mini|Die Lage des Kastells am nördlichen Scheitelpunkt des Vorderen Limes

Das Kastell Miltenberg-Ost, das auch als Kastell Bürgstadt bekannt wurde, war ein römisches Militärlager des Prinzipats, dessen Besatzung, ein Numerus, für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am nördlichen Beginn des „Vorderen Limes“, einem Abschnitt des UNESCO-Weltkulturerbes „Obergermanisch-Raetischer Limes“ übernahm. Die in der Römischen Provinz Germania superior gelegene Fortifikation schloss zudem die Kastellkette des Mainlimes im Süden ab. Die von der Reichs-Limeskommission (RLK) im frühen 20. Jahrhundert im unterfränkischen Miltenberg noch fast vollständig auf freiem Feld gelegenen Überreste wurden später durch Neubauten vollständig zerstört. In unmittelbarer Nähe befindet sich heute die Staatliche Berufsschule Miltenberg-Obernburg.Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern – Miltenberg, Amorbach, Obernburg, Aschaffenburg, Seligenstadt Bd. 8, von Zabern, Mainz 1967, S. 75.

Lage Das Gelände des Kastells befindet sich an der Gemarkungsgrenze zu Bürgstadt zwischen der Gartenstraße und der Bürgstädter Straße. Oberirdisch ist nichts mehr erhalten. Das Gelände ist vollständig mit Privathäusern überbaut.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt, Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 47. Das Kastell Miltenberg-Ost bildet den Schlusspunkt des Mainlimes. Dahinter verlässt der Limes die Mainlinie und biegt nach Süden Richtung Walldürn ab (Strecke 7). Den Abgang der Limesstrecke vom Main hatte der Architekt Oskar Winterhelt (1873–1958) bereits im Jahr 1911 mit der Entdeckung von Wachturm 6 der Strecke 7 lokalisiert.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt, Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 38 f.

130 Meter nordwestlich der Nordwestumwehrung des Kastells verläuft der Main.Marcus Jae: Eine Flächengrabung im Numeruskastell Miltenberg-Ost auf der Gemarkung der Marktgemeinde Bürgstadt im Jahre 1998. Erste Einblicke in die innere Struktur des Kastells. In: Beiträge zur Archäologie in Unterfranken 2, 2000, S. 103–146; hier: S. 106.

Forschungsgeschichte Wissenschaftler und Heimatforscher versuchten lange Zeit, den letzten militärischen Standort des Mainlimes den dortigen caput limitis auszumachen,Peter Endrich: Vor- und Frühgeschichte des bayerischen Untermaingebietes (= Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg 4) Pattloch, Aschaffenburg 1961, S. 143. und vermuteten die Anlage in jenem Bereich um Miltenberg,Hans-Jörg Kellner, Bernhard Overbeck, Mechthild Overbeck: Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland, Bayern. Abteilung 1: Bayern, Band 6: Unterfranken, Mann, Berlin 1975, S. 127. dessen Flur bereits Mitte des 17. Jahrhunderts als Im Bürglin genannt wird.Oskar Winterhelt: Nr 38a. Das Kastell Miltenberg-Ost. In: Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches. Abteilung A, Band 4. Strecken 7 bis 9, Petters, Berlin/Leipzig 1929, S. 1. Doch erst im Jahre 1912 wurde mit dem Kastell Miltenberg-Ost diese Wissenslücke gefüllt. Damals kamen beim Ausheben der Fundamentgrube für das neue Wohnhaus eines Studiendirektors nordöstlich von Miltenberg Baureste zu Tage, die durch Winterhelt entdeckt wurden.Peter Endrich: Vor- und Frühgeschichte des bayerischen Untermaingebietes (= Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg 4) Pattloch, Aschaffenburg 1961, S. 143. Winterhelt, dessen Untersuchungen im Limeswerk der Reichs-Limeskommission (RLK) veröffentlicht wurden, nahm daraufhin von 1912 bis 1913 erste Ausgrabungen vor. Die von ihm erzielten Ergebnisse bilden im Wesentlichen die Basis aller weiteren Forschungen auf dem Terrain. Eine Überprüfbarkeit vieler Details ist aufgrund der nachfolgenden, zumeist totalen Zerstörung des Kastells durch den Bau von Privathäusern nicht mehr möglich. Weitere Untersuchungen im Kastellinneren waren 1979 und in den Folgejahren mit Hilfe des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) möglich.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt, Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 47. Sondagen im Überschwemmungsbereich vor der Westfront des Kastells, die das BLfD 1984 und 1998 vornahm, brachten keine Befunde. Im Jahr 1998 war es möglich, Randbereiche des Kastellvicus mit Töpferöfen zu untersuchen.Ingrid Jütting, Alexander Lebeda, Jo Wernard: Der neu entdeckte Vicus von Miltenberg, Lkr. Miltenberg. In: Beiträge zur Archäologie in Unterfranken 2000 (= Mainfränkische Studien 67), S. 147–163.

Im Jahr 1998 ergab sich die seltene Möglichkeit einer flächigen Grabung auf dem Kastellareal, die der Provinzialrömische Archäologe Marcus Jae im Auftrag des BLfD vornehmen konnte. Die Untersuchungen erfassten rund ein Sechstel der Innenfläche im Bereich der Osthälfte einschließlich der Porta principalis dextra.Markus Scholz: Keramik und Geschichte des Kastells Kapersburg – eine Bestandsaufnahme. In: Saalburg-Jahrbuch 52/53, 2002/2003, von Zabern, Mainz 2003, S. 9–282; hier: S. 90. Da die heute teilweise kleinräumig bebauten Flächen, auf denen sich die römische Besiedlung befindet, privat verkauft wurden, ist ein Zugang nicht mehr möglich.

