Mary Kenneth Keller BVM (Ordensname, auch Sister Mary K. Keller; geboren als Evelyn Marie Keller; * 17. Dezember 1913 in Cleveland, Ohio; † 10. Januar 1985 in Dubuque, Iowa) war eine US-amerikanische katholische Ordensfrau, Mathematikerin, Informatikerin und Hochschullehrerin. Sie wurde 1965 als erste Frau in den Vereinigten Staaten in Informatik promoviert. Am selben Tag erhielt Irving C. Tang ebenfalls einen Doktorgrad in Informatik, sodass Keller und Tang zu den ersten Personen mit einem solchen Abschluss in den Vereinigten Staaten gehörten. Bekannt wurde Keller vor allem als frühe Wegbereiterin der Informatikausbildung und als Verfechterin eines breiten Zugangs zu Computern.

Leben und Ausbildung Keller war die Tochter von John Adam Keller und Catherine Josephine Keller, geborene Sullivan, und wuchs überwiegend in Chicago auf. Sie war das zweite von vier Kindern; beide Eltern hatten lediglich eine achtjährige Schulbildung, während Keller die High School besuchte und anschließend eine Hochschulausbildung aufnahm. 1932 trat sie in den Orden (kurz: Schwestern der Nächstenliebe) ein, erhielt 1933 den Ordensnamen Mary Kenneth und legte 1940 die Profess ab. Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrerin an Grund- und weiterführenden Schulen studierte sie an der DePaul University in Chicago Mathematik, erwarb zunächst einen Bachelor und anschließend an der Fakultät für Mathematik und Physik einen Master of Science.

1961 nahm Keller am Dartmouth College an einem Sommerkurs zur Computerausbildung teil, bei dem mit dem LGP-30 gearbeitet wurde; dies war ihr Einstieg in die praktische Arbeit mit Computern. Das Dartmouth College war zu diesem Zeitpunkt im regulären grundständigen Studium noch Männern vorbehalten; die Koedukation wurde dort erst 1972 eingeführt. Keller beschrieb diesen ersten Kontakt später als einen Wendepunkt und sah im Computer ein besonders revolutionäres Werkzeug für mathematische Arbeit und Wissensvermittlung. Am Dartmouth College arbeitete sie als erste Frau im Informatik-Zentrum. Als Doktorandin war sie außerdem am Dartmouth College, an der Purdue University und an der University of Michigan wissenschaftlich tätig. Von 1962 bis 1965 studierte sie an der University of Wisconsin–Madison und verfasste unter Preston Hammer ihre Dissertation Inductive Inference on Computer Generated Patterns. Am 7. Juni 1965 erhielt Keller dort den Ph.D. in Computer Science; am selben Tag erhielt Irving C. Tang an der Washington University in St. Louis einen D.Sc., sodass beide zu den ersten Personen mit einem Doktorgrad in Informatik in den Vereinigten Staaten gehörten.

Dissertation und Forschung „Erstmals können wir die Kognition maschinell simulieren“, zitiert in Sister Mary: EdTech Pioneer. bei medium.com (englisch) erklärte Keller im Zusammenhang mit ihrer Forschung. Ihre 1965 abgeschlossene Dissertation trug den Titel und untersuchte Verfahren zur mechanisierten induktiven Inferenz.Diss. 1965 im WorldCat Mit einem Computerprogramm erzeugte Keller Muster (), also künstlich produziertes empirisches Material. Mit Hilfe der Induktion () versuchte ihr Fortran-Programm in einem weiteren Schritt, Muster zu erkennen. Zitat aus dem Abschnitt Mary Kenneth Keller im Artikel bei women.cs.cmu.edu/ada (englisch)

Informatik, Lehre und Nachwirkung Nach ihrer Promotion baute Keller am Clarke College, der heutigen Clarke University, in Dubuque die Informatik auf und leitete den Bereich über 20 Jahre hinweg. Sie etablierte dort Lehrangebote, setzte sich für Computerbildung an Schulen und Hochschulen ein und förderte insbesondere Frauen und berufstätige Mütter. In ihrer Lehrtätigkeit ermunterte sie insbesondere Studentinnen, Computer nicht nur zu nutzen, sondern selbst programmieren zu lernen. Am Clarke College baute sie zugleich die technische Infrastruktur aus, unterstützte den Einsatz von Mikrocomputern und half beim Aufbau eines Masterprogramms für Computeranwendungen in der Bildung. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern der später als Association of Small Computer Users in Education (ASCUE) bekannten Organisation und wirkte außerdem an der Entwicklung von Informatikcurricula mit.

Keller wird gelegentlich eine Mitwirkung an der Entwicklung der Programmiersprache BASIC zugeschrieben, unter anderem aufgrund eines in sozialen Medien verbreiteten Fotos, das sie zusammen mit einem Lerncomputer zeigt, für den allerdings kein BASIC-Dialekt existierte. Diese Darstellung gilt jedoch als unzutreffend: Thomas E. Kurtz, einer der beiden Entwickler von BASIC, erinnerte sich nicht an eine Beteiligung Kellers und schloss ihre Mitwirkung an der Entwicklung der Programmiersprache aus. BASIC wurde zudem erst 1964 veröffentlicht, mehrere Jahre nach Kellers Dartmouth-Aufenthalt. Keller setzte BASIC später jedoch in der Lehre ein und war 1973 Mitautorin des Lehrbuchs Mathematical Logic and Probability with BASIC Programming, welches die zugänglichere Programmiersprache für einen breiteren Bildungskontext nutzte.

Die IEEE Computer Society benannte den Mary Kenneth Keller Computer Science & Engineering Undergraduate Teaching Award nach ihr; die Auszeichnung würdigt herausragende Beiträge zur grundständigen Informatik- und Ingenieurausbildung. Auch das Rechenzentrum des Clarke College wurde nach Keller benannt.

Literatur

J. Head and D. P. O'Leary, "The Legacy of Mary Kenneth Keller, First U.S. Ph.D. in Computer Science" in IEEE Annals of the History of Computing, vol. 45, no. 01, pp. 55–63, Jan.–March 2023, doi:10.1109/MAHC.2022.3231763 (englisch).

Weblinks

2015, Mihai Andrei: Eintrag bei zmescience.com (englisch)

Einzelnachweise

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