Das Marchivum (Eigenschreibweise in Großbuchstaben) ist das Archiv der baden-württembergischen Stadt Mannheim und nach seinem Selbstverständnis das Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung. Bis März 2018 hatte es die Bezeichnung Stadtarchiv Mannheim – Institut für Stadtgeschichte.
Geschichte Mit Wirkung zum 1. April 1907 wurde der Historiker Friedrich Walter zum hauptamtlichen Leiter des städtischen Archivs in Mannheim ernannt und baute dieses in der Folge als selbständige Dienststelle auf. Friedrich Walter war darüber hinaus Herausgeber der Mannheimer Geschichtsblätter und verfasste im Auftrag der Stadt Mannheim anlässlich des 300-jährigen Stadtjubiläums 1907 eine erste wissenschaftlich fundierte Darstellung zur Mannheimer Stadtgeschichte. Das Buch Mannheim in Vergangenheit und Gegenwart galt bis 2007 als Standardwerk zur Geschichte Mannheims.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Archiv während der Bombardierung Mannheims schwere Verluste, u. a. gingen die städtischen Bauakten verloren, bedeutende Archivalien konnten hingegen gerettet werden wie beispielsweise die Ratsprotokolle der Stadt Mannheim ab 1661 sowie sämtliche Meldebögen und Meldekarteien seit Einführung der Meldepflicht 1807. Nach 1945 erfolgte ein systematischer Bestandsaufbau des städtischen und nichtstädtischen Schrift- und Sammlungsgutes.
In den 1960er Jahren erhielt das Stadtarchiv eine neue Organisationsstruktur mit den beiden Hauptabteilungen „Zwischenarchiv“ und „Historisches Archiv“. Das Stadtarchiv wurde somit Dienstleister und Gedächtnis der eigenen Verwaltung.
2004 erhielt das Stadtarchiv Mannheim den Namenszusatz „Institut für Stadtgeschichte“. Zum 1. März 2018 wurde der Name in MARCHIVUM geändert.
Aufgaben und Gliederung Bereits im Jahr 1909 legte der Mannheimer Stadtrat die Aufgaben des städtischen Archivs fest: „Das Archiv solle für die Bedürfnisse der städtischen Verwaltung, [...] aber auch wissenschaftlichen Zwecken dienen und im Allgemeinen die Pflege und Erforschung der heimatlichen Geschichte befördern.“
Heute gilt die Archivordnung der Stadt Mannheim auf Grundlage des Gesetzes über die Pflege und Nutzung von Archivgut (Landesarchivgesetz).
Das Marchivum gliedert sich in die Bereiche Archiv mit umfangreichen Sammlungen und Beständen sowie den Service für Forschung und Vermittlung und die Ausstellungsbereiche. Die bisherigen Angebote des Stadtarchivs, bestehend aus Seminaren, Vorträgen und Führungen sowie stadtgeschichtlichen Publikationen und eigenen Forschungsprojekten, wurden seit 2021 bzw. 2022 durch die beiden Dauerausstellungen zur Stadtgeschichte „Typisch Mannheim!“ und zur NS-Zeit „Was hat das mit mir zu tun?“ sowie Sonderausstellungen, das NS-Dokumentationszentrum und die Ausstellung „MAEMORIES – Amerikanische Geschichte(n) in Mannheim“ergänzt.
Das Marchivum betreut auch die im Mannheimer Stadtteil Sandhofen gelegene KZ-Gedenkstätte Sandhofen sowohl organisatorisch als auch wissenschaftlich.
Im Friedrich-Walter-Saal des Marchivums finden regelmäßig Vorträge und Buchvorstellungen zu stadt- oder regionalgeschichtlichen Themen statt.
Angebote Die Basis bilden das Archiv mit umfangreichen Sammlungen und Beständen, der Service für Forschung und Vermittlung und die Ausstellungsbereiche zur Stadtgeschichte und NS-Zeit. Archivgut mit einer bisherigen Gesamtlänge von 16 laufenden Regalkilometern wurden in den Ochsenpferchbunker übernommen.MARCHIVUM – Transformation des Ochsenpferch-Bunkers auf rhein-neckar-industriekultur.de.
Der Archivbereich steht der Öffentlichkeit zur Verfügung. Interessierte können in den Lesesälen stadt- und lokalgeschichtliche Themen sowie die eigene Familiengeschichte erforschen. Auch eine Einsicht in die Bauakten Mannheims ist möglich. Der sich im Gebäude befindliche Friedrich-Walter-Saal dient als Vortragssaal für Veranstaltungen und ist auch von Dritten für Vorträge, Konferenzen oder Workshops nutzbar. Mit dem sich ebenfalls im Marchivum befindlichen Digitalisierungszentrum wird angestrebt, das gesamte in Schrift, Bild und Ton überlieferte historische Erbe digital zu sichern und zur Verfügung zu stellen. Teile davon sind bereits digitalisiert und über die Online-Recherche des Marchivum abrufbar.
