mini|Bulbultarang mit zwei Melodie- und vier Bordunsaiten. Bulbultarang, auch bulbul tarang (, Shahmukhi بلبل ترنگ, „Nachtigall-Wellen“, gemeint „Gesang der Nachtigall“), bulbultara, bulbultala, Indian banjo, benjo, benju, mandolin, ist eine gezupfte Kasten- oder Brettzither in Indien, Pakistan und in der iranischen Provinz Belutschistan, deren Saiten über eine Reihe von Tasten verkürzt werden. Die in den 1920er Jahren in unterschiedlichen Variationen in der Region verbreitete Griffbrettzither mit Tastenmechanik geht auf die in Japan zu Beginn der Taishō-Zeit (1912–1926) eingeführte taishōgoto zurück. Auf den Malediven heißt das Instrument kottafoshi, die indischstämmige Minderheit auf Fidschi nennt es medolin. In Deutschland wurde um 1920 eine ähnliche Tastenzither unter dem Namen Akkordolia patentiert.

Herkunft und Verbreitung mini|Zwei japanische taishōgoto. Das japanische Vorbild taishōgoto basiert auf einer alten Tradition langrechteckiger Wölbbrettzithern, die in Ostasien weit verbreitet sind. Namentlich ist die taishōgoto von der japanischen Wölbbrettzither koto abgeleitet, die spätestens zu Beginn der Nara-Zeit, also Anfang des 8. Jahrhunderts, aus China eingeführt wurde. Die dreizehnsaitige koto wurde in der höfischen Musik hauptsächlich zur Gesangsbegleitung gespielt.W. Adriaansz: Koto. In: Grove Music Online, 2001 Unter dem Einfluss westlicher Musik gab es zahlreiche Experimente zur Verbesserung traditioneller japanischer Musikinstrumente, dazu zählt eine koto mit 17 Saiten, die eine jūshichigen genannte Basszither ist.David W. Hughes: Japan. II. Instruments and instrumental genres. 1. Introduction. In: Grove Music Online, 2001 Möglicherweise waren dem Erfinder der taishōgoto die Kreationen des Instrumentenbauers Henry Charles Marx (1875–1947) bekannt, der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten einige Patente für ungewöhnliche Kastenzithern erwarb. Sein Pianolin (oder Pianoette) ist eine schmale Bordunzither, deren Saiten mit der linken Hand gezupft und zugleich mit einem Bogen in der rechten Hand gestrichen werden können. Unter den Saiten aufgemalte Tasten sollten dem Anfänger die Bogenführung erleichtern.Stringed Things: Pianolin (a.k.a. “Pianoette”). Youtube-Video Beim Marxophone, einer breiten Kastenzither, die Marx 1912 patentieren ließ,Laurence Libin: Marxophone. In: Ders. (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 3, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 408f drückt der Spieler auf federnde Metalllamellen, deren mit Blei beschwerte Enden auf die Saiten prasseln.M. C. Gracin: An Inquiry into Contextualized Christian Expression in North India. (Masterarbeit) Liberty University, Lynchburg (Virginia) 2011, S. 209; Abbildung eines Marxophone Zu einer Reihe ähnlicher Zithern mit Tasten oder Knöpfen, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Markt kamen, gehören die Deweylin harp und die American mandolin harp.Gizmo-harps with chords. Fretless Zithers.com Die Saiten werden bei diesen Instrumenten nicht verkürzt und produzieren jeweils nur einen Ton.

Auf der indonesischen Insel Bali kommt vor allem im Regierungsbezirk Tabanan eine nolin genannte Tastenzither mit vier bis sechs Saiten und sieben bis zwölf Tasten vor, die mutmaßlich von chinesischen Einwanderern in den 1930er Jahren mitgebracht wurde. Zunächst diente die nolin den Dorfbewohnern als Soloinstrument zur Unterhaltung, seit 1961 setzen sie mehrere nolin mit Instrumenten eines Gamelans (klassische Orchesterformen), darunter der Buckelgongreihe kelenang, den Handzimbeln ceng-ceng und der Fasstrommel kendang in einer gamelan nolin oder gamelan mandolin genannten Besetzung zur Begleitung des Joged-Tanzes ein. Hierfür kann die neo nolin mit einem Tonabnehmer verstärkt werden.Andrew C. McGraw: Nolin. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015

