Der Geleitzug SC 122 war ein alliierter Konvoi im Zweiten Weltkrieg, der im März 1943 den Atlantik in östlicher Richtung überquerte. Ziele waren Liverpool sowie andere britische Häfen. Der Geleitzug war der 122. der fortlaufend nummerierten SC-Geleitzüge, die aus langsameren Frachtschiffen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7 kn gebildet wurden. Während seiner Atlantiküberquerung war er Ziel deutscher U-Boote, die in Rudeltaktik (engl.: Wolfpack) angriffen und im Verlauf des drei Tage dauernden Angriffs ohne eigene Verluste eine Anzahl Frachtschiffe versenken konnten.
Die Kämpfe um den Geleitzug SC 122 galten zusammen mit den Kämpfen um den kurze Zeit später ebenfalls aus New York entsandten Konvoi HX 229, der sich als schneller Konvoi auf Parallelkurs im gleichen Seegebiet bewegte und SC 122 schließlich auch einholte, als die „größte und für die deutsche Seite erfolgreichste Geleitzugschlacht“.Hanno Ballhausen (Hg.): Chronik des Zweiten Weltkriegs. wissenmedia Verlag. ISBN 978-3-577-14367-7. Seite 273. (online)
Von der Zusammenstellung bis Neufundland Der Konvoi wurde Anfang März 1943 im Hafen von New York aus zunächst 50 Frachtschiffen zusammengestellt. Trotz dieses Zusammenstellungsortes behielt man, wie auch bei den anderen SC-Geleitzügen, die Namensgebung nach dem ursprünglichen Auslaufhafen, dem kanadischen Sydney (Nova Scotia), bei. Zielhafen der meisten Schiffe war Liverpool, einige Schiffe sollten aber auch nach Island laufen. Verantwortlich für das Zusammenstellen des Geleitzugs war „Convoy and Routing“, die Operationsabteilung für die ostwärts in See gehenden Atlantikkonvois in Washington, D.C. Das Kommando über den Konvoi übernahm Kapitän S. N. White (Royal Naval Reserve) auf dem Frachter Glenapp als Konvoikommodore. Der Konvoi verließ New York am 5. März und sollte von den vier Geleitschiffen der „Western Local Escort Force“ zum „WOMP“ (Western Ocean Meeting Point) nach Neufundland geleitet werden. Die Geleitschiffe waren die Korvetten der kanadischen Marine The Pas, Rimouski, New Westminster und Blairmore. Kommandant der Begleitschiffe war der Korvettenkapitän E. G. Old (Royal Canadian Navy) auf The Pas.
Am Nachmittag des 5. März hatte sich der Konvoi in elf Kolonnen geordnet. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug knapp 7 kn. Am 7. März kam ein Sturm auf, der die Kolonnen weit auseinander zog. Insgesamt elf Schiffe verloren den Kontakt zum Konvoi, unter anderem der Frachter Clarissa Radcliffe, der daraufhin seine Fahrt nach Osten als Einzelfahrer fortsetzte. Lediglich zwei Frachter konnten später wieder zu dem Konvoi aufschließen. Am 9. März erreichte der Konvoi den „HOMP“ (Halifax Ocean Meeting Point). An diesem Punkt, der für jeden Geleitzug wechselnd befohlen wurde, wurden bei Tageslicht Änderungen in der Zusammenstellung des Geleitzuges vorgenommen. Im Fall von SC 122 stießen aus Halifax 13 Frachter sowie das Rettungsschiff Zamalek, das mit Offizieren und Mannschaften der britischen Handelsmarine bemannt war, zum Konvoi. Die Zamalek hatte einen Militärarzt sowie eine hochwertige Funkausstattung an Bord, um einerseits die Besatzungen zuvor versenkter Schiffe bergen und andererseits den Funkverkehr deutscher U-Boote mitverfolgen zu können. Die Schiffe aus Halifax wurden von drei Geleitern bewacht, dem Zerstörer Leamington und den zwei kanadischen Korvetten Cowichan und Dunvegan.
