600x600px|mini|Pala d’Oro, oberste Reihe: Beutekunst von 1204 (San Marco, Venedig). Das Werk wurde mindestens an einer Stelle überarbeitet. Der Doge Ordelaffo Falier befindet sich unten in der Mitte unterhalb des Pantokrators. Das heutige Bild des Dogen, so eine Annahme, habe ursprünglich Kaiser Johannes Komnenos dargestellt. Dagegen spricht allerdings, dass der beigefügte Name keinerlei Überarbeitungsspuren aufweist, der Doge zudem nicht die sonst üblichen, kaiserlichen roten Schuhe trägt, sondern schwarze. Ersetzt wurde allerdings zum einen der Kopf, der erkennbar zu klein ist, zum anderen der Nimbus. Diese Überarbeitung könnte 1209 stattgefunden haben, um dem Dogen ein kaiserliches Erscheinungsbild zu geben. Dies würde in die Überarbeitung der venezianischen Geschichte im Gefolge des Vierten Kreuzzugs passen.David Buckton, John Osborne: The Enamel of Doge Ordelaffo Falier on the Pala d'Oro in Venice, in: Gesta 39 (2000) 43–49.
Die Liste in Konstantinopel 1204 erbeuteter Werke erfasst Objekte, die 1204 von Teilnehmern des Vierten Kreuzzugs nach der Eroberung von Konstantinopel entwendet wurden, ihre ursprüngliche Verwendung und ihre Verwendung am neuen Aufbewahrungsort.
Mit erfasst wurden bedeutende in Konstantinopel geraubte Reliquien, deren byzantinisches Behältnis nicht erhalten ist (streng genommen also keine Kunst). Diese stellten für die Zeitgenossen sehr hohe Werte dar, wie man beispielsweise an der Dornenkronen-Reliquie in Paris sehen kann.
Die Plünderung dauerte vom 13. bis zum 16. April 1204.
Republik Venedig Die Aufteilung des Beuteguts sicherte einen großen Anteil für die Republik Venedig, während der Rest auf verschiedene Akteure verteilt wurde.
Domschatz und Kirchenausstattung von San Marco mini|Madonna Nicopeia (San Marco, Venedig) Der Domschatz (Tesoro) von San Marco beherbergt eine große Zahl von byzantinischen Kunstwerken. Allgemein nimmt man an, dass die meisten von ihnen entweder 1204 bei der Plünderung an Venedig fielen oder in den folgenden Jahren der Lateinerherrschaft über Konstantinopel (bis 1261) der venezianischen Sammlung hinzugefügt wurden. Die Provenienz der Einzelstücke ist kaum zu klären. Der Doge Enrico Dandolo sandte vier Hauptreliquien nach Venedig: ein Stück des Wahren Kreuzes, das angeblich Kaiser Konstantin gehört hatte, eine Heilig-Blut-Reliquie, sowie Reliquien Johannes des Täufers und des Heiligen Georg. Auffälligerweise nennen die Quellen aber insgesamt nur fünf Reliquien, die 1204 aus Konstantinopel nach Venedig gelangt seien, was bei der Menge der sakralen und profanen Beutestücke wenig ist. Besonders zahlreich sind Kelche (siehe dazu das Zitat von Choniates).
Madonna Nicopeia. Eine Ikone der siegbringenden Gottesmutter wurde dem byzantinischen Heer vor der Schlacht vorangetragen; im 16. Jahrhundert identifizierte Giovanni Ramusio diese 1204 nach Venedig verbrachte Ikone mit dem byzantinischen Palladium. Ganz sicher ist dies wegen des zeitlichen Abstands nicht. Die als wundertätig geltende Ikone der Madonna Nicopeia ist 48 cm hoch und befindet sich heute in einer Kapelle des linken Querschiffs von San Marco. Aufsatz des Altarretabels Pala d’Oro im Markusdom. In den Altaraufsatz wurden sieben Tafeln aus der Beute von 1204 integriert. Sechs davon sind Feiertagsikonen aus Email, in einem Vierpass in der Mitte ist der Erzengel Michael dargestellt. Die Venezianer hatten die Ikonen vom Templon einer Kirche geraubt, wie die Abmessungen der Objekte zeigen. Diese Ikonen sollen aus einer der drei Kirchen des Pantokratorklosters stammen. Als solche wurden sie von einem griechischen Besucher später identifiziert; dagegen spricht, dass die Altarschranken des Pantokrator-Klosters aus Marmor waren und ein Materialmix mit Email unüblich war. Sylvester Syropoulos, Chronist des Konzils von Ferrara, betrachtete im Jahr 1438 die Pala d’Oro und schrieb darüber: „Alle diese Dinge wurden nach St. Markus gebracht von Konstantinopel, gemäß dem Gesetz des Plünderns, das heißt, sie kamen hierher als Kriegsbeute, also dann als, ach, Konstantinopel in die Hände der Lateiner fiel.