mini|Gefäßrasseln Maracas mini|Indische Bharatanatyam-Tänzerin mit zu den Gefäßrasseln gehörenden Schellen ghungru an den Fußgelenken Rasseln sind mittelbar geschlagene Schüttelidiophone, also selbstklingende Musikinstrumente, bei denen durch Schüttelbewegungen des Spielers Rasselkörper angeregt werden, die einen meist geräuschhaften, gelegentlich auch einen in der Höhe bestimmten Ton hervorbringen. Bei mittelbar geschlagenen Idiophonen, zu denen auch Klöppelglocken gehören, sind die Schläge nicht ebenso vom Spieler kontrollierbar wie bei direkt angeschlagenen Idiophonen, weshalb Rasseln für präzise rhythmische Betonungen ungeeignet sind.
Seit prähistorischen Zeiten sind Gefäßrasseln aus Ton oder Bronze mit in einem Hohlraum eingeschlossenen kleinen runden, nichtklingenden Rasselkörpern überliefert. Andere Gefäßrasseln werden aus Fruchtschalen oder Holz gefertigt. Gefäß und Rasselkörper müssen, um klingen zu können, aus harten Materialien bestehen. Reihenrasseln mit an einer Schnur, Kette oder an einem Stab aufgereihten selbstklingenden Fruchtschalen, Metallringen oder Plättchen dienen ebenso lange als Schmuck und Rhythmusgeber bei Tänzen. Tänzerinnen tragen häufig an Schnüren oder Bändern gereihte kleine Rasseln um die Knöchel. Zu den Rahmenrasseln gehören die antiken Sistren.
Rasseln dienen als Perkussionsinstrument und Kinderspielzeug. In den meisten Kulturen haben Rasseln traditionell eine magische Bedeutung, weshalb alle Typen von Rasseln seit jeher mehr als andere Klangerzeuger bei kultischen Ritualen verwendet werden.
Etymologie mini|hochkant|Sistrum der Hattier in Anatolien, eine Gleitrassel aus einer Kupferlegierung. Um 2300–2000 v. Chr. Mittelhochdeutsch rasseln in der Bedeutung „toben, lärmen“ ist ein Wiederholung ausdrückendes Verb, das dem bis Ende des 16. Jahrhunderts gebrauchten rassen entspricht. Das frühneuhochdeutsche rasseln übernahm vermutlich die zusätzliche Bedeutung „klappern, rattern“ von mittelniederdeutsch rettelen. Lautmalerische Varianten und Entwicklungen sind neuhochdeutsch rasseln, niederdeutsch rateln, ratern und rätern, das zu rattern führte, und niederländisch ratelen, das dem englischen to rattle nahekommt. Verwandt in oberdeutschen Dialekten ist rodel.Wolfgang Pfeifer: Rassel, die. In: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Digitalisiert im DWDS
Der gemeinsame Ursprung ist die germanische Sprachwurzel hrat. Hiervon ist auch das französische Wort für Rassel, hochet, abgeleitet, das bereits im 13. Jahrhundert als hocete, „Kinderrassel“, vorkommt. Die griechische Entsprechung ist das Verb chradaino in der zugrundeliegenden, passenden Bedeutung „schütteln“, „schwenken“, „schwingen“.Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. 2. Auflage. 1930. Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1960, S. 48.
Das Substantiv Rassel für „Knarre, Klapper“ ist als ehemaliges Geräuschinstrument der Nachtwächter, um sich bemerkbar zu machen, seit dem 16. Jahrhundert überliefert. Rassel ist unter den regionalen Standardvarietäten des Deutschen hauptsächlich in West- und Süddeutschland verbreitet, während im Bairischen Ratsche und in Norddeutschland eher Knarre geläufig ist.
Rasselbande ist eine seit dem 19. Jahrhundert geläufige umgangssprachliche oder scherzhafte Bezeichnung für eine lärmende Kinderschar.
