mini|350px|Blick aus nördlicher Richtung auf die Fabrik vor der A 565, Luftaufnahme 2014 Die Bonner Fahnenfabrik (auch BOFA oder BoFa genannt, heute BOFA-Doublet GmbH) ist ein Traditionsunternehmen, das Fahnen, Dekorationsartikel und Werbemittel herstellt.
Das Unternehmen, das seit 1866 Dekorationsartikel produziert, gehörte im 20. Jahrhundert zu den größten Fahnenherstellern Deutschlands. Von 1928 bis 2018 befand sich der Unternehmenssitz an der Römerstraße 303–305 im Bonner Ortsteil Graurheindorf. Hier liegen die Fabrikgebäude mit dem markanten BOFA-Schornstein direkt an der A 565, die 450 Meter entfernt den Rhein auf der Bonner Nordbrücke überquert. Neben der Kaffeerösterei A. Zuntz sel. Wwe., dem Büromaterialhersteller Hebona (Familie Herschel) und der ehemaligen Universitätsbuchhandlung und Verlag Friedrich Cohen (später Bouvier) gehört die Fahnenfabrik zu den bedeutendsten Gründungen jüdischer Unternehmer in Bonn.
Seit dem Jahr 2011 gehört der Betrieb zum französischen Familienunternehmen Doublet. Im Juli 2018 teilte das Unternehmen mit, dass der Produktions- und Verwaltungs-Standort von Bonn nach Hennef umziehen soll. Seit Januar 2019 ist der neue Sitz des Unternehmens, welches seit 2012 unter BOFA-Doublet GmbH firmiert, die Meysstr. 22–24 in Hennef.
Geschichte Das Unternehmen wurde 1866 von dem jüdischen Kaufmann Josef Meyer (1818–1884) als Geschäft für Dekorationsartikel und Tapeten gegründet. Der erste Unternehmenssitz befand sich in der Sterntorbrücke 8 im Zentrum der Stadt Bonn. Die Kriege von 1864 und 1866 führten zu einem steigenden Bedarf nach Fahnenschmuck, dem Meyer mit der Herstellung von Fahnen nachkam. Nach der Deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 wurde die Geschäftstätigkeit um die Produktion der schwarz-weiß-roten Reichsfahne sowie der Preußenfahne erweitert. Die Fahnen wurden in Handarbeit im Schablonendruck hergestellt (dazu wurde der Preußenadler nach Vorbild auf Schablonen geschnitten, mit Ölfarbe auf weiße Tuchfahnen übertragen und mit angenähten schwarzen Streifen versehen)Sylvia Miskowiec, Der Stoff, aus dem die Werbung ist, 8. Juni 2006, Bonner General-Anzeiger. und waren schnell ein Verkaufserfolg der jungen Fahnenfabrik.Delphine Sachsenröder, Die erste Bonner Fahne zeigte den Preußenadler, 26. Juli 2002, Bonner General-Anzeiger.
In den 1870er Jahren weitete das Unternehmen die Produktion von Fahnen und Dekorationsartikeln auf die Herstellung von Theaterkostümen und vollständigen Bühnenaufbauten aus. Ein mobiler Montagetrupp bereiste ganz Deutschland, um solche Bühnenkulissen aufzustellen oder Empfangsräume zu beflaggen.Matilda Jordanova-Duda, Kurfürsten und Dunkelmänner: Jüdisches Lehrhaus in Bonn zeigt Wissenswertes und Kurioses rund ums Leben im Rheinland, 31. Januar 2008, Jüdische Allgemeine In den Folgejahren erwarb die Bonner Fahnenfabrik 15 Hoflieferantenprädikate.Jubiläum: 150 Jahre Bofa, 2. Februar 2016, Fachzeitschrift Werbeartikel NachrichtenHoflieferant seiner Majestät des Kaisers, Hoflieferant des Königs von Rumänien, Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen, Königlich bayerischer Hoflieferant, Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Luxemburg, Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Mecklenburg, Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Edinburgh, Hoflieferant Seiner Hoheit des Herzogs von Sachsen-Coburg, Hoflieferant Seiner Hoheit des Herzogs von Sachsen-Altenburg, Hoflieferant Seiner Hoheit des Fürsten von Hohenzollern, Hoflieferant Seiner Durchlaucht des Fürsten von Reuss, Hoflieferant Seiner Durchlaucht des Fürsten von Schwarzbach-Rudolstadt, Hoflieferant Seiner Durchlaucht des Fürsten von Waldeck sowie Hoflieferant Seiner Hoheit des Erbprinzen von Anhalt, gem. Hauptkatalog der Bonner Fahnenfabrik, etwa von 1900 Produktkataloge wurden in Stückzahlen bis zu einer halben Million Exemplaren aufgelegt. Für die Einweihung des Niederwalddenkmals bei Rüdesheim in Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, an