Der Begriff Demokratieverdrossenheit bezeichnet in einem engeren Begriffsverständnis, wie auch der zumeist synonym verwendete Begriff Demokratieverdruss, eine grundsätzliche Unzufriedenheit von Bürgern einer parlamentarischen Demokratie mit dem politischen System des betreffenden Staates. Ein in diesem Sinn Demokratieverdrossener ist nicht bloß mit der aktuellen Politik (Politikverdrossenheit) sowie den Personen (Politikerverdrossenheit) und den Parteien (Parteienverdrossenheit) unzufrieden, die für die nach Ansicht des Verdrossenen „falsche“ Politik verantwortlich seien, sondern mit dem Prinzip der repräsentativen Demokratie als solcher. Damit stellen sich in Deutschland Demokratieverdrossene in Gegensatz zu Abs. 3 GG, demzufolge die Demokratie zu den Strukturprinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gehört, die nicht durch Abstimmung (auch mit einer 100-Prozent-Mehrheit) wesentlich geändert oder abgeschafft werden dürfen.

Von Demokratieverdrossenheit ist in einem weiteren Begriffsverständnis auch dann die Rede, wenn davon Betroffene bezweifeln, dass die in der Verfassung normierten Aussagen in der Praxis der Politik und der Rechtsanwendung (konsequent) umgesetzt werden bzw. umgesetzt werden können. Als Beleg für diese Annahme wird vor allem angeführt, dass die Leerstelle des Abs. 2 GG, wonach es auch auf Bundesebene Abstimmungen geben kann, seit 1949 nur durch den Abs. 2 GG konkretisiert worden sei, der für Fälle einer Neugliederung des Bundesgebiets ein obligatorisches Referendum vorschreibt.

Ausmaß der Demokratieverdrossenheit in Deutschland Die Weimarer Republik scheiterte an der mangelnden Bereitschaft Wahlberechtigter, in den 1930er Jahren demokratische Parteien zu wählen. Bereits bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 erhielten die NSDAP und die KPD zusammen eine knappe absolute Mehrheit (296 von 585) der Reichstagssitze. Neben denjenigen, die die Demokratie seit der Gründung der Weimarer Republik grundsätzlich ablehnten (den Demokratieverächtern) gehörten viele Demokratieverdrossene zu den Wählern beider Parteien. Beiden Gruppen war der Wille gemeinsam, nicht mehr von den etablierten Parteien vertreten zu werden; stattdessen befürworteten sie eine nationalsozialistische bzw. kommunistische Diktatur.

In der „Bonner Republik“ verloren angesichts des Verbots der SRP (1952) und der KPD (1956) durch das Bundesverfassungsgericht sowie der relativ geringen Stimmenzahl rechts- und linksextremer Parteien bei Bundestags- und Landtagswahlen (dezidiert rechte Parteien konnten sich nach den 1950er Jahren bis 1990 in bundesdeutschen Parlamenten nicht dauerhaft etablieren) viele aus den Augen, dass es immer auch die Demokratie verachtende bzw. demokratieverdrossene Wahlberechtigte gab, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes ablehnten. Mit dem Beitritt der fünf neuen Länder zur BRD nahm der Anteil derer zu, die deren demokratischem System mit grundsätzlicher Skepsis, wenn nicht ablehnend gegenüberstanden.

Von der Bertelsmann-Stiftung wurde 2013 die These verbreitet, dass die Annahme, es gebe eine zunehmende Demokratieverdrossenheit in Deutschland, ein „Mythos“ sei.Thomas Petersen / Dominik Hierlemann / Robert B. Vehrkamp / Christopher Wratil: Gespaltene Demokratie: Politische Partizipation und Demokratiezufriedenheit vor der Bundestagswahl 2013. Institut für Demoskopie Allensbach / Bertelsmann-Stiftung 2013