Die taishōgoto erhielt ihren Namenszusatz nach der Taishō-Zeit (1912–1926), an deren Beginn sie entwickelt wurde. Ihre beiden Melodiesaiten werden mit einer von der Schreibmaschine übernommenen Tastenmechanik verkürzt. Die runden Tasten machen eine chromatische Tonskala von zwei Oktaven spielbar.David W. Hughes: Taishōgoto. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 4, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 688

Weder die für Ostasien charakteristischen Wölbbrettzithern noch andere langrechteckige Brett- oder Kastenzithern kommen in Indien vor. In der nordindischen klassischen Musik wird das aus dem persischen Kulturraum stammende, trapezförmige Hackbrett santur gespielt. Ferner begleiten klassische Sänger des Khyal-Stils häufig ihren Gesang mit den Borduntönen einer Kastenzither swarmandal. Weiter verbreitet in der indischen Musik sind mit der Sammelbezeichnung vina bekannte Stabzithern. Es wurde also bei der bulbultarang nicht nur die innovative Tastatur, sondern die gesamte Form aus Japan eingeführt.

mini|Akkordolia, von Otto Teller, Klingenthal, um 1920 patentiert. Vermutlich erreichte die bulbultarang in den 1920er Jahren zuerst Mumbai, weil sich ihr Hauptverbreitungsgebiet von Mumbai über die pakistanische Provinz Sindh mit der größten Stadt Karatschi bis in die Region Belutschistan erstreckt. Zuvor waren im 19. Jahrhundert einige in Indien neuentwickelte Saiteninstrumente eingeführt worden, darunter die von der afghanischen Zupflaute rubab abgeleitete sarod und die durch Verschlankung der Streichlaute mayuri vina gebildete esraj. Ende des 19. Jahrhunderts brachten indische Musiker von ihren Aufenthalten in Europa Banjo und Mandoline mit. Der Sarod-Spieler Asadullah Khan, genannt Kaukab Khan (1858–1912), ein Mitglied der Bulandshahr/Lucknow-Sarod-Gharana,Adrian McNeil: Making Modernity Audible: Sarodiyas and the early recording industry. In: Amlan Das Gupta (Hrsg.): Music and Modernity: North Indian Classical Music in an Age of Mechanical Reproduction. Thema, Kolkata 2007, S. 61–88, hier S. 64 gab 1902 in Paris sein erstes Konzert auf einem westlichen Banjo, weil – so wird erzählt – auf der Reise nach Europa seine sarod kaputt gegangen war. Er entfernte die Bünde vom Hals des Instruments, legte eine Metallplatte auf das Griffbrett und spielte es wie eine sarod. Kaukab Khan hatte so viel Erfolg, dass er diese Spielweise auch nach der Rückkehr nach Indien beibehielt und berühmter mit dem Banjo als mit der sarod wurde.Allyn Miner: Sitar and Sarod in the 18th and 19th Centuries. Motilal Banarsidass Publishers, Delhi 2004, S. 154 Vishnu Digambar Paluskar (1872–1931) war ein nordindischer klassischer Sänger und Musiklehrer, der Konzerte organisierte, bei denen die Schüler seiner von ihm 1901 in Lahore gegründeten Musikschule Mandoline und Banjo spielten. Weitere Programmpunkte konnten Soli von mridangam, Harmonium und Violine sowie Tanzeinlagen und Gesang sein, was Paluskars Konzerte äußerst ungewöhnlich machte.

In diese experimentierfreudige Phase fiel die Einführung der bulbultarang, die 1936 erstmals bei einer Musikkonferenz in Mumbai präsentiert wurde.Aneesh Pradhan: Perspectives on Performance Practice: Hindustani Music in Nineteenth and Twentieth Century Bombay (Mumbai). In: South Asia: Journal of South Asian Studies, Band 27, Nr. 3, 2004, S. 339–358, hier S. 351, 356 Beim muslimischen devotionalen Gesangsvortrag Qawwali hat seit dem 19. Jahrhundert das indische Harmonium einen festen Platz. Anstelle von Banjo und Mandoline, die im 19. Jahrhundert in den Qawwali eingeführt wurden, ist heute bei manchen Ensembles die bulbultarang getreten und hat deren Namen übernommen.

