Die Ode an Aphrodite (auch Lied auf der Scherbe) ist ein lyrisches Gedicht der antiken griechischen Dichterin Sappho. In allen wesentlichen Sammlungen der erhaltenen Fragmente von Sapphos Gedichten wird sie als Nummer 1 verzeichnet.In diesem Artikel wird die Nummerierung der Sappho- und Alkaios-Ausgabe von Voigt 1971 verwendet. In dem Text bittet das lyrische Ich, das sich als Sappho selbst zu erkennen gibt, die Liebesgöttin Aphrodite um Hilfe und fleht die Gottheit an, sie möge dafür sorgen, dass ein von der Sprecherin geliebtes Mädchen ihre Gefühle erwidert.

Als eines von wenigen Gedichten Sapphos ist das Werk vollständig erhalten, nur an zwei Stellen gibt es Unsicherheiten hinsichtlich der Textgestalt. Es ist umstritten, wie ernst das Werk gemeint ist, da zumindest einige Teile beabsichtigten Humor zu beinhalten scheinen. Das Gedicht ist in der archaischen Sprache Homers abgefasst und spielt auf Episoden der Ilias an.

Überlieferung Überlieferungswege Die Ode an Aphrodite war lange Zeit das einzige bekannte weitgehend vollständig erhaltene Werk der Sappho, bis durch die Publikation neuer Papyrusfunde im Jahr 2004 auch ihr Gedicht über Tithonos nahezu komplett bekannt wurde.William Harris: Sappho: The World of Lesbian Poetry (Kopie der Seite auf wayback.archive-it.org, abgerufen am 21. April 2018). Ihre Überlieferung bis in die Moderne verdankt sie der Tatsache, dass der spätere antike Geschichtsschreiber Dionysios von Halikarnassos den gesamten Text in seiner Abhandlung Περὶ Συνθέσεως Ὀνομάτων (Über die Anordnung der Wörter) als Beispiel für den „glatten, feinen“ (γλαφυρά) Stil der griechischen Literatur zitiert hat.Warren Castle: Observations on Sappho’s To Aphrodite. In: Transactions and Proceedings of the American Philological Association. Band 89, 1958, S. 66–76, hier S. 67. Zur deutschen Übersetzung von γλαφυρά vgl. Gregor Staab: Satzlehre im Rahmen der klassischen Rhetorik. In: Ulla Fix, Andreas Gardt, Joachim Knape (Hrsg.): Rhetorik und Stilistik. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 31,2). Teilband 2, Mouton De Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-017857-9, S. 1498–1514, hier S. 1505. Dieses Werk wiederum ist nämlich in mehreren Handschriften überliefert. Teile der ersten 21 Zeilen von Sapphos Gedicht fanden sich darüber hinaus in einer Abschrift aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. auf einem Papyrus aus Oxyrhynchos, dem „Papyrus Oxyrhynchus 2288“.Renate Schlesier: Loving, but not Loved: The New Kypris Song in the Context of Sappho’s Poetry. In Anton Bierl, André Lardinois: The Newest Sappho: P. Sapph. Obbink and P. GC inv. 105, frs.1–4. Brill, Leiden 2016, ISBN 978-90-04-31483-2, S. 376.Diane Rayor, André Lardinois: Sappho: A New Translation of the Complete Works. Cambridge University Press, Cambridge 2014, ISBN 978-1-107-02359-8, S. 97.

In hellenistischen Sammlungen von Sapphos Werken war die „Ode an Aphrodite“ wohl der am Anfang des ersten Buches stehende Text.Der antike griechische Grammatiker Hephaistion zieht die Ode an Aphrodite heran, um die Gedichtform der sapphischen Strophe in seinem Handbuch der Verslehre zu demonstrieren. Dies wird allgemein darauf zurückgeführt, dass sie das erste Gedicht im ersten Buch der alexandrinischen Sammlung ihrer poetischen Werke gewesen sei (das nur Gedichte in sapphischen Strophen beinhaltete).John J. Winkler: The Constraints of Desire. Routledge, New York 1990, ISBN 0-415-90122-7, S. 166. Da sie mit dem Wort „Ποικιλόθρον“ beginnt, muss sie außerhalb der restlichen Reihenfolge des Buches 1 gestanden haben, in dem die sonstigen Gedichte nach ihrem Anfangsbuchstaben alphabetisch sortiert waren.Dirk Obbink: Ten Poems of Sappho: Provenance, Authority, and Text of the New Sappho Papyri. In: Anton Bierl, André Lardinois: The Newest Sappho: P. Sapph. Obbink and P. GC inv. 105, frs.1–4. Brill, Leiden 2016, ISBN 978-90-04-31483-2, S. 42. Mit sieben Strophen ist die Ode das längste erhaltene Fragment des ersten Buches von Sapphos Werken.Dirk Obbink: Ten Poems of Sappho: Provenance, Authority, and Text of the New Sappho Papyri. In: Anton Bierl, André Lardinois: The Newest Sappho: P. Sapph. Obbink and P. GC inv. 105, frs.1–4. Brill, Leiden 2016, ISBN 978-90-04-31483-2, S. 34.

