Roma ist ein mexikanisches Filmdrama von Alfonso Cuarón, das am 30. August 2018 im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere feierte. In dem in Mexiko-Stadt spielenden Film sind Marina de Tavira als Mutter von vier Kindern und Yalitza Aparicio als deren Kindermädchen zu sehen.

Im Rahmen der Golden Globe Awards 2019 wurde der Schwarzweißfilm als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet, zudem Cuarón für die beste Regie. Bei der Oscarverleihung 2019 war Roma neben The Favourite – Intrigen und Irrsinn Favorit mit je zehn Oscarnominierungen, darunter bei beiden die für den besten Film und die beste Regie. Letztlich gewann der Film drei Oscars in den Kategorien beste Regie, bester fremdsprachiger Film und beste Kamera.

Handlung Mexiko-Stadt, 1970: Die junge Mixtekin Cleo arbeitet als Kindermädchen und Haushälterin für eine siebenköpfige Familie im Stadtteil Roma. Die Kinder – die Söhne Toño, Paco und Pepe und die Tochter Sofi – lieben Cleo, und sie kümmert sich um die vier. Zusammen mit einer Kollegin putzt, kocht und wäscht Cleo für die Mittelstandsfamilie, wie viele junge Frauen in der Nachbarschaft, und kümmert sich auch um deren Hund Borras. Beim abendlichen Fernsehen bedient Cleo die Familie.

Die junge Mixtekin beginnt ihre erste Beziehung mit Fermín, der in den Slums groß wurde und sich für asiatische Kampfkunst begeistert. Als Cleo ihm bei einem gemeinsamen Kinobesuch erzählt, dass sie womöglich schwanger ist, verlässt er unter einem Vorwand den Saal und verschwindet von der Bildfläche. Als sie ihrer Arbeitgeberin Sofía von der Sache erzählt, befürchtet Cleo, ihren Job zu verlieren, doch diese stellt sich hinter sie und geht mit ihr zu einer Ärztin.

Sofia muss mit einer längeren Abwesenheit ihres Mannes zurechtkommen, der in Québec eine Konferenz besuchen will. Über Weihnachten und Neujahr fahren sie ohne den Vater zu Verwandten aufs Land, nehmen jedoch Cleo mit. Als sie einige Tage später den Aufenthaltsort von Fermín herausgefunden hat in einem Slum am Stadtrand, sieht sie, wie er an einem Stockkampftraining inmitten einer militärisch aufgereihten Hundertschaft junger Männer teilnimmt. Als die hochschwangere Frau vor ihm steht, droht er ihr, das Kind aus ihr herauszuprügeln, sollte sie weiter behaupten, er sei der Vater. Auch Sofia muss ihr Familienleben ohne Partner meistern, denn ihr Mann befindet sich nicht in Kanada, sondern hat sie und die Kinder verlassen.

Als Cleo mit der Mutter Sofias in der Stadt ein Kinderbett kaufen will, werden protestierende Studenten auf der Straße von zivil gekleideten paramilitärischen Einheiten angegriffen. Ein Paar flieht in das Möbelhaus und wird von einer paramilitärischen Gruppe verfolgt, der auch Fermín angehört. Der Mann wird vor den Augen Cleos erschossen. Cleos Fruchtblase platzt. Wegen eines Staus verzögert sich die Fahrt ins Krankenhaus. Bei der Geburt kommt es zu Komplikationen. Das Baby wird tot geboren, und nach vergeblichen Wiederbelebungsmaßnahmen bleibt Cleo nur noch ein kurzer Abschied von ihrer Tochter.

Nachdem Sofía den Ford Galaxie ihres Mannes verkauft hat, will sie mit den Kindern für ein paar Tage ans Meer fahren; es ist die letzte Gelegenheit, das geräumige Familienauto noch einmal zu nutzen. Auch Cleo, die in einen Zustand der Trauer verfällt, soll sie begleiten und auf andere Gedanken kommen. Sie fahren nach Tuxpan, und dort erzählt Sofía ihren Kindern beim Essen, dass sich ihr Vater nicht auf einer Konferenz in Kanada befindet, sondern sie verlassen hat. Trotz mehrfacher Versuche der Mutter, die Kinder zu trösten, sind diese traurig.

Am Strand gehen Sofi und Paco ins Wasser. Als Cleo sieht, dass die Kinder es nicht aus eigener Kraft zurück schaffen, läuft sie ins Meer, um sie zu retten, obwohl sie nicht schwimmen kann. Dankbar nehmen Sofía und ihre Kinder Cleo in den Arm. In diesem Moment sagt sie, dass sie ihr totgeborenes Kind nicht haben wollte. Bei ihrer Rückkehr in die Stadt finden sie das Haus völlig verändert vor. Sofía plant, wieder ganztags berufstätig zu werden, um die Familie über Wasser halten zu können, da ihr Mann sie finanziell nicht mehr unterstützt. Auch Cleo bleibt bei der Familie.

