mini|Ogung doal, „kleiner Gong“ der Toba-Batak. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1921. Ogung (Bataksprachen, „Gong“) ist ein einzelner Buckelgong oder ein Set aus unterschiedlich großen, senkrecht an einem Gestell hängenden Buckelgongs bei den Batak im Norden der indonesischen Insel Sumatra, vor allem bei den Batak-Untergruppen Toba, Pakpak und Mandailing. Bei den Toba erzeugen fünf Musiker mit vier Gongs und einem Aufschlagidiophon (hesek-hesek) eine ostinate Rhythmusstruktur zur Begleitung der als Melodieinstrumente eingesetzten Trommeln und des Doppelrohrblattinstruments sarune. Früher galten die ogung ausschließlich als sakrale Musikinstrumente, die bei Ritualen der altindonesischen Batak-Religion und nach den traditionellen Regeln der Gesellschaft gespielt wurden, seit der Mitte des 20. Jahrhunderts werden ogung auch zur Begleitung christlicher Lieder in Gottesdiensten und in der Popmusik verwendet.
Herkunft und Verbreitung mini|Ogung oloan, „großer Gong“ der Toba-Batak, mit Haltegriff. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1921 Einer chinesischen Quelle aus dem 8. Jahrhundert zufolge waren Gongs seit Anfang des 6. Jahrhunderts in China in Gebrauch; ein älterer archäologischer Fund eines Flachgongs (chinesisch luo) wird an den Beginn der Han-Zeit (um 200 v. Chr.) datiert. Von China aus gelangten Gongs nach Südostasien. Der für die Verwendung als Melodieinstrument ausschließlich geeignete Typus der Buckelgongs ist vermutlich seit dem 9./10. Jahrhundert von Myanmar (maung) über Thailand (khong) bis auf die Malaiischen Inseln verbreitet.Patricia Matusky: An Introduction to the Major Instruments and Forms of Traditional Malay Music. In: Asian Music, Band 16, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1985, S. 121–182, hier S. 126 Am bekanntesten ist der Einsatz von Buckelgongs in den verschiedenen, gamelan genannten Ensembles in Indonesien, in denen einzelne Gongs, Gongreihen (bonang auf Java, reyong auf Bali), Metallophone (gangsa), Trommeln (kendang), Flöten (suling), Streichinstrumente (rebab) und Gesangsstimmen mitwirken. Frühe Formen der meisten javanischen und balinesischen Gamelaninstrumente waren – archäologischen, ikonographischen und literarischen Quellen zufolge – bereits gegen Ende des 1. Jahrtausends oder Anfang des 2. Jahrtausend vorhanden. In der in dieser Zeit aus dem Sanskrit übertragenen altjavanischen Fassung des indischen Epos Ramayana kommt das Wort gong zusammen mit anderen Bezeichnungen aus dem Bereich Musik vor.Margaret J. Kartomi, Maria Mendonça: Gamelan. I. South-east Asia. 1. History. In: Grove Music Online, 2001 Ein seltenes Gongspiel mit senkrecht an einem Gestell hängenden Buckelgongs ist das meko auf der östlichen indonesischen Insel Roti.
Der Name ogung in den Bataksprachen ist vom javanischen und indonesischen Wort gong abgeleitet. Gong ist die auf ganz Sumatra gängige Bezeichnung für ein bronzenes Aufschlagidiophon, die Aussprache wird lediglich in manchen Regionen abgewandelt: bei den Batak zu ogung, gung oder aguan, bei den Minangkabau zu agung, aguang oder agongHeinrich Simbriger: Gongs und Gongspiele. Internationales Archiv für Ethnographie, Band 36. E.J. Brill, Leiden 1939, S. 26 und in Aceh an der Nordspitze zu gung.Charles Payson Gurley Scott: The Malayan Words in English. In: Journal of the American Oriental Society, Band 18, 1897, S. 49–124, hier S. 49 Vergleichbar geht der im malaysischen Teil der Insel Borneo gespielte Buckelgong bandai namentlich auf das altjavanische Wort bendé zurück. Der übergeordnete musikalische Begriff, der bei den Toba-Batak gondang und bei den Karo-Batak gendang lautet, bedeutet „Trommel“ (wie indonesisch kendang), das Ensemble mit Trommeln und Gongs sowie die von diesem Ensemble gespielten Kompositionen. Gondang bzw. gendang entspricht als Gattungsbezeichnung für ein Instrumentalensemble dem javanischen gamelan, einem in unterschiedlichen Besetzungen verbreiteten, höfischen Ensembletyp.
