mini|hochkant|Trauerbekundungen am Kiepenkerl-Denkmal am Tag danach
Bei der Amokfahrt in Münster lenkte am 7. April 2018 der 48-jährige Jens R. am Kiepenkerl-Denkmal im Zentrum der westfälischen Stadt Münster einen Kleinbus in eine Gruppe von Menschen. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschoss sich anschließend selbst. Die Polizei schloss nach Ermittlungen einen politischen oder extremistischen Hintergrund aus; die Tat war offenbar ein erweiterter Suizid.
Tat Tathergang mini|Platz mit dem Kiepenkerl-Denkmal und der Gaststätte „Großer Kiepenkerl“ (2014)
Am Samstag, den 7. April 2018 wurde gegen 15:27 Uhr ein Kleinbus vom Typ VW California (T5) in eine Gruppe von Menschen gelenkt, die sich auf der Außenterrasse des Restaurants „Großer Kiepenkerl“ aufhielten. Diese befindet sich im Zentrum Münsters auf dem Platz am Kiepenkerl-Denkmal direkt an der verkehrsberuhigten Straße Spiekerhof, die zum Tatzeitpunkt wegen des schönen Wetters sehr belebt war.
Durch die Tat wurden vier Menschen getötet und mehr als 20 verletzt, sechs davon schwer.
Täter Täter war der 48-jährige gebürtige Deutsche Jens Alexander R., der in Münster lebte und als Industriedesigner arbeitete. Er stammte aus dem Sauerland, wuchs in Madfeld auf und machte am Gymnasium Petrinum Brilon sein Abitur.Täter von Münster stammt aus Madfeld - Ein Dorf unter Schock Er besaß weitere Wohnungen in Pirna und Heidenau bei Dresden. Er litt an psychischen Problemen.
Gegen Jens R. hatte es fünf Strafverfahren gegeben, davon drei bei der Staatsanwaltschaft Münster und zwei bei der Staatsanwaltschaft Arnsberg. Die Verfahren in Arnsberg behandelten zwei „Auseinandersetzungen im familiären Bereich“ aus den Jahren 2014 und 2016. In Münster wurden ihm unerlaubtes Entfernen vom Unfallort (2015), Sachbeschädigung (2015) und Betrug (2016) vorgeworfen. Alle Verfahren wurden wegen nicht hinreichenden Tatverdachts eingestellt.
Einen politischen oder extremistischen Hintergrund schloss die Polizei aus. Die Tat wurde als erweiterter Suizid aus persönlichen Gründen eingeschätzt.
Ermittlungen miniatur|Gedenkplatte
Polizisten stellten im Fahrzeug die illegal beschaffte, für den Suizid verwendete Pistole sicher und fanden eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend illegaler Knallkörper, sogenannte „Polenböller“. Am Abend der Tat wurde die Münsteraner Wohnung von Jens R. durchsucht. Es wurden weitere Knallkörper und ein unbrauchbar gemachtes Sturmgewehr vom Typ AK 47 gefunden.
Das Bundeskriminalamt schaltete ein Online-Hinweisportal ein.
Im Tatfahrzeug des Amokfahrers fand die Polizei drei weitere Projektile in Einschusslöchern in der Lehne und Sitzfläche der Rückbank. 2018 fehlten Angaben, ob die Projektile aus der Waffe des Amokfahrers stammen.
Im Mai 2020 wurden die Ermittlungen eingestellt.Kiepenkerl-Attentat: Ermittlungen eingestellt, Die Glocke, 27. Mai 2020
Reaktionen Stadt Münster Im Rathaus der Stadt wurde ein Kondolenzbuch ausgelegt. Am Tag nach der Tat besuchten Bundesinnenminister Horst Seehofer, NRW-Landesinnenminister Herbert Reul, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und der Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe gemeinsam den Tatort und legten dort Blumen und Kerzen nieder. Am Sonntagabend fand im Münsteraner Dom ein ökumenischer Gedenkgottesdienst „für die Opfer des gestrigen Tages“ statt, der von Bischof Felix Genn geleitet wurde und an dem 1600 Menschen teilnahmen.Attacke in Münster: Hunderte gedachten der Opfer: Spurensuche geht weiter orf.at, 8. April 2018, abgerufen am 9. April 2018.
Das Universitätsklinikum Münster rief zu Blutspenden auf. Die Resonanz war so groß, dass der Aufruf bereits wenig später ausgesetzt werden konnte.
Bundes- und Landesregierung Bundesinnenminister Horst Seehofer nannte die Tat ein „feiges und brutales Verbrechen“, eine „absolute Sicherheit gebe es vor solchen Taten nicht“. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sprach von „einem schrecklichen Tag für unser Land“. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zutiefst erschüttert.
Nachrichten Die ARD hatte ursprünglich eine Brennpunkt-Sendung für 20:15 Uhr geplant. Nachdem „offenbar kein terroristischer Hintergrund vorlag“, wurde sie wieder abgesagt.Kein "Brennpunkt" für das Attentat von Münster. deutschlandfunkkultur.de, 8. April 2018, abgerufen am 13. April 2018.