Hintergrund mini|hochkant=1.2|Heute erinnert in Mexiko eine Mahn­tafel an das Fronleichnam-Massaker Eine Hintergrundgeschichte, die im Rahmen des Films erzählt wird, ist die des Fronleichnam-Massakers im Jahr 1971, bei dem Dutzende demonstrierende Studenten von einer paramilitärischen Gruppe namens Los Halcones getötet wurden.Orlando Parfitt: Alfonso Cuarón wraps shooting on new film 'Roma'. In: screendaily.com, 15. März 2017. Das Massaker fand zur Zeit von Mexikos „Guerra Sucia“ (schmutzigem Krieg) statt, der bis Anfang der 1980er-Jahre andauerte. Das Verschwindenlassen, die Ermordung und Folterung von Tausenden Linken, militanten Arbeitern und Bauern ist bis heute ein Kapitel der mexikanischen Geschichte, das nicht vergessen wurde.Mexiko: Massaker an Studenten entfacht soziale Explosion. In: „Spartakist“, Nr. 206, Januar 2015, übersetzt aus Workers Vanguard, Nr. 1057, 28. November 2014. Alfonso Cuarón, der mexikanische Regisseur des Films, war zur Zeit des Massakers neun Jahre alt.

Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und der „Sonderstaatsanwaltschaft für soziale und politische Bewegungen der Vergangenheit“ (Femossp) in Mexiko hatten sich im Jahr 2005 empört, als eine Richterin den Antrag auf Haftbefehl wegen Völkermords im Jahr 1971 ablehnte. Die letzte juristische Möglichkeit im Inland, den ehemaligen Präsidenten Luis Echeverría Álvarez für seine Verantwortung beim Massaker an oppositionellen Studenten am 10. Juni 1971 zur Rechenschaft zu ziehen, war damit ausgeschöpft, und Echeverría blieb auf freiem Fuß.Miriam Lang: Mexikanischer Ex-Präsident geht straffrei aus. In: heise.de, 11. August 2005. Ein Jahr später, am 30. Juni 2006, wurde Echeverría als Hauptverantwortlicher für das Massaker von Tlatelolco (Matanza de Tlatelolco) verhaftet. Allerdings wurde das Verfahren bereits Anfang Juli 2006 wegen eingetretener Verjährung eingestellt. Bei dem weitaus blutigeren Massaker in Tlatelolco wurden am 2. Oktober 1968 einige hundert Studenten der UNAM, der Universität von Mexiko-Stadt, getötet. Die Studentenproteste waren von der mexikanischen Regierung mit brutaler Gewalt und dem Einsatz von Maschinengewehren niedergeschlagen worden, nur um zehn Tage später ungestört eine „Olympiade des Friedens“ feiern zu können.

Produktion Stab und Biografisches

mini|Regie führte Alfonso Cuarón Es handelt sich bei Roma um Alfonso Cuaróns ersten in Mexiko angesiedelten Film seit seinem Durchbruch mit Y Tu Mamá También – Lust for Life.Zack Sharf: 'Roma' Behind-the-Scenes Exclusive: Alfonso Cuarón Films on Location in Mexico .. In: indiewire.com, 15. Mai 2017. Vier Jahre zuvor war Cuarón für Gravity mit einem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet worden.

Der Titel des Films bezieht sich auf den gleichnamigen Stadtteil von Mexiko-Stadt.Barbara Schweizerhof: Kritik zu 'Roma'. In: epd Film, 23. November 2018. Die Geschichte des Films ist autobiografisch geprägt.Joey Nolfi: Alfonso Cuarón's 'Roma' set as 56th New York Film Festival's Centerpiece. In: Entertainment Weekly, 18. Juli 2018. Der Regisseur sagte der Presse Anfang 2017, nachdem die Produktion abgeschlossen war: „Mit diesem speziellen Projekt in mein Land zurückzukehren, war etwas sehr Persönliches, weil wir in den 70er Jahren einen Film mit vielen Elementen und Erfahrungen aus meiner Kindheit gedreht hatten.“ Er habe damit einen Film realisiert, den er schon immer mit diesen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu drehen geträumt hatte, so Cuarón.Björn Becher, "Roma": Alfonso Cuarón enthüllt Titel und Plot-Details zu seinem ersten Film seit "Gravity". In: filmstarts.de, 15. März 2017. Weiter sagte Cuarón: „Ich kann im Ausland leben, aber ich denke immer noch mexikanisch. Ich bin sehr mit der Vergangenheit in meinem Land verbunden.“

Eva-Christina Meier von der taz erklärt, ähnlich wie der mexikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Guillermo Arriaga, der in seinem Roman Der Wilde aus der Perspektive eines Heranwachsenden den Beginn paramilitärischer Organisierung in Mexiko in den frühen 1970ern beschreibt, blicke auch Cuarón in Roma auf diesen historischen Moment zurück, der einen gesellschaftlichen Wendepunkt markiert.Eva-Christina Meier: Netflix-Film „Roma“ von Alfonso Cuarón: Verdammtes Hausmädchen!. In: taz, 6. Dezember 2018.

