Das Ölgemälde Friedrich Wilhelm IV. in seinem Arbeitszimmer ist ein Herrscherporträt des preußischen Hofmalers und Porträtisten Franz Krüger. Es veranschaulicht das monarchische Selbstverständnis des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Der König inszeniert sich in dem Gemälde als Herrscher von bürgerlichem Zuschnitt und Kunstliebhaber. Der Raum spiegelt dabei sein christlich-ständisches Staatskonzept wider.
Neben dem Original des Bildes, das Friedrich Wilhelm IV. dem Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel schenkte und das heute Eigentum des Mindener Museums ist, wurden noch zwei Kopien angefertigt, von denen eine verschollen ist und die andere zum Bestand des Deutschen Historischen Museums in Berlin gehört.
Historischer Kontext Das Herrscherporträt im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Jacques-Louis David: Napoleon in seinem Arbeitszimmer Die deutschen Monarchen des 19. Jahrhunderts hatten mit einem grundlegenden kulturellen und sozialen Wandel zu kämpfen: Ihre Herrschaft war im Zuge der Aufklärung, Französischen Revolution und Napoleonischen Kriege in fundamentale Kritik geraten. In den Herrscherporträts wurde zunehmend zwischen den Rollen des Staatsoberhaupts und der Privatperson unterschieden. Die Darstellungen bekamen somit zum Teil auch intime und private Züge.Andrea M. Kluxen: Das Ende des Standesporträts. Die Bedeutung der englischen Malerei für das deutsche Porträt von 1760 bis 1848. Fink, München 1989, S. 108. Folglich entstand neben den lebensgroßen Herrscherporträts, die in den repräsentativen Räumen der Schlösser ihren Platz fanden, eine Reihe von kleinformatigen Bildern, die genrehaft das Familienleben des Königshauses priesen oder den Herrscher pflichtbewusst bei der Arbeit zeigten. Diese Art der Selbstdarstellung griff „die bürgerliche Trennung zwischen ‚privater‘ und ‚dienstlicher‘ Sphäre“ auf und gestaltete den „Herrscher nach dem Bilde des Bürgers“.Rainer Schoch: Das Herrscherbild in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Prestel, München 1975, S. 107. In diesen Zusammenhang gehört als eine der frühesten Darstellungen des Herrschers an seinem Schreibtisch das 1812 gemalte Porträt Napoleon in seinem Arbeitszimmer von Jacques-Louis David, dem im 19. Jahrhundert ähnliche Darstellungen anderer Herrscher folgten,Rainer Schoch: Das Herrscherbild in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Prestel, München 1975, S. 108. Weitere Beispiele solcher Schreibtischbilder sind Joseph Stieler: König Max I. Joseph am Schreibtisch von 1814 und Friedrich Amerling: Kaiser Franz I. von Österreich am Schreibtisch von 1833, Schoch S. 109. unter anderem das Gemälde Friedrich Wilhelms IV. in seinem Arbeitszimmer.
Verhältnis Friedrich Wilhelms IV. zur Porträtkunst Für den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) stellte die Kunst ein „Visionen stiften[des]“ Mittel dar, so die Historikerin Renate Franke. Mit Hilfe der Kunst glaubte er bildungspolitisch auf das Volk einwirken zu können, um es für sein „romantisch-ideal gedachtes Königtum“ zu gewinnen.Renate Franke: Lieber unfeierlich als unehrlich. Friedrich Wilhelm IV. und Franz Krüger im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit. In: Hans-Joachim Giersberg (Hrsg.): Friedrich Wilhelm IV. Künstler und König. Fichter, Frankfurt am Main 1995, S. 112–118, hier: S. 113. Friedrich Wilhelm IV. zeigte sich den modernen medialen Möglichkeiten seiner Zeit aufgeschlossen. Er ließ Lithografien mit Abbildungen seiner Familienmitglieder in zehntausendfacher Anfertigung drucken. Die bildliche Vervielfältigung trug erheblich dazu bei, dass die Monarchie auch in den entlegenen Regionen Preußens Präsenz demonstrieren konnte. So entwickelte sich das Bild des Herrschers in Preußen zu einem Symbol, mit dessen Besitz viele Menschen ihre patriotische Haltung zum Ausdruck bringen wollten.David E. Barclay: Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Monarchie. Siedler, Berlin 1995, S. 174–175.