der Kaiser Wilhelm I. am 28. September 1883 teilnahm, ließ das Unternehmen 50.000 Sonderkataloge mit Darstellungen der Dekoration zu diesem festlichen Anlass drucken. Auch das Aufblühen der deutschen Hochsee- und Binnenschifffahrt bescherte den Bonnern im ausgehenden 19. Jahrhundert großvolumige Aufträge. Reedereien wie die Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrtsgesellschaft, Stinnes oder Thyssen bestellten ihre Schiffsflaggen in Bonn. Ebenso waren damals aufwändig gestickte Vereins- und Regimentsfahnen stark nachgefragt.Sabrina Bauer, Erfolgreiche Firmen aus Bonn: Vom Goldbären bis zum Marmeladenglas, 16. November 2016, Bonner General-Anzeiger Zum umfangreichen Handelsangebot des Unternehmens gehörten auch Fahnennägel, Pokale, Diplome, Urkunden, Abzeichen, Karnevalskostüme, Masken, Laternen sowie Illuminations- und Feuerwerksartikel.
In den 1880er Jahren war das Unternehmen von einer antisemitischen Kampagne betroffen. Der zunehmende Absatz von Produkten bei katholischen Kirchengemeinden und Vereinen wurde von einem Teil der katholischen Presse nicht gutgeheißen. Pfarreien und andere katholische Abnehmer wurden 1882 über Monate angeschrieben, um einen weiteren Einkauf bei der „israelitische[n] Bonner Fahnenfabrik“ zu unterbinden. Vor allem die Wochenzeitung LEO – Sonntagsblatt für das katholische Volk aus der Paderborner Bonifacius-Druckerei trieb die Kampagne voran.Franz Josef Wiegelmann, Kirchen und Schulen: eine unselige antisemitische Allianz, Dezember 2010, Ausgabe 1/2010, Wi(e)der die Juden. Judentum und Antisemitismus in der Publizistik aus sieben Jahrhunderten, Bernstein-Verlag
20. Jahrhundert Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Textilprodukte in Bonn noch überwiegend in Hand- und Heimarbeit hergestellt. Für die Bonner Fahnenfabrik vollzog sich 1905 der Wandel zur industriellen Herstellung: das damals noch im Zentrum ansässige Werk wurde um einen großen Nähmaschinensaal und weitere Bauten für Maschineneinsatz (Bleichkufen zum Auftragen der Bleichflotte, Färbemaschinen, Waschtrommeln und Zentrifugen) erweitert.
Ab 1911 erfolgte der Flaggendruck durch ein chemisches Dampfdruckverfahren, welches die traditionelle Schablonenmalerei ablöste. Im Ersten Weltkrieg wurde neben der Fahnenherstellung auch die Produktion von Militärzelten und Strohsäcken aufgenommen. Die Nachkriegs- und Inflationszeit überstand das Unternehmen nahezu unbeschadet. Zum Höhepunkt der Inflation im Jahr 1923 durfte die Fabrik mit behördlicher Genehmigung selbst gefertigtes Fabrikgeld, so genannte „Lohnschecks“, ausgeben. Die Fahnenproduktion lief in dieser Zeit auf Bewertungsbasis des Roggen- und Weizenpreises. Ein 1918 zum Kriegsende veröffentlichter Bericht, in dem angedeutet wurde, dass die Bonner Fahnenfabrik die britischen Fahnen geliefert habe, mit denen die englischen Truppen bei ihrem Einzug in die nordfranzösische Stadt Lille begrüßt wurden, wies der Geschäftsführer Rudolf Meyer in der bis 1933 herausgegebenen Bonner Zeitung zurück: wenn seine Firma damit gemeint sein sollte, sei der antisemitisch gefärbte Bericht eine grobe Unwahrheit.Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Jahrgang 28, 1918, S. 124
Im Jahr 1924 wurde auf der gegenüberliegenden Rheinseite, in Beuel-Pützchen, eine Fahnentuchweberei mit 100 Webstühlen errichtet. Das Gebäude war mit einem aus drei Reitern gebildeten Sheddach ausgestattet. 1928 erfolgte der Umzug der Stammfabrik in die Rheindorferstr. 224 (heute: Graurheindorfer Straße) in ein Gebäude des ehemaligen Husaren-Kasernenkomplexes. Das neue Fabrikgelände lag zwischen der Rheindorfer- und der Römerstraße (heutige Zufahrt und Anschrift). Im selben Jahr wurde das Unternehmen bestreikt und musste vorübergehend schließen. 1929 wurde bei der Flaggenherstellung das Filmdruckverfahren eingeführt. Ebenfalls im Jahr 1929 gründete Otto Meyers Bruder Hans im damals italienischen Pola in Istrien eine Zweigstelle, die „Fabbrica Italiana Bandiere“.
