Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei ist ein politisches Sachbuch des deutsch-türkischen Journalisten und Autors Deniz Yücel (geboren 1973). Neben einem Abriss der türkischen Geschichte behandelt es die Zivilgesellschaft während der Proteste in der Türkei 2013 und danach sowie eigene Erlebnisse des Autors. Der Buchtitel greift die Parole „Taksim ist überall – Widerstand ist überall“ auf, die während der Gezi-Park-Proteste entstand.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 89. Der Hamburger Verlag Edition Nautilus veröffentlichte das Buch 2014 in der Reihe „Nautilus Flugschrift“.
Nachdem Yücel am 14. Februar 2017 in der Türkei inhaftiert worden war, erschien im April 2017 eine überarbeitete Solidaritätsausgabe. Yücel wurde am 16. Februar 2018 nach 367 Tagen aus der Haft freigelassen. Er widmete das Buch dem Jugendlichen Berkin Elvan, der als Unbeteiligter während der Proteste verletzt wurde und nach neun Monaten im Koma im März 2014 starb.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 4 (unpaginiert).
Entstehung und Veröffentlichungen mini|hochkant|Autor Deniz Yücel (2014)
Deniz Yücel war Redakteur der tageszeitung (taz), als er das Buch schrieb. „Du musst kommen“, forderte ihn eine Freundin in einer E-Mail auf, als der Aufstand begonnen hatte, „das İstanbul, das du kennst, gibt es nicht mehr.“Deniz Yücel: Warum ich in İstanbul bin. In: Ders.: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 219–222, hier S. 222 (überarbeitete Fassung einer Kolumne in der taz vom 19. Juni 2013). Yücel folgte ihrer Aufforderung. Er wollte vier Tage bleiben, daraus wurden sechs Wochen.Die taz auf der Leipziger Buchmesse 2014: „Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei“ von Deniz Yücel, Video bei vimeo.com, abgerufen am 28. März 2018 (12:27 Minuten, Angabe über die Dauer des Aufenthalts bei 0:37 – 0:26, mit Lesung aus dem 15. Kapitel). Nach dem Tag der Räumung des Gezi-Parks beobachtete er, wie zehntausende Menschen zum Taksim-Platz durchzukommen versuchten, mit Tränengas angegriffen wurden, und wie „eine mit Knüppeln bewaffnete Gruppe von AKP-Leuten aus Kasımpaşa kam und vor den Augen der Polizei auf Menschenjagd ging“.Deniz Yücel: Warum ich in İstanbul bin. In: Ders.: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 219–222, hier S. 219 (überarbeitete Fassung einer Kolumne in der taz vom 19. Juni 2013). Für die Recherchen ein halbes Jahr später erhielt Yücel ein Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung; seine Bewerbung dafür unterstützte das Literarische Colloquium Berlin.Deniz Yücel: Teşekürler. In: Ders.: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 223. Während seiner Recherchen in İstanbul und anderen Städten in der Türkei sprach er mit mehr als hundert Menschen.
Taksim ist überall erschien 2014, gegen Ende des Jahres war die erste Auflage vergriffen. Obwohl der Verlag das Buch als grandios ansah, entschied er sich gegen eine weitere Auflage, nachdem die Nachfrage gesunken war. Yücel nahm bereits Überarbeitungen und Aktualisierungen vor, die jedoch für die folgende Auflage 2017 nicht autorisiert werden konnten, weil der Verlag während seiner Haft nicht mit ihm Kontakt aufnehmen konnte. Die Nachrichtenübermittlung übernahmen seine Anwälte und seine Schwester, die ihn im Gefängnis besuchen durften. Yücel nannte in der Haft Freunde, die sich der Überarbeitung annahmen. Doris Akrap (taz), Daniel-Dylan Böhmer (Die Welt) und Özlem Topçu (Die Zeit) schrieben gemeinsam das Vorwort der Sonderausgabe und riefen weitere Kollegen zu Hilfe, die jeweils ein Kapitel auf nötige Aktualisierungen prüften. Innerhalb kurzer Zeit war die neue Ausgabe abgeschlossen. Die Solidaritätsausgabe erschien im April 2017. Je verkauftem Exemplar geht zusätzlich zum ursprünglich vereinbarten Honorar ein „Solidaritätseuro“ an Yücel. Der Verlag bedankte sich für deren finanzielle Unterstützung bei der Druckerei Beltz und der Tageszeitung Die Welt, „die diese Neuauflage erst ermöglicht“ hätten.Verlagsangaben zum Buch auf der Website der Edition Nautilus, abgerufen am 5. März 2018.
