mini|Die Lage des Kastells am nördlichen Scheitelpunkt des Vorderen Limes Das Kastell Miltenberg-Altstadt war ein römisches Kohortenkastell des Prinzipats, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am südlichen Ende des Mainlimes und am nördlichen Beginn des „Vorderen Limes“, einem Abschnitt des UNESCO-Welterbes „Obergermanisch-Raetischer Limes“ (ORL), übernahm. Die in der römischen Provinz Germania superior gelegene Garnison befindet sich heute auf dem Gebiet der Kreisstadt Miltenberg in Bayern.
Lage Das in großen Teilen unüberbaut gebliebene Kastell liegt in der Flur „Altstat“, heute „In der Altstadt“ rund zwei Kilometer nordwestlich des heutigen mittelalterlichen Stadtkerns von MiltenbergDieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 und Abb. 39. und nordwestlich der dort in den Main austretenden Mud,Karl Bosl (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Band 7 (= Kröners Taschenausgabe 277). Kröner, Stuttgart 1965, S. 448. die hier auch Mudbach heißt. Das Überschwemmungsgebiet des an dieser Stelle von Südosten nach Nordwesten strömenden Mains grenzt nahe vor die zum Fluss orientierte Prätorialfront der Garnison. Während der Antike bildete sowohl die Mud als auch der heute unmittelbar vor der ehemaligen nordwestlichen Kastellumwehrung nach Nordosten abfließende Springbornbach sumpfige Mündungsbereiche. Den Springbornbach nutzten die Soldaten für die Wasserversorgung ihren Truppenstandort. Durch die gesamte Retentura, dem Hinterlager, zieht sich heute in nordwestliche Richtung eine Bahntrasse. Der Flurname „In der Altstadt“ bezieht sich auf die später wüst gewordene mittelalterliche Siedlung „Wallhausen“, die sich auf dem Areal des römischen Kastells ansiedelte, und mit ihrem Namen offenbar noch Bezug auf die Wälle der einstigen römischen Garnison nahm. Bis heute lässt sich das Kastellgelände als deutliche Geländeerhebung erkennen. An der prätorialen Mainfront liegen die Fundamente der antiken Umfassungsmauer unter der heutigen noch erhaltenen mittelalterlichen Mauer. Die als Altstadtweg benannte Straße, betritt das Kastellgelände immer noch genau an der Stelle, an der sich einst die Porta principalis dextra, das Südosttor, erhob.
Forschungsgeschichte Der Miltenberger Ratsschultheiß und Chronist Michael Josef Wirth (1775–1864) fand 1827 zwei römische Altarfragmente im Bereich des Kastells, dessen Existenz damals noch unbekannt war. Die Fragmente, in denen die Kohorte Cohors Sequanorum et Rauracorum equitata genannt wird, sind verloren gegangen. Bei Grabungen, die Philipp Joseph Madler (1799–1884), Fürstlich Leiningenscher Forstmeister und Geschichtsschreiber, in den 1830er Jahren in dem Bereich vornahm, wurden weitere Inschriften gefunden, die ebenfalls verloren gegangen sind.Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: 750 Jahre Stadt Miltenberg, S. 37 f. Madler erkannte die damals noch auf freiem Feld gelegene Fundstelle schließlich als römisches Kastell und publizierte seine Erkenntnisse 1842.Bernhard Beckmann: Neuere Untersuchungen zum römischen Limeskastell Miltenberg-Altstadt. Lassleben, Kallmünz 2004, S. 15; siehe auch Informationstafel am Kastellstandort, (Stand 2015). Beim Eisenbahnbau wurde 1875 der südwestliche Teil des Kastells durchschnitten und 1878 das Kastellbad angeschnitten, wobei einige Funde durch den 1873 nach Miltenberg versetztenIII. Personal-Nachrichten. In: Zeitschrift des Bayerischen Architekten- und Ingenieur-Vereins, 5, 1873, Heft 1–6, S. 56. und für den Bahnbau mitverantwortlichen Betriebsingenieur Max Scherer († 1898), der auch einen Grundrissplan des Bades anfertigte, geborgen wurden. Weitere Grabungen unternahm zwischen 1878 und 1892 der Archäologiepionier Wilhelm Conrady (1829–1903), Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission, der auch Scherers Funde analysierte. Das Kastellinnere blieb seinerzeit allerdings weitgehend unerforscht, da dort ein Weingarten mit seiner Rebenbepflanzung jede weitere Untersuchung unmöglich machte.Walter Barthel: Die Erforschung des obergermanisch-raetischen Limes in den Jahren 1908–1912. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 6, 1910/1911 (1913), S. 114–181, hier: S. 153.
