mini|Sayaka Murata

Sayaka Murata (jap. , Murata Sayaka; geboren 14. August 1979 in Inzai) ist eine japanische Schriftstellerin Große Bekanntheit erlangte sie 2016 mit ihrem Bestseller Die Ladenhüterin (Konbini ningen).

Murata repräsentiert als Schriftstellerin das literarische Japan der zero nendai, der Generation der Nuller-Jahre. In ihrem Werk verhandelt sie das in seiner Eigenart von den Gesellschaftsnormen eingeschränkte Individuum, ihre Texte entwerfen subversive Gegenwelten, in denen sich die Außenseiter auf sehr eigenwillige Art behaupten. Häufige Motive sind Sexualität und Sexualitätsverweigerung, Misogynie und oppressive Beziehungen in Familien. Ihre Arbeiten wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Biographie Sayaka Murata wurde 1979 in Inzai in der Präfektur Chiba geboren. Ihr Vater arbeitete als Richter, ihre Mutter war Hausfrau. Als Kind las sie gerne Science-Fiction- und Mystery-Bücher. In der vierten Klasse versuchte sie handschriftlich einen Roman niederzuschreiben, da kaufte ihr die Mutter einen word processor. Muratas Familie zog nach Tokio, wo sie die an die Nishōgakusha-Universität () angeschlossene Kashiwa-Oberschule () besuchte. Danach studierte sie an der Tamagawa-Universität (). Während sie ihre schriftstellerische Karriere verfolgte, behielt Murata die Jobs als Aushilfskraft in verschiedenen Konbini-Filialen.

Ihr literarischer Durchbruch gelang ihr 2016 mit ihrem Roman Die Ladenhüterin, für den sie mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde. Das Buch verkaufte sich allein in Japan über 600.000 mal und wurde in 26 Sprachen übersetzt. Im selben Jahr war Murata eine der Frauen des Jahres in der japanischen Vogue.

Werk Muratas Arbeiten vereinen psychologische Analyse mit Kritik an den Normen der japanischen Gesellschaft. Die Autorin greift biopolitische Diskurse auf, verknüpft Positionen des Trans- oder Posthumanen mit buddhistischen Nihilismen, lässt auf philosophischer Ebene einen subversiven Vitalismus erahnen und gestaltet ihre mit einer für die japanische Ästhetik typischen Blickbegrenzung auf außergewöhnliche Details. Muratas Texte untersuchen das Spannungsverhältnis zwischen Frauen, ihrem sozialen Umfeld und gesellschaftlichen Rollenerwartungen. Aus dem dabei entstehenden Unbehagen entwickeln sich Gedankenspiele, die gängige Normen infrage stellen.

Als literarische Vorbilder nennt die Autorin Abe Kôbô (1924–1993) und den Science-Fiction Schriftsteller Hoshi Shin’ichi (1926–1997) sowie Matsuura Rieko (* 1958) und Shôno Yoriko (* 1956), beides Schriftstellerinnen, die sich nach der sogenannten Frauenliteratur (joryû bungaku) der 1970er, 1980er Jahre auf intellektuell-ästhetische Art und Weise mit der Thematik des Weiblichen befassen.

Kobini ningen enthält Bezüge zur neuen japanischen „Literatur des Arbeitsplatzes“ innerhalb eines Trends zum Soziologischen, die seit den frühen 2000er Jahren die Lebenssituation von Freetern schildert und dabei Entfremdungsprozessen der neoliberalisierten Gegenwart, vor allem einer seelischen Prekarität des zeitgenössischen Japan, Ausdruck verleiht. Eine andere, im Text offenbar aufgegriffene Debatte betrifft das, was in etwa seit den 2010er Jahren als „Zölibatssyndrom“ (Sekkusu Shinai Shôkôgun ) in den japanischen Medien adressiert wird. Fast 50 Prozent der Frauen zwischen 16 und 24 Jahren hätten laut offizieller Erhebung kein Interesse an intimen Beziehungen und würden sexuelle Kontakte sogar ablehnen.

Der Roman Das Seidenraupenzimmervon 2018 (jap.: Chikyû seijin, wörtlich: „Erdlinge“) handelt von der Rückeroberung des durch das vereinnahmende japanische Kollektiv und seine Stellvertreter missbrauchten Kinderkörpers. Seine Befreiung stellt sich als radikales Unterfangen dar, in dessen Verlauf alle gültigen Normen gebrochen werden – bis hin zum Kannibalismus. Das Buch beschreibt eine sich in der Vorstellung der beiden jugendlichen Protagonisten vollziehende Transformation, nämlich jene hilfloser, ausgelieferter Kinder in mächtige Wesen, die über den Irdischen stehen und eigene Ideen verwirklichen können. Das Bestreben, alles Menschliche abzulegen, bedeutet für sie „Heilung“, für die Außenwelt bietet ihre alternative Welt ein erschreckendes Bild.

