Die Keltensiedlungen von Esztergom sind archäologische Fundorte aus der Latènezeit/Keltenzeit in Esztergom (Ungarn). Die Funde aus diesen Siedlungen werden heute im Balassa Bálint Museum und teilweise im Burgmuseum von Esztergom aufbewahrt.
Esztergom – Várhegy (Burgberg) Der Burgberg, 156 m hoch, mit einer Fläche von 300 × 500 m, war der Standort einer Höhensiedlung aus der späten La-Tènezeit. Da an dieser Stelle auch römische (Kastell Solva), mittelalterliche (königliche Burg) und neuzeitliche Bauarbeiten stattgefunden hatten, erfassten die Grabungen des ungarischen Nationalmuseums in den Jahren 1934–38, 1961–62, 1964–68 und 1981–88 nur in wenigen Bereichen eisenzeitliche Befunde. Ob die Siedlung befestigt war, lässt sich wegen der späteren Überbauung nicht feststellen.Éva Petres: The Late Pre-Roman Age in Hungary with special reference to oppida. In: Barry W. Cunliffe, Trevor Rowley (Hrsg.), Oppida: The beginnings of urbanisation in Barbarian Europe. Papers presented to a conference at Oxford, October 1975. British Archaeological Reports Supplementary Series 11, Oxford 1976, S. 54.
Ergraben wurden Teile von zwei länglichen Häusern mit abgerundeten Ecken und zahlreiche Speichergruben. Fragmente von eingeglätteten und kammstrichverzierten Schüsseln, Töpfen und Vorratsgefäßen waren die häufigsten Funde. Anhand dieser Artefakte wurde das Alter der Siedlung auf den Übergang von der Mittellatène zur Spätlatène (LTC II bis LTD I, Ende des 2. bis Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr.) datiert.
Der Ort war vermutlich das Zentrum der umliegenden Siedlungen der Kelten und der mit ihnen vermischten Stamm der Azali. Nach der Eroberung durch Kaiser Claudius ab 41 n. Chr. wurde das Kastell Solva errichtet und die ursprünglichen Bewohner in die Ebene umgesiedeltÉva Petres: The Late Pre-Roman Age in Hungary with special reference to oppida. In: Barry W. Cunliffe, Trevor Rowley (Hrsg.), Oppida: The Beginnings of Urbanisation in Barbarian Europe. Papers presented to a conference at Oxford, October 1975. BAR Suppl. Ser. 11, Oxford 1976, S. 54–57., wie es der gängigen römischen Praxis entsprach.
Esztergom – Kisléva-Héviz Im Gebiet der mittelalterlichen „Kleinen Wasserstadt“, heute die Stadtteile Kisléva und Héviz, im Westsüdwesten des Burgberges, zwischen diesem und dem Szenttamáshegy (Sankt-Thomas-Berg) bis zum Héviz-tó (Héviz-See) wurde eine weit ausgedehnte spätkeltische Siedlung gefunden. Auch sie liegt unter römischen und mittelalterlichen Bebauungen.
1992 wurden Häuser, ein Backofen und Gruben mit Keramik aus der Spätlatènezeit (LTD) freigelegt. Diese Anlage entstand gemeinsam mit der Siedlung auf dem Burgberg und wuchs nach der römischen Okkupation mit dem Vicus (römische Siedlung mit gewerblichen Produktionsstätten) zusammen.Márta Kelemen: Komarom Country I. corpus of Celtic Finds in Hungary, Band. I, Transdanubia 1, Budapest 1987, S. 179 ff.
Esztergom – Örmény Im Stadtinneren, am ostsüdöstlichen Fuß des Szent Istvan Hegyi (Sankt-Stefans-Berg) wurde unter den Ruinen des mittelalterlichen Dorfes Örmény eine spätkeltische Siedlung aufgefunden. Freigelegt wurden 1970 ein Töpferofen, teilweise zerstört durch eine spätere árpádenzeitliche Siedlung, und 2002 einige Gruben aus der Spätlatènezeit (LTD III, 150 v. Chr. bis um Christi Geburt) bei der Szent Istvan Kápolna (Sankt Stefanskapelle), sowie die Reste eines Hauses.