Unsicherheiten in der Lesung Obwohl das Gedicht allgemein als vollständig erhalten gilt, gibt es zwei Stellen, an denen die Lesung unsicher ist. Die erste ist das erste Wort des Gedichtes, ein Attribut, mit dem die Göttin Aphrodite näher charakterisiert wird: Einige Manuskripte von Dionysios’ Werk schreiben es „Ποικιλόφρον“ („mit buntem/vielfarbigem Sinn/Verstand“, wohl im Sinne von „mit vielerlei Gedanken“ oder auch „listenreich“Robert Renehan: Ποικιλόθρονος in Sappho: The First Word of Poem 1. In: Alan L. Boegehold u. a. (Hrsg.): Studies presented to Sterling Dow on his Eightieth Birthday. Duke University, Durham (North Carolina) 1984, S. 255–258, hier S. 256.), andere Handschriften sowie der Oxyrhynchus-Papryus überliefern es als „Ποικιλόθρον“ („buntthronend“ im Sinne von „auf einem vielfarbigen Thron sitzend“). Diese zweite Variante könnte auf die Götterstatuen anspielen, die zu Lebzeiten Sapphos, in der Archaik, üblich waren. Auf ihnen waren die Gottheiten sitzend dargestellt; außerdem waren die Kunstwerke bunt angemalt.William Harris: Sappho Poem 1: Translation and Transliteration (Kopie der Seite auf wayback.archive-it.org, abgerufen am 13. Mai 2018). Diese Lesart ist die üblichere und wird in den Standard-Editionen (Lobel/Page und Voigt) verwendet.Dimitrios Yatromanolakis: Review: Fragments, Brackets, Poetics: On Anne Carson’s „If Not, Winter“. In: International Journal of the Classical Tradition. Band 11, Nummer 1, 2004, S. 271. Hutchinson und Renehan führen als Argument dafür an, dass es im Rückblick wahrscheinlicher ist, dass „–θρον“ zu „–φρον“ verderbt wurde als umgekehrt.G. O. Hutchinson: Greek Lyric Poetry: A Commentary on Selected Larger Pieces. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 0-19-924017-5, S. 151. Renehan betont darüber hinaus, dass die Bedeutung „(bunt)thronend“ inhaltlich besser an den Anfang des Gedichtes passe, da die Aphrodite damit als Kontrast zu ihrem herbeigeflehten raschen Erscheinen als ruhend und aktuell untätig dargestellt werde.Robert Renehan: Ποικιλόθρονος in Sappho: The First Word of Poem 1. In: Alan L. Boegehold u. a. (Hrsg.): Studies presented to Sterling Dow on his Eightieth Birthday. Duke University, Durham (North Carolina) 1984, S. 255–258, hier S. 257 f. Anne Carson hält trotzdem die Lesart „Ποικιλόφρον“ für wahrscheinlicher.Anne Carson: If Not, Winter: Fragments of Sappho. Vintage Books, New York 2003, ISBN 0-375-72451-6, S. 357. Rayor und Lardinois folgen in ihrer 2014 veröffentlichten Edition zwar der Lesart „Ποικιλόθρον“, weisen aber darauf hin, dass es schwierig sei, in dieser Frage eine Entscheidung zu treffen. Michael C. J. Putnam hat sich in einem 1960 veröffentlichten Aufsatz für die Lesart „Ποικιλόθρον“ entschieden, aber eine alternative Erklärung dieser Vokabel zur Diskussion gestellt: Ihm zufolge leitet sie sich nicht von „θρόνος“ („Thron“) her, sondern von „θρόνα“, einem selten belegten Wort für „Blumen“ oder auch für mit Blumen und Blüten verzierte Textilien. „Ποικιλόθρον“ wäre demnach nicht als „buntthronend“, sondern als „mit bunten Blüten verziert“ zu übersetzen.Michael Putnam: Throna and Sappho 1.1. In: The Classical Journal. Band 56, Nummer 2, 1960, S. 79–83. Vgl. die Übersetzung von Jim Powell: The Poetry of Sappho. Oxford University Press, Oxford/New York 2007, ISBN 978-0-19-532671-0, Übersetzung auf S. 3 („artfully adorned“) und Kommentar auf S. 51. Ebenso Reinhold Merkelbach: ἀγλαόθρονοϛ. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 11, 1973, S. 160. Zur genauen Übersetzung von -θρόνα siehe die Ausführungen zum Artemis-Beinamen Protothronia in: Helmut Engelmann: Artemis Protothronia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 117, 1997, S. 18 (PDF). Auch dieser Deutung wurde widersprochen, etwa von Robert Renehan: Man müsse davon ausgehen, dass die Griechen der Zeit Sapphos bei der Bezeichnung „Ποικιλόθρον“ direkt an die deutlich häufigere und weiter verbreitete Vokabel „θρόνος“ für „Thron“ dachten und nicht etwa an die ungebräuchliche und vermutlich nur in der frühen griechischen Sprache überhaupt genutzte Bezeichnung „θρόνα“ für Blumen oder Blütenmuster.