Seit 2022 wurden zwölf ihrer texte aus dem Band Zeremonie des Lebens (jap. Seimeishiki(); erschienen im Oktober 2019) ins Deutsche übertragen. Die Erzählungen bewegen sich zwischen Science Fiction und Horror und bieten erneut Einblicke ins Absonderliche. In der ersten Erzählung der Anthologie, Ein herrliches Material, schildert die Autorin eine Zukunftsgesellschaft, in der man aus den Körpern Gestorbener Dinge anfertigt und damit die Hinterlassenschaften des Homo sapiens nützlicher Weiterverwertung zuführt. Protagonistin Nana mag ihren teuren Pullover, muss allerdings zugeben, dass ihr Verlobter Naoki Kleidung aus Menschenhaar und Einrichtungsgegenstände aus menschlichen Materialien nicht schätzt. Seine Einstellung ändert sich erst, als Nana anlässlich eines Besuchs bei Naokis Familie von ihrer zukünftigen Schwiegermutter ein Präsent überreicht bekommt. Es handelt sich um einen voluminösen „zarten transparenten Schleier“, gefertigt aus der Haut des vor fünf Jahren an Krebs gestorbenen Vaters. In der titelgebenden Geschichte des Bandes, „Zeremonie des Lebens“, die als siebter Beitrag in der deutschen Version erscheint, wird der Gedanke der optimierten Ressourcennutzung im Hinblick auf menschliche Überreste weitergesponnen: Vielleicht nur wenige Dekaden in der Zukunft – etwa um das Jahr 2050 – ist es üblich, so Muratas Entwurf, Gestorbene im Rahmen einer „Lebenszeremonie“ genannten Abschiedsfeier, zu der Freunde, Bekannte oder Mitmenschen aus dem beruflichen Umfeld geladen werden, zu verspeisen. In dieser Welt wird es gewürdigt, bei einem Todesfall das Fleisch des Betroffenen zum gemeinsamen Verzehr zuzubereiten, um sich in einer anschließenden Befruchtungsorgie mit einem beliebigen Gegenüber zu paaren. Die während einer Zeremonie gezeugten Kinder würden, wie die Protagonistin berichtet, häufig an staatliche Zentren abgegeben, was eine allmähliche Auflösung der Institution Familie und längerfristig einen umfassenden Strukturwandel der Gesellschaft zur Folge haben könnte.

Fiffi ist eine kurze sado-masochistische Rachephantasie im maliziösen Schulmädchenformat à la Suehiro Maruo, „Liebende im Wind“ beschreibt die Empfindungen eines Mädchens, das eine obsessive Beziehung zu ihrem Zimmervorhang mit Namen „Futa“ hat. Auch die „Zeit des großen Sterns“ handelt von jugendlicher Sexualität und neuer Körpererfahrung. In „Essbare Stadt“ durchstreift eine Frau urbanes Gelände auf der Suche nach den Resten von Natur, aus denen sie authentische Nahrung gewinnt. Die letzte Geschichte „Ausgebrütet“ beschäftigt sich mit den diversen sozialen Rollen, die eine junge Frau einnimmt. Im Bestreben ihren Verlobten nicht zu überfordern, erfindet sie am Ende erneut eine Identität, was eine ungeahnte Auswirkung auf das Verhältnis der beiden Partner hat. Themen der Erzählungen sind Ehe, Familie, Kinder, Identität, Tod und Essen. Als Leitmotive wären das Verdikt einer ständigen Gefährdung im psychischen Bereich und der Tatbestand eines anhaltenden physischen Materiewandels auszumachen, der die Menschen mit ihrer Unvollkommenheit, Isolation und Endlichkeit konfrontiert. (Vgl. Gebhardt 2022)

Auszeichnungen Murata erhielt mehrere wichtige japanische Literaturpreise, darunter den Gunzō-Nachwuchspreis 2005 für ihren ersten Roman Junyū () (2005; Stillen).

Der Text Gin’iro no uta () (2009; Silberlied) wurde 2009 für den Noma-Literaturpreis nominiert. 2013 gewann sie den Mishima-Preis mit Shiroiro no machi no, sono hone no taion no () (2012; Von Knochen, Körperwärme, bleicher Stadt) und 2014 für den dystopischen Entwurf Satsujin shussan () (2014; Mordgeburten) den u. a. von Mari Kotani () (* 1958) gegründeten Sonderpreis des Sense of Gender Award.

