mini|RAW-Gelände, Eingangstor 2011, 2018 durch Unwetter zerstört
Das RAW-Friedrichshain (vormals RAW-Tempel, auch RAW-Gelände) ist ein Kultur-, Sport- und Veranstaltungsgelände im Ortsteil Friedrichshain des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.
mini|Club Cassiopeia, ältester Club auf dem Gelände Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) Berlin nahe dem S-Bahnhof Warschauer Straße grenzt im Westen an die Warschauer Straße, im Norden an die Revaler Straße, im Osten an die Modersohnstraße und im Süden an die Trasse der Berliner Stadtbahn. Die fünf Tore des „letzten Berliner Freiraums“ sind rund um die Uhr geöffnet. Als selbstverwaltetes soziokulturelles Zentrum gehört es zu den Kunst-Institutionen Berlins.
Das RAW-Gelände ist die letzte große Industriebrache in Friedrichshain.
Nutzung und Freizeitangebote Heute ist der überwiegende Teil des Areals an verschiedene Kultur- und Sporteinrichtungen (Skaterhalle, Kletterkegel), Konzerthallen (Cassiopeia, Astra), Ateliers und Galerien (RAW ART, Kunstakademie Friedrichshain), Clubs (Lokschuppen Berlin, Weißer Hase, Urban Spree, Haubentaucher), alternativkulturelle Veranstaltungsorte (Zum schmutzigen Hobby, Emmapea, Crack Bellmer) und gastronomische Betriebe (Brauerei Schalander sowie diverse Imbisse) vermietet. Im Sommer erweitert sich das Angebot um ein Open-Air-Kino (Inselkino) und an Sonntagen finden Flohmärkte statt. Die Skatehalle Berlin ist eine Indoor-Skatehalle, die im Winter 2004/2005 eröffnet wurde. Der Kinderzirkus Zack bietet – auch für Erwachsene – täglich Kurse wie Akrobatik und Clownerie an. Viele Werkstätten wie die Keramik-Werkstatt bieten Kurse an und die Akademie im Beamtenwohnhaus gibt Akt- und Porträtzeichenkurse. Die Radiosender BLN.FM und PIradio (Freies Radio) haben Studios auf dem RAW. Seit 2017 befindet sich der Verein Drop in e. V. auf dem Gelände, der interkulturelle Jugendarbeit durchführt.
Struktur Viele Häuser des RAW, vorwiegend die Atelier-Häuser, befinden sich in basisdemokratischer Selbstverwaltung. Das heißt, die Nutzer organisieren sich in Hausplena, welche wiederum in Delegiertenversammlungen und Arbeitskreisen zusammenkommen.
2018 schlossen sich Künstler, Sportstätten, Kulturvereine und alternative Gastronomie-Betriebe im sogenannten „soziokulturellen L“ zusammen und gründeten die RAW Kultur L e.G. Die Genossenschaft vertritt die Nutzer nach außen, organisiert unter anderen den Tag der Offenen Häuser und führt Jubiläen und Kooperationen durch.
Die auf dem Gelände befindlichen Clubs Haubentaucher, Lokschuppen, Astra, Urban Spree, Badehaus, Weißer Hase und Friedrichshain werden von Privatpersonen betrieben, die sich bisher nicht an der Selbstverwaltung beteiligen.
Das RAW ist seit 1994 Privatgelände und teilt sich aktuell unter vier Eigentümern auf.
Geschichte 1867 bis 1967 Das Reichsbahnausbesserungswerk Berlin an der Warschauer Straße war seinerzeit der älteste Betrieb in Friedrichshain. Lediglich die westliche Begrenzung des Grundstücks reicht an die Warschauer Straße heran. Die Hauptgebäude des Werkes lagen dabei südlich der Revaler Straße. Eröffnet wurde der Betrieb am 1. Oktober 1867 als „Königlich-Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II“ der Königlichen Direktion der Ostbahn in Bromberg (heute Bydgoszcz).
mini|Gedenken an die Zwangsarbeiter auf dem RAW-Gelände Die Königliche Ostbahn führte damals über Königsberg (Ostpreußen) bis zur russischen Grenze und hatte ihren westlichen Endpunkt im alten Ostbahnhof (nicht zu verwechseln mit dem heutigen Berliner Ostbahnhof, ursprünglich Frankfurter Bahnhof) am Küstriner Platz, dem heutigen Franz-Mehring-Platz. Der Betrieb diente der Instandhaltung von Lokomotiven sowie Personen- und Güterwagen, zuletzt vornehmlich von Kühlwagen. Die Anzahl der hier angestellten Arbeiter erreichte bereits nach wenigen Jahren 600 Personen und der Betrieb wurde entsprechend ausgebaut. Ein weiterer Ausbau erfolgte 1882 nach Eröffnung der Stadtbahn, die Beschäftigtenzahl stieg auf 1200 Angestellte. Mit der Bildung der Deutschen Reichseisenbahnen nach Ende der Novemberrevolution 1919 erhielt das Areal den Namen Reichsbahnausbesserungswerk, kurz RAW – das Kürzel hat sich bis heute gehalten.
