mini|hochkant=1.2|Außenansicht in der Goldschlagstraße

Die Sargfabrik, auch Wohnheim Matznergasse genannt, ist das größte selbstverwaltete und selbstinitiierte Wohnprojekt Österreichs. Initiiert vom Verein für Integrative Lebensgestaltung und geplant vom Architekturbüro BKK-2, wurde sie im Herbst 1996 in der Goldschlagstraße 169 im 14. Wiener Gemeindebezirk eröffnet. Im Jahr 2000 erfolgte mit der Miss Sargfabrik in der Missindorfstraße 10 eine Erweiterung. Das Projekt wurde mit Architektenpreisen ausgezeichnet und findet international als Ausnahmeprojekt in Sachen innovatives Wohnen Anerkennung.

Entstehungsgeschichte Im Herbst 1986 fanden sich rund 30 Menschen zusammen, die mit dem zu teuren und auf Kleinfamilien ausgerichteten Wohnungsmarkt unzufrieden waren. Um ihre Vorstellungen von einem gemeinschaftlichen Wohnungsverband, der verschiedenen Lebensmodellen und kulturellen Möglichkeiten Platz bieten würde, zu verwirklichen, gründeten sie den Verein für Integrative Lebensgestaltung – VIL (bis April 1988 mit dem vorangestellten Beinamen Utopisches Zentrum). Zu den gemeinsam ausdiskutierten Wünschen zählten beispielsweise Gemeinschaftsräume, die aufgrund hochwertiger Ausstattung tatsächlich für das Miteinander genutzt werden, sowie deren teilweise Öffnung für die übrige Bevölkerung des Bezirkes und der Stadt, flexibel gestaltbare Wohneinheiten und eine Durchmischung der Bewohner in jeder Hinsicht (Alter, Kultur, Lebensform etc.), dabei sollten auch behinderte und sozial benachteiligte Menschen integriert werden. Ebenso waren eine rollstuhlgerechte Bauweise und die Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte von Anfang an vorgesehen. Nachdem sich kein geeigneter Bauträger finden ließ, übernahm der VIL selbst die Funktion des Bauherrn. In dieser Rolle arbeitete der Verein eng mit den Architekten Franz Sumnitsch und Johnny Winter vom Architekturbüro BKK-2 zusammen. mini|hochkant|Die aus der flächigen Fassade wie herausgeklappt wirkenden Balkone sind für die Sargfabrik charakteristisch, dahinter der Schornstein der ehemaligen Sargfabrik. Im Mai 1989 kauften sie die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete und seit 1970 dem Verfall preisgegebene Sargfabrik Maschner & Söhne in der Goldschlagstraße 169 um 13 Millionen Schilling. Sie war einst die größte Sargtischlerei Österreich-Ungarns, in der etwa auch die Särge von Kaiserin Elisabeth oder Franz Liszt hergestellt wurden. Bis zum Baubeginn wurde die alte Sargfabrik nun von einer Künstlergruppe um Kurt Palm genutzt, so hatte Hermes Phettberg hier 1991 seine erste Rolle als Schauspieler mit der alternativen Theatergruppe Sparverein „Die Unzertrennlichen“.

Erste Pläne des VIL, wonach die alten Backsteingebäude adaptiert werden sollten, scheiterten in der Bauverhandlung 1992 am Einspruch der Anrainer, was jedoch im Nachhinein aus ökologischen und finanziellen Gründen als Glücksfall gesehen wird. Beim schließlich auf 7750 m² errichteten Neubau wurde der Grundriss der alten Fabriksgebäude beibehalten, ansonsten erinnern nur ein hoher Schornstein im Hof und der Name an die einstige Sargfabrik. Bei mindestens drei Besprechungstreffen pro Wohneinheit konnten die zukünftigen Bewohner sämtliche Details mitbestimmen. Zusätzlich wurde das an das Grundstück angrenzende ehemalige Zinshaus Matznergasse 8 saniert und in das Projekt miteinbezogen. Die Bauarbeiten begannen 1994. Im Herbst 1996 bezogen rund 110 Erwachsene und 45 Kinder und Jugendliche die 73 als Boxen bezeichneten Wohnungen, darunter eine rund 400 m² große Wohngemeinschaft.

Aufgrund der großen Nachfrage nach freien Wohnungen in der Sargfabrik, nicht zuletzt aber auch aufgrund der funktionierenden Organisation innerhalb des Projektes, planten die Architekten von BKK-2, nunmehr umbenannt in BKK-3, 1998 eine Erweiterung des Projektes um 3000 m². Deren Name, Miss Sargfabrik, leitet sich vom Standort in der Missindorfstraße 10 ab. In die Planung flossen die Erfahrungen der bisherigen Sargfabrik-Bewohner ein, die eigens dafür analysiert wurden. Die Bauarbeiten begannen im Mai 1999, im September 2000 waren die 39 Wohneinheiten der Miss Sargfabrik bezugsfertig. Auch das Architekturbüro eröffnete hier seinen neuen Sitz.

