mini|hochkant|Swarmandal im ethnographischen Museum in Pieniężno, Polen mini|hochkant|Pandit Jasrai (1930–2020), ein Khyal- und Thumri-Sänger der Mewati-Gharana, begleitet seinen Gesang mit einer swarmandal. Swarmandal (), auch surmandal, sur mandal, svarmandal, von Sanskrit svaramandala („Ton-Kreis“), selten srimandal, ist eine gezupfte Kastenzither in Nordindien und Pakistan, die hauptsächlich Sänger der nordindischen Musik in den leichten klassischen Gesangsstilen Khyal und Thumri nebenbei und kaum hörbar spielen. Der Name swarmandal wurde vermutlich auf die orientalische Kastenzither qānūn übertragen, die mit muslimischen Eroberern eingeführt wurde und in den Herrscherchroniken ab dem Sultanat von Delhi im 13. Jahrhundert erwähnt wird. In der Mogulzeit (1526 bis 1858) bezeichneten qānūn und swarmandal entweder dasselbe oder ein ähnliches Instrument, das anders als heute zur Melodiebildung in der klassischen Musik eingesetzt wurde. Der Rückbezug der swarmandal auf den altindischen Namen mattakokila für einen vina-Typ erscheint dagegen wenig wahrscheinlich.
Herkunft Saiteninstrumente waren offenbar in altindischer Zeit sehr beliebt. Dies legt der Sammelbegriff vina nahe, mit dem sie bezeichnet wurden und der bereits in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends häufig in den Sanskritquellen vorkommt. Die älteste Form der vina war die Bogenharfe, die schon vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. in Textabbildungen erkennbar ist. Ab den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wurde auf buddhistischen Reliefs eine Langhalslaute mit schlankem Korpus abgebildet und ab dem 8. Jahrhundert, als die Bogenharfen praktisch verschwunden waren, traten die ersten Stabzithern auf, die in zahlreichen Variationen die für die indische Musik typischsten Saiteninstrumente sind.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 35f
Einen anderen Zithertyp, der in Südostasien beheimatet ist, bilden die Bambusröhrenzithern, bei denen wie bei der guntang auf der indonesischen Insel Bali eine oder mehrere Saiten aus der äußeren Schicht eines Bambusabschnitts herausgetrennt sind. Die westliche Verbreitungsgrenze der Bambusröhrenzithern stellen Ostnepal mit der yalambar und die nordöstlichen Bundesstaaten Indiens dar, wo unter anderem gintang und chigring vorkommen. Mehrere parallel verbundene Bambusröhren ergeben Floßzithern wie die dendung in Assam, die in Indien ebenfalls nicht weiter westwärts vorgedrungen sind. Die surmungla ist oder war eine seltene Floßzither in den nordostindischen Berggebieten, die aus mehreren parallel verbundenen Bambusröhren besteht, deren aus der äußeren Schicht der Röhren herausgelöste Saiten der Musiker mit dem Finger quer überstreicht, um einen warmen und angenehmen Klang zu erzeugen.Robert L. Hardgrave, Jr., Stephen M. Slawek: Instruments and Music Culture in Eighteenth Century India: The Solvyns Portraits. In: Asian Music, Band 20, Nr. 1, Herbst 1988–Winter 1989, S. 1–92, hier S. 62 Der Name surmungla taucht in der Unterschrift zu einem Bild des flämischen Malers François Balthazar Solvyns auf, der sich von 1791 bis 1803 in Kalkutta aufhielt.Robert L. Hardgrave: François Balthazar Solvyns: A Flemish Artist in Bengal, 1791–1803. In: IIAS Newsletter, Nr. 28, 2002, S. 15 Die Vorsilbe sur- ist bedeutungsgleich mit svara oder swara (Sanskrit, „Ton“, „Tonstufe“ eines Ragas) in swarmandal und ist auch im Namen der Langhalslauten surbahar, sursingar und swarabat enthalten.
