Die Hamburger Burschenschaft Germania ist eine pflichtschlagende und farbentragende Studentenverbindung in Hamburg. Die rechtsextreme Burschenschaft ist Mitglied des Korporationsverbandes Deutsche Burschenschaft (DB) und gehört als einzige Hamburger Burschenschaft der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) innerhalb der DB an. Stand 2022 wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

Couleur und Wahlspruch Die Farben sind gold-rot-schwarz mit goldener Perkussion, die Fuchsenfarben rot-schwarz mit goldener Perkussion. Der Wahlspruch lautet Ehre, Freiheit, Vaterland.

Geschichte 1919 bis 1945 Schon bei der Gründung des Hamburger Kolonialinstitutes entstanden Pläne innerhalb der Hamburger Vereinigung Alter Burschenschafter (VAB) zur Gründung einer Burschenschaft in Hamburg, falls das Kolonialinstitut zur Universität erhoben würde. Durch den Ersten Weltkrieg verzögert, erfolgte die Gründung schließlich durch Senatsbeschluss am 19. März 1919. Noch vor der eigentlichen Eröffnung am 10. Mai 1919https://www.uni-hamburg.de/uhh/profil/geschichte.html gründeten Mitglieder der VAB Hamburg am 19. April 1919 die Hamburger Burschenschaft Germania.Paulgerhard Gladen: Gaudeamus igitur: Die studentischen Verbindungen einst und jetzt. Callwey, München 1986, S. 217. Am 8. August 1919 wurde die Germania sofort, und da sie von Burschenschaftern gegründet war, ohne Probezeit, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen. Zahlreiche Mitglieder der VAB Hamburg traten ihr als Alte Herren bei, und bereits im Sommersemester 1925 konnte ein erstes Verbindungshaus in der Bogenstraße erworben werden. Die Germania entwickelte sich zu einer der stärksten Hamburger Verbindungen und verfügte im Wintersemester 1930/31 bereits über mehr als 100 Alte Herren und mehr als 50 Aktive und Inaktive.Michael Doeberl (Hrsg.): Das akademische Deutschland, Bd. 2: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger, Berlin 1931, S. 828.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Germania 1935 in den NSDStB überführt, was jedoch 1936 wieder rückgängig gemacht wurde. Germania bestand in der Folgezeit gemeinsam mit den anderen Hamburger Burschenschaften Hansea, Alemannia Straßburg und Askania als Kameradschaft Otto von Bismarck im NS-Studentenbund weiter.Bernhard Grün: Zwischen Fronteinsatz und Freiheitsklang - Studententum und Kameradschaftswesen im Nationalsozialismus (Historia academica - Schriftenreihe der Studentengeschichtlichen Vereinigung des Coburger Convents Bd. 57), Würzburg 2019, S. 72 Der Kameradschaft gehörte unter anderem der Angehörige der Weißen Rose Hamburg und Widerständler Albert Suhr an. Im Zweiten Weltkrieg fielen 20 Mitglieder der Germania. Bei einem Bombenangriff auf Hamburg wurde 1943 das Germanenhaus zerstört.

Nachkriegszeit Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging das Aktivenleben ab 1947 zuerst im Akademischen Kreis Universität Hamburg weiter. 1949 bildeten die Altherrenschaften der Germania Hamburg sowie der aus Ostdeutschland bzw. der SBZ vertriebenen Burschenschaften Arminia Breslau und Germania Halle den Ostwestdeutschen Bund. Nachdem sich Arminia Breslau wieder davon gelöst und der in Bonn wiedereröffneten Alten Breslauer Burschenschaft angeschlossen hatte, bildete Germania zunächst ab 1953 mit der aus Kartell-Burschenschaft Germania Halle einen Fusionsbund (Halle-Hamburger Burschenschaft Germania), ehe Germania Halle 1959 eine eigenständige Aktivitas in Mainz eröffnete. Seitdem trägt die Hamburger Burschenschaft Germania wieder ihren Gründungsnamen.Hans-Georg Balder: Die deutschen Burschenschaften. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, Hilden 2005, S. 204. Die durch den Zweiten Weltkrieg dezimierte Altherrenschaft der vergleichsweise jungen Burschenschaft wurde durch Bandverleihungen an alte Burschenschafter (u. a. 1956 an Hermann Oeser) aus der VAB Hamburg verstärkt.