Das zweite Überlieferungsproblem findet sich in Zeile 19, wo die Manuskripte mit dem Gedichttext entstellt sindJohn J. Winkler: The Constraints of Desire: The Anthropology of Sex and Gender in Ancient Greece. Routledge, New York 1990, ISBN 0-415-90123-5, S. 168. und der Papyrus am Beginn der Zeile ebenfalls beschädigt ist.Keith Stanley: The Role of Aphrodite in Sappho Fr. 1. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies. Band 17, Nummer 4, 1976, S. 305–321, hier S. 313. Die dort stehende Nachfrage der Aphrodite, wessen Liebe das lyrische Ich begehrt, ist daher durch die verschiedenen Herausgeber leicht unterschiedlich emendiert worden.

mini|hochkant|Römische Kopie der Aphrodite von Knidos des griechischen Bildhauers Praxiteles

Inhalt und Hintergrund Die Ode ist als Gebet an die griechische Liebesgöttin Aphrodite abgefasst, die das lyrische Ich um die Aufmerksamkeit einer nicht namentlich genannten Frau bittet.A. Cameron: Sappho’s Prayer to Aphrodite. In: Harvard Theological Review. Band 32, Nummer 1, 1939, S. 1–17, hier S. 1. Als sprechende Person tritt Sappho selbst auf – es handelt sich um eine von vier erhaltenen Stellen, an denen sich die Dichterin selbst namentlich nennt.Margaret Williamson: Sappho’s Immortal Daughters. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1995, S. 56. Dass die geliebte Person weiblich ist, geht lediglich aus einem einzigen Wort hervor, dem weiblichen „εθελοισα“ („wollend“, „wenn sie will“) in Zeile 24. Diese Lesung, die erstmals 1835 durch Theodor Bergk vorgeschlagen wurde, wurde bis in die 1960er Jahre nicht völlig anerkannt,Joan DeJean: Fictions of Sappho. 1989, S. 319 f. wird aber heute in der Forschung allgemein akzeptiert.Margaret Williamson: Sappho’s Immortal Daughters. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1995, S. 51.

Sappho bittet Aphrodite, diese möge die Schmerzen ihrer unerwiderten Liebe zu diesem Mädchen lindern.M. C. Howatson, Ian Chilverrs (Hrsg.): Oxford Concise Companion to Classical Literature. Oxford University Press, Oxford 1993, ISBN 978-0-19-282708-1, S. 479. Um sie zu überzeugen, ruft die Dichterin eine ähnliche Situation aus der Vergangenheit in Erinnerung, in der die Liebesgöttin nach einer Anrufung erschienen war und Sappho mitgeteilt hatte, dass die Angebetete sie später umgekehrt „verfolgen“, also begehren werde.Anne Giacomelli: The Justice of Aphrodite in Sappho Fr. 1. In: Transactions of the American Philological Association. Band 110, 1980, S. 135–142. Vgl. die deutsche Übersetzung: Sappho: Gedichte. Griechisch-deutsch hrsg. und übersetzt von Andreas Bagordo (Sammlung Tusculum). Artemis & Winkler, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-538-03507-2, S. 50. Nach diesem eingeschobenen Rückblick auf die frühere Erscheinung der Gottheit schließt das Gedicht mit einer weiteren Anflehung der Göttin, diese möge Sappho in ihren Liebesproblemen beistehen.