Abwärts war eine Punkband aus Hamburg.

Bandgeschichte Vorgeschichte Der Schriftsetzer Frank Ziegert (* 19. August 1957Peter Raschner: Mit dieser Gruppe geht es aufwärts: Abwärts. In: Bravo 41/82, 7. Oktober 1982, S. 78–79.; † 17. Januar 2024https://www.visions.de/news/abwaerts-frank-z-ist-tot/) gründete 1978 zusammen mit zwei älteren KunststudentenFrank Z.: Abwärts Breaking News. Linernotes zum Compilationalbum Breaking News: 40 Hits von Anfang bis heute, 24. Februar 2006. in Hamburg eine Punkband, die er nach seinem Gitarren-Effektgerät Big Muff nannte. Die Band hatte nur zwei Auftritte in Hamburg, einer davon fand am 29. Juni 1979 auf dem „In Die Zukunft“-Festival in der Markthalle statt,Jürgen Teipel: Verschwende deine Jugend. Suhrkamp-Verlag 2001, Erstausgabe, S. 168–170.Zwei Songs auf dem Compilationalbum In die Zukunft, Januar 1980 bevor Ziegert die Gruppe wieder auflöste.

Frank-Martin Strauß (* 18. Dezember 1958) stammte ursprünglich aus Bochum, wo er in Uwe Fellensieks Band Bertha & Friends Perkussion (Congas und Schellenring) spielte. Ziegert hatte auf dem Umsonst-und-draußen-Festival in Vlotho (25. bis 27. August 1978)Rainer Bruno Jogschies: Heute Vlotho und morgen die ganze Welt. In: Sounds November 1978, S. 24–25. einen Auftritt der Band mit Strauß gesehen.Diedrich Diederichsen: Abwärts – Amok auf dem Abenteuerspielplatz. In: Sounds Februar 1981, S. 28–30. 1979 brach Strauß die Schule abFM Einheit: Biographie und Diskographie. In: FMEinheit.org-Offizielle Webseite. und zog nach Hamburg.

1979 bis 1984 Ab Sommer 1979 suchte Strauß durch Aushänge in Kneipen Musiker, die mit ihm und dem ebenfalls aus Bochum stammenden Bassisten Joachim Osiek (zuvor unter dem Künstlernamen Jocko Malaga ebenfalls bei Bertha & Friends) eine Band gründen wollten. Frank Ziegert meldete sich darauf, als Schlagzeuger wurde Axel Dill (* 29. Oktober 1954) von der Bremer Punkband BlenderRalf Behrendt/Michael Weilandt: Die 'A5' (Bremen). In: SPEX Oktober 1981, S. 25.Jürgen Teipel: Verschwende deine Jugend. Suhrkamp-Verlag 2001, Erstausgabe, S. 59–64. engagiert, der acht Semester Musik am Hamburger Konservatorium studiert hatte.

Am 29. Dezember 1979 hatten Abwärts ihren ersten Auftritt auf dem „Geräusche für die 80er“-Festival,Diedrich Diederichsen: Geräusche für die 80er. In: Sounds Februar 1980, S. 6.Deutsche New Wave: Geräusche für die 80er. In: Musikexpress Februar 1980, S. 4. wo sie beim Publikum gut ankamen und unter anderem eine Punkversion der Capri-Fischer boten.Zwei Songs auf dem Compilationalbum Geräusche für die 80er, April 1980Ein Song auf dem Debütalbum AmokKoma, Oktober 1980 Die Musikpresse verglich anfangs die Musik der Band aufgrund der knapp-reduzierten, präzisen Spielweise einhellig mit der britischen Postpunk-Band Wire.Alfred Hilsberg: Singles. In: Sounds Mai 1980, S. 89–90.Michael Ruff: Auf- und Abwärts. In: Sounds Mai 1980, S. 14.

Anfang 1980 verließ Osiek die Band, da ihm die Band zu unkommerziell erschien, für ihn kam der Blender-Bassist Gisbert „Gibo“ Kellersmann. Zusätzlich brachte Dill seine Lebensgefährtin Margita Haberland in die Band, die ebenfalls für kurze Zeit bei Blender mitgewirkt hatte. Haberland spielte Geige und sang bei einigen Stücken.

Im Februar 1980 ging die Gruppe ins Hamburger Hafenklang Tonstudio,Alfred Hilsberg: Neuestes Deutschland. In: Sounds März 1980, S. 9. um eine Single aufzunehmen, die ursprünglich auf dem Indie-Label No Fun Records erscheinen sollte, dann aber von den neugegründeten ZickZack Records veröffentlicht wurde.Hollow Skai: Alles nur geträumt – Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle. Hannibal-Verlag, Erstausgabe 2009, S. 99. Die selbstfinanzierte, -produzierte und -betitelte Abwärts-EP, deren Titelstück Computerstaat bis heute einer der bekanntesten und beliebtesten Songs der Band ist, erschien Anfang Mai 1980 und bekam gute Pressekritiken.Gabriele Meierding: Neue Singles. In: Musikexpress September 1980, S. 6.