Während der NS-Zeit waren auf dem RAW-Gelände 2000 Zwangsarbeiter eingesetzt. mini|RAW Franz Stenzer, 1991
Am 14. Oktober 1967 erhielt das Werk zum 100-jährigen Jubiläum den Namen des während der NS-Zeit ermordeten bayerischen Kommunisten Franz Stenzer und wurde so zum Raw „Franz Stenzer“.
Stilllegung bis 1995 Am 31. Oktober 1991 wurde die schrittweise Stilllegung des Werks aufgrund der „gestiegenen Reparatur- und Wartungskapazitäten im wiedervereinigten Deutschland“ bis 1995 verkündet und durchgeführt.
Nutzung 1995–2015
mini|Talgo-Werkstatthalle und S-Bahnhof Warschauer Straße (Blick von der Modersohnbrücke)
Die Farbgebungshalle wurde erweitert und seit 1995 vom internationalen spanischen Schienenfahrzeugunternehmen Talgo zur Wartung von Talgo-Nachtzügen verwendet. Sie bietet 100 Beschäftigten Arbeit.
Ab 1999 ist die ersten Präsenz von Künstlern auf dem Gelände belegt. In dem Jahr gründete sich der RAW Tempel e. V. mit dem Ziel, „einen Freiraum soziokultureller Nutzung inmitten einer europäischen Metropole zu gestalten, in dem sich individuelle Selbstverwirklichung mit dem solidarischen Handeln für ein Gemeinwesen verbindet.“
Die Bahntochter Vivico Real Estate GmbH übernahm die Geländeverwaltung für die DB. Der Zweck des Unternehmens ist die Veräußerung stillgelegter Bahnliegenschaften. Einige Gebäude wurden zwischen 1999 und 2015 an den Friedrichshainer Kulturverein RAW-tempel e. V. durch einen Generalmietvertrag vermietet, der hier vor allem kulturelle Projekte durchführte. Der Verein versuchte mehrmals, einzelne Gebäude von Vivico zu kaufen, jedoch verkaufte diese das Gelände für 4 Millionen Euro an die R.E.D. BERLIN Development GmbH um Klaus Wagner und seine isländischen Partner. Im Frühjahr 2015 meldet der RAW-tempel e. V. Insolvenz an.
Seit 2007 kam es zu mehreren Eigentümerwechseln. Aktuell teilt sich das Gelände in vier Eigentümer: Der westliche Abschnitt (circa zwei Drittel, ca. 52.000 m²) gehört der Göttinger Immobilienfirma Kurth Immobilien GmbH, ein kleineres zentrales Stück der Sewan Verwaltungs GmbH von Peter Mast und Frank Trenkle und der östliche Teil der International Campus AG aus München. Der Streifen von Talgo befindet sich im Süden.
Nutzung seit 2015 Seit der Insolvenz des RAW Tempel e. V. 2015 als Generalmieter schließen die Nutzer von Flächen ihre Mietverträge direkt mit den jeweiligen Eigentümern.
Zeitweise war der überwiegende Teil des Areals an verschiedene Kultur- und Sporteinrichtungen, Künstlerateliers, Konzerthallen und Liveclubs, Galerien, Clubs und gastronomische Betriebe vermietet (siehe #Liste von Nutzern des RAW-Friedrichshain). Sonntags fand regelmäßig ein Flohmarkt statt.
Ab 2022 sollte das Gelände weitgehend um- und ausgebaut werden. Vieles vom Altbaubestand sollte erhalten bleiben, hier gilt 30 Jahre Bestandsschutz. Aber auch neue Gebäude waren geplant. Dafür wurden vier Architekturbüros ausgewählt: Ortner&Ortner Baukunst Gesellschaft von Architekten mbH, Holzer Kobler Architekturen und Cobe/MVRDV aus Berlin sowie Astoc Architects and Planners aus Köln.Reinhard Bünger: Quartiersentwicklung: „Ein bisschen rough muss es ja auch bleiben“. Tagesspiegel, 7. November 2021.