Vor Jahrhunderten war Brunei zum bedeutendsten Herstellungszentrum für Gongs im Malaiischen Archipel geworden, bevor sich Zentraljava als Zentrum der industriellen Gongherstellung etablierte. Von dort werden Buckelgongs auf die übrigen Inseln ausgeliefert, wo sie neben ihrer musikalischen Verwendung in traditionellen Gesellschaften häufig auch als verehrte, von den Ahnen überlieferte Ritualgegenstände (pusaka) und als zeremonielle Tauschobjekte dienen. Im Gebiet der Batak wurden und werden keine Gongs hergestellt. Die vorhandenen Gongs befinden sich nach Angaben ihrer Besitzer seit langem im Familieneigentum. Dass die Gongs von weit herkommen müssen, bestätigt ein Batak-Sprichwort: dao sitompa ogung, daoan ma ho, wörtlich: „Weit ist der Erschaffer der ogung, weit bist du“, gemeint: „...so weit seist du von uns.“ Im Deutschen sagt man entsprechend: „Gehe dorthin, wo der Pfeffer wächst.“Artur Simon: Beiheft CD, S. 13f
Bauform und Spielweise Die vermutlich vor der Zeitenwende in ihren Siedlungsraum um den Tobasee in Nordsumatra eingewanderten Batak gliedern sich in die sechs Gruppen Toba, Karo, Simalungun, Pakpak, Angkola und Mandailing, die neben grundlegenden kulturellen Gemeinsamkeiten eine jeweils eigene traditionelle Musik entwickelt haben. Die großen, im Freien gespielten Instrumentalensembles gondang bei den Toba, gendang bei den Karo, gonrang bei den Simalungun, genderang oder gendang bei den Pakpak und gordang oder gondang boru bei den Angkola und Mandailing unterscheiden sich nach der Anzahl, Form und Größe der Trommeln, Gongs und des eine Melodielinie produzierenden Doppelrohrblattinstruments serune (bei den Toba) oder sarunai (bei den Karo, eine mit der arabisch/persischen surnai namensverwandte Kegeloboe).Artur Simon: Indonesien. IV Sumatra. 1. Batak. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil 4, 1996) Gemäß ihrer Funktion und ihrem Instrumentarium werden diese Ensembles durch einen Namenszusatz unterschieden.
Toba mini|hochkant|Eine der fünf einfelligen Röhrentrommeln taganing im Ensemble gondang sabangunan. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1921. mini|hochkant|Doppelrohrblattinstrument sarune der Toba-Batak. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1936. Die traditionellen Zeremonien der christianisierten Toba-Batak basieren auf altindonesischen Glaubensvorstellungen und folgen den Regeln der adat (auf göttliche Ordnung zurückgeführte, die gesamte Gesellschaft und Kultur prägende Sittengesetze). Die zeremoniellen Ensembles heißen gondang sabangunan („kompletter gondang-Satz“), nach der Größe ihrer Besetzung auch gondang bolon („großes gondang“) oder nach der melodieführenden Kegeloboe gondan serune. Sie sind für die offiziellen Feste unentbehrlich und ihre Musik gilt nach den Regeln der adat als unvollständig, wenn nicht die entsprechenden Zeremonialtänze (tortor) dazu aufgeführt werden. Die traditionellen Aufführungen der Zeremonialmusik folgen der adat ni gondang, also den gesellschaftlich-kulturellen Regeln zur Durchführung von gondang sabangunan und tortor.Mauly Purba, 2003/2003, S. 70 Das Zusammenwirken von Musikern (pargonsi), Zeremonialtänzern (panortor) und Gastgebern/Veranstaltern (hasuhuton, suhut) war jahrhundertelang allein durch die Regeln der adat festgelegt.
