mini|Tanz-Aufführung zum Hıdrellez-Tag 2017 in Chișinău, Republik Moldau mini|Musiker mit Zurna und Davul auf einem Hıdrellez-Fest in Istanbul Hıdrellez (Namensvarianten: Hıdırlez, Hıdırellez, Hederlez, Edirlez) ist ein Frühlingsfest, das am 6. Mai vor allem bei verschiedenen Turkvölkern gefeiert wird. Der Termin des Festes entspricht dem 23. April und damit dem Georgstag des Julianischen Kalenders. Der Name für das Fest geht auf eine Kombination der Namen der beiden Heiligen al-Chidr und Elias zurück, die sich der Überlieferung zufolge an diesem Tag regelmäßig treffen sollen. Die UNESCO hat Ende 2017 das Hıdrellez-Fest in der Türkei und in Nordmazedonien in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.Spring celebration, Hıdrellez. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2017. Das Hıdrellez-Fest ist nicht mit dem im Prinzip gleichnamigen Chidir-Liyās-Fest der Jesiden zu verwechseln, das im Februar gefeiert wird.

Verbreitung

In der Türkei ist das Fest in ganz Anatolien verbreitet. Es wird sowohl von den sunnitischen Türken gefeiert, als auch von schiitischen Gruppierungen wie den Aleviten und Tahtacı. Daneben ist das Hıdrellez-Fest auch bei den Krimtataren in der Ukraine und in der Dobrudscha, bei den Gagausen in der Republik Moldau sowie den Muslimen in Nordmazedonien und im Kosovo verbreitet. Die auf der Balkanhalbinsel lebenden Roma begehen das Fest ebenfalls und besingen es mit ihrem Volkslied Ederlezi. Während im Kosovo das Fest in Städten und Dörfern begangen wird, beschränkt es sich in Anatolien auf die ländlichen Gegenden.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 168.

Durch Migrationsbewegungen ist das Hıdrellez-Fest mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum angekommen. In dem 2012 abgeschlossenen Staatsvertrag zwischen der Stadt Hamburg und der Alevitischen Gemeinde Deutschland wird es als alevitischer Feiertag anerkannt.Vertrag zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg und der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. Artikel 3, Absatz 1.

Kalendarische Bedeutung Der heutige Termin des Hıdrellez-Festes, das in vielen Regionen schon am Abend des 5. Mai beginnt, liegt ungefähr am Mittelpunkt der Zeitperiode vom Frühlingsäquinoktium am 20./21. März und der Sommersonnenwende am 21. Juni.

Übereinstimmung mit dem Georgstag Das Hıdrellez-Fest wurde vor Einführung des Gregorianischen Kalenders in der Türkei am 23. April gefeiert und entspricht somit dem Georgstag. Die Übereinstimmung der beiden Tage wurde schon von dem byzantinischen Kaiser Johannes VI. Kantakuzenos (gest. 1383) beobachtet. Er erklärt in einem seiner apologetischen Werke, dass der Heilige Georg „auch von den Muslimen verehrt wird, von denen er allerdings Χετηρ ’Hλίαζ genannt wird.“Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 159. Bei den orthodoxen Kirchen, die bis heute am Julianischen Kalender festhalten, besteht die terminliche Übereinstimmung bis heute weiter.

Hıdrellez als Jahresteiler im türkischen Volkskalender mini|Der Frühuntergangspunkt der Plejaden markierte in vielen Kulturen den Beginn des Sommers und ist Grundlage des Hıdrellez-Tags. Der Hıdrellez-Tag gilt im türkischen Volkskalender als Anfang der Sommerzeit, die sich von diesem Tag bis zum 7. November (julian. 26. Oktober), dem sogenannten Kasım-Tag, erstreckte. Der November wird deswegen im Türkischen auch Kasım genannt. Die Unterteilung des Jahres mit Hilfe dieser beiden Daten, Chidr- und Kasım-Tag, lässt sich anhand von osmanischen Archivquellen weit zurückverfolgen. Sie geht auf einen alten, in verschiedenen Kulturen nachweisbaren Volkskalender zurück, der sich nach dem heliakischen Auf- bzw. Untergang der Plejaden richtet.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 83f.