Lage und Architektur mini|Grundriss der Sargfabrik mini|Links der mit Bäumen bewachsene Dachgarten, unten einer der Laubengänge, im Hintergrund das ins Projekt miteinbezogene ehemalige Zinshaus in der Matznergasse Die Sargfabrik und die Miss Sargfabrik befinden sich in einem von Hinterhofgewerbe und Kleinindustrie geprägten, klassischen Wohnbezirk im Westen Wiens mit verdichteter Blockrandbebauung. Sie liegen in einer verkehrsberuhigten Zone (Tempo 30) und sind gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen. Beide Bauten sind Niedrigenergiehäuser, zudem werden die Gemeinschaftseinrichtungen mit Ökostrom versorgt. Sie erfüllen die Kriterien für Mehrgenerationenhäuser sowie verkehrsberuhigte Stadtquartiere.

Sargfabrik Das Ausmaß des Grundstückes beträgt 0,47 ha. Von außen ist die Größe der Sargfabrik nicht erkennbar, nur schmale, farblich in orange gehaltenen Fronten heben sich von den Gründerzeithäusern und Gemeindebauten der Goldschlagstraße und der Matznergasse ab. In der Goldschlagstraße befindet sich straßenseitig links der Stiegenabgang ins Kulturzentrum, daneben bilden das großflächig verglaste Restaurant, das Kinderhaus und das Seminarhaus einen Durchgang ins Innere der Sargfabrik. Ebenfalls in dem straßenseitigen Gebäudeteil sind die Büros des VIL untergebracht. Anschließend öffnet sich linker Hand zwischen zwei von drei Gebäudeflügeln ein Hof mit einem bepflanzten und rundum mit Sitzgelegenheiten versehenen Teich, welcher zugleich das Dach des darunter befindlichen Badehauses ist. Dahinter ragt der weiß gestrichene Schornstein aus Backsteinmauerwerk in die Höhe. Die Wohnungen der ein bis sechs Stockwerke hohen Gebäudeteile werden durch massive offene Stiegenhäuser und Laubengänge erschlossen, im zweiten Obergeschoß gibt es auch eine Brücke zwischen zwei Bauteilen, um die Wege der Bewohner zueinander kurz zu halten. Auffälliges architektonisches Merkmal sind Balkone mit schräg nach vorn gekippten, massiven Betonbrüstungen und verglasten Seitenfronten, die sich von den ansonsten ruhigen Fassaden mit bündig sitzenden, schmalen Alufensterrahmen abheben. Die Ergänzung dieser, dem Internationalen Stil zugerechneten, flächigen Fassaden mit den plastisch überformten, massiven Bauteilen wird als Charakteristikum des Projektes gesehen, von BKK-2 jedoch mit deren Raumempfinden begründet, das etwa durch Balkongeländer gestört wäre. Die Kombination unterschiedlicher Raumhöhen stellt eine Neuinterpretation des Loosschen Raumplans dar. Große, meist hofseitig gelegene Fensterfronten bieten Einblicke in die Wohnungen, die durchaus erwünscht sind, sodass nicht, wie im herkömmlichen, geschlossenen Wohnbau, das Sich-Öffnen eine bewusste Entscheidung ist, sondern der Rückzug.

Zentrale Versorgungsschächte für die Installationen ermöglichen spätere Zusammenlegungen oder Trennungen von Boxen. Die galerieartig angelegten Wohnräume sind teilweise 4,60 m hoch, teilweise zweistöckig, während die Nebenräume mit nur 2,26 m eine recht geringe Höhe aufweisen. Die Ausstattung der Badezimmer ist eher karg, für Wannenbäder kann das hauseigene Badehaus genutzt werden, für das Waschen der Wäsche steht eine Gemeinschafts-Waschküche zur Verfügung. Beheizt wird die Sargfabrik mittels an den Rücklauf der Fernwärme angeschlossene Niedrigtemperatur-Wandheizungen. Ein Dachgarten, der sich in Ruhebereiche, Beete sowie einen alpinen wie pannonischen Steingarten gliedert und auch mit Bäumen bewachsen ist, steht allen Bewohnern offen. In einem begrünten Hinterhof wurde ein Kinderspielplatz eingerichtet. Einen weiteren Eingang gibt es in der Matznergasse 8, an beiden Eingängen befinden sich Metalltore, die jedoch nur nachts und am Wochenende geschlossen werden, da das Areal ansonsten allen Besuchern offensteht.