Esztergom – Széchenyi tér (Szécheny-Platz) Auf den heutigen Széchenyi tér im Stadtzentrum lag an der Donau eine weit ausgedehnte spätkeltische Siedlung. 1960 wurden einige Gruben, ein Haus und ein Töpferofen ergraben. Bei Grabungen in den Jahren 1994 und 1995 kamen Reste von zwei Häusern, zehn weitere Gruben und fünf Töpferöfen zu Tage. Die Funde wurden in die Spätlatènezeit (LTD III, 150 v. Chr. bis um Christi Geburt) datiert.Friderika Horvath: Handgeformte spätkeltische und römische Keramik in Esztergom und ihrer Umgebung. Alba Regia 29, 1998, S. 65–81
Esztergom – Szentgyörgymező → siehe auch den römischen Burgus Esztergom-Szentgyörgymező 1
Im westlichen Teil des Stadtteils, der nordnordöstlich des Burgberges liegt, wurden mehrere keltische Objekte aus der Spätlatènezeit ergraben. Der genaue Fundort eines massiven Bronzeringes (vermutlich eine Grabbeigabe, späte Früh- bis Mittellatène, LTB II bis LTBC I, ca. 380–150 v. Chr.) ist nicht mehr feststellbar. Lokalisierbar sind die Fundorte einer boischen Münze, einer Eisenlanze, zweier großer Vorratsgefäße, von vier Abfallgruben mit bemalten Keramikscherben, sowie eines Töpferofens mit scheibengedrehten Gefäßen aus der 2. Hälfte des 1. Jhdt. v. Chr. und weitere Gefäßbruchstücke aus frührömischer Zeit. Eigentliche Siedlungsspuren konnten hier noch nicht festgestellt werden.Márta Kelemen: Adatok Esztergom koracsászárkori településtörténetéhez (Angaben zur frühkaiserzeitlichen Siedlungsgeschichte von Esztergom). In: Komárom megye története I. Komárom 1988, S. 167 ff.
Esztergom – Szentgyörgymező-Dunapart An anderer Stelle desselben Stadtteils lag eine ausgedehnte spätkeltische Siedlung. Während einer Probegrabung im Jahre 1959 wurden einige Gruben freigelegt. In den Grabungskampagnen von 1980–1983 und 1986–1988 fand man auf einer Fläche von 1841 m² neben einigen árpádenzeitlichen Objekten vier Häuser, 69 Gruben, eine Feuerstelle und einen Töpferofen. Einer Omphalos-Schale und eine Situla zeigen, dass der Ort von der Früh- bis zur Spätlatène besiedelt war. Neben den genannten Gefäßen wurden auch Spinnwirtel, Schleifsteine, Mühlsteine, Tierknochen und Fischschuppen, geschnitzte Knochengegenstände sowie Eisengeräte und Eisenschlackenstücke gefunden. Erst mit der Okkupation durch die Römer endete die keltische Siedlung.
Esztergom – Szentkirály Auf einem Uferplateau an der Donau im Südosten der Stadt wurde eine weit ausgedehnte keltische Siedlung aufgefunden. 1988 wurde eine Rettungsgrabung durchgeführt, bei der 14 Häuser freigelegt wurden, die anhand der Funde – zwei Bronzearmringe, eine Eisenlanze und eine Urne – in das 3. bis 2. Jhdt. v. Chr. (Mittellatène, LTC I) datiert werden konnten.
Esztergom – Sziget Auf dieser Donauinsel unterhalb eines mittelalterlichen Nonnenklosters wurden bei Grabungen in den Jahren von 1980 bis 2001 ein spätkeltisches Haus und einige Gruben freigelegt. Es wurden einige einglätt- und kammstrichverzierten Schüsseln und Töpfe sowie handgeformte Gefäße gefunden.
Literatur Susanne Sievers, Otto Helmut Urban, Peter C. Ramsl: Lexikon zur Keltischen Archäologie. A–K. Mitteilungen der prähistorischen Kommission im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2012, ISBN 978-3-7001-6765-5; S. 517–520.
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