Herkunft Die einfachste Form der rhythmischen Klangerzeugung ist das Händeklatschen, das in früher Zeit eine magische Bedeutung hatte und etwa böse Geister abwehren sollte, wie mit Lärminstrumenten Raubtiere verjagt werden sollen. Aus Klatschen und Fußstampfen auf einem Schlagbalken entwickelten sich klanglich differenzierte Rhythmusinstrumente wie Rasseln, Klappern und klirrender Tanzschmuck.Hans Hickmann: Vorderasien und Ägypten im musikalischen Austausch. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1961, Band 111, Nr. 1, S. 23–41, hier S. 25
Seit jeher wurden Rasseln als Signalinstrumente und, wie traditionelle religiöse Kulte zeigen, als Ritualinstrumente verwendet, um auch mit einer jenseitigen Welt in Kontakt zu treten. Die klanglich nicht genau beeinflussbaren Geräuschinstrumente erscheinen hierfür besonders geeignet, um etwa mit einem diffusen Zischen die Vorstellung von Geisterstimmen hervorzurufen. Des Weiteren besitzen die Gefäßrasseln selbst oder die Rasselkörper (Samen) in einigen Kultur eine magische Bedeutung. Curt Sachs (1929) vermutet bei manchen nur von Frauen verwendeten Gefäßrasseln oder von Tänzerinnen an den Beinen festgebundenen Reihenrasseln einen Fruchtbarkeitskult, bei dem die bauchigen Fruchtschalen und die enthaltenen Samen eine symbolische Bedeutung besitzen.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. (Berlin 1928) Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965, S. 29f Durch die periodische Wiederholung der Töne und Schläge erhielten die Klangerzeuger im Lauf der Zeit auch einen musikalischen Sinn.Hans Hickmann, 1961, S. 18 Generell hält Sachs (1940) umgehängte oder umgebundene Reihenrasseln primär und im Wesentlichen für tönende Amulette und die nicht klingenden, zur Abwehr von Unglück dienenden Objekte für stumme Nachfahren der ursprünglichen Klangerzeuger.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W.W. Norton Co., New York 1940, S. 26
Aus vergänglichen Materialien bestehende Rasseln sind selten erhalten und bei archäologischen Grabungen lassen sich Rasseln nicht immer eindeutig als Klangerzeuger identifizieren. Spekulationen über die Verwendung von Rasseln in frühen schriftlosen Kulturen sind in einzelnen Fällen aus den Fundzusammenhängen und dem Vergleich mit ethnographischen Berichten möglich. In schriftlichen Überlieferungen, etwa aus altorientalischen und antiken Hochkulturen, wird den Rasseln allgemein nur eine geringe Bedeutung beigemessen, weil sie überwiegend in den Kulten des einfachen Volkes verwendet wurden.Ellen Hickmann: Rasseln. VI. Archäologische Rasseln. 1. Forschungsprobleme. In: MGG Online, November 2016
Levante Die frühesten bekannten Rasseln, die aus auf eine Schnur aufgereihten Knochenstücken bestanden und als Geräuscherzeuger oder Körperschmuck verwendet worden sein konnten, stammen aus der frühen Natufien-Kultur in der Levante, die in das 11. bis 9. Jahrtausend v. Chr. datiert wird. In der in Nordisrael gelegenen Hayonim-Höhle wurden aus der Natufien-Kultur Skelettreste gefunden, die zeigen, dass die Verstorbenen mit reichlich Schmuck am Körper beigesetzt worden waren. Beim Skelett einer jungen Frau waren in ihrer Form wohlgeordnete längs gespaltene Gazellenknochen in einer Reihe so um die Hüfte gelegt, dass sie offenbar zu einem Gürtel gehört hatten. Die Knochenteile wurden tropfenförmig zugeschliffen, an einem Ende durchbohrt und glatt poliert. Neben dem ästhetischen Wert des durch diese Bearbeitung vom natürlichen Ausgangsmaterial weit entfernten Kulturerzeugnisses entstand mit dem Schmuckstück auch eine Schnurrassel, die mit ihrem rhythmischen Geräusch seit jener Zeit zur Sphäre des zeremoniellen Tanzes gehört.Dana Shaham, Anna Belfer-Cohen: The Natufian Audio-Visual Bone Pendants from Hayonim Cave. In: Alice Choyke, Daniella Bar-Yosef, Clive Bonsall (Hrsg.): Not Just for Show: The Archaeology of Beads, Beadwork and Personal Ornaments. Oxbow Books, Oxford 2017, S. 95–102, hier S. 96, 98