Für Konbini ningen () (2016; Convenience Laden-Mensch) erhielt sie 2016 den renommierten Akutagawa-Preis und wurde zudem für den Großen Preis der Buchhändler nominiert. Konbini ningen wurde in Japan ein Bestseller; Übersetzungsrechte für das Buch vergab man an 26 Länder. Unter dem Titel Die Ladenhüterin wurde das Werk u. a. 2018 ins Deutsche übersetzt; 2020 erschien Chikyū seijin () (2018; Erdlinge) als Das Seidenraupenzimmer.

Werke (Auswahl) Junyū (). Kodansha, Tokio 2005, ISBN 4-06-212794-6. Mausu (). Kodansha, Tokio 2008, ISBN 978-4-06-214589-3. Gin’iro no uta (). Shinchosha, Tokio 2009, ISBN 978-4-10-310071-3. Hoshi ga suu mizu (). Kodansha, Tokio 2010, ISBN 978-4-06-216097-1. Hakobune (). Shueisha, Tokio 2011, ISBN 978-4-08-771428-9. Tadaima tobira (). Shinchosha, Tokio 2012, ISBN 978-4-10-310072-0. Shiro-iro no machi no, sono hone no taion no (). Asahi Shimbun Shuppan, Tokio 2012, ISBN 978-4-02-251011-2. Satsujin shussan (). Kodansha, Tokio 2014, ISBN 978-4-06-219046-6. Shōmetsu sekai (). Kawade Shobo Shinsha, Tokio 2015, ISBN 978-4-309-02432-5. Konbini ningen (). Bungeishunju, Tokio 2016, ISBN 978-4-16-390618-8. Chikyū seijin (). Shinchosha, Tokio 2018, ISBN 978-4-10-310073-7. Seimeishiki (). Kawade Shobo Shinsha, Tokio 2019, ISBN 978-4-309-02830-9. Kawarimi (). Chikuma Shobō, Tokio 2019, ISBN 978-4-480-80491-4. Marunouchi Mahō Shōjo Mirakurīna (). Kadokawa, Tokio 2020, ISBN 978-4-04-108423-6. Shinkō (). Bungeishunju, Tokio 2022, ISBN 978-4-16-391550-0. Sekai 99 (). Shueisha, Tokio 2025, Band 1, ISBN 978-4-08-771879-9, Band 2,ːISBN 978-4-08-770001-5.

In deutscher Übersetzung Die Ladenhüterin. Roman. (Übersetzung Ursula Gräfe). Aufbau, Berlin 2018, ISBN 978-3-351-03703-1. Das Seidenraupenzimmer. Roman. (Übersetzung Ursula Gräfe). Aufbau, Berlin 2020, ISBN 978-3-351-03793-2. Zeremonie des Lebens. Kurzgeschichten. (Übersetzung Ursula Gräfe). Aufbau, Berlin 2022, ISBN 978-3-351-03931-8. Schwindende Welt. Roman. (Übersetzung von Ursula Gräfe). Aufbau, Berlin 2025, ISBN 978-3-351-04244-8.

Rezensionen und Textkommentare Das Portal femundo würdigte „Die Ladenhüterin“ als einen kurzen, feinen und außergewöhnlichen Roman:

Rezensionen und Artikel Ronald Düker: Die Uniform in Person. Rezension, in: Die Zeit, 1. März 2018, S. 46 Jonas Lages: Endlich Alien. Rezension. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Juli 2020, S. 11 Daisuke Kikuchi: Convenience store worker who moonlights as an author wins prestigious Akutag....., 20. Juli 2016 Lisette Gebhardt: Die Überwindung der Spezies - Sayaka Muratas Metaphysik des Modularen, in: literaturkritik.de, 8. September 2022 Itakura Kimie: „Aliens and Alienation: The Taboo-Challenging Worlds of “Earthlings”. Author Murata Sayaka“, Nippon.com, 4. November 2020

Sekundärliteratur Lisette Gebhardt: Murata Sayaka. In: Sonderheft Heisei 1989–2019 – Japanische Literatur. EB-Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-86893-309-3, S. 80–87.

Weblinks

Autorenprofil von Sayaka Murata auf der Website des internationalen literaturfestivals berlin

Daisuke Kikuchi: Convenience store worker who moonlights as an author wins prestigious Akutagawa Prize, in: Japan Times, 20. Juli 2016 Itakura Kimie: „Aliens and Alienation: The Taboo-Challenging Worlds of “Earthlings”. Author Murata Sayaka“, Nippon.com, 4. November 2020 Lisette Gebhardt: Die Überwindung der Spezies - Sayaka Muratas Metaphysik des Modularen, in: literaturkritik.de, 8. September 2022 Sayaka Murata on Twitter Sayaka Murata on Instagram

Einzelnachweise

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