Konflikte und Kritik Lärm und Grünflächen Die Anwohner-Initiative Die Anrainer setzt sich aktiv für Lärmschutz und für neue Grünflächen ein sowie für den Erhalt der kulturellen und sportlichen Angebote zur Tageszeit und eine weniger intensive Nutzung in der Nacht. Sie sprechen sich auch für den Erhalt der günstigen Ateliers aus. Im Oktober 2014 machte die Initiative eine Anwohnerumfrage mit 1029 Befragten, von denen 92 % die Bebauungspläne des Investors ablehnten.
Kriminalität Medien berichten über das RAW-Gelände oft im Zusammenhang mit dem Drogenhandel im Görlitzer Park. Die unsichere Zukunft des Geländes verhinderte lange Zeit ein Sicherheitskonzept für das gesamte Gelände. Meistens ist nur ein Security-Mitarbeiter vor Ort.
2015 erreichte die Kriminalität auf dem Gelände ihren statistischen und dramatischen Höhepunkt, als ein Freund der Sängerin der Band Jennifer Rostock bei einem Raubüberfall verletzt wurde.welt.de Der Konflikt betrifft ebenso die zu kleine Warschauer Brücke und die Tourismus-Meile um die Simon-Dach-Straße. Seit Ende 2015 ist die Kriminalität wieder rückläufig. Eine Petition der Anrainer für die „Konsequente Bekämpfung des Drogenhandels rund um das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain“ unterzeichneten 3000 Menschen zwischen 2016 und 2018.
Investoren Isländische und deutsche Investorengruppe Die isländisch-deutsche Investorengruppe Real Estate Development Berlin GmbH (R.E.D.) kaufte das Gelände – ohne die Talgo-Werke – von der Bahntochter Vivico für 4 Millionen Euro, versprach „grüne Neubauten“ und versuchte, ein Fair-Trade-Zentrum zu errichten. Die Pläne scheiterten am Widerstand des Bezirks, der Nachbarn und der Nutzer, nachdem Pläne für Hochhäuser bekannt wurden. Wagner verkaufte das Gelände bis auf einen kleinen Teil um das Badehaus.
International Campus AG Im Oktober 2015 wurde bekannt, dass der östliche Teil des Areals an die International Campus AG aus München verkauft wurde, die dort Studentenwohnungen errichten möchte. Der Bezirk schloss eine solche Nutzung jedoch bereits vor dem Kauf aus. Die IC meldet auf ihrer Internetseite, sie würden „Grundstücke in Zentraleuropa“ kaufen. Seit 2018 gehört dem kanadischen Immobilienfond Brookfield Asset Management Inc. die Mehrheit an der IC. Es finden bereits Abrissarbeiten statt und es gibt Pläne für private Schulen und Kitas und ein Schwimmbad (Stand Oktober 2019). Dafür erwarten die Investoren, von bis zu 10 Stockwerken Neubau. Auf dem Teil des Geländes befanden sich die Clubs Neue Heimat und Mikz.
Kurth Ebenfalls 2015 wurde der größere westliche Teil an die Kurth-Gruppe aus Göttingen für (unbestätigte) 20 bis 25 Millionen Euro verkauft. Der Bebauungsplan der Immobilienfirma mit Neubauten scheiterte bisher am Widerstand des Bezirks, der Anwohner und der Nutzer. Nachdem zum Kauf angekündigt wurde, die „Kiezkultur“ zu erhalten, wurden später Pläne mehrerer Hochhäuser bekannt. Zur Einigung wurden 2018 vom Bezirk Dialogwerkstätten durchgeführt, in denen der „Investorenfamilie“ nahegelegt wurde, mindestens einen Teil, das denkmalgeschützte Ensembles (das sogenannte „Kulturelle L“) einer Kulturstiftung zu verkaufen. Der Friedrichshainer Stadtplaner Carsten Jost berichtet auf seiner Webseite, dass die als „Beteiligungsverfahren“ angekündigte Dialogwerkstatt gescheitert sei und unter anderen sogar der ehemalige Bürgermeister Schulz (Grüne) den Prozess verlassen hätte. Es gäbe bis heute keinen Beleg dafür, dass eine Bebauung für den kostendeckenden Betrieb des RAW nötig wäre. Der Bezirk hätte die Planungshoheit auf dem Gelände. Die Grünen Kreuzberg, die stärkste Fraktion in Friedrichshain-Kreuzberg, stellen Anträge um die Mieter von den Bauvorhaben der Investorengruppe zu schützen. Schon beim von Kurth Immobilien angeregten Verfahren 2015 entschlossen sich die Akteure, eigene Ideen für das Gelände zu entwickeln. mini|Früherer Hochbunker, heute Kletterwand „Der Kegel“
Denkmalschutz