ʿAqīqa (arabisch عقيقة) bezeichnet im Islam eine feierliche Begebenheit mit dem zeremoniellen Schlachten eines Opfertiers am siebten Lebenstag eines Neugeborenen sowie auch das Opfertier selbst. ʿAqīqa leitet sich vom arabischen Wort ‚aqqa‘ ab, was unter anderem ‚spalten‘, im Sinne von ‚schneiden‘, bedeutet. Die Festlichkeit umfasst so auch häufig die Rasur des Haupthaares des Kindes sowie, falls noch nicht erfolgt, die Namensgebung. ʿAqīqa ist eine Form von Sadaqa und ebenso sunna mu'akkada (bestätigte Sunna) und in der muslimischen Gemeinde sehr weit verbreitet.Bruinhorst, Gerard C. van de. 2018. “Translocality, Texts and Discourses: Ritual Transformations of Islamic Sacrifices in Tanzania.” In Translocal Connections Across the Indian Ocean: Swahili Speaking Networks on the Move, edited by Francesca Declich, 132–159. Leiden: Brill.

Ablauf

Datierung Die ʿAqīqa findet regulär am siebten Tag nach der Geburt des Kindes statt. Dieser Tag kann aufgrund unterschiedlichster Gegebenheiten verpasst werden, etwa familiärer Todesfälle, finanzieller Einschränkungen, Arbeitsverpflichtungen der Eltern oder einer späteren Konvertierung. Sie kann aber später nachgeholt werden.Juynboll, Th. W. 1913. “ʿAḳīḳa.” In Encyclopaedia of Islam, 1st ed., vol. 1, edited by Martijn Theodoor Houtsma, 326–327. Leiden: BrillAtar, Fahrettin. 1989. “Akîka.” In İslam Ansiklopedisi, vol. 2, 263–264. Reproduziert in: „Die Aqiqa-Opfergabe.“ Islam auf Deutsch. (Zugriff am 17. April 2026). Es gibt unterschiedliche Meinungen unter Gelehrten über die korrekte Neudatierung der ʿAqīqa, falls sie nicht am 7. Tag stattfindet, die meist mit einer Multiplikation der 7 Tage argumentiert: Einige schlagen vor, die ʿAqīqa stattdessen am 14. Tag, hiernach am 21. Tag, hiernach am 28. Tag und hiernach an einem beliebigen Tag durchzuführenAqiqa. In: Muslimehelfen, 22. Oktober 2011. Zugriff am 17. April 2026., andere wiederum halten jeden Tag nach Verpassen des 7. Tages für geeignet. Einige argumentieren, dass die ʿAqīqa spätestens bis zur Pubertät durchgeführt werden sollte, viele erlauben eine ʿAqīqa auch im Erwachsenenalter.

Rituelle Bestandteile Die ʿAqīqa weist mehrere Bestandteile auf, die nicht jeweils von allen bzw., in der gleichen Reihenfolge durchgeführt werden. Diese sind Bestandteile sind:

Dem Neugeborenen werden die Haupthaare rasiert. Das Gewicht des geschorenen Haares wird mit Silber oder Gold aufgewogen und der Gegenwert im Namen des Kindes an Bedürftige gespendet (sadaqa).Aubaile-Sallenave, Françoise. 2008. “ʿAqīqa.” In Encyclopaedia of Islam, 3rd ed., vol. 3, edited by Kate Fleet et al., 10. Leiden: Brill.Anas, Mālik ibn. 1989. Al-Muwaṭṭaʾ of Imam Mālik ibn Anas: The First Formulation of Islamic Law. Translated by Aisha Abdurrahman Bewley. London und New York: Kegan Paul International, S. 199Aqiqah. In: The Oxford Dictionary of Islam, edited by John L. Esposito. Oxford: Oxford University Press, 2003. online, Zugriff am 17. April 2026) Dem Kind wird ein Name gegeben.Birth Rites. In The Oxford Dictionary of Islam, edited by John L. Esposito. Oxford: Oxford University Press, 2003. (online, Zugriff am 17. April 2026) Es wird ein Tieropfer nach islamischen Regeln dargebracht. Das bedeutet, dass das Opfertier gesund und unverletzt sein muss und keine genetisch bedingten Behinderungen aufweisen darf. Das geschlachtete Tier darf nicht verkauft werden; seine Bestandteile sollen gegessen oder als Spende verteilt werden. Viele Gelehrte stimmen überein, dass als Tieropfer für ein Mädchen ein Schaf, für einen Jungen zwei Schafe geschlachtet werden, alternativ Ziegen, Widder oder Ähnliches.Rasanayagam, Johan: Islam in Post-Soviet Uzbekistan: The Morality of Experience. Cambridge: Cambridge University Press. 2010. S. 156 (Forschungsteilnehmende erklärten diesem Forscher in Usbekistan, dass für Mädchen nur ein Schaf geschlachtet wurde, da für sie auch ein Schaf bei ihrer Hochzeit (nikāḥ) geopfert werden sollte, welches also sozusagen aufgehoben werden sollte.) Dies trifft nur zu, wenn die Familie finanziell in der Lage ist, zwei Tiere zu opfern. Auch dieses Fleisch wird an Bedürftige gegeben. Die Schlachtung muss nicht selbst vollzogen werden. Wenn man sie nicht selbst vollziehen kann oder möchte, können Familien andere stellvertretend hiermit beauftragen. Viele islamische Hilfsorganisationen bieten die Möglichkeit an, das Opfertier für einen festgelegten Betrag (etwa zwischen 80 € und 100 €) gleich in einem anderen Land schlachten zu lassen und das Fleisch sowie den bezahlten Betrag vollständig zu spenden.Juynboll, Th. W. und J. Pedersen. 1960. “ʿAḳīḳa.” In Encyclopaedia of Islam, 2nd ed., vol. 1, edited by P. Bearman et al., 337. Leiden: Brillsiehe auch: Islamic Relief Deutschland. o. J. „Adak, Aqiqa, und Schukr-Kurban.“ (online, Zugriff am 17. April 2026)Barakah Charity. o. J. Akika/Nider. (online, Zugriff am 17. April 2026.Humanitarian Relief International. o. J. “Aqiqa-Kurban.” https://hri.ngo/de/donate/aqiqa-kurban (Zugriff am 17. April 2026) Taha, Ahmed: “عقيقة هنا في تنزانيا.” (YouTube) 2. Dezember 2017. (Zugriff am 17. April 2026, dies ist ein Beispiel für eine stellvertretend abgehaltene Schlachtung des Opfertiers.) Meist werden zur ʿAqīqa-Feier viele Freunde und Verwandte eingeladen. Hier wird auch oft zumindest ein Teil des Fleisches in einem gemeinsamen Mahl (walīma) geteilt. Das Tieropfer, sowie auch die ʿAqīqa an sich, werden als Form der Dankbarkeit gegenüber Allah für das neugeborene Kind interpretiert.

Fällt die ʿAqīqa in den Zeitraum des Ḥaddsch und des Opferfestes, so ist es erlaubt, die Pflichthandlung (Schlachten des obligatorischen Opfertieres) mit der Sunna-Handlung (ʿAqīqa) zu kombinieren.

Weitere Bestandteile des Rituals können die Einflüsterung des Gebetsrufs (adhān) in das rechte Ohr des Kindes und des zweiten Gebetsrufs (iqama) in das linke Ohr des Kindes sein oder das Füttern des Kindes mit einer durch einen Familienangehörigen vorgekauten Dattel bzw. Einreiben des Gaumens mit etwas Süßem (taḥnīk), Einölen bzw. Einmassieren mit speziellen Tinkturen und Salzen des Kindes.

Allgemein kann die ʿAqīqa als feierliches Willkommenheißen des Kindes in der Gemeinschaft oder auch zum Schutz und zur rituellen Reinigung des Kindes verstanden werden. Muslime schreiben dem Ritual unterschiedliche Bedeutungen zu und gewichten diese verschieden, während für einige die Dankbarkeit gegenüber Allah im Vordergrund steht, setzen andere die Nachfolge Mohammeds oder auch die Schutzwirkung für das Kind an vorderste Stelle.Bruinhorst, Gerard C. van de. 2007. ‘Raise Your Voices and Kill Your Animals’: Islamic Discourses on the Idd el-Hajj and Sacrifices in Tanga (Tanzania): Authoritative Texts, Ritual Practices and Social Identities. Doctoral dissertation, Amsterdam University. Amsterdam: Amsterdam University Press. (online, Zugriff am 23. April 2026)

Die ʿAqīqa gehört zu den Pflichten des Vaters, kann aber auch von anderen, etwa dem Großvater, vorgenommen werden.

Ursprünge Es scheint bereits in vorislamischer Zeit entsprechende Geburtsrituale in den Ursprungsregionen des Islam gegeben zu haben – manche führen die Tradition auf den Propheten Abraham zurück – welche zumindest zum Teil Einfluss auf das Verhalten des Propheten Mohammed, der sie in modifizierter Form fortführte, und die entsprechende Darstellung in den Hadithen hatten. Besonders in frühen Lexikoneinträgen wird erwähnt, dass in jener Zeit das Nutzen des Blutes des Opfertieres zur Benetzung und Befeuchtung des Kopfhaares des Kindes gebräuchlich war, was jedoch für die islamische ʿAqīqa abgelehnt wird.Al-Fauzān, Ṣāliḥ. o. J. „Aqiqah (Schlachten eines Opfertieres für das Neugeborene, auch: das Opfertier selbst).“ Islam Fatwa. (online), Zugriff am 17. April 2026

Regionale Variationen Je nach lokaler Ausprägung kann die ʿAqīqa von einem kleinen, eher privaten Familienfest bis zu einer großen Festivität mit Musik, Tanz und vielen Teilnehmenden rangieren. Der genaue Ablauf, der Ort und die Ausgestaltung des Tages sind dann je regional oder lokal sozial und kulturell geprägt. Lokale Bräuche und Traditionen, etwa andere religiöse und spirituelle Praktiken oder sozio-familiäre Netzwerke, können einen starken Einfluss auf die genaue Gestaltung sowie die Datierung der ʿAqīqa haben. Der Einfluss von modernistischen, stark skriptural ausgerichteten Lehren ab dem 20. Jahrhundert hat vielerorts zu Vereinheitlichungen der ʿAqīqa bzw. auch zu stärkeren Forderungen nach der ‚korrekten‘ Ausübung dieser geführt.