Mit Hilfe der Daten von Frühaufgang und Frühuntergang der Plejaden teilte man bereits in der Antike das Jahr astronomisch in zwei Abschnitte, Sommer und Winter, ein. Nach Hesiod sollte der Bauer beim Frühaufgang der Plejaden mit der Ernte beginnen, beim Frühuntergang mit dem Pflügen. Die Verwendung der Plejaden zur Bestimmung des Kalenders bot sich deswegen an, weil sich ihre Auf- und Untergänge im Gegensatz zu den Äquinoktien im Frühling und Herbst nicht nur berechnen, sondern auch leicht beobachten ließen. Die beiden wichtigsten Daten des Plejadenlaufs, Frühuntergang und Spätaufgang, gingen als Georgstag (23. April) und Demetriustag (26. Oktober) auch in den byzantinisch-christlichen Kalender ein und erfüllten noch dort die gleiche Funktion der Jahresteilung.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 84.

Bei den frühen Türken Zentralasiens spielte die Beobachtung der Plejaden ebenfalls eine essentielle Rolle bei der regelmäßigen Anpassung des Mondkalenders an das Sonnenjahr. Nach Louis Bazin gehen beide Daten, Kasım und Hıdrellez, auf den alttürkischen Plejadenkalender zurück, der sich später bei den anatolischen Türken mit der griechisch-christlichen Tradition der Jahresteilung vermischte.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 85.

Dauer Der eigentliche Hıdrellez-Tag ist der 6. Mai, die Nacht davor ist die Hıdrellez-Nacht. Im Kosovo beginnen die Feierlichkeiten bereits am 5. Mai morgens. In der Dobrudscha werden mehrere Handlungen erst am Freitag nach dem Fest, der Hıdırlez Cuması oder auch Tepreš genannt wird, vorgenommen. Die häuslichen Vorbereitungen für das Fest beginnen allerdings lange Zeit (im Kosovo einen Monat) vorher. Für die notwendigen Ausgaben wird Geld beiseitegelegt.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 168f.

Vorstellungen Zusammenkunft von Chidr und Elias Allgemein liegt dem Fest die Vorstellung zugrunde, dass in der Hıdrellez-Nacht Chidr und Elias ein jährliches Treffen abhalten. Die Stelle, an der die beiden Gestalten zusammentreffen, ist nach verbreiteter Ansicht ein Rosenstock. Zur Sicherung der eigenen Gesundheit soll man deshalb in der Hıdrellez-Nacht vor Anbruch des Morgens einen seiner persönlichen Gegenstände oder an einem Stofffetzen befestigte Kopf- oder Barthaare an einen Rosenzweig binden, wobei gleichzeitig eine Gebetsformel gesprochen werden muss. In der Umgebung von Bursa kennzeichnen die einzelnen Familienmitglieder ihr Geld, stecken es in einen Beutel und hängen es in dieser Nacht an einen Rosenstock oder legen es an seine Wurzel. Am folgenden Tag nimmt jeder sein Geld aus dem Beutel wieder heraus und legt es in die eigene Geldbörse zurück. Wer an diesem Brauch teilnimmt, soll in seinem Leben nie in finanzielle Schwierigkeiten geraten.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 169.

Nach einer anderen Überlieferung soll die Zusammenkunft von Chidr und Elias irgendwo an der Küste, dort also, wo Meer und Festland aufeinandertreffen, stattfinden. Yaşar Kemal, der diesem Fest in seinem 1971 veröffentlichten Roman Bin Boğalar Efsanesi (Das Lied der tausend Stiere) ein literarisches Denkmal gesetzt hat, gibt ein Bild von den Vorstellungen, die sich um die Hidrellez-Nacht ranken:

Hıdrellez als Chidr-Fest Zwar setzt sich Hıdrellez eigentlich aus zwei Namen zusammen, doch beziehen sich fast alle der Vorstellungen, die mit diesem Fest zusammenhängen, allein auf Chidr. Er soll den Orten, die er in der Hıdrellez-Nacht durchstreift, Heil und Segen verleihen. Nach verbreitetem Glauben besucht er an Hıdrellez auch die Häuser der Menschen. Aus diesem Grund versucht man, verschiedene Methoden anzuwenden, um das, was sich an Speisen, Getränken, Hab und Gut in den Häusern befindet, von ihm segnen zu lassen. Zum Beispiel lässt man Gefäße mit Speisen, Speicherräume und Geldbörsen unverschlossen. Haus und Garten werden gründlich gereinigt, weil Chidr nach allgemeiner Vorstellung unsaubere Häuser nicht aufsucht. In einigen Gebieten werden die Häuser sogar rundum neu getüncht. Auch die Kleidung muss sauber und ordentlich sein. Gewöhnlich kaufen Familienväter ihren Frauen und Kindern für das Hıdrellez-Fest neue Kleidung und Schuhe.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 169.