Der Film ist auch eine Hommage an das stille Wirken der Hausmädchen, die auch Cuaróns Kindheit geprägt haben, vor allem an Liboria „Libo“ Rodríguez, das Dienstmädchen der Familie.Christiane Peitz: Cuaróns „Roma“ auf Netflix: Bilderpracht und Branchenkrieg. In: Der Tagesspiegel, 5. Dezember 2018.

Besetzung, Dreharbeiten und Ausstattung Marina de Tavira, die einzige ausgebildete Schauspielerin in der Besetzung, übernahm die Rolle von Sofía, Señora Antonio. Fernando Gradiaga spielt ihren Ehemann Dr. Antonio. Die Rolle ihres Kindermädchens Cleo wurde mit Yalitza Aparicio besetzt. In weiteren Rollen sind Nancy García García, Daniela Demesa und Marco Graf zu sehen.

Cuarón erklärte, 90 Prozent der Szenen in Roma entstammten seinen eigenen Erinnerungen: „Ich reproduzierte das Zuhause meiner Kindheit, ich trug sogar einen Großteil der originalen Möbel zusammen, ich castete die Schauspieler so, dass sie so gut wie identisch mit meiner Familie zu Beginn der Siebzigerjahre wirken – bis hin zur Hauptfigur des Films, dem Kindermädchen Cleo. Wir drehten auch an den Originalschauplätzen, transformierten also das heutige Mexiko-Stadt in die Vergangenheit. Ich habe sogar genau dieselben Automodelle in die Straße parken lassen, die zu jener Zeit dort immer standen.“Alfonso Cuarón im Interview mit Andreas Borcholte: „Wir geben uns der Illusion von Fortschritt hin“. In: Spiegel Online, 6. Dezember 2018.

Zu den realen Drehorten, die modifiziert wurden, gehören die Calzada Mexico-Tacuba, wo das sogenannte Fronleichnams-Massaker stattfand, ein Möbelgeschäft, das wiederaufgebaut wurde, und leerstehende Räumlichkeiten eines Klinikums, in dem eine Etage für die Krankenhausszenen wiederhergestellt wurde. Bei den Dreharbeiten in der Calle de Tepeji zeigen die Außenaufnahmen nicht das Haus mit der Nummer 21, in dem Cuarón mit seiner Mutter, seinen drei Brüdern und der Mixtekin Libo lebte, sondern das gegenüberliegende Haus, wo es bessere Lichtverhältnisse gab.Jessica Oliva: Roma y la memoria épica de Eugenio Caballero. In: cinepremiere.com, 3. Dezember 2018. Für die Innenaufnahmen des Hauses, in dem Cuarón aufwuchs, stand ein Haus in der Nähe von Narvarte zur Verfügung, das abgerissen werden sollte. Dieses wurde mit beweglichen Wänden versehen. Es stellte sich heraus, dass die Fliesen im Innenhof des Elternhauses – man sieht die Fliesen anfangs im Vorspann – aus den 30er Jahren stammten. Für den Filmset mussten sie neu hergestellt werden.

Das Panorama, das sich über den Dächern Romas zeigt, wurde mit CGI nachgebildet, da sich die Stadtlandschaft gegenüber den 1970er Jahren stark verändert hatte. Cuarón und der Kameramann Galo Olivares drehten den Film in Schwarz-WeißGregg Kilday: New York Film Festival: Alfonso Cuaron's 'Roma' to Screen as Centerpiece Film. In: The Hollywood Reporter, 18. Juli 2018. mit der digitalen Alexa 65 von Arri. Die Herausforderung beim Drehen war – wie auch zu Zeiten des Schwarzweißfilms –, die Farben des Szenenbildes so abzustimmen, dass später im Schwarzweissbild eindrückliche Grauschattierungen entstanden.

Der Szenenbildner Eugenio Caballero verwendete außerdem Materialien mit einer „kräftigen Textur“. Die visuellen Effekte wurden von MPC realisiert. Da sich das Straßenbild in Mexiko-Stadt seit den Siebzigern – auch durch das Erdbeben von 1985 bedingt – stark verändert hatte, mussten per CGI nahtlos die Gebäude und Fassaden der 1970er in die real gedrehten Straßenzüge der Gegenwart eingefügt werden.