Der Name bulbultarang setzt sich aus Hindi bulbul („Nachtigal“, aus dem Persischen und Arabischen) und tarang (wörtlich „Wellen“, hier gemeint „Gesang“, allgemein „Melodie, Melodieinstrument“) zusammen. Analoge Wortbildungen für indische Melodieinstrumente sind unter anderem jaltarang (im Halbkreis aufgestellte, mit Wasser gefüllte Porzellanschüsseln), tabla tarang (Halbkreis von gestimmten Kesseltrommeln) und loh tarang (Gestell mit unterschiedlich großen runden Metallplatten).

Bauform mini|Ungewöhnliche bulbultarang mit einer klavierähnlichen Tastatur. Die bulbultarang besteht aus einem langrechteckigen Holzbrett oder Kasten, der mit zwei Melodiesaiten und nach dem Prinzip einer Bordunzither mit weiteren Bordunsaiten bespannt ist. Der Spieler reißt die Stahlsaiten mit einem Plektrum in der rechten Hand an, während er mit der linken Hand die Tasten drückt, um waagrechte Metallbügel auf die Saiten zu senken und sie so zu verkürzen. Die Tasten funktionieren wie bei der Drehleier und ähneln denjenigen mechanischer Schreibmaschinen. Sie sind in zwei Reihen über den Melodiesaiten angeordnet und machen eine chromatische Tonfolge über zwei Oktaven spielbar. Die Bordunsaiten verlaufen an einer oder beiden Seiten neben den Melodiesaiten und werden nicht durch die Tastenmechanik verkürzt. Die Melodiesaiten werden üblicherweise unisono oder manchmal im Oktavabstand gestimmt. Für die Bordunsaiten gibt es keine feste Stimmregel. Die Belutschen verwenden eine banjo oder benjo genannte, einen Meter lange Zither, bei der sie die vier symmetrisch zu den beiden Melodiesaiten angeordneten Bordunsaiten auf die Tonika (den Ton der Melodiesaiten) und die Dominante (Quinte) stimmen. Die banjo hat 28 bis 32 Tasten.

Es gibt zahlreiche Varianten der Tastenzither, die sich in Form des Korpus, Saitenanzahl, Tonhöhe und im Klang unterscheiden. Häufig ist das rechte Ende des Korpus etwas verbreitert.Dil hai ke manta nahin Benjo Cover by Nikul Vaiahnav. Youtube-Video In Belutschischtan wurden benjo auf der Basis eines Akustikgitarrenkorpus mit über 30 spielbaren Bordunsaiten entwickelt.Balochi New Benjo With 35 Strings. Youtube-Video (Mohammadali Mohammadhasani aus Belutschistan spielt eine benjo mit 35 Saiten.) Bei vielen bulbultarang sorgt ein elektromagnetischer Tonabnehmer für einen E-Gitarren ähnlichen Klang.Mere Rashke Qamar Qawwali On Bulbul Tarang Banjo. Youtube-Video

Eine elektrisch verstärkte und verbesserte Version der bulbultarang heißt shahi baaja. Ihre zehn oder mehr Bordunsaiten können zusätzlich, wie bei der swarmandal, leer angerissen werden.

Spielweise mini|hochkant|Shahi baaja mit zwei Melodiesaiten, drei Resonanzsaiten und zehn Bordunsaiten. Bulbultarang gehören in Nordindien und in Pakistan zur populären Unterhaltungsmusik, insbesondere Filmmusik, und zu devotionalen Gesangsstilen von Muslimen, Sikhs, Hindus und Jains. Der pakistanische Musiker Bilawal Belgium machte die leicht zu erlernende und preisgünstige bulbultarang in den 1950er Jahren zu einem klassischen Musikinstrument, mit dem er im Rundfunkorchester von Radio Karachi spielte.Shumaila Hemani: Representing Pakistan through Folk Music and Dance. (Masterarbeit) University of Alberta, 2011, S. 82 Die shahi baaja wird auch für moderne Kompositionen und in der Weltmusik verwendet, beispielsweise begleitete der New Yorker Musiker und Komponist Pete List mit dem Instrument eine Tanzperformance.Pete List and Anasma "Flutterby". Youtube-Video (Pete List, shahi baaja, und die französische Tänzerin Anasma beim Rakkasah Belly Dance Festival in Concord, CA, 2012.)

Qawwali