Dieter Fuchs und Edeltraud Roller wiesen in einer Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung darauf hin, dass in Ostdeutschland der Anteil der mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland Zufriedenen im Jahr 2015 auf 47 % abgesunken sei.Dieter Fuchs / Edeltraud Roller: Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. 2016 Allerdings gab es unter den unzufriedenen Befragten 2015 auch Menschen, die sich ein besseres Funktionieren der Demokratie wünschten. So stellten dieselben Autoren 2016 fest, dass 2014 90 % der Westdeutschen und 82 % der Ostdeutschen die Demokratie eigenen Angaben zufolge als die „beste Staatsform“ bewerteten.Dieter Fuchs / Edeltraud Roller: Akzeptanz der Demokratie als Staatsform. Bundeszentrale für politische Bildung. 2016

Im Vergleich mit anderen Ländern fällt die Entwicklung in Deutschland nicht aus dem Rahmen: Das US-amerikanische Meinungsforschungsinstitut Pew führte 2017 Befragungen in 38 Ländern zum Thema Demokratie durch. 78 Prozent der Befragten waren für eine repräsentative Demokratie, 28 Prozent wollten eine autoritäre Regierung, zum Beispiel einen „strammen Staatsführer“ oder eine Militärjunta. 46 Prozent der Befragten waren zufrieden mit der Demokratie in ihrem Land, 52 Prozent waren unzufrieden.Martin Klingst: Demokratieverdrossenheit – Warum trauen so viele der Demokratie nicht, obwohl wir einen Aufschwung erleben?. zeit.de. 26. Dezember 2018

Nach der Bundestagswahl 2017 stellte das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (idz) fest, dass es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland, „besonders in wirtschaftlich abdriftenden, aber auch in prosperierenden Regionen“ lokale politische Kulturen gebe, in denen „sich Demokratieverdrossenheit und Rechtsextremismus normalisieren konnten. […] Strukturschwäche, Demokratieentfremdung und höhere Bereitschaft zur Wahl rechtsextremen Parteien gehen in vielen Regionen Hand in Hand und begünstigen die Wahlerfolge der Rechtspopulisten maßgeblich. Darüber hinaus zeigen sich jedoch auch in Regionen mit mittleren und höheren Einkommen hohe Mobilisierungserfolge“.idz Jena: Demokratieferne Räume? Wahlkreisanalyse zur Bundestagswahl 2017. 20. November 2017

Laut einer Studie der Robert Bosch Stiftung und des Think-Tanks More in Common, ist das Prinzip der Demokratie als solches in Deutschland nicht umstritten – 93 % der befragten Deutschen bekennen sich für die Demokratie. Worin sich allerdings die Befragten unterscheiden ist die Stärke ihres Bekenntnisses. In Westdeutschland bekennen sich 55 % der Befragten „ausdrücklich“ für die Demokratie, in Ostdeutschland sind es 38 %. Außerdem sind jüngere Menschen demokratieskeptischer als ältere. Darüber hinaus, scheint ein Bekenntnis zur Demokratie keine vollständige Immunisierung gegen autoritäres Denken zu garantieren. Immerhin 20 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass „im nationalen Interesse (…) unter Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform“ sei.

Bereitschaft zum Wählen gegen die eigenen Interessen und Ziele Am 21. August 2023 veröffentlichte Marcel Fratzscher einen Text mit dem Titel: „Das AfD-Paradox: Die Hauptleidtragenden der AfD-Politik wären ihre eigenen Wähler*innen“. Diese These belegt Fratzscher vor allem mit den Parametern, die zu Wahlempfehlungen des Wahl-O-Mats führen, konkret: den Antworten auf „38 Fragen zur politischen Positionierung“. Dabei fällt auf, dass viele AfD-Wähler oder Personen, die die AfD zu wählen entschlossen sind, einen Großteil der Pläne ablehnen, die die AfD nach einer erfolgreichen Wahl laut ihrem Parteiprogramm in die Praxis umsetzen will. Der Wahl-O-Mat würde einer Person, wenn diese ihn befragen würde, eine andere Partei verschlagen, der der Ratsuchende seine Stimme geben sollte.