Inhalt Das Sachbuch ist in 16 Kapitel gegliedert. Dem Inhalt der Solidaritätsausgabe von 2017 sind eine Vorbemerkung des Verlags und ein Vorwort von Doris Akrap, Daniel-Dylan Böhmer und Özlem Topçu vom März 2017 vorangestellt. Der Danksagung (Teşekürler) Yücels an seine Eltern, Freunde und Kollegen sowie weitere Unterstützer am Ende des Buchs folgt ein Abkürzungsverzeichnis der genannten Parteien, Institutionen und Organisationen.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 5 (Vorbemerkung des Verlags), S. 6–8 (Vorwort der Solidaritätsausgabe), S. 223 (Teşekürler), S. 224 (Abkürzungsverzeichnis der Parteien, Institutionen & Organisationen).
1. Taksim: Ein politischer Platz
Yücel beschreibt seine frühesten Beziehungen zum Taksim-Platz: ein Foto seines Urgroßvaters Alim bei seinen Eltern, ein weiteres, das Deniz Gezmiş zeigte, nach dem ihn seine Eltern benannten, und das am Atatürk-Kulturzentrum am Taksim-Platz angebracht war. Er erinnert an den 1. Mai 1977, als dort eine halbe Million Menschen die Rede Kemal Türklers hörten, als mindestens 34 Menschen durch Schüsse von umliegenden Gebäuden oder tödliches Gedränge in einer Nebengasse ums Leben kamen. Der Platz wurde zum „Heiligtum der Linken“, doch ist er auch für Islamisten bedeutsam. Für sie geht es um die unter Selim III. erneuerte Topçu-Kaserne, auf deren Fläche der Gezi-Park angelegt wurde, wofür auch der armenische Friedhof eingeebnet wurde.
Recep Tayyip Erdoğan will die Kaserne, deren Besatzung am 31. März 1909 gegen die Jungtürken revoltierte, rekonstruieren lassen, wobei er widersprüchliche Angaben über eine Nutzung macht. Ein Historiker der Universität Istanbul stellt fest, dass dieses Datum seinen Erstsemestern so geläufig ist wie kein anderes aus der Geschichte des Osmanischen Reichs. Für Kemalisten sei es ein Tag des Sieges der fortschrittlichen Kräfte über die Reaktion, für die Islamisten sei es der Beginn einer hundert Jahre währenden Bevormundung durch das Militär. Für sie sei der Taksim-Platz der symbolische Ort dieser Niederlage. In der Interventionsarmee, die den Aufstand 1909 niederschlug, kämpfte Yücels Urgroßvater Alim.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 9–36.
2. Gezi: Der Park der Anderen
Wie jeder soziale Aufstand sei die Gezi-Bewegung völlig überraschend gekommen, stellt Yücel fest. Zwischen Ende Mai bis Ende September 2013 entwickelte sich das „Gezi-Gefühl“. Es war weiblich: An den Protesten nahmen nach Angaben der türkischen Polizei zur Hälfte Frauen teil, womöglich mehr als 50 Prozent. Über soziale Netzwerke verbreiteten sich Aufnahmen, die zu Ikonen des Widerstands wurden, Fotos von Frauen, denen Pfefferspray ins Gesicht gesprüht wurde, die sich mit offenen Armen vor den Strahl eines Wasserwerfers stellten. Das „Gezi-Gefühl hat Humor“, der sich in Tweets, Sprechchören und Graffiti ausdrückte und die Herrschenden der Lächerlichkeit preisgab. Das „Gezi-Gefühl ist jung“: 40 Prozent der Gezi-Park-Demonstranten waren laut einer repräsentativen Umfrage der İstanbul Bilgi Üniversitesi zwischen 19 und 25 Jahre alt, weitere 26 Prozent im Alter von 26 bis 30 Jahren. Für 53 Prozent der Demonstranten war es die erste Teilnahme an einer politischen Aktion. Hätte nicht Ministerpräsident Erdoğan die Bewegung als çapulcu bezeichnet und Verschwörungstheorien über Hintermänner entwickelt, wäre die Polizei nicht bereits am 29. Mai 2013 brutal gegen wenige hundert schlafende Besetzer im Gezi-Park vorgegangen, sondern hätte Erdoğan seine Pläne aufgegeben, wäre es nicht zu Straßenkämpfen gekommen, meint Yücel.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 37–56.