Das gondang sabangunan besteht aus einem Set von fünf unterschiedlich gestimmten, einfelligen Röhrentrommeln taganing (auch tataganing), die annähernd senkrecht (etwas zum Musiker geneigt) in einer Reihe an einem Gestell aufgehängt sind und mit Stöcken geschlagen werden. Der taganing-Spieler ist der Leiter des Ensembles. Eine weitere Trommel ist die große Basstrommel gordang, die an der rechten Seite am selben Gestell hängt und von einem anderen Musiker geschlagen wird. Hinzu kommen eine oder zwei Kegeloboen sarune (auch sarune bolon, „große sarune“), vier ogung und bei speziellen Ensembles eine kleine zweifellige Fasstrommel odap, die anstelle einer taganing verwendet wird, wenn es um die Verehrung altindonesischer Götter geht. Eine vergleichbare Ensemblebesetzung findet sich im burmesischen hsaing waing. Neben der zeremoniellen gondang-Musik für Aufführungen im Freien gibt es das weltliche Ensemble gondang hasapi für die leisere Musik in geschlossenen Räumen, das aus einer „kleinen“ sarune (auch sarune etek), zwei bootsförmigen Lauten hasapi, einem Xylophon garantung, einem Aufschlagidionphon (Eisenplatte oder mit einem Nagel geschlagene Bierflasche hesek-hesek) und einer Querflöte sulim, also aus weniger laut klingenden Instrumenten besteht.
Die Gruppe der ogung besteht aus vier unterschiedlich großen Buckelgongs, die klar unterscheidbare Tonhöhen haben, aber nicht exakt gestimmt sind. Nach aufsteigender Tonhöhe heißen die Gongs ogung oloan („jemand, dem man gehorchen muss“, von olo, „befolgen“, Durchmesser 41 Zentimeter), ogung doal (auch doal na godang, „Eltern-doal“, Durchmesser 36 Zentimeter), ogung ihutan (von ihut, „folgen“, „auf etwas folgen“, Durchmesser 38 Zentimeter) oder pangalusi („Antworter“) und ogung panggora („der Rufer“, von manggora, „rufen“, Durchmesser 35 Zentimeter), wobei der Durchmesser der Gongs nicht eindeutig mit einer Tonhöhe korreliert. Der Durchmesser des am tiefsten klingenden ogung oloan kann kleiner als beim höheren ogung ihutan sein. Zur Feinabstimmung wird eine schwarze, harzähnliche Masse (puli), die in bestimmten Vogelnestern vorkommt, in die zentrale Ausbuchtung geschmiert. Oloan und ihutan hängen senkrecht an einem eigenen Gestell und werden offen (mit langem Nachklang) angeschlagen, doal und panggora werden nach dem Anschlagen gedämpft. Der doal hängt entweder ebenfalls an einem Gestell oder senkrecht am Knie des Musikers. Der panggora liegt waagrecht auf den Oberschenkeln des Musikers oder er hängt an einem Gestell. In letzterem Fall zieht ihn der Musiker beim Spielen in eine waagrechte Position zu sich her. Zum Dämpfen drückt er den hängenden doal gegen seine Brust, während er den panggora mit der freien Hand am Rand anfasst. Die vier ogung werden üblicherweise von drei männlichen Musikern gespielt, seltener von zwei oder vier. Für alle Gongs werden Schlägel mit einem weichen Gummikopf verwendet.
Im Zusammenklang produzieren die Gongs ein sich während des gesamten Stücks wiederholendes, verzahntes (englisch interlocking) rhythmisches Muster, mit dem die Melodieinstrumente sarune und taganing im Hintergrund unterstützt werden. Diese Gong-Begleitung ist für alle Stücke gleich und unterscheidet sich nur in den Tempi. Der oluan produziert einen tiefen Grundschlag, der vom ihutan mit zwei lang klingenden Schlägen verdoppelt wird. Die beiden kurzen Schläge des panggora fallen mit denen des ihutan zusammen, während die doppelt so schnellen Schläge des doal auf den Pausen dazwischen und zwischen den Taktschlägen der Aufschlagplatte (oder Bierflasche) hesek-hesek liegen.