1961 war die Germania Mitgründerin der Burschenschaftlichen Gemeinschaft in der Deutschen Burschenschaft, welche.‹Sie schlagen sich Schmisse ins Gesicht – denn auf dem Hintern sieht man’s nicht›. In: Antifaschistisches Infoblatt, 15. April 2005 1986 hatte die Germania den Vorsitz der Deutschen Burschenschaft inne. 1993 gründeten Mitglieder der Hamburger Germania und der Erlanger Frankonia in Halle/Saale die Burschenschaft Franco-Germania, die nach beiden Bünden benannt wurde. Diese fusionierte 1999 mit der Alten Leobener Burschenschaft Germania zu Clausthal zur heutigen Halle-Leobener Burschenschaft Germania. Mit dieser unterhält die Hamburger Germania bis heute ein Freundschaftsverhältnis.

Seit 2000 Auf dem Burschentag 2006 beantragte die Germania, die „burschenschaftlich-politische Ausrichtung“ „neu auszurichten“. Es brauche eine „offensive Unterstützung der Volkstumsarbeit in Gebieten deutscher Minderheiten“, insbesondere in den „deutschen Ostgebiete[n]“. Es gehe auch um „eine Zurückdrängung weiterer Multikultisierung“ der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs „durch weitere Zuwanderung und Aufnahme von Flüchtlingen kulturferner Herkunft“. Es brauche „eine Umkehr der demographischen Katastrophe aufgrund stetigen Geburtenrückgangs“. Schließlich hätten Burschenschafter zukünftig „Widerstand“ zu leisten gegen die „Gesinnungsdiktatur der sog. Political Correctness“.Burschenschaftliche Lebenswelten. In: Antifaschistisches Infoblatt, 4. September 2011.

Die Hamburger Burschenschaft Germania ist weiterhin Mitglied im Korporationsverband Deutsche Burschenschaft, wo sie 2016 den Vorsitz hatte. Sie gehört als einzige Hamburger Burschenschaft der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) an. Im Geschäftsjahr 2012/13 hatte sie den Vorsitz der BG inne.Hamburger Burschenschaft Germania: Verdacht auf rechtsextremistische Bestrebungen. Behörde für Inneres und Sport, 16. Mai 2014

Verbindungshaus Das Germanenhaus war das Verbindungshaus der Germania in der Sierichstrasse 23.Alice Brauner-Orthen: Die Neue Rechte in Deutschland: Antidemokratische und rassistische Tendenzen. Leske + Budrich, Wiesbaden 2001, S. 109 Es wurde 1959 erworben.Andreas Speit: Alte braune Herren. In: taz, 17. Januar 2009 In der Villa trafen sich die Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front. Anfangs war das rechtsextreme Deutsche Rechtsbüro im postalischen Umfeld der Burschenschaft angesiedelt.Rudolf Kleinschmidt: Die Rechte und das Recht. In: Stephan Braun/Alexander Geisler/Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten: Hintergründe – Analysen – Antworten, S. 365 Das Haus diente der Identitären Bewegung als Treffpunkt.Felix Krebs: Wehrsport mit Burschenschaftlern. In: Zeit Online, 3. Februar 2017. Im Frühjahr 2022 verkaufte die Burschenschaft das Haus nach langjährigen Streitigkeiten mit der Nachbarschaft.Andreas Speit: Burschenschaft Germania zieht weg - Ausgegrölt In: taz, 16. Juni 2022 Stattdessen wurde das Haus Jüthornstraße 104 in Hamburg-Marienthal bezogen.Alexander Josefowicz: Widerstand gegen rechtsextreme Burschenschaft in Marienthal In: Hamburger Abendblatt, 6. Januar 2023 Auch das neue Haus wird vom Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg als „rechtsextremistische Immobilie“ geführt; auch der Trägerverein, das „Studentenwohnheim Harry Lange e.V.“, unterliegt der Beobachtung des LfV Hamburg.

Auswärtige Verhältnisse Gemeinsam mit der Burschenschaft Frankonia Erlangen und der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz bildet die Hamburger Burschenschaft Germania das Schwarz-Weiß-Rote Kartell, eine Gemeinschaft gleichgesinnter Burschenschaften, die sich als ein Bund an drei Hochschulorten verstehen.Verfassungsschutzbericht 2016 des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz, S. 177 (PDF) Weiterhin unterhält sie Freundschaftsverhältnisse mit der Burschenschaft Olympia Wien und der Halle-Leobener Burschenschaft Germania.