Entstehungsgeschichte Franz Krüger als preußischer Hofmaler mini|hochkant|Franz Krüger: Friedrich Wilhelm IV., 1844, lebensgroßes Porträt mini|hochkant|Franz Krüger: König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, 1837, lebensgroßes Porträt Franz Krüger galt seit den 1820er Jahren als „bekanntester Maler des Berliner Biedermeier“ und genoss aufgrund seiner Reiter- und Pferdegemälde bereits hohes Ansehen.Frank-Lothar Kroll: Monarchie und Gottesgnadentum in Preußen 1840–1861. In: Peter Krüger, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Der verkannte Monarch. Friedrich Wilhelm IV. in seiner Zeit. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1997, S. 45–70, hier: S. 45. Im Jahr 1824 erhielt Krüger – wohl unter Vermittlung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm – den Auftrag, 18 Porträts von den Angehörigen der königlichen Familie anzufertigen. Krüger setzte sich dabei über übliche höfische Standards hinweg. Die Porträtierten erschienen zwar vor einer repräsentativen Kulisse von Säulen und Vorhängen, trugen aber keine symbolischen Abzeichen ihrer hohen Stellung. Der Künstler rückte in den Brustbildnissen vor allem die individuellen Gesichtszüge in den Vordergrund. Auf diese Weise entstanden Ansichten, die eine intimere Atmosphäre ausstrahlten.Renate Franke: Lieber unfeierlich als unehrlich. Friedrich Wilhelm IV. und Franz Krüger im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit. In: Hans-Joachim Giersberg (Hrsg.): Friedrich Wilhelm IV. Künstler und König. Fichter, Frankfurt am Main 1995, S. 112–118, hier: S. 114. Der regierende König Friedrich Wilhelm III. belohnte den Künstler dafür mit der Ernennung zum Hofmaler.Renate Franke: Lieber unfeierlich als unehrlich. Friedrich Wilhelm IV. und Franz Krüger im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit. In: Hans-Joachim Giersberg (Hrsg.): Friedrich Wilhelm IV. Künstler und König. Fichter, Frankfurt am Main 1995, S. 112–118, hier: S. 116.
Zu Krügers Reihe der um 1824 entstandenen Bildnisse gehört das Porträt des damaligen Kronprinzen, der als Friedrich Wilhelm IV. seinem Vater nachfolgen sollte. Krüger zeigte den Kronprinzen vor dem im Bau befindlichen Königlichen Museum (heute Altes Museum) und unterstrich damit die Interessen des Porträtierten für Architektur und bildende Künste.Franz Krüger: Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) von Preußen, um 1825, Schwarze Kreide und Deckweiß auf hellbraun getöntem Papier, 26,4 × 24,3 cm, SPSG, GK II 970. In: Helmut Börsch-Supan: Katalogteil Der Maler Franz Krüger: 1797–1857. Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt, S. 123. Zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. im Jahr 1840 malte Krüger von 1840 bis 1843 das große Historienbild Die Huldigung Friedrich Wilhelms IV. im Berliner Lustgarten am 15. Oktober 1840.In: Helmut Börsch-Supan: Katalogteil Der Maler Franz Krüger: 1797–1857. Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt, S. 194–195. Ebenfalls von Krüger ließ sich der neue König im Jahre 1841 im Gemälde Parade des 2. Preußischen Infanterieregiments vor Friedrich Wilhelm IV. in Stettin darstellen.Dargestellt ist der Besuch des Königs im Herbst 1840 in Stettin. Das Gemälde wurde 1841 von Krüger fertiggestellt und war 1842 in der Berliner Akademie-Ausstellung zu sehen. Der König schenkte das Bild der Garnison in Stettin, seit 1945 ist es verschollen. Nach dem Gemälde entstand eine Lithographie von Friedrich Jentzen. In Helmut Börsch-Supan: Katalogteil Der Maler Franz Krüger: 1797–1857. Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt, S. 192. Hierin ist Friedrich Wilhelm IV. hoch zu Ross in Uniform porträtiert, während er begleitet von anderen Militärreitern eine Parade abnimmt. Das als Tondo ausgeführte Bild zeigt im Hintergrund die Schlosskirche von Stettin. 1842 bis 1844 entstand ebenfalls als Tondo das Porträt Friedrich Wilhelm IV., in dem Krüger den König als Brustbild zeigt. Von diesem Bildnis entstanden zwei Varianten, eines mit Schloss Charlottenhof und eines mit Schloss Sanssouci im Hintergrund.Das Tondo mit Schloss Charlottenhof im Hintergrund befand sich ehemals im Schloss Sagan, die Variante mit Schloss Sanssouci im Hintergrund ist im Eigentum des Hauses Hohenzollern. In Helmut Börsch-Supan: Katalogteil Der Maler Franz Krüger: 1797–1857. Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt, S. 193.