Miss Sargfabrik mini|Miss Sargfabrik mini|Bibliothek mit gewendelter, steiler Rampe, die als „Bergskulptur“ deklariert ist. mini|Blick in den Innenhof der Miss mini|Schräge Ebene neben dem Essplatz der Gemeinschaftsküche, dahinter die Bibliothek durch Glaswände getrennt Die Miss Sargfabrik (kurz: Miss) wurde auf einem 850 m² großen Grundstück an der Ecke eines zur Sargfabrik benachbarten Gebäudeblocks errichtet. Acht Geschoße bieten eine Gesamtwohnfläche von 2.920 m². Das Konzept der Sargfabrik wurde weitgehend beibehalten, wobei der Schräge hier ein besonderes Gewicht gegeben wurde. Dies zeigt sich sowohl im Grundriss wie im Schnitt als auch durch geknickte Fensterbänder an der Fassade auf der zur Missindorfstraße gerichteten Front. Die zur Fenzlgasse gewandte Seite des L-förmigen Hauses erscheint durch durchgängige Fensterbänder wie quergestreift. Hofseitig erschließen wie in der Sargfabrik Laubengänge die mit großen Fensterfronten versehenen Wohnungen.

Im Inneren finden sich wiederum unterschiedliche Raumhöhen, die in einzelnen Wohnungen durch schräge Decken und Fußböden, ausgeführt als Rampen oder flache Stiegen, verbunden sind. Vertikal geknickte Wände führen zu unterschiedlichen Wohnungstypen: die introvertierten, mit erweiterter Wohnungsmitte, und die extrovertierten, die sich zur Fassade hin öffnen, wobei keine der 39 Wohneinheiten der anderen gleicht. Etwa die Hälfte der Wohnungen sind Garçonnièren mit rund 40 m², daneben finden sich 70 bis 120 m² große Wohnungen mit zwei bis drei Wohngeschoßen und Galerien. Fünf Maisonetten im Erdgeschoß mit direktem Zugang zur Straße sind für die Verbindung von Arbeit und Wohnen optimiert. Die für alle Bewohner gleich nutzbaren Gemeinschaftseinrichtungen der Sargfabrik wurden in der Miss um einen Clubraum für Jugendliche, eine Bibliothek mit PCs und Internetanschluss, eine Gemeinschaftsküche mit Essbereich und eine Waschküche erweitert. Die Bibliothek ist von zwei Geschoßen aus zugänglich, wobei sie bei Benützung des unteren Zugangs über eine gewendelte und extrem steile Rampe erklommen werden muss. Um für diese von der Baubehörde eine Genehmigung zu bekommen, wurde sie als begehbares Kunstwerk Bergskulptur gewidmet.

Rechtsform und deren Folgen Rechtlich gilt die Sargfabrik als Heim (Wohnheim). Durch diesen juristischen Kniff in der Planung musste die in der Wiener Bauordnung vorgeschriebene Mindestraumhöhe für Wohnungen von 2,50 m nicht eingehalten werden – wodurch die teilweise niedrige Raumhöhe von nur 2,26 m erst ermöglicht wurde. Außerdem konnten Förderungen für die zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen in Anspruch genommen werden. Durch den für Heime geltenden, niedrigeren Stellplatzschlüssel (nur ein Autoabstellplatz pro zehn Wohneinheiten) war es möglich, auf den Bau einer Tiefgarage zu verzichten und an deren Stelle das Badehaus zu errichten. Die sieben erforderlichen, in einem Hinterhof ausgewiesenen Parkplätze der Sargfabrik werden gemäß einer Übereinkunft der Bewohner nicht als solche genutzt, sondern dienen als Spielfläche, die drei in der Miss notwendigen Parkplätze wurden als Carsharing-Plätze eingeplant.

Der Verein Der nicht auf Gewinn ausgerichtete Verein für Integrative Lebensgestaltung – VIL ist Eigentümer und Betreiber der Sargfabrik. Vereinsmitglieder sind die Bewohner, die ihre Rechte und Pflichten in einem internen Vertrag regeln. Wichtige Entscheidungen, etwa die Wohnungsvergabe oder das Jahresarbeitsprogramm, werden auf der zweimal jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung beschlossen. Neben einer professionellen Geschäftsführung beschäftigt der Verein rund 25 Angestellte. Daneben gibt es ehrenamtliche Helfer, die sich in Gruppen und Initiativen um Teilbereiche des Gemeinschaftslebens kümmern, beispielsweise um das Badehaus, den Spielhof und die Gemeinschaftsbibliothek. Für Konflikte unter den Bewohnern gibt es ein Schiedsgericht, welches sich aus hausfremden Personen zusammensetzt.