Es findet sich auch heute in einigen Regionen, wie etwa dem Gebiet des heutigen Palästina, generell dem Nahen und Mittleren Osten oder den Maghreb-Staaten, in unterschiedlichen Formen und Bedeutungen das Benetzen des Kindskopfes mit dem Blut des Opfertiers, etwa zur Vertreibung des Bösen. Diese Praxis erfährt jedoch umfängliche Ablehnung unter islamischen Gelehrten. Teilweise werden Substitute, etwa auf Kräuter- oder Gewürzbasis, bspw. Saffran-Öle (khalūq), verwendet.

Unter besonderen äußeren Umständen kann die ʿAqīqa teils oder komplett in den privaten, eng familiären Raum verlegt werden. Etwa wenn Muslime in dem Islam gegenüber politisch repressiven Staaten, die die Religionsausübung in der Öffentlichkeit verbieten, wie etwa in der früheren Sowjetunion, leben.Lepa, Ege: The ‘Tatar Way’ of Understanding and Practising Islam in Estonia. In: Studia Orientalia Electronica 8 (2): 75. 2020. doi:10.23993/store.82938.

Da heutzutage in vielen Ländern schon vor dem 7. Lebenstag ein Name gewählt und etwa in ein Geburtsregister eingetragen werden muss, kann bei der ʿAqīqa der Name von den Eltern anstatt festgelegt, feierlich bekanntgegeben werden.

In von der Schafiʿi-Schule geprägten Regionen, etwa in Tansania oder Indonesien, taucht die ʿAqīqa auch immer wieder als Trauerfeier bzw. Begräbnisritus anstatt eines Geburtsritus auf. Wenn ein Kind in jungem Alter verstirbt, finden ähnliche ritualisierte Praktiken statt, etwa die Schlachtung eines Schafs und ein gemeinsames Mahl. Dieses Ritual dient dem Andenken an das verstorbene Kind.

Religiöse Grundlage Grundlagen für die ʿAqīqa finden sich ausschließlich in der Sunna des Propheten Mohammed sowie den Hadithen. Da der Prophet selbst diese Festlichkeiten durchgeführt hatte, soll die Durchführung der ʿAqīqa durch gläubige Muslime ein Nachahmen seiner Taten ermöglichen.

Es ist eine auszuführende Sunna-Handlung, die je nach Möglichkeit stark empfohlen wird (mustahabb), allerdings wird das Unterlassen aufgrund von Nichtwissen oder weil die finanziellen Mittel fehlen, nicht bestraft. Es gibt unter Gelehrten und islamischen Predigern unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Durchführung tatsächlich Pflicht ist oder nicht. Dementsprechend werden auch gegenüber praktizierenden Muslimen in verschiedenen Formaten wie etwa Texten islamischer Jurisprudenz, aber auch Online-Ratgebern, Blogs, oder Hotlines unterschiedliche Angaben gemacht. Wird die ʿAqīqa als Pflicht angesehen, wird oft argumentiert, dass ein Neugeborenes durch die ʿAqīqa verpfändet sei und die Durchführung das Kind befreie, welches zuvor untrennbar mit der ʿAqīqa verbunden sei und durch sie mit Segen (baraka) versehen werde, oder dass es hiernach in der Lage sein werde, bei Allah für seine Eltern am Jüngsten Tag (qiyamah) Fürsprache einzulegen, sollte es vor ihnen versterben.siehe diese populären der Salafi-Schule zuzurechnenden Online-Da’wa-Kanäle: Huda TV. 2020. What Are the Rulings on ‘Aqeeqah’ for a Baby, How, When and Why # Huda TV. (YouTube), 29. März. Zugriff am 17. April 2026; Habibiflo Dawah Production: Aqiqa nachholen bei Konvertierung? (YouTube) 23. November 2021. Zugriff am 17. April 2026; Habibiflo Dawah Produktion: Ist Aqiqa Pflicht und kann man es nachholen? Opfertier für Neugeborenes. (YouTube) 1. Dezember 2025. Zugriff am 17. April 2026; Assimalhakeem: Can Aqeeqah Be Done on 14 or 21 If Missed 7th day? Can I Do it Myself If Parents Didn’t Assimalhakee. (YouTube) 10. März 2020. Zugriff am 17. April 2026

ʿAqīqa in der Forschung