mini|Todesfälle durch Überdosis von Opioiden in den USA, 1999–2023Data Overview. Drug Overdose. CDC Injury Center, Centers for Disease Control and Prevention Unter der Opioidkrise oder Opioid-Epidemie ( oder ) wurde zunächst der starke Anstieg der Zahl von Konsumenten und Todesfällen im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Opioid-Schmerzmitteln in den Vereinigten Staaten verstanden. Die Krise verstärkte sich während der COVID-19-Pandemie. Laut der US-Behörde CDC sind von 1999 bis März 2021 fast 841.000 Menschen an einer Drogenüberdosis verstorben. Der größte Teil von ihnen war von Schmerzmitteln abhängig geworden, die zuvor verschrieben worden waren. In jüngerer Zeit spielt für die Krise vor allem das in der Herstellung kostengünstige und hochpotente synthetische Fentanyl eine zentrale Rolle und verdrängt andere, teurere und schwerer zu beschaffende Substanzen wie das etwa 50 Mal schwächere Heroin. Zwischen Juli 2021 und Juni 2022 starben in den USA mehr als 107.000 Menschen infolge einer Überdosis. Im Jahr 2022 waren es nach einer Schätzung 111.029 Tote und 2023 sank erstmals seit 2018 die Zahl auf 107.543 Tote.

Im Laufe der Opioid-Epidemie wurde die Fentanyl-Intoxikation zur häufigsten Todesursache unter US-Amerikanern in der Altersgruppe zwischen 18 und 45 Jahren. Die Todeszahlen dieser Epidemie übersteigen jene der Crackepidemie in den USA in den 1980er und frühen 1990er Jahren bei weitem.

Hintergrund und Geschichte mini|Zahl der Drogentoten pro Jahr in den USA im Zeitraum von 1999 bis 2022 Bereits in den 1970er Jahren gab es in den USA Probleme mit Opioiden (Heroin-Sucht). Betroffen waren häufig Veteranen aus dem Vietnamkrieg.

1980 erschien im New England Journal of Medicine der Leserbrief Addiction Rare in Patients Treated with Narcotics, der zwar korrekt beschrieb, dass Opioide bei Krankenhaus-Patienten kaum jemals zu einer Abhängigkeit führten. Der Artikel wurde jedoch mehrere Hundert Male auf eine unkritische Weise zitiert, was den Anschein erweckte, dass Opioide lediglich ein geringes Abhängigkeitspotenzial besäßen.

Am Anfang der neuen Krise stand das verschreibungspflichtige Schmerzmittel Oxycontin (Eigenschreibweise OxyContin), das die Familie Sackler mit ihrem Unternehmen Purdue Pharma 1996 auf den nordamerikanischen Markt brachte und als schmerzstillend und mit einem angeblich sehr geringen Suchtpotenzial verbunden aggressiv bewarb. Curtis Wright, der als Abteilungsleiter bei der Food and Drug Administration (FDA) die Zulassung in den USA erteilte, verließ ein Jahr nach der Zulassung die FDA und wurde dann mit einer Einstiegs-Bonuszahlung von 400.000 US-Dollar bei Purdue Pharma angestellt. Purdue Pharma behauptete, das Abhängigkeitsrisiko von Oxycontin liege unter einem Prozent. So wendete Purdue Pharma jährlich neun Millionen US-Dollar für Essenseinladungen an Ärzte auf, um diese zu umwerben und darauf hinzuarbeiten, dass diese Oxycontin auch bei moderaten Schmerzen in hohen Dosen und über lange Zeiträume verschreiben.

Der Hauptbestandteil von Oxycontin, der Wirkstoff Oxycodon, ist seit 1929 in Deutschland nur auf Betäubungsmittelrezept erhältlich. Purdue und andere Pharmaunternehmen erreichten hingegen in den USA durch Lobbyarbeit und aggressives Marketing, dass Opioide, die zuvor vorwiegend bei Schwerkranken und Sterbenden angewendet worden waren, in den USA nun auch bei alltäglichen, vorübergehenden Schmerzen verschrieben wurden. Ein erheblicher Anteil der so Behandelten entwickelte eine Abhängigkeit und stieg anschließend oftmals auf illegale, billigere Opioide um. Opioide greifen massiv in die Hirnchemie ein und können daher rasch zu psychischer und körperlicher Abhängigkeit führen.