Brettzithern, deren Saiten auf einem langrechteckigen Brett montiert sind und die am variantenreichsten in Gestalt der ostasiatischen Wölbbrettzithern (guzheng in China, ajaeng in Korea) vertreten sind, erscheinen Alastair Dick (2014) zufolge offenbar nicht auf altindischen Abbildungen. Dessen ungeachtet verweist Karaikudi S. Subramanian (1985) auf ein Relief vom Stupa von Sanchi aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., das sich im dortigen archäologischen Museum befindet. Die nach dem Relief gezeichnete Skizze zeigt einen Musiker, der eine lange, schlanke, an den Enden gerundete Brettzither quer vor dem Körper hält und die Saiten mit beiden Händen zupft. Subramanian hält das abgebildete Instrument für einen Vorläufer „der späteren mattakokila“ oder der mittelalterlichen swaramandala.Karaikudi S. Subramanian: An Introduction to the Vina. In: Asian Music, Band 16, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1985, S. 7–82, hier S. 10 Auf mittelalterlichen Reliefs sind keine Brett- oder Kastenzithern abgebildet und heute kommen sie allenfalls selten vor.
Aus dem Westen stammende Kastenzithern werden in Indien ab dem 13. Jahrhundert erwähnt; ob es unabhängig davon ein altindisches Vorbild gibt, ist spekulativ. Die Frage hängt mit dem Sanskritwort mattakokila („toller Kuckuck“) zusammen, das in dem von Bharata Muni um die Zeitenwende verfassten Natyashastra für ein Saiteninstrument des Theaterorchesters genannt wird. Das Natyashastra ist die früheste indische Quelle, die sich speziell der Musik widmet. Darin wird die Anordnung der Sänger und Sängerinnen, der drei Bogenharfenspieler und der beiden Flötenspieler im Ritualtheater begleitenden Orchester beschrieben. Die Harfenspieler verwenden drei unterschiedliche Instrumente: die mattakokila als die bedeutendste vina (mukha-vina, die „Haupt-vina“ des altindischen Theaters) mit 21 Saiten, die neunsaitige vipanchi-vina und die siebensaitige citra-vina (chitravina, heute ein anderer Name der südindischen gottuvadyam). Ein nach diesen Vorgaben angeordnetes Ensemble ist – nach der Interpretation von Walter Kaufmann (1981) – auf einem buddhistischen Relief aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. dargestellt, das sich am Stupa von Amaravati befand.Walter Kaufmann, 1981, S. 96 Obwohl im Natyashastra die Bedeutung der mattakokila hervorgehoben wird, sind keine brauchbaren Abbildungen aus altindischer Zeit überliefert. John Napier (2005) schließt daraus, ein Instruments mit 21 Saiten (das drei sthana, „Register“ hat) habe eher als ein theoretisches Konstrukt gedient, um das Tonsystem zu demonstrieren, und sei weniger in der Praxis gespielt worden.John Napier, 2005, S. 127
Im musiktheoretischen Werk Sangitaratnakara des Sarngadeva aus dem 13. Jahrhundert findet sich eine entsprechende Beschreibung, wobei weiterhin unklar bleibt, welche Form das mattakokila genannte Instrument hatte, ob der Schreiber es selbst sah oder ob er sich auf einen älteren Text bezieht. Es könnte sich um eine kurzzeitig wiedereingeführte, alte Bogenharfe handeln, von der ansonsten nichts bekannt ist.Alastair Dick, 2014, S. 655 Das Sangitaratnakara listet mit der mattakokila zehn namentlich unterschiedene vina-Typen, die zumindest zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in Gebrauch waren. Das von Ahobala Pandit im 17. Jahrhundert verfasste Sangita-Parijata erwähnt acht völlig andere Namen von vina-Typen, es fehlt damit auch mattakokila, dafür ist der Name swaramandala darunter.Louise Wrazen: The Early History of the Vīṇā and Bīn in South and Southeast Asia. In: Asian Music, Band 18, Nr. 1, Herbst–Winter 1986, S. 35–55, hier S. 36
Kallinatha, der im 15. Jahrhundert mit seinem Werk Kalanidhi einen Kommentar zum Sangitarathakara verfasste, bemerkt, swarmandal sei der gängige Name der mattakokila. Welcher Instrumententyp gemeint ist, geht aus dem Text nicht hervor.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India: Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 146 Es ist möglich, dass sich der Name swarmandal schon früh auf die arabisch-persische Trapezzither qānūn bezog, die von den Mamluken eingeführt wurde, als diese im 13. Jahrhundert das Sultanat von Delhi gründeten. Seit jener Zeit wird die qānūn in den muslimisch-indischen Herrscherchroniken erwähnt.