Seit Dezember 2021 werden auf dem Webportal „MARCHIVUM Druckschriften digital“ Mannheimer und Viernheimer Zeitungen, Mannheimer Adressbücher und Theaterzettel des Nationaltheater Mannheim aus dem 18. bis 20. Jahrhundert präsentiert. Die Druckschriften können im Volltext durchsucht und in verschiedenen Dateiformaten heruntergeladen werden. Die Zeitungen sind auch über das Deutsche Zeitungsportal zugänglich.
Zum Literaturangebot des Marchivums gehören eine Präsenzbibliothek mit rund 60.000 Bänden mit Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert sowie ältere Buchbestände bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.
Online-Datenbanken des Marchivums Findstar2 erschließt Archiv- und Bibliotheksbestände. (Abgeschaltet zum 31. Dezember 2025) Virtueller Lesesaal (Ersetzt Findstar2 ab 1. Januar 2026). Jüdischer Friedhof ermöglicht die Recherche nach Grabstätten auf dem Jüdischen Friedhof in Mannheim zwischen 1842 und 2008. Chronikstar bietet einen chronologischen Überblick über die Stadtgeschichte von der Ersterwähnung des Dorfes Mannheim 766 bis zu tagesaktuellen Ereignissen. Straßennamen in Mannheim informiert über Benennung und Herkunft der Straßennamen im gesamten Stadtgebiet. Druckschriften digital bietet die Möglichkeit, in ausgewählten digitalisierten Druckschriften z. B. Zeitungen systematisch zu recherchieren. Bibliothekskatalog ermöglicht die gezielte Literaturrecherche im Bibliotheksbestand des Marchivum. Zeitzeugen: Mannheimer Geschichte(n) erleben.
Stadtgeschichtliche Dauerausstellung „Typisch Mannheim!“ mini|228x228px|Die Stadt Mannheim aus der Vogelschau um 1850 mini|227x227px|Schloss und Schlossgarten in Mannheim um 1900 Im Marchivum befindet sich die Stadtgeschichtliche Dauerausstellung „Typisch Mannheim!“, eine interaktive multimediale Ausstellung, die im November 2021 im Erdgeschoss des Ochsenpferchbunkers in der Neckarstadt-West in Mannheim eröffnet wurde.MARCHIVUM zeigt unter anderem 3D-Stadtmodell "Typisch Mannheim": Multimedia-Schau zur Stadtgeschichte, auf swr.de.
Auf Museumsexponate wie in klassischen Museen wird in der Ausstellung größtenteils bewusst verzichtet – lediglich im Raum der Biografien im 20./21. Jahrhundert sind einige Ausstellungsobjekte zu finden, die jedoch multimedial in die Ausstellung eingebunden sind. Das digitale und multimediale Ausstellungskonzept bietet eine große Flexibilität, so können bestehende Inhalte bei Bedarf ohne großen Aufwand erweitert und bearbeitet werden, wodurch die Stadtgeschichtliche Ausstellung aktuell und offen für Entwicklungen ist und bleibt. Die Besucher können in der interaktiven Schau anhand von Medienstationen weiterführende Information per Touchscreen abfragen und selbst entscheiden, wie viel sie über einnjeweiliges Themengebiet erfahren möchten.
Die wechselvolle und von zahlreichen Brüchen und Wandel geprägte 400-jährige Geschichte der Stadt Mannheim ist mit Bild-, Foto- und Filmaufnahmen sowie Dokumenten aus dem Bestand des Stadtarchivs Mannheim gestaltet, welche dafür digitalisiert und auch teilweise animiert wurden."Typisch Mannheim!" Die Stadtgeschichtliche Ausstellung im MARCHIVUM, auf marchivum.de. Alle Infotexte sind in deutscher und englischer Sprache verfügbar.