Nach einer Deutschlandtour (6. bis 27. Mai 1980) verließ Bassist Kellersmann die Band und wurde durch Mark Chung von der Hamburger „Buschband“ ersetzt. Da sich die Single außerordentlich gut verkaufte – 22.000 Stück bis zum Sommer 1981Dragan Ljubojević: Mehr Schaum als Traum. In: SPEX Oktober 1981, S. 9. – machte sich die Band im August 1980 an die Produktion eines kompletten Albums.

Im Oktober 1980 erschien das Debütalbum Amok Koma, das in der Musikpresse enthusiastische Kritiken erhielt.LP-Rezension von Hollow Skai. In: Sounds Oktober 1980, S. 66.LP-Rezension von Xao Seffcheque. In: SPEX 15. November 1980, S. 21. Die LP wurde mit einer Deutschlandtour im Vorprogramm von The Cure (8. bis 16. Oktober 1980) promotet und wurde zum bestverkauften Titel des ZickZack-Labels (insgesamt 24.000 Stück).Geburtstag II. In: SPEX Dezember 1984, S. 7. 1988 gab es eine CD-Neuauflage in kleiner Stückzahl, seit 2012 ist das Album als Downloadversion erhältlich.

Eine weitere Single Roboter in der Nacht/Für Mutti erschien Mitte März 1981Neu. In: SPEX Februar 1981, S. 3. und erhielt gemischte Pressereaktionen,Werner Jacobs: Singles. In: Sounds März 1981, S. 15.Single-Rezension von Peter Bömmels. In: SPEX Mai 1981, S. 27.Gabriele Meierding/Bernd Matheja: Neue Singles. In: Musikexpress Juni 1981, S. 7. dazu gab es einen von Klaus Maeck gedrehten Videoclip und eine weitere Deutschlandtour (14. März bis 3. April 1981). Auch der Spiegel berichtete über Abwärts,Rockmusik: die neue deutsche Welle. In: Der Spiegel 13/1981, 23. März 1981, S. 204–208. Online: https://www.spiegel.de/kultur/rockmusik-die-neue-deutsche-welle-a-a4da67e8-0002-0001-0000-000014322011 die Band begann über Auftritte in London, den USA und sogar JapanAlfred Hilsberg: ZickZack – Zeitung für Neue Musik. Posterbeilage zum Compilationalbum Lieber Zuviel als Zuwenig, 21. Juni 1981. nachzudenken, Promotionpäckchen mit VHS-Video und Sauerkrautkonserven an US-amerikanische KonzertveranstalterAlfred Hilsberg: Neues Deutschland. In: Sounds Juni 1981, S. 20. führten zwar nicht zur erhofften US-Tour, der Videoclip zu Roboter in der Nacht wurde aber immerhin 1982 in den USA kommerziell veröffentlicht.Cary Darling: Music Monitor. In: Billboard 9. Oktober 1982, S. 39.

Eine Studiosession am 3. Juni 1981 im Hamburger Hafenklang-Studio für das Compilationalbum Lieber Zuviel als Zuwenig war sowohl die letzte Zusammenarbeit mit Margita Haberland, die danach die Band verließ, als auch die letzte Veröffentlichung auf ZickZack Records.

1981 begannen einzelne Bandmitglieder mit Seitenprojekten: FM Einheit wirkte vorübergehend bei Palais Schaumburg mit, er und Mark Chung wurden auch feste Mitglieder bei den Einstürzenden Neubauten, was zu einer Doppelbelastung (Studioaufnahmen, Auftrittstermine) wurde. Frank Z. und Axel Dill nahmen hingegen mit Trini Trimpop im Juni 1981 ein Album auf, das aber unveröffentlicht blieb. Im Sommer 1982 half Dill Margita Haberland bei den Aufnahmen zu einer Solosingle Ma Gita, die im Februar 1983 erschien.Wolfgang Hanka: Liste 2/83. In: SPEX März 1983, S. 47.

Am 11. September 1981 trat die Band auf dem „Rock Against Junk“-Festival in Berlin auf, am 25. September folgte ein TV-Auftritt in der Musiksendung Pop Stop des Bayerischen Rundfunks. Im Oktober 1981 war Abwärts für die Münchner Jugendzeitschrift Bravo „der heißeste Tip“ der neuen deutschen Musik.Jörg Flemming: Rock mit Kreuz und Stahlofon – Die verrücktesten Bands der deutschen Szene. In: BRAVO 45/81, 29. Oktober 1981, S. 16–17.

Unzufrieden mit der Betreuung durch ZickZack, wollte man nun professioneller arbeiten und das nächste Album einem Majorlabel anbieten. Die Arbeit daran begann im Herbst 1981 im Hamburger Hafenklang-Studio, einem ganzen Monat selbstfinanzierter und -produzierter Studioaufnahmen folgte eine Woche Abmischung in den Londoner Townhouse Studios durch den Produzenten Nick Launay.LP-Rezension von Gerhard Backhaus. In: Musikexpress Mai 1982, S. 44. Zum Jahresende 1981 war das Album Der Westen ist einsam fertiggestellt,Klaus Maeck: Hamburg wird wieder modern! In: SPEX Januar 1982, S. 2. das daraufhin verschiedenen Plattenfirmen zur Veröffentlichung angeboten wurde.Klaus Maeck: Abwärts. In: Musiker Music News Nr. 9, 13. Mai 1982, S. 4. Für einen Vorschuss von angeblich 50.000 DM unterschrieb die Band bei dem deutschen Majorlabel Phonogram.Kid P.: Die Wahrheit über Hamburg! In: Sounds Mai 1982, S. 26–30.