Neuere Untersuchungen, finanziert durch die Deutsche ForschungsgemeinschaftBernhard Beckmann: Zum ältesten römischen Limeskastell in Miltenberg-Altstadt, Landkreis Miltenberg, Unterfranken. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1989, S. 129–132, hier: S. 129. erfolgten unter der Leitung des Prähistorikers Bernhard Beckmann (1925–2011) in einzelnen Grabungskampagnen von 1970 bis 1976.Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: 750 Jahre Stadt Miltenberg, S. 39. Mit Unterstützung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege konnte der Archäologe sowohl vor als auch zwischen den Kampagnen ergänzende Untersuchungen durchführen. Neben dem Landesamt trug auch die Stadt Miltenberg nach Abschluss dieses Forschungsprojektes weitere kleinere archäologische Ausgrabungen in Miltenberg-Altstadt und Umgebung. Zu diesen Grabungen gehörten auch die Arbeiten des Prähistorikers Ludwig Wamser, der von 1988 bis 1990 im Altstadtkastell arbeitete.Bernhard Beckmann: Neuere Untersuchungen zum römischen Limeskastell Miltenberg-Altstadt. Lassleben, Kallmünz 2004, S. 17. Heute sind an der Porta principalis sinistra, an der Stelle der Porta principalis dextra und am Standort des Bades Informationstafeln aufgestellt worden. Die in vielen Bereichen noch unter landwirtschaftlich genutzten Flächen bezeugten Fundamente der römischen Garnison ist nur in den Bereichen der Praetentura, dem Vorderlager modern gestört. Alle anderen späteren Veränderungen entstanden durch die mittelalterliche Überbauung. Das Militärbad, das sich nur wenige Meter südöstlich des Kastells befand, ist ebenfalls im Gelände erhalten geblieben. Ein zugehöriger Vicus ist nachgewiesen, aber ebenfalls oberirdisch nicht sichtbar.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: 750 Jahre Stadt Miltenberg. Hrsg.: Stadt Miltenberg. Miltenberg 1987. S. 35–75, hier S. 40 ff.
Baugeschichte Mit der nach Osten geschobenen Vorverlegung des Grenzverlaufs auf den „Vorderen Limes“ während der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) und der archäologisch gesicherten Datierung um 159/160 n. Chr.Hans Schönberger: Das Römerkastell Öhringen-West (Bürgkastell). In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 53, 1972/1973, S. 233–296, hier: S. 291.Claus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 145.Bernhard Albert Greiner: Der Beitrag der Dendrodaten von Rainau-Buch zur Limesdatierung. In: Limes XX. Estudios sobre la frontera Romana. Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-96813-25-0, S. 1289.Bernd Becker: Fällungsdaten römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 386.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 und Abb. 84. entstand auch das Kastell Miltenberg-Altstadt. Der von langer Hand geplante Garnisonswechsel in die neuen Kastelle war eine organisatorische Meisterleistung, da hiervon letztendlich alle Militärstandorte entlang des Neckar-Odenwald-Limes betroffen waren. Für den Warentransport und das Baumaterial wurde vermutlich am nahen Main eine Schiffsanlegestelle errichtet. Neben den präzisen dendrochronologischen Daten und einigen wichtigen Inschriften zur allgemeinen zeitlichen Verortung des Vorderen Limes, können in Miltenberg-Altstadt als terminus post quem bisher lediglich Sigillaten aus Rheinzabern geltend gemacht werden, deren Produktion etwa um 130–140 n. Chr. begann.Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: 750 Jahre Stadt Miltenberg, S. 43–46. Die besondere strategische Lage, welche die Römer diesem Grenzbereich zukommen ließen, betont die gleichzeitige Anlage von zwei Kastellen in unmittelbarer Nähe und am selben Mainufer. Das Altstadtkastell ist mit seinem Pendant, dem Kastell Miltenberg-Ost, der südlichste Militärstandort am sogenannten „Nassen Limes“, und zugleich das nördlichste Kastell des „Vorderen Limes“. Am Altstadtkastell begann zudem die Militär- und Handelsstraße aus dem Maintal zum Rhein und zum Neckar.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 und Abb. 40.