Gründe für Demokratieverdrossenheit Hohe Ansprüche an das Funktionieren einer Demokratie Wolfgang Merkel unterscheidet drei Typen von Erwartungshaltungen an eine Demokratie, die aus der „minimalistischen“, der „mittleren“ und der „maximalistischen“ Demokratietheorie hervorgingen.Wolfgang Merkel: Zukunft der Demokratie: Krise? Krise! faz.net. 5. Mai 2013 „Joseph Schumpeters (1883–1950) ‚realistische‘ Demokratietheorie aus dem Jahr 1942 ist der Klassiker des demokratischen Minimalismus. Für ihn sind Wahlen nicht nur der Kern der Demokratie, sondern diese selbst. Vertreter mittlerer Demokratiemodelle wie etwa der rechtsstaatlich eingehegten Demokratie argumentieren, dass freie und allgemeine Wahlen nur dann demokratisch wirkungsvoll sind, wenn sie in gesicherte Bürgerrechte und Gewaltenkontrolle eingebettet sind und wenn die gewählten Regierungen tatsächlich regieren, und nicht etwa ‚Finanzmärkte‘, (Zentral-)Banken oder andere demokratisch nicht legitimierte Akteure. Den Maximalisten ist das nicht genug. Sie wollen Politikergebnisse, vor allem soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit, in die Definition der Demokratie einbeziehen. Der Weimarer Staatsrechtslehrer Herrmann Heller [sic!] (1891–1933) ist ein früher Vertreter dieser Schule. Folgt man dem normativ anspruchslosen Demokratieverständnis Schumpeters, wird man in den entwickelten Demokratien kaum Anzeichen einer Krise erkennen können. Fühlt man sich aber dem normativ höchst anspruchsvollen Konzept der ‚sozialen Demokratie‘ (Heller) verpflichtet, wittert man allerorten nichts als Krise. Soziale Ungerechtigkeit wird dann umstandslos zu einer Krise der Demokratie stilisiert. Kurzum: Je nachdem, welches Demokratiemodell man heranzieht, wird man kaum, häufig oder fast immer von einer ‚Krise der Demokratie‘ sprechen können.“

Wolfgang Merkel zufolge liege Unzufriedenheit mit der Demokratie vor allem an hohen Erwartungshaltungen im Sinne der „maximalistischen Demokratietheorie“, für deren Anhänger eine demokratische Politik nicht (nur) durch die Anwendung demokratischer Verfahrensweisen legitimiert sei. So ist für viele die Information wenig aussagekräftig, dass es heute weltweit 117 „Wahldemokratien“ (d. h. Länder, in denen Politiker gewählt werden) gebe, was eigentlich eine Erfolgsmeldung sei. Aber nur 4,5 % der Weltbevölkerung lebten in einer „vollen Demokratie“. Der von der „Economist Intelligence Unit“ vorgestellte „Democracy Index 2017“ stufe sogar die USA zu einer „mangelhaften Demokratie“ zurück.Thomas Seifert: Demokratie weltweit unter Druck. wienerzeitung.at. 27. Februar 2018

Einer im Januar 2017 durchgeführten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts insa zufolge meinen 70 % der Befragten, dass Volksabstimmungen „demokratischer“ seien als Abstimmungen im Bundestag.Deutsche sind unzufrieden mit der Demokratie. Cicero. 26. Januar 2017 Dies spräche dafür, dass eine Mehrheit der Wahlberechtigten in Deutschland mit einer rein repräsentativen Demokratie nicht zufrieden ist. Man kann das Ergebnis der Umfrage dahingehend interpretieren, dass eine Mehrheit der Deutschen sich „mehr Demokratie“ wünscht. Bereits nach der Bundestagswahl 1969 hat Willy Brandt als Bundeskanzler seine Regierungserklärung unter das Motto gestellt: „Mehr Demokratie wagen!“.

Abweichen der Verfassungswirklichkeit von den Idealen der Verfassung