliche Zitat aus dem Alten Testament existiert jedoch nicht, denn das Buch der Sprüche enthält nur 31 Kapitel – nicht 32.

Anschließend beginnt Twain mit einer Anekdote. So habe er häufig die Raritätensammlung im Heidelberger Schloss besucht und dabei einmal den Kurator mit seinem Deutsch überrascht. Dieser habe ihm daraufhin mitgeteilt, dass er es für ein Unikum hielt und es gern in seinem Museum ausstellen würde. Twain stellt jedoch fest, dass dieser Kauf jeden in den Ruin treiben würde, da Twain das Erlernen der Sprache viel Aufwand gekostet hatte.

Kritik mini|hochkant|Twains Reisebilder von 1892, die den Text enthielten Seine Kritik an der deutschen Sprache beginnt Twain mit der Feststellung, dass es keine andere Sprache gebe, die so ungeordnet und unsystematisch sei wie die deutsche. So gebe es zu einer Regel üblicherweise mehr Ausnahmen von ihr als Beispiele für sie. Die Verwendung der vier deutschen Fälle stellt für Twain eine große Herausforderung dar. Zudem sei ein Durchschnittssatz in einer deutschen Zeitung viel zu lang. Er handle von vielen verschiedenen Themen gleichzeitig, die alle in eigene Parenthesen eingeschlossen seien. Besonders ärgerlich sei es dabei, dass das Verb meist am Ende stehe. In deutschen Büchern tauchten auch Parenthesen auf, aber nicht im selben Umfang wie in Zeitungen. Als Beispiel nennt Twain den Anfang eines Satzes aus dem Roman Das Geheimnis der alten Mamsell von E. Marlitt. Twain gibt zwar zu, dass es solche übertriebenen Parenthesen auch in der englischsprachigen Literatur und Presse gebe, allerdings seien sie dort ein Zeichen von schlechter Qualität. Im Deutschen seien sie laut Twain jedoch ein Zeichen einer „routinierten Feder“ („practiced pen“). Trennbare Verben rufen ebenfalls Twains Kritik hervor. Als Beispiel gibt er die englische Übersetzung eines deutschen Satzes mit der Wendung „reiste ab“ an, die er mit „departed“ übersetzt. Dabei trennt er das Wort in „de-“ für den Anfang und „-parted“ für das Ende des Satzes auf.

Auch Personalpronomen und Adjektive hält Twain im Deutschen für eine „wuchernde Plage“ („fruitful nuisance“), die man hätte weglassen sollen. So stehe das Wort „sie“ für die englischen Wörter „you“, „she“, „her“, „it“, „they“ und „them“, was Verbitterung hervorriefe, weil man die genaue Bedeutung nie wisse. Auch die Deklination von Adjektiven findet Twain so schlimm wie im Latein. Als Beispiel gibt er die englische Wendung „my good friend(s)“ in den vier deutschen Fällen sowie ihre deutschen Entsprechungen an und stellt fest, dass man in Deutschland lieber ohne Freunde auskomme, ehe man alle diese Variationen auswendig lerne. Er kritisiert auch das Dativ-e, da man es leicht mit der Pluralform verwechseln könne.

Ein weiterer Kritikpunkt Twains ist die Verteilung der Geschlechter auf Substantive, die aus seiner Sicht ohne Sinn und System ist. Als Beispiel nennt er die weibliche Rübe und das sächliche Fräulein. Dies zeuge von „übertriebener Verehrung der Rübe“ („overwrought reverence for the turnip“) und „dickfelliger Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber“ („callous disrespect for the girl“). Im Folgenden nennt er weitere Beispiele, unter anderem Körperteile, die männlich, weiblich und sächlich sind. Das führt ihn zu dem Schluss, dass ein deutscher Mann zwar glaube, er sei ein Mann. In Wahrheit sei er jedoch nur zu einem Drittel männlich, worin er sich auch nicht von jeder Frau und Kuh in Deutschland unterscheide. Die Verteilung der Geschlechter verursache englischsprachigen Schülern der deutschen Sprache auch große Probleme bei der korrekten Verwendung von Personalpronomen. Um dies zu verdeutlichen, führt er die Geschichte von dem Fischweib und seinem traurigen Schicksal (Tale Of The Fishwife And Its Sad Fate) an, in der er im englischen Text die Personalpronomen wie im Deutschen verwendet.