Das Album wurde im April 1982 veröffentlicht und führte zur Kontroverse zwischen Musikjournalisten auf der einen Seite und Musikerkollegen und Fans auf der anderen Seite. Die Musikpresse lehnte das Album teilweise ab,LP-Rezension von Jörg Gülden. In: Sounds April 1982, S. 63.LP-Rezension von Harald Inhülsen. In: Musikexpress Mai 1982, S. 80. der FAZ-Journalist und spätere Chef des Springer-Konzerns Mathias Döpfner fasste 1984 zusammen: „Das zweite Album (wurde) zu einem traurigen Dokument musikalischer Einfallslosigkeit. Mit schleppender Hauruck-Rhythmik, einem düster unterkühlten Sprechgesang und monotonen Synthesizerriffs dokumentierte die Gruppe weder stilistische Eigenständigkeit, noch gelang es ihr durch passable spieltechnische Leistungen zu überzeugen.“M.O.C. Döpfner/Thomas Garms: Neue deutsche Welle: Kunst oder Mode? Ullstein Mai 1984, S. 178–179. Im Magazin Spex wurde sie allerdings zur „Platte des Monats“ gewählthttp://www.indiepedia.de/index.php?title=Spex-Backissues_(1980%E2%80%931984). Der S.Y.P.H.-Musiker Harry Rag verteidigte das Album als Künstler vehement in einem Leserbrief an die Musikzeitschrift Sounds: „Zehn hervorragende Ideen (sind hier) auf einen bestimmten Punkt gebracht, wo ich nur noch feststellen kann, daß es besser nicht geht.“Leserbriefe. In: Sounds Mai 1982, S. 4. Frank Apunkt Schneider resümierte 2007: „Die zweite LP taumelt in zeitgenössische Verdunkelungsästhetik (Killing Joke, Theatre Of Hate), hat aber noch diese gewisse Kante, die sie herausragen lässt.“Frank Apunkt Schneider: Als die Welt noch unterging – Von Punk zu NDW, S. 242, 2007, ISBN 3-931555-88-7

Zur Albumveröffentlichung gab es eine ausgedehnte Tour (11. Mai bis 13. Juni 1982) mit Abstechern in die Schweiz und nach Amsterdam, darunter ein spektakulärer Auftritt auf dem Münchner Rocktage-Festival, bei dem FM Einheit Teile der Bühnenaufbauten zerstörte.Dirk Scheuring: Abwärts gehen auf Rente. In. SPEX Juli 1982, S. 20–23. Zu dem Titel Beim ersten Mal tut's immer weh wurde von Muscha und Trini Trimpop ein Video produziert und es gab sogar eine Homestory in der Bravo. Trotzdem erzielte das Album nicht die erhofften Verkaufszahlen.Chris Bohn: Abwarts – Upstarts, Warts And All. In: New Musical Express 13. November 1982, S. 6–7.

Eine weitere Veröffentlichung, die von Jon Caffery in den Dierks-StudiosAndreas Hub: Produzenten in Deutschland – Jon Caffery. In: Fachblatt Musikmagazin Oktober 1990, S. 68–75. bei Köln koproduzierte EP Beirut, Holiday Inn, erschien im Oktober 1982 auf Phonogram, bekam gute PressereaktionenDiedrich Diederichsen: Singles. In: Sounds Dezember 1982, S. 18.Peter Bömmels: Singles. In: SPEX Dezember 1982, S. 14.Kai Falke: Neue Singles. In: Musikexpress Januar 1983, S. 53. und wurde gefolgt von einer weiteren, schlecht besuchten Deutschlandtour (1. bis 8. November 1982) und zwei kleineren Auftritten in England (16. und 17. November 1982). Mit dem Ende des NDW-Booms verloren Abwärts aber, wie der Großteil der deutschen Independent-Bands, 1983 ihren Plattenvertrag, als sich die großen Plattenfirmen anderen Musikstilen zuwandten.

Am 5. Oktober 1983 gaben Abwärts ein einzelnes Abschiedskonzert in Rom auf dem „Progretto Germania“-Festival, bei dieser Gelegenheit wurden auch Dum Dum Boys von Iggy Pop und Men of Good Fortune von Lou Reed gespielt.Alf Burchardt: Kampf um Rom. In: SPEX November 1983, S. 9. Nach diesem letzten Konzert gab die Band ihre Auflösung bekannt, FM Einheit und Mark Chung gingen endgültig zu den Einstürzenden Neubauten, während Frank Z. und Axel Dill angaben, „etwas Neues machen“ zu wollen.Schnell + Vergänglich. In: SPEX Dezember 1983, S. 6.