Oberirdisch ist von den antiken Bauten nichts mehr erhalten.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt, Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 47. Auch die Topographie des Kastells lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, da die Stadtplaner im Zuge der Überbauung keine der damals bekannten Grenzen und Straßenverläufe des Kastells in ihre Konzeptionen übernommen haben.

Baugeschichte Mit der nach Osten geschobenen Vorverlegung des Grenzverlaufs auf den Vorderen Limes während der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) und der archäologisch gesicherten Datierung um 159/160 n. Chr.Hans Schönberger: Das Römerkastell Öhringen-West (Bürgkastell). In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 53, 1972/1973, S. 233–296; hier: S. 291.Claus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 145.Bernhard Albert Greiner: Der Beitrag der Dendrodaten von Rainau-Buch zur Limesdatierung. In: Limes XX. Estudios sobre la frontera Romana. Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-96813-25-0, S. 1289.Bernd Becker: Fällungsdaten römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 386.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 u. Abb. 84. entstand auch das Kastell Miltenberg-Ost. Der von langer Hand geplante Garnisonswechsel in die neuen Kastelle war eine organisatorische Meisterleistung, da hiervon letztendlich alle Militärstandorte entlang des Neckar-Odenwald-Limes betroffen waren. Die besondere strategische Bedeutung, welche die Römer diesem Grenzbereich beimaßen, betont die gleichzeitige Anlage von zwei KastellenDieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 u. Abb. 39. in unmittelbarer Nähe und am selben Mainufer. Das Miltenberg-Ost ist mit seinem Pendant, dem westlicher gelegenen Kastell Miltenberg-Altstadt, der südlichste Militärstandort am sogenannten „Nassen Limes“, und zugleich das nördlichste Kastell des „Vorderen Limes“. Am Altstadtkastell begann zudem die Militär- und Handelsstraße aus dem Maintal zum Rhein und zum Neckar.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 u. Abb. 40.

Periode 1 Mit der Gründung um 159/160 n. Chr. entstand zunächst ein Lager in Holz-Erde-Bauweise. Damit wurde Miltenberg-Ost etwa zeitgleich mit dem Kastell Miltenberg-Altstadt gegründet, das nur rund 2300 Meter nordwestlich lag.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt, Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 36.

Periode 2 Das anschließend errichtete Steinkastell war in seinem nicht ganz rechteckigen Grundriss etwas unsymmetrisch und besaß abgerundete Ecken. Die Fortifikation wurde mit den Maßen 86,37/85,90 × 70,88/73,83 Meter (= 0,63 Hektar) eingemessen.

Bauinschrift Bei Aushubarbeiten für einen Neubau konnte 1979 im oberen Bereich des Spitzgrabens vor der Porta decumana, dem rückwärtigen Tor des Kastells, die auf einer fragmentierten Tabula ansata gesetzte Bauinschrift aus sorgfältig gearbeiteten Buchstaben geborgen werden. Das Werkstück aus rotem Sandstein zeigte kaum Verwitterungsspuren:.

[Imperatores C]aesares [L(ucius) Septimius Se]verus Au[g(ustus)] [et M(arcus) Aurelius An]ton[inus] [Pius Aug(ustus) …]s faci[…] […]EP[…]

Übersetzung: „Den Imperatoren und Caesaren Lucius Septimius Severus Augustus und Marcus Aurelius Antoninus Pius Augustus …“

Die Inschrift bezeugt, dass das Steinkastell während der Regentschaft des Kaisers Septimius Severus (193–211) erbaut wurde. Genannt wird auch dessen Sohn und Nachfolger Caracalla. Die noch vorhandenen Angaben lassen es zu, den Text in die Jahre von 198 bis 209 n. Chr. zu datieren, als die beiden gemeinsam regierten.

Umwehrung, Kastellinneres mini|Die erhaltenen untersten Lagen des aufgehenden Mauerwerks an der Außenmauer des Nordwesttores mit dem vorspringenden Sockelbereich (1912)

Winterhelt konnte feststellen, dass die Umfassungsmauer größtenteils erhalten geblieben war und stellenweise noch fünf Steinlagen hoch über den schräg vorspringenden Sockelbereich aufragte. Ohne diesen sieben Zentimeter hervorragenden Sockel besaß das aufgehende Mauerwerk eine Breite von 1,60 Metern. Das sehr sauber gesetzte Schalenmauerwerk besaß eine Hinterfüllung aus starkvermörtelten Bruchsteinen. Bereits der bayerische Konservator Georg Hock (1875–1936) teilte nach Besichtigung der freigelegten 70 Meter langen Nordwestfront dem Provinzialrömischen Archäologen Walter Barthel (1880–1915) mit:

„Das Mauerwerk mit seinen sauber gerichteten und wohl gefugten Verblendsteinen, mit seinen Sockel- und Gesimsprofilen entspricht ganz der sorgfältigen Technik der nahen Brittonenbauten am Odenwaldlimes.“Walter Barthel: Die Erforschung des obergermanisch-raetischen Limes in den Jahren 1908-1912. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 6, 1910/1911 (1913), S. 114–181, hier: S. 153.

Die Sandsteinquader der Mauerschalen waren zwischen 0,25 und 0,70 Meter lang und 0,15 Meter hoch. Die Fugen waren mit einem guten Kalkmörtel breit verstrichen und mit einem roten Fugenstrich hervorgehoben. Die der Wehrmauer vorgelagerte Berme wurde mit 1,40 Metern eingemessen, der anschließende einfache Spitzgraben war im oberen Bereich noch fünf Meter breit und 1,50–1,70 Meter tief. Die enge Sohle reichte bei den Ausgrabungen bis zu einer Sandschicht, die im Grundwasserbereich lag.