Twain hat darüber hinaus große Probleme mit ähnlichlautenden deutschen Begriffen, die er häufig durcheinanderbringe. So verwechsle er das Wort „vermählt“ mit „verschmäht“, „gemalt“ und „verdächtig“. Er schränkt jedoch selbst ein, dass dieses Problem vermutlich für Ausländer in allen Sprachen auftritt.

Twain hebt die Vielzahl von Bedeutungen der Wörter „Schlag“ und „Zug“ hervor. So nennt er für Schlag unter anderem die Bedeutungen „Stoß“, „Zeitmaß“, „Münzprägen“ sowie „Rasse“. Für „Zug“ nennt er die Synonyme „Ruck“, „Luftstrom“, „Schachbewegung“, „Gespann“ und „Neigung“. Mit diesen beiden Wörtern und dem Wort „also“, das er mit dem englischen „you know“ gleichsetzt, sei man als Ausländer „Herr der Lage“. Wann immer einem ein Wort fehle, könne man „Schlag“ oder „Zug“ einfügen und treffe mit hoher Wahrscheinlichkeit den richtigen Begriff. Falls nicht, könne man sich mit einem „also“ Bedenkzeit verschaffen.

mini|Illustration von Walter Francis Brown im Original von Die schreckliche deutsche Sprache untertitelt mit „Ein komplettes Wort“ („A complete word“) Auf große Kritik Twains stoßen zusammengesetzte Wörter im Deutschen. Sie seien keine Wörter, sondern alphabetische Prozessionen. Einige seien sogar so lang, dass sie eine Perspektive aufwiesen. Als Beispiele nennt er „Generalstaatsverordnetenversammlungen“, „Kinderbewahrungsanstalten“ und „Waffenstillstandsverhandlungen“. Diese Wörter stünden auch nicht in einem Wörterbuch und so müsse man zur Erschließung ihres Sinnes zunächst jedes einzelne Teilwort nachschlagen, was eine „langwierige und aufreibende Beschäftigung“ („tedious and harassing business“) sei. Solche Wörter habe es früher auch im Englischen gegeben (als Beispiel nennt er „never-to-be-forgotten“, also „nie-zu-vergessend“), diese seien jedoch inzwischen verschwunden. In englischsprachigen Zeitungen verwende man jedoch noch Wendungen wie „Mrs. Assistant District Attorney“ („Frau Unterbezirksstaatsanwalt“), die weder Zeit noch Mühe sparten und darüber hinaus ungerechtfertigt Titel verliehen.

Zudem ist Twain der Meinung, dass in der deutschen Sprache die Beschreibung von lauten und tumulthaften Geschehnissen zahmer als im Englischen klingen müsste. So sei „toothbrush“, das englische Wort für Zahnbürste, kräftiger als das deutsche Wort „Ausbruch“ für die englische „explosion“. Auch die deutschen Wörter „Schlacht“ „Gewitter“ und „Hölle“ seien schwächer als ihre englischen Entsprechungen „battle“, „storm“ und „hell“.

Positives Neben den vielen Kritikpunkten findet Twain aber auch einige positive Aspekte der deutschen Sprache, deren Erwähnung er als „kurze und angenehme Aufgabe“ (“brief and pleasant task”) beschreibt. So lobt er die Großschreibung von Substantiven als „gute Idee“, die in dieser Sprache aufgrund ihrer Seltenheit auffalle. Man könne durch sie meist direkt das Hauptwort eines Satzes erkennen.