Geleitschutzgruppe B5 Für die Atlantiküberquerung erhielt SC 122 die britische Geleitgruppe B5 als Schutz zugeteilt. Die Gruppe war schon seit Ende 1940 im Nordatlantik eingesetzt und galt als Veteran der britischen Konvoigeleiter. Seit Frühjahr 1942 war sie an die USA ausgeliehen worden und war einige Zeit an der Ostküste und in der Karibik eingesetzt. Führungsschiff war der Zerstörer Havelock (Gruppenführerschiff der H-Klasse), Kapitän und Kommandant der Gruppe war Korvettenkapitän Richard C. Boyle. Weiterhin bestand die Gruppe aus dem V-Klassen-Zerstörer Volunteer, der neuen Fregatte Swale und den fünf Korvetten Godetia und Buttercup (bemannt mit Besatzungen der Royal Navy Section Belge) sowie Pimpernel, Lavender und Saxifrage. B5 hatte kurz zuvor den Geleitzug ON 168 von England nach Kanada geleitet und hatte danach in St. Johns gelegen.
Zum Abmarschzeitpunkt der Gruppe zu SC 122 lag die Volunteer allerdings gerade im Trockendock und sollte eigentlich einen Tag später auslaufen und den Konvoi einholen. Der Zerstörer wurde dann aber dem folgenden Geleitzug HX 229 zugeteilt. SC 122 erhielt stattdessen den amerikanischen Zerstörer Upshur und die Campobello, einen neuen, in Kanada gebauten U-Jagd-Trawler, der nach England überführt werden sollte. B5 verließ St. Johns am 11. März – die Upshur ging von Argentia aus in See. Das Auslaufen von B5 wurde vom deutschen B-Dienst durch entschlüsselte Funksprüche aufgeklärt.
Am 12. März erreichten sowohl der Konvoi SC 122 als auch die Geleitschutzgruppe B5 den „WOMP“, der östlich von Neufundland lag und als Treffpunkt für die Atlantikbegleiter bestimmt war. Hier wurde die Western Local Escort Force entlassen und Gruppe B5 übernahm den Konvoi.
Der nachfolgende Konvoi HX 229 folgte mit mittlerweile nur noch einem Tagesabstand.
Lage der deutschen U-Boote Gegen die stetige Geleitzugaktivität setzte die Kriegsmarine Anfang 1943 eine große Anzahl U-Boote im Atlantik ein. Die Boote operierten in Rudeltaktik und griffen die alliierten Geleitzüge zumeist in Gruppen an, die direkt vom Befehlshaber der U-Boote (B.d.U.) Karl Dönitz von Berlin aus benannt und befehligt wurden. Durch die Funkaufklärung des B-Dienstes der Kriegsmarine war Dönitz das Auslaufen eines Geleitzuges bekannt. Im Kriegstagebuch des Befehlshabers der U-Boote lautete die Eintragung am 12. März 1943:
Deutsche U-Boote, die zu dem Zeitpunkt noch gegen die Konvois SC 121 und HX 228 im Einsatz standen und ausreichend Torpedos und Treibstoff an Bord hatten, wurden am 12. März abends nach Westen befohlen, um dort neue von Nord nach Süd verlaufende Suchketten zu bilden. Weiterhin sollten diese U-Boote durch frische, aus Deutschland und dem besetzten Frankreich zugeführte U-Boote verstärkt werden. Aus diesen Booten wurden zwei neue Gruppen Stürmer und Dränger mit insgesamt 28 U-Booten gebildet. Stürmer sollte bis zum 14. abends den Einsatzraum erreicht haben, Dränger sollte sich zur gleichen Zeit südlich davon postieren.
Eine weitere U-Boot Gruppe Raubgraf (13 U-Boote) befand sich bereits nordöstlich zwischen Neufundland und Grönland, um dort gegen in westliche Richtung laufende Geleitzüge zu operieren. Diese Gruppe stand also zwar näher zu SC 122, war allerdings den Alliierten durch Funkaufklärung bereits bekannt.
Später am 12. März setzte die alliierte Führung noch einen weiteren Funkspruch ab, der HX 229 eine geringfügige Kursänderung befahl. Auch dieser Funkspruch wurde vom deutschen B-Dienst umgehend entschlüsselt und die enthaltende Information zu Position, Kurs und Geschwindigkeit ausgewertet.