Nach den Hıdrellez-Tagen hört man üblicherweise einige Geschichten darüber, dass Chidr dieses oder jenes Haus besucht oder bestimmte Wunder gewirkt habe. Gewöhnlich bleiben einige Personen in der Hoffnung, eine Begegnung mit Chidr zu erlangen und seinen Segen zu erhalten, in der Hıdrellez-Nacht bis zum Morgen auf und gehen auf Feldern und Wiesen spazieren oder verbringen die Zeit mit Andacht und Gebet.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 169f.

Im Osmanischen Reich wurde das Hıdrellez-Fest meist einfach nur Rūz-i Ḫızır (Chidr-Tag) genannt. Der osmanische Sufi İsmail Hakkı Bursevî (gest. 1725) setzt dieses Fest explizit zu der vegetativen Kraft al-Chidrs in Beziehung. So schreibt er in einem seiner Werke:

Bräuche Festmähler und Feiern mini|Hıdrellez-Feiern im Freien in der Nähe von Elmalı (Antalya) In vielen Gegenden Anatoliens ist es Brauch, zum Hıdrellez-Fest ein Lamm zu schlachten und daraus ein Festmahl für die Familie und die Freunde zu bereiten. Gewöhnlich schickt man von den Speisen auch etwas an die Familien der Armen. Bei den anatolischen Aleviten findet am Hıdrellez-Tag ein Semah statt. Man besucht die Gräber der Verwandten und bringt Speisen für ihre „Geister“ (ruhlar) mit. Verschiedene Bektaschi-Dichter haben für den Hıdrellez-Tag spezielle Gedichte verfasst.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 168f.

Bräuche zur Wunscherfüllung An Hıdrellez werden üblicherweise viele Bittgebete gesprochen, denn an diesem Tag gesprochene Gebete werden nach verbreitetem Glauben immer erhört. Diejenigen, die sich etwas wünschen, gehen in der Hıdrellez-Nacht in den Garten und betreiben imitative Magie: wenn sie ein Haus wünschen, bauen sie das Modell eines Hauses, wenn sie Feld oder Garten wünschen, bearbeiten sie an einer Stelle den Boden, stecken Grünzeug hinein und stellen so das Modell des Gartens her. Wenn sie sich Geld wünschen, schneiden sie kleine, runde Papierschnipsel und stecken sie in einen Beutel. Mit diesen Symbolen teilen sie Chidr ihre Wünsche mit. Damit die ausgesprochenen Wünsche in Erfüllung gehen, gibt man Almosen und spricht Gelübde (adak). Diese Gelübde müssen „bei Chidr“ (Hızır hakkı için) geleistet werden. In verschiedenen Gebieten Anatoliens pflegt man die eigenen Wünsche über das Wasser dem Chidr zukommen zu lassen. Jeder schreibt diejenigen Dinge, die er haben möchte oder in seinem Leben zu erreichen wünscht, auf einen Zettel. Später wirft er diesen je nach dem Ort, an dem er sich befindet, in einen Bach, ins Meer oder in einen Fluss. In einigen Küstengegenden fährt man sogar mit Booten aufs Meer hinaus und streut die Zettel auf die Wellen, damit sie schneller zu Chidr gelangen, der dann, so der Glaube, die Wünsche in Erfüllung gehen lässt.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 170.

Orakelbräuche In der Umgebung von Balıkesir, Bursa und Bergama wird am Hıdrellez-Morgen mit dem Saft von unreifen Beeren ein Teig hergestellt und in zwei Klumpen aufgeteilt, von denen einer „Ja-Teig“ (Var Hamuru), der andere „Nein-Teig“ (Yok Hamuru) genannt wird. Anschließend beobachtet man, welcher der beiden Teigklumpen schneller aufgeht, und entscheidet danach, ob man in diesem Jahr bestimmte Anschaffungen tätigen soll oder nicht. Verbreitet ist auch ein Zwiebel-Orakel, bei dem zwei Zwiebelhalme am Vorabend des Hıdrellez-Tages mit Fäden gekennzeichnet werden, und am Morgen geschaut wird, welcher von beiden Halmen mehr gewachsen ist. Entsprechend soll das Jahr gut oder schlecht werden.Franke: Begegnung mit Khidr. 2000, S. 170.