Außerdem sei die deutsche Aussprache von Wörtern leicht zu erlernen und könne direkt aus der Aussprache der einzelnen Buchstaben abgeleitet werden. Dies sei ein klarer Vorteil gegenüber dem Englischen, in dem z. B. das Wort „bow“ je nach Bedeutung (Bogen, Verbeugung oder Bug) unterschiedlich ausgesprochen werde.

Twain lobt darüber hinaus die Ausdrucksstärke einiger deutscher Wörter. Dabei hebt er Wörter hervor, die sich mit dem Familienleben und Liebe, der Natur, der Untätigkeit und Ruhe sowie mit Märchenhaftem beschäftigen. Zudem gebe es viele Wörter, die Pathos ausdrückten. So könnten gewisse deutsche Lieder nur aufgrund des Klanges der Wörter Menschen zum Weinen bringen, die kein Deutsch verstünden.

Auch die Gewohnheit der Deutschen, Wörter auch mehrmals innerhalb eines Absatzes zu wiederholen, sieht Twain positiv. Im Gegensatz dazu neige man im Englischen dazu, in solchen Fällen ein anderes Wort zu verwenden, das diesem in der Bedeutung jedoch nur nahekomme. Diese Ungenauigkeit sei schlimmer als die Wiederholung.

Verbesserungsvorschläge mini|hochkant|Reisebilder-Ausgabe von 1910 Twain unterbreitet einige Verbesserungsvorschläge für die deutsche Sprache. Dabei bezieht er sich teilweise direkt auf die vorher genannten Kritikpunkte. So schlägt er vor, den Dativ abzuschaffen, da man nie genau wisse, wann man sich im Dativ befinde und wie man jemals wieder herauskomme. Zudem solle das Verb an eine vordere Stelle im Satz verschoben werden, an der man es leichter erkennen könne.

Des Weiteren schlägt Twain vor, kräftige Wörter aus der englischen Sprache zu importieren. Diese Forderung erläutert er in einer Fußnote. So klängen der deutsche Fluch „Verdammt“ und seine Variationen zu sanft und ausdruckslos und das deutsche „Ach! Gott!“ sei nicht mit dem englischen „Goddamn“ zu vergleichen.

Die Geschlechter der deutschen Sprache sollten so umorganisiert werden, wie sie vom Schöpfer vorgesehen seien.

Die langen, zusammengesetzten Wörter sollten nach Meinung Twains abgeschafft werden, oder der Sprecher sollte dazu aufgefordert werden, sie mit Pausen zum Einnehmen von Erfrischungen vorzutragen. Sprecher sollten darüber hinaus auch dazu aufgefordert werden, Girlanden wie „haben sind gewesen gehabt geworden seins“ am Ende ihrer Rede zu unterlassen.

Parenthesen sollten abgeschafft und ihre Verwendung mit dem Tod bestraft werden. Als Letztes schlägt Twain vor, nur die Wörter „Zug“ und „Schlag“ mit ihren Anhängseln zu behalten und das restliche Vokabular zu verwerfen.

Resümee Am Ende seines Essays fasst Twain seine Erfahrungen mit der deutschen Sprache in einem Vergleich mit dem Englischen und Französischen zusammen. Dabei sagt er dem Deutschen eine schlechte Zukunft voraus, sollte es sich nicht verändern:

Rede zum 4. Juli An den Essay angehängt ist eine Rede zum 4. Juli, die Twain bei einem Bankett des Anglo-Amerikanischen Studentenclubs gehalten hat. In dieser in einer Mischung aus Englisch und Deutsch gehaltenen Rede lobt Twain die Freundschaft zwischen Amerikanern und Engländern, die vor hundert Jahren noch Feinde gewesen waren, und wünscht sich eine immerwährende Fortsetzung dieser Freundschaft. Nebenbei bringt er auch seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache zum Ausdruck.

Rezeption Anlässlich von Twains 100. Todestag findet Manfred Pfister: „Es ist ein köstlicher Text, einer der besten Texte, die je über das Lernen einer Fremdsprache geschrieben worden ist.“