“ Die Pala d’Oro insgesamt ist jedoch kein Beutestück von 1204, sondern eine Komposition byzantinischer Kunstwerke, die auf unterschiedliche Weise in venezianischen Besitz gelangt waren. Ikone des stehenden Erzengels Michael, im Domschatz (Inv. Nr. 16). Gilt als Stück aus dem Beutegut von 1204. Der Engel ist als Relief dargestellt. Material: Silber, Email, Steine, Holz; Höhe: 46 cm. Silbernes Weihrauchgefäß, im Domschatz (Inv. Nr. 109). Es ist 36 cm hoch und stellt ein Gebäude mit Kuppeldach in Miniaturformat dar. Darin war den Inventaren des Domschatzes zufolge um 1300 die Heilig-Blut-Reliquie (Fatimidische Ampulle aus Bergkristall mit venezianischer Goldfassung, Inv. Nr. 63) untergebracht. Als Reliquienbehältnis wurde das Gebäude oft als Miniaturkirche interpretiert, zumal von den Venezianern; ursprünglich könnte es sich aber um einen Gartenkiosk gehandelt haben, eine byzantinische Gebäudeform, die aus der Literatur bekannt ist. Die Kreuze auf den Kuppeldächern sind spätere Hinzufügungen. Kreuzreliquiar der Kaiserin Irene Dukaina, im Domschatz (Inv. Nr. 57). Dieses schlichte Kreuz war in Byzanz eine besonders verehrte Reliquie, die in einer Staurothek mit den Reliefs Konstantins und Helenas aufbewahrt wurde. Purpurfarbene Glasvase mit mythologischen Szenen, im Domschatz (Inv. Nr. 83). Gilt als Stück aus dem Beutegut von 1204. Die Vase hat zwei geschwungene silberne Griffe und ist 17 cm hoch. Auf der Vase sind, rosé vor purpurnem Hintergrund, sieben Medaillons mit unverbundenen Szenen der antiken Mythologie zu sehen: Mars Gradius, Dionysos, Polydektes, Hermes?, Ajax?, Herakles und ein römischer Augur. Die Vase galt zunächst als antikes Stück, wurde aber später als Kunstwerk der Makedonischen Renaissance erkannt. Ein Argument dafür sind Ornamente in pseudo-kufischer Schrift.
Architektur von San Marco mini|Quadriga aus dem Hippodrom von Konstantinopel (San Marco, Venedig) mini|Pilastri Acritani (San Marco, Venedig) mini|Tondo mit Kaiserdarstellung (Dumbarton Oaks) In die Fassade des Markusdoms wurden etliche byzantinische Spolien integriert. Doch ist meist nicht nachweisbar, ob dieser Bauschmuck tatsächlich 1204 aus Konstantinopel abtransportiert wurde. Es gibt keine zeitgenössische venezianische Dokumentation darüber. Das verkürzt die folgende Liste.
Pferde von San Marco. Diese Quadriga (Bronzeguss, 2./3. Jahrhundert n. Chr.) schmückte wahrscheinlich ursprünglich das Hippodrom von Konstantinopel. Bis 1977 waren die Bronzepferde auf der Loggia des Markusdomes ausgestellt, sind seitdem durch Kopien ersetzt; die Originale befinden sich in der Schatzkammer des Markusdomes. Sogenannter Carmagnola, Kopf einer oströmischen Kaiserfigur, Porphyr, 40 cm hoch. Er befindet sich an der Südwestecke der Loggia von San Marco. Porphyrgruppe der Tetrarchen (Ägypten, um 300), ursprünglich zwei Teile von zwei je 7 Meter hohen Porphyrsäulen auf dem Philadelphion, einem öffentlichen Platz in Konstantinopel. Im 13. Jahrhundert wurde die 1,38 Meter hohen Spolien an der Südwestecke des Markusdomes verbaut. Vor dem Abtransport hatten die Venezianer ihren Beuteanteil an der Myrielaion-Kirche zwischengelagert. Hier blieb ein zum Tetrarchen-Relief gehöriger Caesarenfuß zurück. Er wurde 1965 bei Ausgrabungen in Istanbul gefunden. Pilastri Acritani, „Pfeiler von Akko“, zwei freistehende Säulen auf dem Markusplatz, vor der Südfassade von San Marco. Sie gehörten ursprünglich zu der Kirche Hagios Polyeuktos. Im Archäologischen Museum Istanbul befinden sich ein entsprechendes Kapitell einer weiteren Säule sowie weiterer Bauschmuck dieser Kirche.