Der starke Anstieg der Zahl der Drogentoten ist in den USA einer der Gründe dafür, dass die durchschnittliche Lebenserwartung seit 2015 erstmals seit dem Ersten Weltkrieg sinkt. Durch Überdosierungen kommt es zu zahlreichen Todesfällen, da die Opioide das Atemzentrum beeinflussen und lähmen können. Solche Medikamente sind etwa Oxycodon (Handelsname Oxycontin oder Percocet), Tramadol und Hydrocodon (Handelsname Vicodin). Zwar ging die Verschreibung jener Medikamente seit 2012 (dem Jahr, in dem die Anzahl der ausgestellten Opioid-Rezepte ihren Höhepunkt erreichte) bis zum Jahr 2021 um 50 % zurück, jedoch stiegen Menschen auf die auf dem Schwarzmarkt illegal erhältlichen, kostengünstigen Opioide Heroin (Diacetylmorphin) und Fentanyl um. Mit dem starken Anstieg der Zahl der Drogentoten im Jahr 2020 starben laut der FDA mehr Menschen an ärztlich verschriebenen Opioiden als auf dem Höhepunkt der Verschreibungen im Jahr 2012.

Von 2006 bis 2012 wurden etwas mehr als 76 Milliarden opioidhaltige Schmerztabletten in den USA von den Pharmafirmen an den Markt ausgeliefert. Gehandelt wurden diese im selben Zeitraum in 360 Millionen Transaktionen. Die aktivsten Produzenten waren die Firma SpecGx (eine Tochtergesellschaft von Mallinckrodt Pharmaceuticals, 38 Prozent Marktanteil), gefolgt von Actavis Pharma, Par Pharmaceutical (eine Tochtergesellschaft von Endo International) und Purdue Pharma (3,2 % Marktanteil). Sechs Firmen teilten sich im selben Zeitraum drei Viertel des US-Vertriebsgeschäfts: McKesson, Walgreens, Cardinal Health, AmerisourceBergen, CVS Health und Walmart. Die Opioidkrise in den USA nahm ein solches Ausmaß an, dass Präsident Donald Trump am 26. Oktober 2017 einen medizinischen Notstand ausrief.

Eine nationale Erhebung zu Drogenkonsum und Gesundheit kam in den USA zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2018 rund 314.000 Süchtige ohne Krankenversicherung keine Therapie beginnen konnten. Weitere 100.000 waren zwar versichert, aber ihre Behandlung wurde entweder gar nicht oder nicht in voller Höhe bezahlt. Und mehr als 200.000 gaben an, nicht zu wissen, wo sie Hilfe finden könnten. Von den knapp zwei Millionen Opioid-Abhängigen waren im Jahr 2018 nur 23 Prozent in Behandlung. Laut Bradley Stein, einem Psychiater und Experten für Suchtkrankheiten, der das von den National Institutes of Health finanzierte Opioid Policy Tools and Information Center der Rand Corporation leitet, erfahren Menschen mit Drogen- und Alkoholproblemen eine Stigmatisierung. Betroffene würden sich selten Hilfe suchen und Familien und vermeintliche Freunde würden das Suchtproblem ignorieren. US-amerikanische Krankenversicherungen hätten in der Vergangenheit nicht für Suchtbehandlungen gezahlt. Zwar seien in der Folge Hilfsorganisationen entstanden, die kostenlos ambulante Beratung und Behandlung anbieten, dies sei jedoch weiterhin selten. Es gebe zwar Rehabilitationskliniken, diese könnten sich aber nur Wohlhabende und gut Versicherte leisten. Die Kosten für eine einmonatige Entziehungskur betragen schätzungsweise 6.000 bis 20.000 Dollar. Diese Ausgestaltung des US-amerikanischen Gesundheitssystems geht auf den War-on-Drugs-Ansatz („Krieg gegen Drogen“) des US-Präsidenten Richard Nixon zurück – und spiegelt die in den USA insbesondere unter Anhängern der Republikanischen Partei verbreitete Tendenz, weniger auf sozialstaatliche Maßnahmen als auf Eigenverantwortlichkeit zu setzen.

Im Wahlkampf vor der US-Präsidentschaftswahl 2020 erhielten zwei Drittel der Kongressmitglieder Geld von Pharmafirmen.

Im Jahr 2022 stellte die Drug Enforcement Administration (DEA) 50,6 Millionen Fentanyl-Pillen und mehr als 4500 Kilogramm Fentanyl-Pulver sicher. Die beschlagnahmte Menge entspricht laut DEA theoretisch mehr als 379 Millionen potenziell tödlichen Dosen Fentanyl. Laut DEA sind die Hauptquellen für Fentanyl in den USA die mexikanischen Drogenkartelle Sinaloa und Jalisco. Mexikanische Kartelle haben ihren Handel während der COVID-19-Pandemie zu großen Teilen von Heroin oder Kokain auf Fentanyl umgestellt. Die für die Fentanylproduktion notwendigen Chemikalien bekommen diese vor allem aus der Volksrepublik China und Indien. Die Fentanyl-Produktion ist weit billiger als die von Kokain oder Heroin, weil keine Pflanzenplantagen angelegt werden müssen. Laut Recherchen der Washington Post schleusen die Kartelle die Opiate versteckt in LKWs und PKWs über die offiziellen Übergänge der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. Von den über 228.000 Fahrzeugen, welche von Mexiko täglich die Grenze in die USA überqueren, werden lediglich 6 Prozent der Lastwagen und 1 Prozent der Personenwagen genau kontrolliert. Spätestens seit 2019 werden Opioide in den USA zudem immer häufiger mit dem Pferdeberuhigungsmittel Xylazin, das in der Herstellung noch kostengünstiger ist als Fentanyl, gestreckt. Dieser Mix trägt den Szenenamen Tranq und Tranq Dope. Xylazin verstärkt sowohl die Wirkung des Fentanyl als auch das Abhängigkeitspotenzial erheblich. 70 % aller Drogentoten in den USA im Jahr 2021 werden in einen Zusammenhang mit Xylazin gestellt.