Periode 1 Mit der Gründung um 159/160 n. Chr. entstand zunächst ein Lager in Holz-Erde-Bauweise. Damit wurde Miltenberg-Altstadt etwa zeitgleich mit dem Kastell Miltenberg-Ost gegründet,Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt. Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 36. das nur rund 2300 Meter südöstlich lag.
Nachdem bereits in den 1970er Jahren der Nachweis einer ersten Bauperiode für die Tortürme und des Fahnenheiligtums gelungen war, konnte diese Erkenntnis in den Jahren 1988/1989 auch für die Umfassungsmauer geltend gemacht werden. Die Holz-Erde-Mauer wurde rund einen Meter hinter der Steinmauer aufgedeckt. Die Ausgräber stellten dabei einen rund zwei Meter breiten Fundamentgraben fest, der kastenförmig knapp einen Meter eingetieft war und parallel zu der jüngeren Umwehrung verlief. An den längsverlaufenden Rändern des Kastenboden wurden beiderseits in regelmäßigen Abständen von 3,20 Metern größere Pfostengruben gesichert. Zwischen diesen waren kleine Gräben zu erkennen, in denen einst in geringen Abständen aufrecht stehende Hölzer eingelassen waren. Alles zusammen ergab eine Holzkastenbauweise der aufgehenden Wehrmauer, die mit Erde angefüllt wurde. Vermutlich wurde der Kasten von einem geböschten Rasensodenwall auf der Innen- und Außenseite gestützt. Das frühe Lager besaß eine sehr breite Berme mit wohl nur einen Spitzgraben, der mit einer verkleinerten Berme auch noch nach dem Ausbau des Steinkastells bestand. Bei den Grabungen kam eine emailverzierte Plattenfibel mit Backenscharnier aus der untersten Schicht der Gründungsphase zu Tage, die Beckmann vorsichtig der Mitte der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts zuordnete.Bernhard Beckmann: Zum ältesten römischen Limeskastell in Miltenberg-Altstadt, Landkreis Miltenberg, Unterfranken. In: Das Archäologische Jahr in Bayern, 1989, S. 129–132, hier: S. 130–132.
Periode 2 Der Ausbau des Kastells in Stein kann aufgrund fehlender Inschriften zeitlich nicht genauer festgelegt werden. Aus dem Ost-Kastell ist jedoch eine Bauinschrift in Teilen erhalten geblieben.. Die Inschrift bezeugt, dass dieses Steinkastell während der Regentschaft des Kaisers Septimius Severus (193–211) erbaut wurde. Genannt wird auch dessen Sohn und Nachfolger Caracalla. Die noch vorhandenen Angaben lassen es zu, den Text in die Jahre von 198 und 209 n. Chr. zu datieren, als die beiden gemeinsam regierten.Bernhard Beckmann: Die Römer in Miltenberg. In: Wilhelm Otto Keller, J. Leuner (Redaktion): 750 Jahre Stadt Miltenberg, 1237–1987. Beiträge zur Geschichte, Wirtschaft und Kultur einer fränkischen Stadt. Stadt Miltenberg, Miltenberg 1987, S. 47. Möglicherweise fällt damit auch der Steinausbau von Miltenberg-Altstadt in den gleichen Zeitraum. Für den Bau der steinernen Umfassungsmauer kann festgehalten werden, dass der dahinter liegende ältere Holz-Erde-Wall offenbar mit dem fortschreitenden Neubau Schritt für Schritt niedergelegt wurde und unter dem neuen Erddamm, der im Kastellinneren hinter der Steinmauer angelegt wurde, verschwand. So blieb die Garnison auch während des Umbaus nie vollständig ungeschützt. Diese Art des Umbaus ist auch von anderen Kastellplätzen bekannt.
Umwehrung mini|300px|Das Kastell Miltenberg-Altstadt mit den bis 1989 erzielten Grabungsergebnissen durch Max Scherer, der Reichs-Limeskommission und durch Bernhard Beckmann