Der Konvoi vom 12. bis zum 16. März Am 12. März änderte „Convoy and Routing“ auch die Fahrtrichtung von SC 122 auf einen nordwärtigen Kurs. Bei dem ursprünglichen Kurs nahm die alliierte Führung an, der Konvoi würde von der bekannten U-Bootgruppe Raubgraf entdeckt werden, was aber vermutlich falsch war, da sich Raubgraf längst nicht so weit nach Südwesten erstreckte, wie von den Alliierten vermutet. Sie hatten sich vermutlich von Positionsmeldungen von U-Booten, die sich auf der Rückfahrt nach Frankreich befanden, täuschen lassen.Middlebrook S. 108
Am Nachmittag des 13. März erhielt der B.d.U. die Meldung von einem der Raubgraf-U-Boote über die Sichtung des Konvois ON 170 nach Westen. In dem sich entwickelten Gefecht versenkten die Deutschen neun Frachtschiffe dieses Konvois, gaben dadurch aber auch ihre wirkliche Position preis, und verloren anschließend die Fühlung zu ON 170. Damit wurde den Alliierten klar, dass sowohl SC 122 als auch HX 229 auf derzeitigem Kurs direkt das Gebiet der erkannten Raubgraf-Gruppe durchqueren würden. In der Folge wurde beiden Konvois noch am 13. März nochmals eine Kursänderung befohlen – diesmal nach Osten und somit auf direkterem Weg nach England. Die Funksprüche dieser Kursänderungen wurden wiederum vom deutschen B-Dienst abgefangen und konnten entschlüsselt werden. Die Deutschen hatten somit erneut ein klares Bild der Konvoirouten nach Osten. Als die Raubgraf-Gruppe beim erneuten Versuch, ON 170 zu finden, erfolglos blieb, bekam die Gruppe am Nachmittag des 14. März den Befehl, die Suche einzustellen und nach Südosten zu laufen, um dort einen neuen Aufklärungsstreifen in der vermuteten Laufrichtung von SC 122 und HX 229 zu bilden. Die Raubgraf-Gruppe formierte sich allerdings erst, als SC 122 das Seegebiet der Gruppe bereits passiert hatte.
Am 15. März hatte sich SC 122 auf dem östlichen Kurs eingerichtet. Ein schwerer Sturm kam auf, während dem in der Nacht vom 15. auf den 16. März der isländische Frachter Selfoss und die Campobello von SC 122 getrennt wurden. Die Selfoss setzte ihre Fahrt nach Island allein fort und traf am 22. März in Reykjavík ein. Die Campobello hingegen schlug leck und Boyle war gezwungen, die Korvette Godetia zu Hilfe zu schicken. Da der Kommandant der Campobello das Schiff verloren gab, wurde die Besatzung geborgen und das Schiff anschließend durch eine Wasserbombe versenkt. Die Campobello war damit der erste Schiffsverlust von SC 122. Am 16. März morgens ließ der Sturm nach und Boyle erbat als Ersatz für die Campobello und die zur Bergung der Besatzung zurückgebliebene Godetia den Zerstörer Babbitt und den Küstenschutzkutter Ingham aus Reykjavik zur Verstärkung der Konvoigeleiter. Der Bitte wurde entsprochen und beide Schiffe liefen am 16. abends aus. Im Verlauf der weiteren Ereignisse wurde die Babbitt aber später doch HX 229 zugeteilt.
Noch am gleichen Tag lösten sich auf Dönitz’ Befehl hin elf Boote der Stürmer-Gruppe aus dem Aufklärungsstreifen, um sich in Richtung der vermuteten Position von HX 229 in Marsch zu setzen. Ihr Kurs führte sie offenbar sehr nah an SC 122 vorbei. Durch Funkaufklärung war dies den Alliierten bekannt, daher wurde SC 122 am 16. abends gemeldet, dass der Konvoi vermutlich von U-Booten beschattet wurde, was allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht zutraf.Middlebrook S. 135 Stattdessen hatten die deutschen U-Boote am 16. März HX 229 gesichtet und hielten Kontakt.
Die Angriffe am 17. März mini|Dampfer King Gruffydd, am 17. März von U 338 torpediert
Am 17. März kurz nach Mitternacht sichtete U 338 (Kapitänleutnant Manfred Kinzel), eines der Boote der Stürmer-Gruppe, das sich auf seiner ersten Feindfahrt befand und eigentlich auf HX 229 zulaufen sollte, unerwartet SC 122. Der Geleitzug befand sich zu diesem Zeitpunkt 120 Seemeilen nordöstlich von HX 229 und hielt etwa Parallelkurs zu diesem. Kinzel befahl einen sofortigen Überwasserangriff, da er keine Geleitfahrzeuge sichtete. Vermutlich war er schlicht unentdeckt zwischen den Geleitfahrzeugen hindurchgefahren, die zu diesem Zeitpunkt durch den Verlust der Campobello und der Abwesenheit der Godetia reduziert waren und nur aus zwei Zerstörern, einer Fregatte und vier Korvetten bestanden.