Nicht selten haben die durch Fentanyl Verstorbenen nicht gewusst, dass es sich bei der Droge, die sie gekauft und eingenommen haben, um Fentanyl – und nicht um eine andere, weniger starke Droge – handelt. Laut einer US-amerikanischen Staatsanwältin sind inzwischen (Stand 2023) etwa 98 Prozent aller Pillen, die man in den USA auf dem Schwarzmarkt kaufen kann, gefälscht und mit Fentanyl versetzt. Außerdem ist (Stand: 2023) schätzungsweise ein Viertel des verfügbaren Fentanylpulvers mit Xylazin versetzt.

Im Jahr 2023 lag der Großhandelspreis von Fentanyl für Dealer zwischen ca. 30 Cent und einem Dollar je Pille. Der Straßenpreis lag jedoch bei drei bis fünf US-Dollar je Fentanyl-Pille.

Entwicklung der Zahl der Todesfälle mini|Datenerhebung von 2006 bis 2017, Quelle: Government Accountability Office Nach Aussagen der Drug Enforcement Administration (DEA) erreichten die Todeszahlen durch Überdosen 2015 die Ausmaße einer Epidemie. (PDF) Bereits zwischen 1999 und 2008 stiegen die Zahlen der Todesfälle durch Überdosen, der Verkauf und der Missbrauch von Schmerzmitteln stark an. Waren es im Jahr 1999 etwa 4.000, stieg die Zahl der jährlichen Todesfälle bis in das Jahr 2010 auf 16.000 an.

Während sich der Verlauf der Fallzahlen tödlicher Überdosierung legal verschreibungspflichtiger Opioide im 2010er Jahrzehnt abflachte, stieg die jährliche Zahl Todesfälle durch Überdosis an illegalen Opiaten im Zeitraum von 2010 bis 2015 auf mehr als das Dreifache an (von unter zwei Todesfällen auf 100.000 Einwohner 2010 auf über sechs 2015). Hier spielt eine Rolle, dass gefälschte Schmerztabletten oft das hochgefährliche Fentanyl enthalten (siehe unten).

Im Jahr 2016 starben bereits über 64.000 Menschen (davon 42.249 durch Opioide) in den USA an einer Überdosis, das waren mehr als im gleichen Zeitraum durch Autounfälle und Waffen. Nach Angaben der CDC stieg die Zahl der Opfer 2017 gegenüber dem Vorjahr nochmals um 10 % auf 72.287.Erin Durkin: US drug overdose deaths rose to record 72,000 last year, The Guardian, 16. August 2018, abgerufen am 15. Dezember 2018 Im März 2017 erklärte der Gouverneur von Maryland in seinem Bundesstaat den Notstand, um die Krise zu bekämpfen; im Juli 2017 wurde die Krise als größte Herausforderung für die Food and Drug Administration (FDA) bezeichnet. 2020 wurde mit 93.331 Toten der bisherige Höchststand erreicht, ein Anstieg um 30 % gegenüber 2019.Josh Katz: Drug Deaths Spiked by 30 Percent Last Year, Surpassing 90,000, The New York Times, 14. Juli 2021, abgerufen am 14. Juli 2021 Insgesamt starben zwischen dem Beginn der Epidemie und dem Jahr 2020 mehr als 450.000 Menschen in den USA durch Opioide.

Eine Drogen-Überdosis ist bei Amerikanern unter 50 Jahren die häufigste Todesursache, wobei hiervon zwei Drittel der Todesfälle inzwischen durch Opioide verursacht werden. Dies hat dazu beigetragen, dass die mittlere Lebenserwartung in den USA in den letzten Jahren gesunken ist. Anders als früher ist die Drogensucht nicht mehr vorwiegend auf soziale Brennpunkte in Großstädten beschränkt, sondern betrifft vor allem die Mittelschicht in der amerikanischen Provinz. Als einer der Hauptgründe wird die allzu leichtfertige Verschreibung von Opioiden zur Schmerzbekämpfung in Pill Mills angenommen.