Sonstige Tondo aus aphrodisischem Marmor mit Reliefdarstellung eines byzantinischen Kaisers (Durchmesser 90 cm). Bei der Plünderung Konstantinopels nach Venedig verbracht, von Prinz Karl Friedrich Alexander von Preußen dort erworben und ab 1860 in Schloss Glienicke; heute Dumbarton Oaks, Washington. Die Identifizierung des dargestellten Kaisers ist unsicher; vorgeschlagen wurde Johannes II. Komnenos. Auch die Funktion des Tondo ist nicht klar. Solche Herrscherdarstellungen könnten die Fassade des Kaiserpalastes geschmückt haben und scheinen typisch für die Komnenendynastie gewesen zu sein. Fast identischer Marmor-Tondo mit Kaiserdarstellung, als Spolie verbaut in Venedig, Campiello del Angaran. Koloss von Barletta. Die 5,10 Meter hohe Bronzestatue stellt wahrscheinlich Kaiser Markian oder Leo I. dar. Eine These über die Aufstellung einer derartigen Figur in Barletta besagt: Sie war Teil des venezianischen Beuteguts; das Schiff sank jedoch, und die Statue gelangte an den Strand von Barletta.
Kreuzfahrerheer Alphabetisch nach heutigem Aufbewahrungsort.
Amalfi (Schatz der Kathedrale) Der Apostel Andreas war Schutzpatron der Stadt Konstantinopel; seine Gebeine wurden in der Apostelkirche verehrt. Kardinal Petrus von Capua ließ sie nach der Einnahme Konstantinopels „in Sicherheit bringen“ und am 8. Mai 1208 in die Kathedrale von Amalfi überführen.
Amiens (Schatz der Kathedrale) Kopfreliquiar Johannes des Täufers. Wallon de Sarton, Kanoniker von Picquigny und Teilnehmer des Vierten Kreuzzuges, entdeckte bei der Plünderung Konstantinopels zwei große, schwere Silbergefäße, eines mit dem Kopf Johannes des Täufers, das andere mit dem Kopf des heiligen Georg, beide durch griechische Inschriften entsprechend ausgewiesen. Wallon de Sarton verkaufte die Behältnisse und ließ stattdessen zwei kleinere anfertigen, in welche die Reliquien unmittelbar eingesetzt wurden. So trat er die Heimreise an. Das Kopfreliquiar des Täufers brachte er 1206 nach Amiens, wo es zentrales Heiligtum der neu errichteten Kathedrale wurde; die Georgsreliquie gilt als verschollen.
Bort-les-Orgues, Corrèze (Kirchenschatz) Reliquien der Heiligen Germanos und Remède. Sie kamen am 5. Juli 1210 aus dem Konstantinopel in Bort-les-Orgues an. Die Kirche besitzt bis heute ein Reliquiar des 13. Jahrhunderts, in dem sich die beiden seidenen Reliquienbeutel mit ihren originalen Echtheitszertifikaten befinden.
Halberstadt (Domschatz Halberstadt)
mini|Weihbrotschale, Domschatz Halberstadt Am 16. August 1205 wurden die von Konrad von Krosigk, dem Bischof von Halberstadt, in Konstantinopel erbeuteten Objekte in einer Art Triumphzug in die Stadt gebracht. Dieses Fest „Adventus Reliquarum“ wurde fortan jährlich begangen. Eine Schenkungsurkunde des Bischofs, datiert 1208, benennt die von ihm mitgebrachten Schätze: über 50 Reliquien, die meisten in kostbaren Fassungen, sieben Gefäße aus Gold und Silber, 21 Tuche, vier Gewänder. Teile dieses Schatzes waren:
Reliquien im Halberstädter Tafelreliquiar: Das Tafelreliquiar ist ein nach dem Vorbild byzantinischer Staurotheken in Niedersachsen angefertigtes Behältnis, in dem die beschrifteten, von Bischof Konrad mitgebrachten Reliquien hinter Bergkristallscheiben zu sehen sind. Rund 200 Edelsteine, Perlen, Emailplättchen und Gemmen schmücken das Reliquiar; im Mittelpunkt als besondere Kostbarkeit eine Silberplatte, auf der in Niellotechnik eine Kreuzigung dargestellt ist. Dies ist eine byzantinische Arbeit des 7. Jahrhunderts. Schädelreliquar des Apostels Jakobus minor mit byzantinischer Fassung: silberne, vergoldete Spangen umfassen den Schädel, der zu seiner Stabilisierung mit einer plastischen Masse ausgefüllt ist. Von den auf den Spangen befindlichen Edelsteinen blieben die Löcher. Von dem Bildnis des Apostels ist nur ein Fragment erhalten (segnende Hand und Schulter).