International Die Tat fand auch international ein außergewöhnlich breites Medienecho; Fernsehsender, Internetportale und Printmedien erwähnten sie an prominenter Stelle. International: Todesfahrer von Münster handelte in Suizidabsicht, Salzburger Nachrichten, Österreich, 10. April 2018. Attaque à Münster: une voiture fonce dans la foule et fait deux morts, l'attentat exclu pour le moment , RTBF, Belgien, 7. April 2018.Allemagne: ce que l'on sait de l'attaque de Münster, BFM TV, Frankreich, 7. April 2018.Allemagne : à Münster, un véhicule fonce sur la foule, la piste islamiste exclue, Le Monde, Frankreich, 7. April 2018.El autor del atropello mortal de Münster, un alemán de conducta agresiva que buscaba suicidarse, El Mundo, Spanien, 8. April 2018.German van attack: 'Suspect had mental health problems', BBC, Vereinigtes Königreich, 8. April 2018.Germany van attack: Driver killed himself after ploughing into crowd in northern city of Munster, police confirm, The Independent, Vereinigtes Königreich, 7. April 2018., Washington Post, USA, 8. April 2018., ABC News, USA, 8. April 2018.Germany still clueless about motive for fatal van attack, CNBC, USA, 8. April 2018.German city of Münster searches for answers, days after deadly van attack, USA Today, USA, 10. April 2018.Driver in deadly German van crash had history of mental illness, New York Post, USA, 7. April 2018.German authorities say driver in fatal van attack had long record of crimes and apparently acted alone, Los Angeles Times, USA, 8. April 2018.Descartan atentado en arrollamiento masivo en Münster, Alemania, El Tiempo, Kolumbien, 7. April 2018.Germany van attack: Gunman had run-ins with the law, Sky News, 8. April 2018.German citizen behind van attack, CNN, 7. April 2018
Verbreitung von Falschnachrichten Medien Die Polizei forderte bald nach der Tat dazu auf, keine Spekulationen zu verbreiten. Dennoch kam es kurz nach der Tat zu Live-Fernsehberichten von n-tv und Welt, in denen unter anderem über zwei geflohene Täter und angeblich im LKW deponierte Sprengsätze sowie über erfolgte Bombenentschärfungen berichtet wurde. Kommentatoren stellten auch Bezüge zur Flüchtlingskrise her. Diese Behauptungen stellten sich bald als Falschmeldungen heraus.
Für den Deutschlandfunk kritisierte Christoph Sterz unter anderen den n-tv-Reporter Ulrich Klose wegen der Verwendung des „rassistischen Begriff[s] ‚Passdeutscher‘, mit dem Deutsche mit Migrationshintergrund gemeint sind.“ Klose hatte, sich auf einhelliges Hörensagen berufend, den Täter als solchen bezeichnet, der „wohl psychisch gestört“ und auch „der Polizei nicht ganz unbekannt“ gewesen sein soll.Zu viele Spekulationen, auf deutschlandfunk.de, abgerufen am 13. April 2018. Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, beteiligte sich ebenfalls an den Spekulationen und äußerte im Rahmen der Live-Berichterstattung der 'Welt', dass „in Deutschland ein Terroranschlag mit ganz alltäglichen Gegenständen möglich sei“. Einen Tag später verkündete der Sender n-tv auf Twitter eine für ihn starke Einschaltquote von 3,5 %.Live: Alles, was n-tv und Welt nicht so genau wissen, auf uebermedien.de, abgerufen am 13. April 2018.
AfD-Abgeordnete Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, beklagte den „seit 9/11 unsäglichen Doppelstandard-Diskurs“: deutsche Täter sollen psychisch gestört sein, muslimische dagegen ‚islamistische‘ Terroristen. Tatsächlich hatten Abgeordnete der rechtspopulistischen AfD vor ersten Ermittlungsergebnissen öffentlich islamistische Terroristen oder Flüchtlinge als Täter verdächtigt.
So schrieb etwa die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag, Beatrix von Storch, auf Twitter: „Wir schaffen das“, eine Anspielung auf die Migrationspolitik der Bundesregierung, versehen mit einem wütenden Smiley. CSU-Generalsekretär Markus Blume forderte von Storch zur Rückgabe ihres Bundestagsmandats auf, NRW-Innenminister Herbert Reul fand die Aussage „unverantwortlich“.CSU fordert von Storch zu Rückgabe von Bundestagsmandat auf, auf faz.net, abgerufen am 9. April 2018. Von Storch bat zwar später um Entschuldigung, legte jedoch auf Twitter nach: der Täter sei ein „Nachahmer“ islamistischer Gewalttäter.
Zwei Tage nach der Auto-Attacke, als weiterhin keine Hinweise auf einen islamistischen oder muslimischen Hintergrund der Tat vorlagen, twitterte der AfD-Landtagsabgeordnete André Poggenburg, der Täter sei zum Islam konvertiert. Dies würden die deutschen Medien jedoch verschweigen.Patrick Gensing: Fakten gegen Fake News oder Der Kampf um die Demokratie. Berlin, Duden 2019, S. 101
Norbert Kleinwächter, ebenfalls Bundestagsabgeordneter der AfD, twitterte, dass „verblendete Islamisten, diese tickenden Zeitbomben“ verantwortlich seien. Nachdem bekannt wurde, dass der Tatverdächtige ein gebürtiger Deutscher ist, löschte Kleinwächter den Tweet.
Weblinks WDR-Lokalzeit MordOrte - Amokfahrt Münster: Ihr Ausflug endet in der Katastrophe, 28. Februar 2022
Fußnoten
Munster Kategorie:Tötungsdelikt Kategorie:Kriminalfall 2018 Munster Kategorie:Geschichte (Münster)