Zeit des Nationalsozialismus Die Zeit im Dritten Reich war für die Fabrik und deren Eigentümerfamilie von der jüdischen Herkunft der Familie Meyer geprägt. Otto Meyer (1895–1957) hatte Militärdienst geleistet und sich als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg gemeldet. Sein Jurastudium hatte er mit einer Promotion abgeschlossen. Bei der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten leitete er die Fahnenfabrik. Wie sein Bruder Hans war er evangelisch getauft worden. Ihre Mutter Anna gehörte seit dem Tode ihres Mannes, Rudolf Meyer (1862–1932), der ebenfalls promovierter Jurist, Handelsgerichtsrat und finnischer Vizekonsul gewesen war,Jens Hild, Rautenkranz und rote Rose: die Hoheitszeichen des Herzogtums und des Freistaates Sachsen-Altenburg, Veröffentlichung des Thüringischen Staatsarchivs Altenburg, ISBN 978-3-86729-075-3, Sax-Verlag, 2010, S. 122 keiner Glaubensgemeinschaft mehr an. Dennoch galten die Söhne Otto und Hans nach nationalsozialistischer Anschauung als Juden.Ralf Forsbach u. a., Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich", ISBN 978-3-486-84020-9, Walter de Gruyter, 2006,
Stürmer-Artikel Bis Ende 1935 wurden die Meyers nicht belästigt, auch das Unternehmen war nicht von der sonst üblichen Hetze gegen jüdische Betriebe betroffen. Das änderte sich ab Januar 1936.Klaus H. S. Schulte, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Jahrgang 16, Stadtarchiv Bonn (Hrsg.), ISBN 978-3-7928-0383-7, Röhrscheid 1976, S. 391 Im antisemitischen Stürmer und folgend im NSDAP-Blatt Westdeutscher Beobachter erschienen Artikel mit der Überschrift: „Die getauften Meyers“. Es wurde in hetzerischer Diktion die Meinung vertreten, dass die Brüder Meyer trotz christlicher Taufe noch Juden sein: „Die Inhaber der Bonner Fahnenfabrik sind Juden. Das Taufwasser hat ihre Rasse und ihr Blut nicht geändert. Sie sind Juden und müssen als solche behandelt werden.“ Die Verfasser der Artikel widersprachen einer vorab eingeholten Beurteilung beim Verband Bonner Einzelhändler. Der Syndikus des Verbandes hatte mitgeteilt, dass die Meyers aus einer christlichen Familie stammten, da ihre Eltern zum christlichen Glauben übergetreten seien. Auch ein pfarramtliches Gutachten der evangelischen Kirchengemeinde in Bonn hatte den Inhabern der Bonner Fahnenfabrik die evangelische Taufe, Konfirmation und Trauung bescheinigt.Annette Hinz-Wessels, Die evangelische Kirchengemeinde Bonn in der Zeit des Nationalismus (1933–1945), aus: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn (Band 57), ISBN 978-3-922832-15-7, Stadtarchiv (Hrsg.), 1996, S. 411
Als Folge des Artikels erstattete der Oberstaatsanwalt beim Sondergericht Köln Anzeige gegen Otto Meyer mit der Begründung, die Bonner Fahnenfabrik produziere und vertreibe amtliche Fahnen. Ein jüdischer Betrieb dürfe dies nicht, da es Juden aufgrund des Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verboten sei, die Reichsfarben zu zeigen: „Es ist ein höchst unerfreulicher Zustand und mit dem Ansehen der NSDAP und des nationalsozialistischen Staates unvereinbar, wenn ausgerechnet jüdische Firmen mit den Symbolen des Nationalsozialismus Geschäfte machen.“ Ermittlungen wurden aufgenommen, Otto Meyer wurde vorgeladen und verhört. Das Verfahren vor dem Sondergericht Köln wurde eingestellt, weil er nachweisen konnte, nicht gegen Gesetze verstoßen zu haben.
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