3. Tarlabaşı: Das Kurdistan im Herzen der Stadt
An den Fliegenden Händlern von Istanbul zeige sich Glanz und Elend des Kapitalismus, schreibt Yücel. Mehrheitlich sind die Händler Kurden, darunter achtjährige Kinder. Der 17-jährige Mithat aus dem Stadtteil Tarlabaşı hat während der Proteste zeitweilig mitgemacht, weil er sich vom Staat als Bürger zweiter Klasse behandelt fühlt. Tarlabaşı ist dem Verfall ausgesetzt, doch nun entsteht „das neue Tarlabaşı“. Anfang 2013 wurden dafür 278 Gebäude abgerissen, von denen 210 unter Denkmalschutz standen. Für viele Bewohner ist es nicht die erste Vertreibung: In den 1990er Jahren wurden nach einem Bericht des türkischen Parlaments 2663 kurdische Dörfer geräumt, andere Institutionen nennen mehr als 3000 und 4000 Dörfer.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 57–71.
4. Cihangir: Die Promis von nebenan
Auf Yücels Frage, ob sich den Protesten so viele Künstler und Schauspieler anschlossen, weil ohnehin so viele Menschen auf der Straße gewesen seien, oder ob sich so viele Menschen den Protesten anschlossen, weil so viele Prominente mitmachten, gibt ihm die Schauspielerin Zuhal Şener die Antwort. Beides sei richtig. Die Menschen hätten sich einerseits ermutigt gefühlt, wenn sie im Fernsehen ihre Serienhelden gesehen hätten, andererseits wohnten viele Schauspieler in der Nähe des Parks im Stadtteil Cihangir. Sie hätten sich, nachdem die Polizei Zelte der Demonstranten angezündet hatten, in einer Art Telefonkette untereinander benachrichtigt.
Andere Künstler wie der Pianist Davide Martello, der abends sein Klavier auf den Platz brachte und spielte, seien erst durch die Proteste populär geworden. Die Proteste hatten Konsequenzen: Die Rundfunkgesellschaft TRT setzte zwei Fernsehserien ab, deren Mitwirkende die Proteste unterstützten.
Als erster Schriftsteller verarbeitete Ahmet Ümit mit Beyoğlu ’nun En Güzel Abisi (Der schönste Bruder von Beyoğlu) die Ereignisse in einem Roman, der im Herbst 2013 herauskam. Ihm warfen Kritiker vor, er habe aus Gezi Kapital schlagen wollen. Ümit berichtet, der Roman sei fast fertig gewesen, Gezi habe er folglich eingearbeitet – denn „wie hätte ein Roman ausgesehen, der im Jahr 2013 in Beyoğlu spielt, aber nicht auf Gezi eingeht?“. „Verrückt oder feige.“Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 77–82 (Zitate S. 79).
5. Beşiktaş: Ein Viertel und sein Fußballclub
Für die Mitglieder von Çarşı, den Fanclub des Fußballvereins Beşiktaş Istanbul, brachte ein Polizeieinsatz einige Wochen vor den Gezi-Park-Protesten das Fass zum Überlaufen: Die Polizei versperrte den Fans den Weg zum letzten Spiel ihres Vereins im İnönü Stadı vor dem Abriss des Stadions. Es kam zu heftigen Straßenkämpfen. Bei den Gezi-Park-Protesten war ihre Ecke mit Zelten die lauteste, bei den Aufmärschen ihr Block der fröhlichste – und im Park versuchten sie, für die Sicherheit aller Beteiligten zu sorgen und Streitigkeiten zu schlichten.
Onur, zu Beginn der Proteste 28 Jahre alt, Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester, kündigte fristlos sein Arbeitsverhältnis bei einer Bank, die mit der AKP Präsident Erdoğans eng verbunden ist. Sein Vater warnte ihn, sich zu beteiligen, es bringe nichts, „wir haben uns jahrelang mit Politik beschäftigt und nichts erreicht“. Onur entgegnete: „Ich bin auf den Barrikaden, weil ihr keinen Erfolg hattet.“ Der Vater meldete sich später wieder, zeigte sich besorgt, aber auch stolz: „Macht, was wir nicht geschafft haben – macht aus diesem Land eine echte Demokratie.“
Im September 2013 entstand eine weitere Fangruppe des Vereins, 1453 Kartaları (1453 Adler). Sie gibt an, unpolitisch zu sein, doch wird vermutet, dass sie von der AKP gesteuert wird. 1453 ist das Jahr, in dem Istanbul zur neuen Hauptstadt des Osmanischen Reichs wurde.Deniz Yücel: Taksim ist überall. 2. Auflage, Hamburg 2017, S. 83–96 (Zitate S. 87, S. 88).
6. Nişantaşı: Die Çapulcu-Bürger