Politische Einordnung

1970–1993 Anfang der 1970er-Jahre orientierte sich die Germania an der NPD, zu der es auch personelle Überschneidungen gab. Ende der 1980er-Jahre wurde darüber hinaus eine intensive Freundschaft mit der als radikal geltenden Wiener Akademischen Burschenschaft Olympia begonnen.Karsten Broockmann: Burschenschaft Germania: Rechte Parolen im Internet. In: Hamburger Abendblatt, 28. August 2000. Die Germania warb – wie die Olympia – mit dem Flugblatt für sich: „Bist Du hässlich oder fremd im Lande, bist Du von linksliberaler Gesinnung gepeinigt, hast Du den Wehrdienst verweigert oder eine Freundin, die weder schön noch still ist (…), dann bleib lieber zu Hause“.Andreas Speit: Wegschauen geht nicht. In: haGalil, 15. November 2005Andreas Speit: Schöne Freunde. In: taz, 30. Juni 2003 In den 1990er-Jahren traf sich der Hamburger Leserkreis der Jungen Freiheit (JF), der Hamburger Kreis (HK), regelmäßig im Germanenhaus und lud namhafte Referenten der extremen Rechten zu Schulungen ein. Die Radikalisierung des HK und seine Beobachtung durch den Verfassungsschutz führte dazu, dass sich die JF von ihr formell trennte. Bis 1993 war der Führer der später verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei in Hamburg Sprecher der Burschenschaft und machte das Verbindungshaus zur Zentrale der Partei.Christoph Ruf: Burschenschaft mit Wind in den Segeln. In: taz, 22. Februar 2000Dietrich Heither: „in irgendeiner Form national oppositionell“ – Ansichten, Akteure und Aktivitäten der 'deutschen Burschenschaft'. In: Wolfgang Gessenharter/Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte – eine Gefahr für die Demokratie? VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2013, S. 123

Das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz schrieb 1993 in einem internen Bericht: „Aus ihrer Ablehnung der Demokratie und ihrer Befürwortung des Führerprinzips machen viele Germanen kein Hehl.“ Zu jener Zeit beobachtete der Hamburger Verfassungsschutz (VS) gemeinsame Wehrsportübungen von Mitgliedern der Schülerverbindung „Teutonia Hamburgia“, der „Germania“ und Neonazis.Andreas Speit: Braune Burschen. In: taz, 14. Juni 2003Alexander Hüsing: Rechtsweg nicht ausgeschlossen. In: Spiegel Online, 22. Juni 2001. Bis zur Erwähnung im Verfassungsschutzbericht wurde die Burschenschaft seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.Verfassungsschutz beobachtet Hamburger Burschenschaft. In: Spiegel Online, 16. Mai 2014

2014–2020: Zeitweilige Nennung in Verfassungsschutzberichten Die Verbindung wurde seit 2014 jährlich im Verfassungsschutzbericht aufgeführt. „Diktion und Tenor ihrer Veröffentlichungen [im Kontext des Flüchtlingsthemas] unterschieden sich kaum von Internetveröffentlichungen rechtsextremistischer Parteien und Gruppierungen.“Verfassungsschutzbericht 2015 des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz, S. 182 (PDF)Verfassungsschutzbericht 2014 des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz, S. 163 (PDF) Ende 2015 lud die Aktivitas der Germania die rechtsextreme Identitäre Bewegung ein, sich an ihren Wehrsportübungen zu beteiligen

„So wurden am 5. März 2016 von der Nachbarschaft und später auch von eintreffenden Polizeibeamten nicht nur erheblicher Lärm, sondern auch mehrfach „Sieg Heil“-Rufe vernommen, die von einer Personengruppe herrührten, die offenbar im Verbindungshaus der „HB! Germania“ feierte“. Dem Militärischen Abschirmdienst ist die Germania als eine „rechtsextremistische Burschenschaft“ bekannt.Andreas Speit: Dubioses Doppelmitglied. In: taz, 9. Mai 2017

Im April 2018 hat die Germania beim Verwaltungsgericht Hamburg Klage gegen die Nennung im Verfassungsschutzbericht eingereicht.Andreas Speit: Germania klagt gegen den Geheimdienst In: taz, 8. November 2018 Mit Beschluss vom 14. Dezember 2020 lehnte das Gericht den Antrag ab und erklärte die Nennung zunächst für rechtmäßig.

Später wurde die Nennung der Hamburger Burschenschaft Germania im Hamburger Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2020 mit einem Urteil des Verwaltungsgerichts Hamburg im April 2024 für rechtswidrig erklärt und eine Weiterverbreitung untersagt.