Zu Beginn der Ausstellung führt ein Stadtmodell die Besucher mit Hilfe von dreidimensionalen Projektionseffekten in die wechselvolle und spannende Geschichte Mannheims ein. Im weiteren Verlauf der Ausstellung erwachen in einer virtuellen Gemäldegalerie die drei im 18. Jahrhundert für Mannheim prägenden Kurfürsten Johann Wilhelm, Karl III. Philipp und Karl Theodor scheinbar zum Leben, rühmen sich ihrer Taten für die Stadt und streiten darüber, wer von ihnen sich die wohl größten Verdienste um Mannheim erworben hat. Auf einem Nachbau des ersten Automobils von Carl Benz aus dem Jahre 1886 können Besucher eine virtuelle Zeitreise durch die Straßen Mannheims im 19. Jahrhundert erleben und dabei vieles Wissenswertes über die jüngere Geschichte Mannheims erfahren.
NS-Dauerausstellung „Was hat das mit mir zu tun?“ Im Dezember 2022 eröffnete im 1. Stock des Marchivums die NS-Ausstellung „Was hat das mit mir zu tun?“"Was hat das mit mir zu tun?" Neue Multimedia-Ausstellung über die NS-Zeit in Mannheim, auf swr.de.Ausstellungen - Mannheim:Über die verwundbare Demokratie: Schau zur NS-Diktatur, auf sueddeutsche.de.Ausstellung zur NS-Zeit in Mannheim: "Am Anfang stand die Ablösung von der Demokratie", auf ardaudiothek.de.MARCHIVUM: Eindringliche Ausstellung über die NS-Zeit in Mannheim und das Davor und Danach, auf rnf.de. Der Ausstellungstitel verweist dabei auf Fragen nach dem Wie und Warum der deutschen Geschichte und ermöglicht es den Besuchern, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder aufs Neue gegen antidemokratische Tendenzen verteidigt werden muss.
Die multimediale und interaktive Dauerausstellung schildert die historische Entwicklung Mannheims während der NS-Diktatur und verweist gleichzeitig auf die unmittelbare Zeit davor und danach. Themen der Ausstellung sind die Weimarer Republik, die „Machtergreifung“ 1933, die Errichtung und Etablierung der NS-Diktatur, die Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mitbürger, der Sinti und Roma sowie politischer Gegner des NS-Regimes wie beispielsweise die Lechleiter-Gruppe in Mannheim. Die Zerstörung Mannheims im Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit werden ebenfalls thematisiert.
Ein digitaler Zeitstrahl sowie Film- und Videoinstallationen bieten den Besuchern in allen Ausstellungsteilen die Möglichkeit, sich zu orientieren und historische Ereignisse richtig einordnen zu können. Anhand zahlreicher Medienstationen können die Besucher weitere Informationen abrufen und jeweils selbst entscheiden, wie tief sie in das jeweilige Thema einsteigen möchten. Im Bunkerraum zu Beginn der Ausstellung, der gleichsam ein inhaltliches Bindeglied zwischen der stadtgeschichtlichen und der NS-Ausstellung darstellt, wird mittels aufwendigem „Projection Mapping“ die Geschichte des Ochsenpferchbunkers sowie anderer Bunkerbauten in Mannheim dargestellt und die Themen Kriegszeit in Mannheim, Nachkriegszeit und Zeit des Kalten Krieges sowie die Entstehung des Marchivums thematisiert.
Sonder- und Wechselausstellungen Das Marchivum – Mannheims neuer Geschichtsort (18. März – 31. Juli 2019) Der Kalte Krieg. Ursachen-Geschichte-Folgen (5. September – 21. November 2018) Archiv des Misserfolgs (7. November – 30. November 2018) Verwahrlost und Gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949–1975 (5. Dezember 2018 – 8. Februar 2019) BUGA 75. Ein Fest verändert die Stadt (24. März – 18. August 20219) Qingado und Mannheim Damals und Heute – Zwei Partnerstädte im Vergleich (10. September – 21. November 2019) Move it – Bewegung als Inspiration (16. Oktober – 15. November 2019) Youniworth – "Wie fühlst du dich in Deutschland? Was ist dir wichtig? Wie wollen wir zusammenleben?" (26. November – 23. Dezember 2019) Altagswelten einer Industriestadt. Fotografien von Maria und Hans Roden (23. Januar – 28. Juni 2020) Albert Speer in der Bundesrepublik Deutschland. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit (13. Februar – 31. Mai 2020) Nature – A Mystery. Natur von draußen nach drinnen geholt (25. Februar – 20. März 2020) Für Freiheit und Republik! – Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im Kampf für die Demokratie 1924–1933 (18. Juni – 11. September 2020) "Freundschaft unter Druck" – Zur Geschichte des Rotary Clubs Mannheim (1930–1937) und seiner Gründungsmitglieder (22. September – 18. Dezember 2020) "Ein Prozess, vier Sprachen" – Wer waren die Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen? (7. Juli – 7. August 2022)