Der Rasselgürtel war verglichen mit den in der Hayonim-Höhle und in den anderen Höhlen insgesamt rund 200 gefundenen Skeletten kein allgemein üblicher Schmuck, sondern mutmaßlich auf eine sozial oder religiös herausragende Gruppe von Frauen beschränkt. Etwa 20 dieser Skelette waren mit Schmuckanhängern aus Muscheln, Knochen oder Tierzähnen ausgestattet. In einem Frauengrab (Hayonim-Höhle 33) wurden in Gürtelform angeordnete Fuchszähne, die als Rassel fungierten, und mehrere hundert als Schmuck oder Statussymbol verwendete perforierte Muscheln gefunden. Der klingende Tanzschmuck dürfte zu einem unentbehrlichen Bestandteil alltäglicher Kultrituale gehört und damit der Festigung gesellschaftlicher Strukturen gedient haben.Joachim Braun, 1999, S. 65
Eine aus der Bronzezeit stammende Kinderrassel wurde in der Ausgrabungsstätte Acemhöyük in der Türkei in einer um 2200 v. Chr. datierten Schicht entdeckt. Die geschlossene rundliche Gefäßrassel enthält kleine Steinchen, die beim Schütteln Geräusche produzieren, und besaß wahrscheinlich einen Griff. Der Fund ist eines der ältesten Beispiele für ein Kinderspielzeug.Echoes of Ancient Children: 4,200-Year-Old Rattle Discovered in Turkey. Ancient Origins, 31. August 2016
mini|Kopf einer edomitischen Göttin mit drei Hörnern und dem Aufsatz einer spulenförmigen Rassel aus Horvat Qitmit. 7. Jahrhundert v. Chr., Israel Museum In der Wüste Negev entdeckte der italienische Archäologe Emmanuel Anati 1955 zahlreiche eingeritzte Felsbilder, die von der Altsteinzeit (vor 10.000 v. Chr.) bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte entstanden. Die zeitliche Einordnung der Strichzeichnungen ist schwierig; Joachim Braun (1999) hält die von Anati vorgeschlagene Datierung der Felszeichnungen mit einer Leier in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. für plausibel. Diese Bilder zeigen nackte Frauengestalten, die in unterschiedlichen Positionen Leiern halten. In einer Tanzszene sind außer den Leierspielerinnen drei tanzende Figuren zu sehen, die einen seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. durch Darstellungen in Palästina nachweisbaren Reigentanz aufführen. Die Szene wird als einen auf die Verehrung des Vegetationsgottes Hadad zurückgehenden Fruchtbarkeitskult interpretiert. Eine Figur auf der linken Seite schüttelt zwei Gefäßrasseln, eine Figur rechts schlägt eine kleine, runde, ein- oder zweifellige Rahmentrommel (die in der Bibel tof genannt wird). Auch in anderen Felszeichnungen ist die Verbindung von Saiteninstrument (Leier), Rhythmusinstrumenten (Trommel, Rassel) und Tanz erkennbar, die auf die altbabylonische Ritualmusik zurückgeführt wird.Joachim Braun, 1999, S. 79f
Ein einziges Mal (in ) wird im Alten Testament das hebräische Wort menaʿaneʿim erwähnt. Es kommt nur im Plural vor und geht auf das Verb nuaʿ, „schütteln“, zurück. Menaʿaneʿim bezeichnete wohl eine Tongefäßrassel, von denen über 70 im Gebiet Galiläa ausgegraben wurden. Wie das menaʿaneʿim wurde auch das mehrfach erwähnte Idiophon mesiltayim, ein Zimbelpaar, in der Kultmusik verwendet. In der genannten Bibelstelle „tanzen“ nicht, wie übersetzt, „David und ganz Israel vor dem Herrn her mit aller Macht im Reigen zum Lied“, sondern sie „spielen“ (mesahaqim). Das Wort umfasst „Spiel“, „Tanz“, „Instrumentalmusik“ und „Maskenzug“ mit der Assoziation von erotischen und rauschhaften Begleitumständen. Die genannten Musikinstrumente sind kinnor (Leier), nevel (wahrscheinlich eine andere Leier), ‘asei beroshim (Klapper?), tuppim (Trommel), selselim (Zimbeln) und Rassel: alles für ekstatische Kulte geeignete Instrumente.Joachim Braun, 1999, S. 42, 97
Die Tonrasseln sind überwiegend geometrisch geformt, typisch ist die Spulenform mit einer Länge von 6–11 Zentimetern und einem Durchmesser von 4–7 Zentimetern. Andere Tonrasseln haben einen Handgriff oder sind rundlich mit einer Öse, an der sie vermutlich (an einem Finger) aufgehängt wurden. Figürliche Rasseln wurden nur vereinzelt gefunden. Die in einem Zeitraum von 1500 Jahren entstandenen Tonrasseln sind nicht datierbar, es gilt aber als wahrscheinlich, dass die Rasseln mit einer Öse aus der Bronzezeit stammen und die spulenförmigen (sanduhrförmigen) Rasseln aus der Eisenzeit. Die übrigen Formen stellen wohl regionale Besonderheiten dar. Zu diesen gehört die glockenförmige Tonrassel von Hazor aus der Eisenzeit II (erste Hälfte 1. Jahrtausend v. Chr.), die für den Formübergang zu den kleinen Bronzeglocken steht.