mini|Zeichnung eines arabischen qānūn-Spielers in Palästina, 1859 Abbildungen von Saiteninstrumenten in mittelalterlichen islamischen Quellen lassen mehr oder weniger zuverlässig auf deren Aussehen schließen. Im Kitāb al-ʿadwār („Buch der Modi“) des arabischsprachigen Musiktheoretikers Safi ad-Din al-Urmawi (1216–1294) ist eine große rechteckige Kastenzither nuzha mit 32 Saiten abgebildet, die von al-Urmawi erfunden worden sein soll. Die Erfindung der halb so großen, trapezförmigen qānūn wird al-Fārābī (um 872–950) zugeschrieben, in dessen Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr („Das große Buch der Musik“) ferner eine schwer identifizierbare Zeichnung eines schahrud genannten Instruments mit 40 und in einer anderen Handschrift mit 48 parallelen Saiten in zwei Saitenebenen enthalten ist. Eine weitere Zeichnung bei al-Urmawi stellt die Winkelharfe tschang mit 34 Saiten dar. Die Handschrift Kaschf al-humūm eines im 14. Jahrhundert in Ägypten lebenden anonymen Autors beinhaltet die Miniatur eines sitzenden Musikers, der eine Trapezzither in senkrechter Position vor seinem Oberkörper spielt. Mit der linken Hand hält er die Oberkante des Instruments, mit der rechten Hand zupft er die Saiten. Entgegen der gezeigten – auch für die swarmandal heute typischen Spielposition heißt es im Text, das in Syrien qānūn und in Ägypten santīr genannte Instrument werde „flach liegend“ gespielt.Henry George Farmer: Islam. (Heinrich Besseler, Max Schneider (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band III. Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2). Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1966, S. 96, 102 Flach liegend ist jedenfalls die Spielposition der heutigen arabischen qānūn, die typischerweise mit 78 Saiten für 26 dreisaitige Chöre bespannt ist.
Im 1526 von Babur gegründeten Mogulreich verbanden sich persische, arabische und turkisch-zentralasiatische Einflüsse mit der indischen Kultur, wie aus dem Baburnama, der Autobiographie Baburs, hervorgeht. Zu den eingeführten und im Palast gespielten Musikinstrumenten gehörten neben der qānūn die arabisch-persische Kurzhalslaute ʿūd, die arabisch-persische Längsflöte nay und das zentralasiatische Streichinstrument ghichak. Im Freien vor dem Palast wurde unter Akbar I. (reg. 1556–1605) täglich zu den Gebetszeiten das große Orchester naqqāra khāna mit Instrumenten aus Westasien gespielt, darunter dem Kesseltrommelpaar naqqāra und Trompeten (qarnā und nafīr).Emmie te Nijenhuis: Indien. III. Nordindische (Hindustānī-) Musik. 1. 1200 bis 1700. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1996) Im Ende des 16. Jahrhunderts von Abu 'l-Fazl verfassten Āʾīn-i Akbarī, dem dritten Teil der offiziellen Geschichtschronik der Mogulherrscher, Akbar-nāma, in dem es hauptsächlich um die Verwaltungsangelegenheiten Akbars geht, wird die surmandal als der qānūn ähnliche, 21-saitige Zither mit Stahl-, Messing- und Darmsaiten beschrieben.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust India, Neu-Delhi 1977, S. 86 Der Musiker und Musiktheoretiker Faqīrullāh (eigentlich Nawab Saif Khan) fertigte zwischen 1663 und 1666 eine persische Übersetzung des Anfang des 16. Jahrhunderts verfassten Musiktraktats Man Kutuhāl an. Darin wird ein für die indische Musiktheorie zentrales System von Raga-Familien aufgestellt. Faqīrullāhs Übersetzung und starke Bearbeitung des Textes ist als Rāgadarpana bekannt. Anders als Abu 'l-Fazl unterscheidet Faqīrullāh die beiden Instrumentenbezeichnungen. Die swarmandal hatte demnach 25 Saiten, einige aus Kupfer und die übrigen aus Stahl. Die qānūn besaß 40 Saiten, davon drei an einer Seite, vier an der anderen und die übrigen paarweise gestimmt.John Napier, 2005, S. 125