Erst 1844 ließ sich der König von Krüger als lebensgroßes Ganzporträt malen. Das Gemälde Friedrich Wilhelm IV. zeigt den König in der Uniform eines Generals der Infanterie, stehend im Park von Sanssouci mit dem Neuen Palais im Hintergrund.Franz Krüger: Friedrich Wilhelm IV., 1844, 275 × 188 cm, SPSG, GK I 896. In Helmut Börsch-Supan: Katalogteil Der Maler Franz Krüger: 1797–1857. Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt, S. 206. Es folgt dem bereits für Friedrich Wilhelm III. von Krüger umgesetzten Typus der repräsentativen Monarchendarstellung und stellt die dynastische Kontinuität in den Vordergrund.Helmut Börsch-Supan: Katalogteil. In: Der Maler Franz Krüger: 1797–1857. Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt. Deutscher Kunstverlag, München 2007, S. 206. Auffällig ist die stets vorhandene Architektur in Krügers Bildnissen der Könige, die in der Innenarchitektur des Gemäldes Friedrich Wilhelm IV. in seinem Arbeitszimmer des Berliner Schlosses von 1846 ihre Fortsetzung findet.
Entstehungshintergrund Das Gemälde Friedrich Wilhelm IV. in seinem Arbeitszimmer entstand auf Wunsch Friedrich Wilhelm Bessels, des mit dem König befreundeten Direktors der Königsberger Sternwarte. Der todkranke Bessel wandte sich im November 1845 brieflich an den Naturforscher Alexander von Humboldt, um zu erfahren, ob es möglich sei, ein Gemälde des Königs zu erhalten. Humboldt, der am königlichen Hof das Amt eines Ersten Kammerherrn innehatte, besprach den Wunsch mit Friedrich Wilhelm IV., der daraufhin Franz Krüger mit der Anfertigung des Gemäldes beauftragte.Renate Franke: Lieber unfeierlich als unehrlich. Friedrich Wilhelm IV. und Franz Krüger im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit. In: Hans-Joachim Giersberg (Hrsg.): Friedrich Wilhelm IV. Künstler und König. Fichter, Frankfurt am Main 1995, S. 117.Ilse Foerst-Crato: Das Bild Friedrich Wilhelm IV. im Mindener Heimatmuseum. In: Mindener Heimatblätter. Jahrgang 36, 1964, S. 228–232, hier: S. 228 (Digitalisat). Am 16. Februar 1846 kündigte Friedrich Wilhelm IV. Bessel in einem persönlichen Brief an, ihm das Gemälde zu schenken. Es zeige ihn „im Überrock, ungeknöpft und am Tische lehnend, wie [er] Bekannte in [seinem] Cabinet zu empfangen pflege“.
Die Anregung zur Komposition des Bildes stammte von Bessel selbst: „Ein König kann nur in ganzer Figur dargestellt werden, nicht im Brustbilde; der König von Preussen nur in täglicher Kleidertracht, nicht im Festgewande, denn diese Darstellungsart erinnert an die Feierlichkeit, weniger an den König, …“Hans-Joachim Felber (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Friedrich Wilhelm Bessel (= Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung. Band 10). Akademie Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-05-001915-8, S. 205 (Brief Bessel an Humboldt vom 1. November 1845). Das Motiv des Herrschers in seinem Arbeitsumfeld, das das fertiggestellte Gemälde bestimmen sollte, war seit Napoléon üblich geworden. Daran hatte schon König Friedrich Wilhelm III. angeknüpft. Er ließ sich 1828 in dem heutigen Berliner Kronprinzenpalais „am Schreibtisch sitzend“ porträtieren. Wahrscheinlich diente diese Darstellung Krüger als Vorbild. Bei den Porträts dieser Epoche sollte laut Cohn trotz des „bürgerlichen Zug[es]“ „Stand und Stellung“ der dargestellten Person betont und „die Idee seines Staates“ verkörpert werden. Daher wurden Ganzkörperporträts bevorzugt.Margarete Cohn: Franz Krüger. Leben und Werke. Breslau 1909, S. 39 (Digitalisat).
Exemplare mini|hochkant|Schabkunstblatt von Friedrich Oldermann nach dem Gemälde von Franz Krüger